Nina Brnada

„Über Nacht erwachsen werden“

Die Regisseurin Nina Kustrurica kam einst als Flüchtling aus Sarajewo nach Wien. Jetzt hat sie einen Film über minderjährige Asylwerber gedreht. Ein Gespräch mit Nina Brnada.

Frau Kusturica, sind Sie mit dem Filmemacher Emir Kusturica verwandt?

Nur sehr weitläufig. Unsere Großväter waren über mehrere Ecken verwandt. Mein Vater war in Sarajewo Dirigent und Emir ist manchmal ist zu seinen Aufführungen gekommen. Es bestand ein loser Kontakt, aber nie ein familiäre Beziehung.

Als der Krieg in Bosnien 1992 ausbrach, hat Emir Kusturica in Frankreich gelebt. Wo waren Sie damals?

Ich war in meiner Heimatstadt Sarajewo. Die Monate davor sahen wir im Fernsehen Bilder von Flüchtlingen in Kroatien. Dort war der Krieg bereits ausgebrochen. Ich sagte zu meinem Vater: „Ich möchte nicht weg, ich will kein Flüchtling sein“. Und obwohl er sonst nie mit so einer Bestimmtheit sprach, sagte zum ersten Mal: „Ende der Diskussion, wir gehen.“

Wie sind Sie geflüchtet?

Als der Krieg ausbrach, wollten alle raus aus Sarajewo. Am Hauptbahnhof scharten sich tausende Menschen um die wenigen Busse, es war mitten in der Nacht. Meine Eltern kannten einen Busfahrer, er hat uns dann mitgenommen. Wir sind eingestiegen und nach 24 Stunden in Wien wieder ausgestiegen. Ich dachte, dass wir in einer Woche wieder zu Hause sein würden.

Sie waren damals 17 Jahre alt. Die  Protagonisten Ihres neuen Films „Little Alien“ sind ebenfalls Teenager. Erinnern Sie die Jugendlichen an ihre eigene Geschichte?

Die Jugendlichen aus dem Film haben unbegleitet, ohne Eltern oder andere Familienmitglieder ihr Heimatland verlassen, sie sind also vollkommen auf sich allein gestellt. Sie mussten über Nacht erwachsen werden. Ich bin ja damals mit meiner Familie geflohen, ich musste mich nicht um alles kümmern, sie schon. Diese Jugendlichen sind sehr tapfer. Den meisten fehlt aber die Heimat und die Familie, sie haben ein sehr starkes Bedürfnis nach Stabilität. Sie wollen zu jemandem gehören und sich sicher fühlen. Viele von ihnen wollen so früh wie möglich heiraten und eine eigene Familie gründen. Sie schauen mich ganz verdutzt an, wenn ich ihnen sagen, dass sie ihre Jugend genießen sollen.

Das Alter kann für das Asylverfahren entscheidend sein. Wenn Flüchtlinge jünger als 18 Jahre sind,  steht ihnen besonderer Schutz zu, die Wahrscheinlichkeit, Asyl zu bekommen, ist dann größer. In Ihrem Film wissen die Jugendlichen aber oft gar nicht, wie alt sie sind. Wie kommt es dazu?

Wenn in Afghanistan ein Kind zur Welt kommt, schaut keiner auf die Uhr und das Datum. Ebenso in Somalia. Dort herrscht seit über 20 Jahren Krieg. Zeit hat in solchen Gesellschaften einfach eine andere Bedeutung. Manchmal merken sich die Familien den Geburtstag der Kinder, aber sie können das Datum nicht nachweisen. Weil es dort keine Ämter gibt, die Geburtsurkunden ausstellen.

Um ihr Alter feststellen zu lassen, werden die Jugendlichen dann zum Arzt geschickt. Sie lassen sie in Ihrem Film über diese Prozedur erzählen…

Der Arzt ist vom Innenministerium beauftragt. Er spricht zwanzig Minuten mit dem Asylwerber und bewertet dann, wie alt der Betreffende ist. Die Burschen erzählen etwa, dass man sie gefragt habe, ob sie schon mal Sex gehabt hätten oder betrunken gewesen seien. Wenn sie ja sagten, galten sie automatisch als älter. Im Zuge unserer Recherche haben wir mit dem Kinder – und Jugendpsychiater Max Friedrich und seinem Team gesprochen. Er glaubt nicht, dass die Methode des Innenministeriums tauglich ist.

Warum?

Sein Team hat über die Methoden zur Altersfeststellung geforscht. Sie sind der Meinung, dass man eine Person in größeren zeitlichen Abständen treffen sollte, und sie in verschieden Situationen und sozialen Konstellationen beobachten müsste. Erst dann, nach einem halben Jahr Beobachtung, könne man mit einer größeren Schwankungsbreite feststellen, wie alt jemand ist. Verglichen damit, sind die zwanzig Minuten, die das Innenministerium anordnet, ein einziger Witz. 

Ihre Protagonisten  sind Jugendliche, die  in Traiskirchen, Wien, Griechenland und in den spanischen Enklaven in Marokko leben. Sie warten darauf, wie es mit ihnen weitergehen soll. Gibt es einen Unterschied zwischen jenen, die Österreich sind und jenen an den EU-Außengrenzen?

Auf jeden Fall. Jene, die noch an den Grenzen sind, haben eine naivere, märchenhaftere Vorstellung von Europa als die Jugendlichen, die schon weiter in die EU vorgedrungen sind. Jene, die in Griechenland sind, glauben, dass es besser wird, je weiter sie in den Norden kommen. Die Jugendlichen, die etwa in Traiskirchen oder Wien sind, haben bezüglich des Systems und der Gesetze schon ein wenig resigniert. In Wirklichkeit jedoch gibt es schon in dem Moment, in dem diese jungen Menschen an die EU-Grenzen stoßen, einen riesigen Vertrauensverlust gegenüber Europa.

Inwiefern?

Viele überqueren die Ägäis nur mit einem Schlauchboot. Das erste, was sie sehen, sind griechische EU-Polizisten. Sie schießen auf das Boot und auf einen selbst. Wenn man das alles erlebt hat, kann man sich nur schwer vorstellen, dass Europa viel Wert auf Menschenrechte legt.

Was ist das Hauptproblem in der europäischen Asylpolitik?

