Nina Brnada

Herr Chenouda, woher nehmen die Kopten das Geld?

Interview: Nina Brnada

Maria vom Siege, das wuchtige Kirchengebäude am Mariahilfer Gürtel, wird verschenkt. Samt einem Zinshaus in der Selzergasse geht es von der katholischen Erzdiözese Wien an koptische Christen. Rund 10.000 Kopten leben in Österreich, sie stammen aus Ägypten, ihre Gemeinschaft ist eine der ältesten christlichen Kirchen überhaupt. Weil Bischof Anba Gabriel derzeit in Ägypten weilt, sprach mit dem Falter sein weltlicher Vertreter Samir Chenouda.

Warum bekommen die Kopten Maria vom Siege und die Serben nicht, die sich dafür vor einigen Jahren interessierten?

Im Gegensatz zu den Serben wollen wir an der Gestaltung der Kirche weder innen noch außen etwas verändern. Unseren koptischen Altar werden wir auf der Seite aufstellen.

Die Kopten als neue Besitzer werden diese stark renovierungsbedürft ige Kirche erhalten müssen. Woher soll dafür das Geld kommen?

Wir werden die Sanierung durch Spenden unserer Gemeindemitglieder finanzieren. Das wird natürlich nicht von heute auf morgen gehen. Mauern und Böden sind in einem sehr schlechten Zustand. Wir werden uns mit dem Bundesdenkmalamt absprechen müssen, was da möglich sein wird.

Rechnen Sie mit Spenden aus dem Ausland?

Eigentlich nicht, denn die wirtschaftliche Situation in Ägypten ist sehr schlecht.

Nicht einmal die Erzdiözese Wien konnte die Finanzierung für dieses Kirchengebäude stemmen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass wir Kopten eine alte Kirche vor dem Verfall retten. In Währing in der Martinstraße etwa haben wir eine Kirche saniert, ebenso das St.-Antonius-Kloster im niederösterreichischen Obersiebenbrunn. Früher war es in Besitz von Prinz Eugen, wir haben es von den katholischen Ordensschwestern Zum guten Hirten übernommen. Heute leben dort zehn koptische Mönche.

Erschienen im Falter 51/15

„Ich kann verstehen, dass die Menschen Angst haben“

Karim El-Gawhary über die arabische Welt und den schmalen Grat zwischen Journalismus und Aktivismus

Interview: Nina Brnada

Nachdem das Interview endet, läutet das Handy von Karim El-Gawhary. In der Zeit, in der das Falter-Interview stattfand, kam eine Meldung über die Nachrichtenkanäle, 16 Tote bei einem Anschlag in Kairo. Seit 25 Jahren ist dieser Journalist dort zu Hause, die Brutalität der Umbrüche in diesem Teil der Welt ist für ihn Alltag, und dennoch verzieht er kurz das Gesicht.

Er ist derjenige, der uns den Nahen Osten erklärt und deutet. Normalerweise sieht man sein Gesicht vor staubigen Wüsten oder vor den Dächern arabischer Metropolen. Heute ist er am Arlberg und isst ein buntes Omelett….

…Volltext im Falter 50/15

Tschetschenen und Dschihad

Mädchen stehen auf sie, Burschen fürchten sie. Wer sind die Fremden, die einst aus dem Kaukasus geflohen sind?

Bericht: Nina Brnada

An der Brigittenauer Lände im 20. Bezirk im Souterrain eines Gemeindebaus, das der SPÖ einst als Parteilokal diente, ist heute ein tschetschenischer Kampfsportklub. In einem Raum sind dicke Matten und Boxsäcke, im zweiten reihen sich alte Schultische aneinander. An diesen tagt jede Woche der Rat der Tschetschenen.

Darunter sind Männer wie Adam Bisaev, der Betreiber des Kampfsportlokals, Schal, Sakko und Charme, aber auch Männer mit Rauschebärten und Goldzähnen, die zwar freundlich nicken, Frauen aber nicht die Hand reichen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

Der Tschetschenenrat ist zwar von Landsleuten gewählt, aber eine informelle Organisation, in der Belange besprochen werden, die für die österreichischen Tschetschenen eine wichtige Rolle spielen. Das ist in den vergangenen Jahren seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien vor allem ein Thema: die tschetschenische Jugend und der radikale Islamismus…

…Volltext im Falter 49/15

Oh mein Gott, was tut ihr da?