Alles rennt schief, die Staaten schieben einander gegenseitig die Schuld zu, die Korruption an den Außengrenzen bestimmt über Menschenschicksale, die Grenzländer sind hoffnungslos überfordert. Man spielt Ping Pong mit den Leuten und hält sie schwach und verwundbar, um billige Arbeitskräfte zu haben. Die Asylpolitik hat sehr viel mit wirtschaftlichen Fragen zu tun. Und eignet sich leider sehr gut, um billige Polemik zu machen.

Wie haben die Jugendlichen auf den Film reagiert?

Sie haben gelacht, als sie sich zum ersten Mal auf der Leinwand sahen. Das war für sie ungewohnt. Bei Szenen, in denen gezeigt wurde, wie einer von ihnen abgeschoben wird, haben einige geweint. Das gemeinsame Filmschauen war vergleichbar mit einem Treffen von Freunden, die sich nach einem langen Urlaub die Fotos gemeinsam anschauen. Die Jugendlichen haben sich selbst nicht Leid getan, im Gegenteil. Sie waren sehr stolz darauf, wie sie ihre Situation meistern. Sie müssen weitermachen und diese Zeit der Ungewissheit so gut wie es geht überbrücken. Für Selbstmitleid haben sie keine Zeit, das wäre Luxus.

Nina Kusturica, geboren 1975 in Mostar, Bosnien-Herzegowina, aufgewachsen in Sarajewo, lebt seit 1992 in Wien. Sie studierte an der Filmakademie Wien Regie und Schnitt. Nina Kusturica lebt und arbeitet in Wien als Regisseurin, Cutterin, Autorin und Produzentin. Ihr Film Little Alien“ startet im Oktober 2009 österreichweit im Kino.

Erschienen in liga 02/2009

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Generation Zweiter Frühling

Viele Singles sind über 40 Jahre alt. Sie waren verheiratet, oft haben sie Kinder und ein Haus im Grünen – nur eines fehlt: Die große Liebe

Text: Nina Brnada

Langsam pirscht sich Emmerich an. Sein Outfit hat er sorgfältig für diesen Zweck gewählt. Die beiden obersten Knöpfe seines weißen Hemds stehen offen, die dunkelblaue Jeans liegt eng an den Hüften. Lässig will der schlanke Wiener wirken, ein bisschen wie James Dean, ein bisschen wie Reinhard Fendrich. Mit breitem Grinsen steht er an der Bar des A-Danceclub , einer Fantasy-Disco im Millenniumstower an der Donau-Uferstraße.

Emmerich nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. Der 50-jährige Installateur mustert, was es an diesem Abend zu erobern gäbe. Wo gewöhnlich jugendliche Muskelberge mit ihren wasserstoffblonden Begleiterinnen zu Technorhythmen zucken, wirbeln heute grauhaarige Männer und Damen mit faltigen Dekolletés über die Tanzfläche. Es ist Boogie-Woogie-Schlagernacht, die Nacht der alten Singles. Die Generation Zweiter Frühling blüht hier heute auf.

In Österreich leben beinahe eine Million Singles, die über 40 Jahre alt sind. Damit stellt sie die größte Gruppe alleinstehender Männer und Frauen in Österreich. Die meisten von ihnen haben bereits einen vollen Zyklus ihres Lebensprogrammes absolviert: Ehe, Kinder und dann Scheidung. Jetzt sind sie wieder ungebunden. Und jetzt wollen sie es noch einmal wissen.

Vom Chatroom bis zum Tanzkurs, keine Möglichkeit wird ausgelassen, um der neuen Liebe des Lebens zu begegnen. »Wir merken, dass vor allem ältere Personen unsere Angebote nutzen«, sagt Martin Dobner, Geschäftsführer der Internet-Partnerbörse Parship. Auch andere Unternehmen buhlen um einsame Herzen älterer Provenienz. Bei einem speziellen Kochkurs für Singles namens »Meet and Eat« werden einen Abend lang Leckerbissen mit zarten Gefühlen gewürzt. »Wir wollen unser Angebot bald auf die Zielgruppe 45 plus erweitern, weil die Nachfrage in diesem Bereich extrem groß ist«, sagt Kursgründerin Elisabeth Höttinger.

Auch die Wiener Volkshochschule Landstraße bietet mit »Date 4 Eight« einen eigenen Kennenlernkurs für Senioren auf Freiersfüßen an. Dabei trainieren vier Frauen und vier Männer zwei Tage lang die hohe Kunst der gekonnten Annäherung. Bei einer Übung verteilen sich die Teilnehmer im Raum und versuchen mit der Person ihrer Wahl Augenkontakt aufzunehmen. Trockenflirten sozusagen. »Wenn man einmal in einer Beziehung war und dann nach langer Zeit wieder allein ist, dann ist es so, als würde man in einen gnadenlosen Konkurrenzkampf hineingeworfen«, sagt Kursleiterin Silvia Häusler.

Emmerich zieht an seinem Zigarillo, streckt die breite Brust heraus und reibt sich den Bauch. Sein Radar hat jemanden aufgespürt. »Die ist nicht schlecht«, raunt er seinen Freunden zu. Er deutet auf eine Frau mit langen schwarzen Haaren und schlanken Beinen, die mit dem Rücken zur Gruppe sitzt. Seine Freunde nicken zustimmend. Dann dreht sich die anvisierte Beute für einen Augenblick um. Desinteressiert wendet sich der Herzensjäger ab. »Habt’s ihr den Zinken gesehen?«, fragt er und deutet auf die Nase. Die Freunde lachen.

Emmerich wirkt wie der Anführer eines gealterten Rat Packs: Eine Runde wilder Draufgänger, die aus sicherer Entfernung Witterung aufnimmt, weil Bauchansatz und Halbglatze schon sehr an ihrem männlichen Ego nagen. Sie lauern und mustern die herausgeputzten Damen mit den viel zu engen Tops und hochtoupierten Frisuren, die in den Ecken stehen und nervös an ihren Handtaschen fummeln, weil niemand diese Mauerblümchen zum Tanzen auffordern mag. Manche Frauen schnappen sich da einfach einen der Profitänzer mit roten Fliegen und Hosenträgern und jagen ihn so lange über die Tanzfläche, bis dem Gigolo die Luft ausgeht. Gelegentlich schweift Emmerichs Kennerblick zu den härteren Kalibern, zu jenen, die betont gelangweilt an ihren Strawberry Daiquiries nippen und die toughe Geschäftsfrau aus einer US-Fernsehserie imitieren, so als wären sie stolz auf ihr Single-Dasein.

»Wäre ich eine Frau, würde ich mir auch keinen Mann halten«, meint Emmerich, der Salonlöwenroutinier. 20 Jahre lang war er mit einer Französin verheiratet, einer »super Frau«, wie er verrät. Irgendwann hätte sich das Paar aber auseinandergelebt. Als der Sohn maturiert hatte, ließen sich die Eheleute scheiden. »Die Frauen sind mittlerweile so emanzipiert, sie brauchen niemanden mehr.« Es klingt fast wie eine Kapitulation. Die alten Lebensmodelle haben ausgedient.

Emanzipation, Pille und die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit von Männern habe dazu geführt, dass sich vor allem für Frauen die Prioritäten geändert haben, erklärt Olaf Kapella vom Österreichischen Institut für Familienforschung. Jetzt beginnen sie, neue Dinge für sich zu entdecken. »Es ist eine Übergangsgeneration«, sagt der Soziologe. »Heute geht es nicht mehr darum, versorgt zu werden. Vor allem will sie romantische Gefühle ausleben«, meint der Singleforscher.

Genau danach sehnt sich Sabine. Die Niederösterreicherin hat klare Vorstellungen. »Ich will, dass es so ist wie im Film«, sagt sie. Sie will Blumen, Kerzenschein, Romantik, ein Rendezvous mit einem feschen Kerl. »Einen Anzug soll er tragen oder zumindest ein hübsches Sakko und dazu eine Hilfiger-Hose«, sagt die 47-jährige Sekretärin. Sie sitzt im Café Hawelka und streicht über ihre langen blonden Haare. Elegant sieht sie aus, mit dem dezenten Make-up und dem grauen Hosenanzug, der die schlanke Figur betont.

Seit zehn Jahren ist Sabine geschieden. Sie war 15 Jahre alt, als sie ihren Exmann kennenlernte. »Er war so ein richtiger Patrick-Swayze-Typ.« Sein Machogehabe imponierte ihr damals. Rasch wurde geheiratet, dann kamen die Kinder. Ihr Mann war oft auf Montage in Tunesien, Sabine blieb bei den Kindern in dem Einfamilienhaus in Hohenau.

Irgendwann wollte sie wieder als Sekretärin arbeiten, aber ihrer Schwiegermutter sei das nicht recht gewesen. Eine gute Mutter bleibe zu Hause und kümmere sich um die Kinder, hieß es. Zudem habe es in der Ehe gekriselt. »Mein Mann hat mich fertiggemacht, mich betrogen, mir gesagt, dass ich hässlich sei.« Irgendwann wurde es Sabine zu viel, und sie floh vor den Scheidungsrichter.

Heute genießt sie es, wenn ihr ein Galan mit Komplimenten schmeichelt. »Einmal habe ich einen Chemiker getroffen. Der hat mir gesagt, dass die Konsistenz meines Hinterns ein Wahnsinn ist«, erzählt sie und lacht. Noch immer erfreut sie die seltsame Huldigung. Sie würde sich zwar eine feste Beziehung wünschen, aber zusammenziehen oder heiraten möchte sie nicht mehr. »Die Zeiten, in denen ich so etwas wollte, sind vorbei«, sagt sie. »Ich hätte gern jemanden, der mit mir in Musicals oder ins Kaffeehaus geht.«

Die Suche nach dem Traummann hat sie noch nicht aufgegeben. Sie flirtet mit fremden Männern im Internetchat, ist nach der Scheidung mit ihren Nachbarn ausgegangen und mit Freundinnen durch Innenstadtlokale gezogen. »Ich will einfach das, was ich all die Jahre verpasst habe.«

Wer in vorgerücktem Alter auf der Suche nach der großen Liebe ist, kommt in der Regel an Linda Rybar nur schwer vorbei. Das 58-jährige Ernergiebündel ist eine Kupplerin aus Leidenschaft. Vor elf Jahren gründete sie Linda’s Singletreff, ein loses Netzwerk älterer Semester, die Anschluss suchen. Für sie organisiert Rybar Tanzabende, Ausflüge und Reisen. Über dreihundert Paare will die umtriebige Madame bereits zusammengebracht haben.

Auch am Abend des vergangenen Sonntags tummelten sich Rybars Schützlinge wieder auf dem Clubschiff Johann Strauss am Wiener Donaukanal. Die frühpensionierte Volksschullehrerin spricht extra laut und deutlich und langsam mit den Anwesenden. Sie alle sind über 45 Jahre alt, der älteste ist 92.

Es sind Männer und Frauen, die finanziell unabhängig sind. Endlich haben sie das lang ersehnte Häuschen am Stadtrand und können sich einen Karibikurlaub leisten. Doch sie sind allein. Zum alten Eisen zählen sie sich noch lange nicht, sollen andere ihre Abende vor dem Fernseher mit Rosamunde-Pilcher-Schmachtfetzen verbringen. Nahezu jeden Sonntag kommen sie hierher, um zu tanzen, zu trinken und zu flirten. »Gemeinsam statt einsam« lautet das Motto der Veranstaltung, die um 18 Uhr beginnt und früh ausklingt, damit das Partyvolk noch die letzte U-Bahn erwischt.

Damen in langen braunen Pelzmänteln, die oft Imitate sind, treten ein. Eleganz ist hier das Gebot der Stunde. Die Herren sind frisch rasiert, sie tragen zu viel Aftershave und häufig Krawatten. Heute ist Kostümnacht, daher mischen sich auch Scheichs, Hexen oder Teufelchen in das muntere Treiben. »Viele der Menschen hier sind einsam und freuen sich, wenn sie ein wenig Anschluss finden«, sagt Rybar. Für die meisten sei Freundschaft das Wichtigste in einer Beziehung, erklärt die Kupplerin, die jeden hier beim Namen kennt.

Zu ihren Erfolgsgeschichten zählen Traude und Peter. Vor vier Jahren lernte sich das Pärchen auf einer von Lindas Veranstaltungen kennen. »Er war ein richtiger Gentleman«, erzählt Traude und fährt sich durch die schwarzen Locken. Der schlanke 65-Jährige mit dem grauen Schnauzer habe ihr Komplimente gemacht, gefragt, ob sie in einen Jungbrunnen gefallen sei, weil sie so hübsch sei. Auch heute will die 63-Jährige nicht alt aussehen, die Haut ist solariumgebräunt, der Kajal dick gezogen, das enge Leopardenträgerrop tief ausgeschnitten.