Sie liken Bilder von Terroristen und träumen vom Kalifat. Wer schützt Wiens Schüler vor den Salafisten?

Reportage: Nina Brnada

Schnellbahn S7, draußen ist es schon dunkel, die Lichter der Stadt wischen hinter den Fensterscheiben vorbei. Neben der Tür sitzen zwei Mädchen. Ihre Hände stecken in schwarzen Handschuhen, um ihre Köpfe sind Schleier gewickelt, die bis zur Hüfte reichen und dort in bodenlange Röcke übergehen. Manche Fahrgäste verdrehen die Augen, wenn sie die beiden Teenager sehen, andere starren sie herausfordernd an.

Natürlich würden sie diese Blicke spüren, werden die beiden später bei einem Kaffee sagen. Oft genug würde man sie auch beschimpfen, manchmal sogar anspucken. Das..

…Volltext im Falter 49/15

Flüchtlinge: Ein Halleluja vom Wiener Hauptbahnhof

Ein Wiener Schauplatz, an dem kleine oder große Politik stattfindet

Text: Nina Brnada

Tausende kommen täglich am Wiener Hauptbahnhof durch, sie steigen ein, sie steigen aus, sie steigen um. In letzter Zeit allerdings blieben hier aber viele Flüchtlinge tagelang in den Hallen und in Passagen rund um den Bahnhof hängen. Auch heute noch sind manche von ihnen dort, wenn auch in viel geringerer Zahl als noch vor einigen Wochen.

Es ist Donnerstag, 17.30 Uhr, Erdgeschoß des Bahnhofs, gleich neben der Filiale der Autoverleihfirma Sixt. Hier ist der Raum der Stille, weiße Wände, weiße Stelen. Hier wollen nun Gemeindemitglieder der Pfarre Zum Göttlichen Wort aus Favoriten für diese unbekannten Gestrandeten beten. Es sind durchwegs ältere Gläubige, Damen und Herren in Steppjacken und mit Lockenfrisuren. Ein Paar mit Hund, das nicht zur Gruppe gehört, kommt ebenfalls herein. Pater Albert, ein gebürtiger Ghanaer, liest die Messe. Hier wird nicht nur für jene gebetet, die flüchten, sondern auch für alle anderen, die jetzt Angst haben.

Erschienen im Falter 47/14

„Anschläge mit hunderten Toten passieren bei uns jeden Tag“

Wie erleben Flüchtlinge die Terroranschläge in Paris? Zu Besuch in einem Döblinger Asylheim

Reportage: Nina Brnada

Von seiner Straße aus konnte Amr früher die alte Hängebrücke über den Euphrat sehen. Die Franzosen hatten sie in den 1930er-Jahren erbaut, als seine ostsyrische Heimatstadt Deir ez-Zor Teil ihres Mandatsgebiets geworden war. 2013 wurde die Brücke im Syrienkrieg zerstört, aber sie existiert immer noch als Sehnsuchtsort. Zum Beispiel auf Facebook, als Amrs Profilfoto. Seit wenigen Stunden ist das Bild der alten französische Brücke mit der Trikolore unterlegt.

Viele Flüchtlinge wie Amr, die aus dem Orient gekommen sind, fühlen sich nach den Terrorattacken von Paris betroffen – aber anders als die Europäer. Ihre Deutungen der Ereignisse reichen von Verschwörungstheorien bis hin zu Ängsten um die eigene Zukunft.

Amr ist 15 Jahre alt, er wischt über sein Handy, er sitzt an einem kleinen Tisch mit seiner Mutter und dem älteren Bruder. Vor wenigen Tagen sind sie über Spielfeld nach Wien gekommen, seither…

…Volltext im Falter 47/15

 

HILFE IST KEIN TAUSCHGESCHÄFT

Flüchtlinge nutzen uns auch, lautet oft das Argument von jenen, die den Hassern und Hetzern etwas entgegensetzen wollen. Über einen gefährlichen Trugschluss

Essay: Nina Brnada

Solange die Fremden noch im Geheimen kamen, solange sie einzeln als blinde Passagiere in Autos und Kleintransportern eingezwängt in diesen Teil Europas gelangten, war man nicht alarmiert. Zwar zahlten sie tausende Euro an Schlepper, aber solange sie aus den Augen blieben, waren sie für viele Europäer auch aus dem Sinn. Seit sie aber zu tausenden an Grenzübergängen quer über den Kontinent ausharren und für alle sichtbar Schutz einfordern, werden viele nervös. Die Bilder des entblößten Elends lassen Einheimische um das eigene Schicksal fürchten, die Reaktion der Mehrheit verlangt scheinbar nach einer tiefgreifenden öffentlichen Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsfrage.