Beide waren jahrzehntelang mit anderen Partnern verheiratet. Heute sind sie geschieden, sie, die Geschäftsfrau, die mit ihrem Exmann Büroartikel verkauft hatte, und er, der Hausmeister in einer großen Hausverwaltungsfirma. Peter gibt sich Mühe, seine Traude bei Laune zu halten. Er hilft ihr aus der Jacke, sie lächelt ihm zu. Er holt ihr ein Tonic von der Bar, sie küsst ihn. Beide sind passionierte Tänzer. Gelegentlich kommen Traude und Peter auch in die Kellerdisko des A-Danceclubs. Auch dort haben sie ihren Stammplatz. Sie hängen ihre Garderobe an einen Plastikbaum, der das skihüttenähnlichen Ambiente schmückt. Dann geht’s auf die Tanzfläche.

Amüsiert sieht Schwerenöter Emmerich zu den rüstigen Turteltauben hinüber. Er selbst tanzt lieber nicht. Für eine kleine Romanze würde er vielleicht ein paar Schritte riskieren. »Ich will nicht mehr die große Bindung. Das kann nicht funktionieren«, meint er. Und dennoch wird er am nächsten Mittwoch wieder hier auf Pirsch gehen.

Eeschienen in DIE ZEIT 06/2009

Sieben magere Jahre

Sie verteilten Gulasch, machten das Vollkornbrot populär und ihr größter Held war Vegetarier. Die Nazis und ihr Essen.

Text: Nina Brnada

Diesen Tag wird Grete Majer nicht vergessen. Sie hat noch den Geruch in der Nase. Rindfleisch, Kartoffeln, Zwiebeln. Der Dampf stieg aus großen Kesseln. „Auf dem Matzlein sdorfer Platz, wo ich mit meiner Mutter war, standen 15 massive Gulaschkanonen.“ Lange Schlangen hatten sich davor gebildet. Jeder wartete auf seine Portion, die Schüssel in der Hand. Es war der Tag, an dem Österreich zur Ostmark wurde. Und wohlgenährte deutsche Soldaten mit Hakenkreuzbinden Gulasch verteilten.

Grete Majer ist heute 86 Jahre alt. Dass sie als Kind Gulasch aus der Kanone aß, war kein Zufall – es war Teil der nationalsozialistischen Propaganda. Wie Heilsbringer wollten die Soldaten wirken, die den mageren Wienern zum ersten Mal seit langem Fleisch vorsetzten. Propaganda, das war nicht nur Rassenfrage, Krieg oder Mutterschaft – es war auch der Esstisch, der zum ideologischen Schlachtfeld wurde. Wie die Propaganda wirkte, lassen Frau Majers Schild erungen erkennen: „Die Gulaschkanone war die erste Verzauberung.“

Heute wohnt die zierliche Frau mit den kurzen grauen Haaren unweit vom Matzleinsdorfer Platz. Seit 16 Jahren ist das Pensionistenheim in der Arbeitergasse das Zuhause der pensionierten Krankenschwester. „Mir ging es noch nie so gut wie heute.“ Sie schaut auf ihre faltigen Hände. „Ich kann täglich zwischen vier Menüs wählen. Aber an das Gulasch von damals kommt nichts heran. “

Frau Majer wuchs in einer Zeit des Mangels auf. Weltwirtschaftskrise 1929, Massenarbeitslosigkeit, Bürgerkrieg. „Als die Nazis kamen, wurde die Ernährung besser. Wir mussten zumindest nicht mehr hungern, “ sagt sie. „Die schlimme Zeit war vor den Nazis.“

Auf dem Matzleinsdorfer Platz, wo das Regime 1938 Gulasch verteilte, trafen sich bis
zum Anschluss Stadt und Land zum Bauernmarkt. Wo heute dunkle Unterführungen verlaufen und sich oberirdisch Schienen kreuzen, karrten Bauern täglich frisches Obst und Gemüse an. Spät abends, wenn sie weg waren, ging Gretes Mutter mit Nachbarinnen zu den verlassenen Marktständen. Sie sammelte die übrig gebliebenen Lebensmittel ein. „Nach einer Weile ist die Mama dann mit zerstochenen Paradeisern, abgebrochenen Gurken und altem Spinat heim gekommen.“

Als die Nazis einmarschiert waren, fand ihr Vater wieder Arbeit und die Mutter musste nicht mehr im Müll nach Essbarem wühlen.

Die Propaganda wirkte. „Vor 1938 gab es rund 800.000 Österreicher, die in bitterer Armut gelebt hatten“, erklärt die Historikerin Irene Bandhauer-Schöffmann. „Sie waren sehr froh über die Lebensmittelpolitik der Nazis.“

1939 allerdings, bei Kriegsbeginn, begann die Rationierung der Lebensmittel. Das Essen wurde wieder knapp. Nahrungsmittel tauschte man gegen staatliche Lebensmittelmarken. Die „Reichsfleisch“-, „Reichsmilch“- oder „Reichsbrotkarten“ wurden nach dem Leistungsprinzip verteilt: Schwerarbeiter oder Soldaten bekamen mehr als Hausfrauen, Kinder oder stillende Mütter erhielten Sonderzulagen. „Wir hatten immer genug Milch, weil ich vier jüngere Geschwister hatte, “ sagt Frau Majer.

Juden oder etwa Zwangs- und Fremdarbeitern ging es besonders schlecht. Sie bekamen geringerer Kontingente. „Die Diskriminierung spiegelte sich auch in der Ernährung wieder“, sagt Bandhauer-Schöffmann.

Doch die neue Fülle währte auch für die Mehrheit nicht lange. Zwei Jahre nach Kriegsbeginn ging die Brotration für einen erwachsenen Normalverbraucher im Vergleich zu 1938 um ein Viertel zurück. Der Anteil des Fleisches verringerte sich gar um zwei Drittel.

In der Folge versuchte das Regime, aus der Not eine Tugend zu machen: Es nahm den Mangel an Fleisch zum Anlass, sich auf vermeintliche altgermanische Traditionen zu berufen. Fleisch sei schädlich, Vegetarismus hingegen gesünder und ursprünglicher. Selbst der Führer sei ja Vegetarier. „Wenn uns der deutsche Wald in verschwenderischer Fülle wildgewachsene Pflanzen und Früchte schenkt“, lautet ein Propagandatext, „dann ist es eine volksgesundheitliche Pflicht, das deutsche Volk an diese natürliche Quelle heranzuführen.“

Und nicht nur Fleisch: Auch bei Obst und Gemüse kaschierte man die Knappheit mit dem Verweis auf Ursprung und Heimat. Weil exotische Lebensmitteln kaum zu bekommen waren, galten heimische als höherwertig – und Schlichtheit als Ideal. So wurde etwa in Kochbüchern empfohlen, Zitrone durch Rhababer zu ersetzen oder Schalenreste von Früchten zu trocknen, um daraus Tee zu kochen.

Die Versorgung wurde zum Problem. Die Nazis wollten keine Lebensmittel importieren. Autarkie, in diesem Fall des Staates, war angestrebter modus vivendi. „In Wirklichkeit aber wollten sie einfach keine Devisen für Nahrung ausgeben“, sagt Bandhauer-Schöffmann. „Es war Krieg, sie brauchten Waffen.“

Die so genannte „Gänseblümchenpropaganda“ sollte nicht bei jedem gut ankommen. „Ich hab mir damals gesagt: Wenn das alles vorbei ist, kauf` ich mir eine Stange Krakauer und esse sie ganz allein auf, “ sagt Frau Majer und lacht.

Nahrung diente auch dazu, die Illusion einer Volksgemeinschaft bilden. Zum Beispiel mit dem so genannten „Eintopfsonntag“. Jeden zweiten Sonntag im Monat sollte das gesamte Reich aus Spargründen Eintopf essen. „Es soll den Armen unseres Volkes wenigstens an einem Tag im Monat, und zwar an einem Sonntag, gezeigt werden, dass das ganze Volk bei ihnen steht, und dass wenigstens einen Tag lang jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau ihr Schicksal teilen“, sagte Joseph Goebbels. Es war ein Zugeständnis an die Knappheit, und gleichzeitig sollte es Arm und Reich, Jung und Alt im Opfer für das Reich vereinen. So wurde der Sachzwang in einen würdevollen Solidaritätsakt umgedeutet.

Der Konsum bestimmter Lebensmittel wurde unterdessen forciert und beworben: Das Vollkornbrot zum Beispiel galt als „Urnahrung des deutschen Bauern“. Hintergrund: Das angeblich gesündere Vollkorn- konnte man im Gegensatz zum Weißbrot leicht mit Zusätzen strecken, etwa mit Kartoffelmehl oder sogar Sägespänen. Ein eigener „Reichsvollkornbrotausschuss“ sollte das bisherige Arme-Leute-Essens populär machen. In Zeitungen, auf Plakaten und in Fortsetzungsromanen wurde zu seinem Verzehr aufgefordert.

Es galt auch, die zur Verfügung stehenden Lebensmittel so effizient wie möglich zu nützen. Dabei wurde vor allem an die Frauen appelliert. „Jede Hausfrau, die nicht auf zweckmäßigen Einkauf, richtige Verarbeitung und sparsame Wirtschaftsführung achtetet, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, einen Verlust des Volksvermögens verursacht zu haben“, sagt die Historikerin Bandhauer-Schöffmann. „Kampf dem Verderb“, laut die Parole.

Frau Majer kann sich daran noch gut erinnern – wenn auch nicht so gut wie an das Gulasch. Auch an den Tag, an dem sie sich tatsächlich eine Stange Krakauer gekauft hatte, um sie ganz alleine zu essen. Jahre später.

Flüsterwitz aus dem Zweiten Weltkrieg:

„Komm Hitler, sei unser Gast

und gib uns die Hälfte von dem, was du hast,

aber nicht Eintopf und Hering,

sondern was Du isst und Göring“

Erschienen in liga 01/2009

Die Finanzkrise der kleinen Leute

Immer öfter führt der Kaufrausch in die Schuldenfalle. Mittlerweile können 800.000 Österreicher ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen

Text: Nina Brnada

Petra M. meidet Kaffeehäuser. Wenn sie sich verabreden will, dann lotst die 53-jährige Krankenschwester ihre Freundinnen unter Ausreden in ihre Gemeindebauwohnung in Wien-Margarethen. »Ich kann ja meine Cola auch bei mir zu Hause trinken«, sagt sie trotzig und betrachtet ihre manikürten Fingernägel. Dass sie sich die 2,30 Euro für eine Cola einfach nicht mehr leisten kann, soll niemand erfahren. Über Geld habe sie eigentlich nie viel nachgedacht, erzählt sie. Damals nicht, als sie noch stapelweise Kleider aus dem Versandkatalog bestellte, obwohl sie mit ihrem Konto schon Tausende Euro im Minus war. Und auch dann nicht, als sie mit immer neuen Krediten die laufenden abdeckte. »Das Geld war irgendwann einfach weg, und ich wusste nicht, wofür ich es ausgegeben hatte«, gesteht sie, und ihre dunkel geschminkten Augen sind weit geöffnet. Petra M. hat insgesamt 116.000 Euro Schulden angehäuft.

Jahrelang lebte sie über ihre Verhältnisse, wie hunderttausend andere Österreicher auch. »Wer nicht konsumiert, gilt in unserer Gesellschaft als blöd«, sagt Alexander Maly, Leiter der Wiener Schuldnerberatung. Das Motto lautet: »Sparen ist nur für Spießer; man lebt auf Pump.« Das Traumhaus finanziert ein Kredit, der Neuwagen wird geleast, und die Designerschuhe muss die überzogene Kreditkarte schon noch aushalten. Was sich Börsianer erlaubten, erklärte eine ganze Generation zu ihrem Lebensprinzip: Geld ausgeben, das einem nie gehörte. Zehn Prozent der Österreicher sind heute überschuldet. Laut dem Dachverband der österreichischen Schuldnerberatungen sind das etwa 350.000 Haushalte. Vor zehn Jahren waren es noch halb so viele.

Haben die Österreicher in dieser Zeit besonders viele Schicksalsschläge zu verkraften gehabt, plötzliche Todesfälle, den Verlust des Arbeitsplatzes, oder sind sie gar an der Börse unter die Räder gekommen? Keineswegs. Die häufigste Ursache, sagen Schuldenberater, sei viel banaler: hemmungsloser Konsum.