Man müsse die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Jetzt müsse man Klartext sprechen. Über soziale Kosten, Islamismus, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Dschihadismus, ehrlich sein, Probleme nicht unter den Teppich kehren. Jetzt nicht schweigen, mahnt sich allen voran das…

…Volltext im Falter 46/15

Wieder ein Leben

Zehntausende reisten vergangene Woche über Spielfeld nach Österreich. Vor dem Grenzbalken wartete auch eine Frau auf ihre Schwester, die dem Krieg in Syrien entkommen wollte

REPORTAGE: NINA BRNADA

Lamis Moucachen lauert am Grenzübergang Spielfeld. Wann immer ein weiteres Grüppchen von Flüchtlingen an ihr vorübergeht, tritt die Frau einen Schritt nach vorn, und ihr Blick tastet die Gesichter der Fremden ab.

Wer in diesen Momenten neben Lamis steht, hat das Gefühl, ihr Herz schlägt ihr bis zum Hals. Wenn sie Glück hat, sieht sie gleich ihre Schwester Sawsan und den Neffen wieder, die sie wegen des Krieges in Syrien seit fünf Jahren nicht mehr getroffen hat. Die beiden sind gemeinsam mit einem Freund des Burschen vor zehn Tagen aus der syrischen Stadt Homs Richtung Deutschland aufgebrochen. Auf ihrer Reise in den Westen fuhren sie in Fischerbooten übers Mittelmeer und harrten an Grenzübergängen aus.

Wieder nichts. „Zwei Tage geht das schon so“, sagt Moucachen.

…Volltext im Falter 45/15

WILLKOMMEN IM ÄRZTEMARKT

Neue Einrichtungen sollen die medizinische Erstversorgung reformieren. Alle sind sich einig, dass das notwendig ist. Dennoch tobt ein Konflikt

ÜBERBLICK: NINA BRNADA

Statistisch gesehen geht Theresa Baumgartner, 50, alle zwei Wochen zum Arzt. Sechsmal im Jahr zum Internisten, dreimal zum Zahnarzt, einmal zum Orthopäden, einmal zum Gynäkologen, dreimal zum Augenarzt und zusätzlich noch jeden Monat zum Hausarzt, „wegen der Rezepte, die ich ja auch noch brauche“, wie sie sagt.

Die Wienerin hat seit ihrem zweiten Lebensjahr Diabetes, schon in ihren frühen Dreißigern hat sie beinahe vollständig ihre Sehkraft eingebüßt. Heute sieht sie drei Prozent auf dem rechten Auge und zehn auf dem linken. Aber so souverän, wie sie das Gegenüber mit ihren blauen Augen anblickt, würde man nicht bemerken, dass sie einen kaum sieht. „Ich sehe war ein wenig, aber es ist so als würde ich durch trübes Glas schauen.“

…Volltext im Falter 44/15

DIE GRÜNE HEXE

Keine Wiener Politikerin wird so leidenschaftlich verachtet wie Maria Vassilakou. Der Hass auf sie erzählt so manches über ihre Feinde und viel über Frauen an der Macht

Analyse: Nina Brnada

Was Sebastian an Maria Vassilakou am meisten verachtet, ist 80 Meter lang, er nennt sein Hassobjekt „die umgedrehte Gumpendorfer Straße“.

Sebastian sitzt in seinem dunkelblauen Kombi der Marke Volvo XC70 an der Ampel in der Eschenbachgasse und wartet darauf, dass sie auf grün schaltet. Er fixiert den verhassten Straßenabschnitt gegenüber. Früher habe man da geradeaus fahren können, sagt er, jetzt müsste man hinunter über den Getreidemarkt zur Linken Wienzeile, dann rechts einbiegen und wieder bei der Laimgrubengasse hinauf zur Gumpendorfer Straße. „Das macht doch überhaupt keinen Sinn“, sagt Sebastian. „Ich verbrauche mehr Sprit. Und wo bleibt da der Umweltschutz, wo die Reduktion der Abgase, für die sich die Grünen angeblich so stark machen?“

…Volltext im Falter 43/15