Ein Blick in Petra M.’s Wohnung verrät, wo ihr Geld geblieben ist. Die Dreizimmerwohnung gleicht einem Lagerraum für kitschigen Raumschmuck. Dicke böhmische Kristallschüsseln verstauben in verglasten Vitrinen. Daneben sind Weingläser und pausbäckige Engelsfigürchen aufgereiht. In der Küche präsentiert Petra M. ihre Kollektion Bierkrüge, die das gesamte Fensterbrett verstellt. Und am Türstock klebt ein kunstvoll gefertigter Taschentuchspender aus dunklem Holz. »Früher dachte ich, das Geld kommt schon irgendwie wieder rein«, sagt die Sammlerin. Immerhin verdiene sie als Krankenschwester 2.300 Euro netto im Monat. Bis vor wenigen Jahren war ihr Kühlschrank noch voll gestopft mit Bio-Grapefruitsaft und Parmaschinken. Heute ist er nur mehr spärlich gefüllt mit Dicksaft zum Verdünnen und Extrawurst.

Frau M. zahlte ihre Einkäufe immer mit Kreditkarte und rutschte immer weiter ins Minus. In der Folge nahm sie Kredite auf, so lange, bis sie irgendwann den Überblick verlor. »Die Banken haben nicht gefragt, wofür ich das Geld ausgeben will. Das war sehr verlockend«, gibt sie zu.

Der Universitätsprofessor hat genauso verlernt zu sparen wie die Kosmetikerin

Für Schuldnerberater Maly sind diese problemlosen Kredite die Wurzel allen Übels. »Die Leute hätten es sich zweimal überlegt, was sie ausgeben. Aber bis zur Finanzkrise war es sehr leicht, einen Kredit zu bekommen«, sagt er. Seit den achtziger Jahren können Banken ohne gerichtlichen Beschluss das Gehalt pfänden, sobald der Kreditnehmer nicht mehr zahlungsfähig ist. Ein Grund, warum die Banken bisher großzügig mit der Vergabe von Krediten waren, selbst dann, wenn außer dem Gehalt keine Sicherheiten zur Verfügung standen.

Im folgenden Jahrzehnt verdreifachte sich die Zahl der Privatkredite. Mit geborgtem Geld war fast alles leistbar geworden, und niemand musste mehr auf einen Urlaub unter Palmen, die moderne Kücheneinrichtung oder das Häuschen im Grünen verzichten. Konsum war nicht länger eine Frage des Kontostands, sondern Einstellungssache: moderner Lebensstil.

Zumindest so lange, bis irgendwann Anton Lojowski vor der Tür steht. Der 52-Jährige ist einer von rund 350 Gerichtsvollziehern in Österreich und Obmann ihres Vereins. Seit drei Jahrzehnten arbeitet der Niederösterreicher beim Bezirksgericht Baden. Er klopft an fremde Türen, um sich das zu holen, was bei einer Zwangsversteigerung so viel einbringen soll, dass die Schulden des Betroffenen beglichen werden können. Alltagsgegenstände wie Betten oder Kühlschränke sind tabu. Mit seinem Pferdeschwanz, dem schlichten braunen Sakko und der Krawatte würde er als angepasster Altrocker durchgehen, der es nie so genau mit dem Geld genommen hat. Doch der Eindruck täuscht. Lojowski hat seinen Beruf verinnerlicht. »Bei dem großen Angebot an Waren brauchen die Menschen äußerste Disziplin beim Geldausgeben«, sagt er pflichtbewusst.

Seine Visiten sind in den vergangenen zehn Jahren häufiger geworden. Klingelte er früher höchstens bei zehn Betroffenen pro Tag, so sind es heute mindestens 15 Hausbesuche. »Meistens komme ich in eine Wohnung, wo nur noch ein alter Fernseher steht. Manchmal lasse ich den dann einfach dort stehen. Mit diesem antiquierten Zeug kann man doch die hohen Schulden nie begleichen«, erzählt Lojowski. Bei einer Tasse Kaffee erklärt er der Kosmetikerin genauso wie dem Universitätsprofessor, was er mitnehmen wird und was nicht. Geldverschwendung kennt kein Milieu. Wohl fühlt er sich nicht immer bei seiner Arbeit, vor allem dann nicht, wenn er nach mehrfachen vergeblichen Besuchen mit dem Aufsperrdienst in die Wohnung eindringen muss. Doch er winkt ab, schließlich mache er nicht die Gesetze, er führe sie nur aus. Dass überhaupt so viel gepfändet werden darf, sei für ihn das eigentliche Problem. Vom Mobilfunkanbieter über Versandhäuser bis hin zu Energiekonzernen kann jeder mit einer richterlichen Erlaubnis Löhne pfänden lassen, wenn Rechnungen nicht beglichen wurden. Das heißt alles bis zum Existenzminimum von monatlich 770 Euro. Im Vorjahr wurden fast 800.000 Lohnpfändungsanträge eingebracht. 2.000-mal pro Tag.

Dazu zählt auch der Fall der Krankenschwester Petra M. Von ihren 2.300 Euro fließt jeden Monat mehr als die Hälfte an die Bank. Vor einem Jahr meldete sie Privatkonkurs an. Seitdem muss sie nur zehn Prozent der Gesamtschulden abbezahlen. Sieben Jahre läuft diese Vereinbarung, 2014 soll Petra M. völlig schuldenfrei sein. Dann wird sie sich auch wieder ruhigen Gewissens in ein Kaffeehaus wagen.

Die jährliche Zahl der Privatkonkurse in Österreich steigt rasant. Bis Jahresende werden 8550 Fälle erwartet, das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Arbeitslose, Selbstständige und jene Menschen, deren Fixkosten ihr Einkommen übersteigen, müssen selbst auf diesen Ausweg aus der Schuldenfalle verzichten. »Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie der Schuldenberg durch die Zinsen immer größer wird«, sagt Berater Maly. Sein Rat: Sie sollten zumindest versuchen, ihre Miete weiter zu bezahlen. Sonst landeten sie auf der Straße. Das befürchtet nun Helga P.

Vom Einfamilienhaus in das Notquartier der Sozialhilfe

Alles hatte so gut begonnen. Mit dem richtigen Mann, den Kindern, dem eigenen Hund und dem Haus im Grünen. Geendet hat es nun in einem Sozialheim in Wien-Meidling, geschieden und überschuldet. Da sie arbeitslos ist, kann Helga P. keinen Privatkonkurs anmelden. Seit einem Jahr lebt die 36-jährige Mutter nun mit ihren drei Kindern in einer Zweizimmerwohnung. »Meine Kinder stecken mitten in der Pubertät, und keines von ihnen hat richtig Privatsphäre«, sagt sie und fährt sich nervös durch die schwarzen Locken.

Eigentlich sollte Helga P. heute in einem Eigenheim im Burgenland leben. So war es geplant, als sie Ende der Neunziger mit ihrem Mann den Neubau bezogen hatte. Ersparnisse hatten sie keine. Er arbeitete auf dem Bau, sie war Hausfrau. Das Haus wurde auf Pump finanziert, ebenso die Möbel. Insgesamt hatte das Paar 87.000 Euro von zwei verschiedenen Banken geborgt. Als der Kreditvertrag zur Unterschrift bereitlag, unterzeichnete Helga eine Bürgschaft für das geliehene Geld ihres Mannes: Bei Zahlungsunfähigkeit ihres Mannes verpflichtete sie sich, die Schulden abzubezahlen. Obwohl die Hausfrau kein eigenes Einkommen hatte. »Das war der Bank egal«, erzählt sie. »Sie meinte, ich bin seine Frau, also muss ich unterschreiben.« Drei Jahre später reichte Helga P. die Scheidung ein, da sie ihr Mann betrog. Sie versuchte, aus dem Kredit auszusteigen. Zwecklos. Die Bürgschaft sei unterschrieben – mitgehangen, mitgefangen.

Irgendwann wuchsen ihr die Rechnungen über den Kopf. Dann wurde auch der Strom abgeschaltet. Helga P. zog nach Wien, erst zu Freundinnen, dann ins Familienheim. Ihr Traumhaus war inzwischen längst zwangsversteigert worden. Gedeckt ist der Schuldenberg damit nicht. Nicht einmal seine Höhe kann die alleinerziehende Mutter abschätzen. »Die vielen Zinsen«, flüstert sie, »ich will gar nicht wissen, wie hoch die Schulden sind.«

Heute sitzt sie auf dem einzigen Stuhl in ihrer 40 Quadratmeter großen Bleibe, in einem Heim mit 48 anderen Mietern, denen es ähnlich erging. In demselben Haus ist auch das Sozialamt untergebracht. Frühmorgens drängeln sich alte Männer und Frauen, um ihre monatliche Unterstützung abzuholen. In diesem Gebäude befinden sich auch noch ein Altersheim und Unterkünfte für Obdachlose. »Ich bin froh, dass ich in einer großen Stadt lebe, weil zwei Straßen weiter niemand mehr weiß, dass ich in diesem Sozialheim wohne.« Traurig schaut Helga P. auf das Poster, das an der Tür des Kinderzimmers hängt. Es zeigt den deutschen Rapper Bushido, der von depressiven Ghettokids singt, die auf der Straße leben. Noch bleibt dieses Schicksal ihren drei Kindern erspart. Doch spätestens in einem Jahr muss Helga P. mit ihnen aus dem Sozialheim ausgezogen sein. Wohin sie danach soll, weiß sie nicht.

Erschienen in DIE ZEIT 50/2008

 

 

Ich Chef, ganz fix

Sie wollen kleine Kaffehäuser, Dolmetschbüros und Imbissstände aufmachen. Deshalb treffen sie sich in der Wirtschaftskammer Floridsdorf-Donaustadt. Unternehmensgründung für Migranten – Lektion 1.

Text: Nina Brnada

Günther Triembacher ist ein Mann großer Worte. „Ich begrüße die vielen Menschen aus den vielen schönen Ländern dieser Erde,“ sagt er. Triembacher wirkt, also ob er im Fußballstadion vor tausenden Menschen eine Rede beginnen würde. Doch unter den rund 20 Leuten im kleinen Raum herrscht Schweigen. Dem Türken mit dichtem Oberlippenbart huscht ein Lächeln übers Gesicht, ebenso dem Iraker mit dem grauen Anzug. Es sind die Menschen mit so genanntem „Migrationshintergrund“, um die sich heute alles dreht. Das Wort „Ausländer“ meidet Triembacher wie der Teufel das Weihwasser. Man will Wertschätzung und Optimismus signalisieren, Politik und schlechte Stimmung scheinen hier fehl am Platz. „Wir bekennen uns zur Zuwanderung,“ sagt Triembacher staatsmännisch. Der Mann mit der weinroten Krawatte und der schweren goldenen Armbanduhr ist Leiter der Geschäftsstelle der Wirtschaftskammer (WKO) Floridsdorf-Donaustadt.

Vor der Eingangstür der Bezirksstelle steht auf einem Plakat das Motto der heutigen Veranstaltung: „Firmengründung – einfach uns schnell – Für UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund“. Schritt für Schritt sollen Interessierte mit „Migrationshintergrund“ zum Thema Unternehmensgründung informiert werden.

Der Vorraum der WKO-Zweigstelle ist ein schmuckloser Warteraum mit Garderobe. Heute Abend wurde er zum Empfangssaal umfunktioniert. Weiße Tischtücher sind über vier Stehtische gespannt und an den Tischbeinen mit roten Maschen zusammengebunden. An der Wand steht ein Tisch, auf ihm große Tabletts mit Frühlingsrollen, Maki, Nudeln und Litschi auf großen Tabletts bereit. Gegenüber ein Getränkebuffet mit Bier, Mineralwasser und Almdudler. „Denn eines ist uns ganz besonders wichtig,“ sagt Triembacher und lacht, „ein gutes Schluckerl und ein gutes Papperl – wie wir in Österreich sagen.“

Die Gäste scheinen es zu mögen. „Es ist sehr schön hier und sie sind alle nett,“ sagt eine der Besucherinnen, die aus Mazedonien stammt. Triembacher spricht bemüht deutlich, langsam und laut. Er wirkt dabei wie ein Geographielehrer, der seinen Schülern den Unterschied zwischen Tundra und Taiga erklärt. Aber anders als in der Schule stehen hier erwachsene Menschen, mehr Männer als Frauen, in Sakkos und Blazern. Sie hören aufmerksam zu. Es sind Menschen, die nicht in Österreich geboren wurden. Manche von ihnen sind Akademiker, andere Automechaniker oder Verkäufer. Die einen sprechen sehr gut Deutsch, die anderen verstehen vielleicht nur jedes dritte Wort. Sie alle sind Ausländer, sie alle wollen ihr eigener Chef im eigenen Betrieb sein.

Maritza Gutierrez ist eine von ihnen. Sie kam vor 18 Jahre nach Österreich, um in Wien zu studieren. Die 43-jährige Techniklaborantin überlegt seit vier Jahren, ein Lokal zu eröffnen. „Eines, wo man mit Kindern hingehen kann, wo sie nicht stören und wo man sich als Mutter oder Vater entspannen kann,“ erklärt sie mit spanischen Akzent.

Sie geht der kleinen Menschentraube nach in den Raum, wo der Vortrag stattfinden wird, wegen dem sie gekommen ist. Christian Wodon, der Vortragende, hantiert noch an seinem Laptop während sich seine Gäste um den Tisch drängen, der nahezu den gesamten Raum einnimmt. Manche von ihnen sitzen schon und kramen in den rot-weißen Mappen, die sie bekommen haben. Da sind Informationsbroschüren, Notizblöcke und rote Kugelschreiber mit dem WKO-Logo.

Wodon ist von der WKO und redet heute über Grundlagen. Gewerbeformen spricht er an, dann die Gewerbeordnung, Firmenbücher und notwendigen Voraussetzungen für bestimmte Berufe. Dass jemand Haare schneiden könne, heiße noch nicht, dass er auch einen Friseursalon aufmachen dürfe, sagt er. Es ist keine komplexe Materie, die er präsentiert, kein Expertenwissen, nur Basisinformationen. Der Tiroler spricht Worte laut und deutlich, er macht seine Aussagen so einfach wie möglich. Auf viele Halbsätze folgt ein „ja?“: „Sie müssen ganz genau wissen, was sie wollen, ja“ sagt er. Dann ein tiefer Einblick in fremdländische Mentalitäten: „Wissen Sie, ich habe die Erfahrung gemacht, dass vor allem die Herrschaften aus dem ehemaligen Ostblock sich alles aus der Nase ziehen lassen.“ Und eine prophylaktische Entschuldigung: „Bitte seien Sie mir nicht bös`“. Wodon faltet seine Hände wie zum Gebet und sagt: „Bitte, bitte, legen Sie die Karten auf den Tisch, ja. Sie brauchen ja keine Angst haben, dass Sie zu viel sagen. Die Zeiten der Geheimdienste sind vorbei, ja.“ Er zwinkert schelmisch. Seine Zuhörer schauen verlegen zur Seite.

Manche kritzeln ihre neuen Blöcke voll, andere hören nur interessiert zu. Dann endet der Vortrag, die Menschen schlendern wieder in den Vorraum und laden sich Maki auf ihre Teller. „Das war ein guter Vortrag, ein guter Anfang für die Selbstständigkeit“, sagt Dubravko Lukacic. Der Kroate lebt seit 19 Jahre in Österreich und war Manager bei einem Batterienhersteller. Heute ist die Firma in Tschechien und Lukacic ohne Job. Er träumt davon, sich als Handelsvertreter für technische Bauteile selbstständig zu machen. Wegen der Sprache macht er sich keine Sorgen. „Ich kann vielleicht nicht Thomas Mann übersetzen, aber für meinen Beruf reichen meine Sprachkenntnisse allemal.“

Daneben steht der 50-jährige Türke Soylu Nurkan. Im Gegensatz zu Lukacic hat er sich schon selbstständig gemacht. Nurkan betreibt einen Kebabstand in der Wiener Kaiserstraße. Probleme damit habe er erst kürzlich gehabt, erzählt er: Ein Verwandter Familienmitglied sei letztens vorbeigekommen um ihm ein wenig bei der Arbeit zu helfen, aber ausgerechnet an diesem Tag wurde kontrolliert. Nurkan musste Strafe zahlen. Dass eine solche Hilfe nicht erlaubt ist, versteht er nicht, klagt er im gebrochenen Deutsch. „Aber trotzdem – ich bin gern mein eigener Chef,“ sagt er und lacht.

Dann wendet sich Nurkan wieder seiner Gesprächspartnerin zu, Aysun Özkan, sie sprechen Türkisch miteinader. Auch sie war beim Vortrag. Nicht als Interessentin, sondern als Mitarbeiterin der Wirtschaftskammer. Sie ist Übersetzerin und kennen sich auch schon in der Materie ganz gut aus, ebenso wie ihre kroatische Kollegin, die ebenfalls dabei war. Bei Vortrag kommt Özkan oft zu Wort, nicht auf Türkisch, sondern Deutsch. Übersetzen muss sie diesmal nicht, denn die vier anwesenden Türken deuten, dass sie alles verstehen. Özkan springt ein, wenn Wodon sich einer Sache nicht sicher ist. Als er sich an sie wendet, spricht er ihren Namen falsch aus. Beim ersten Versprecher wird er noch von Özkans Landsleuten korrigiert. Wodon lächelt und entschuldigt sich, aber kurz darauf spricht er ihren Nachnamen wieder falsch aus. Während des Vortrages wird Wodon den Namen seiner türkisch stämmigen Kollegin immer wieder falsch aussprechen und immer wieder wird er fragen, wie es denn nun richtig heißt. Auf die Frage, die lange sie schon mit Herr Wodon zusammenarbeitet antwortet sie knapp: „Viereinhalb Jahre.“ Nachdem ihr Kollege Wodon zum vierten Mal ihren Namen falsch ausspricht, fragt er verlegen: „Frau Kollegin, stört Sie das etwa.?“ Özkan antwortet ruhig: „Ich habe mich schon daran gewöhnt.“

Ort: WKO Floridsdorf-Donaustadt, gleich beim Franz-Jonas Platz, 22. Bezirk.

Zeit: Mittwoch, 05. Novermber 2008, 18:30h

Erschienen in liga 04/2008

Herrn Kjaerums Empfehlungen

Der Mann leitet eine Institution, das kaum jemand kennt. Die „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“ soll die EU gerechter machen. Rundgang in einem Elfenbeinturm.

Text: Nina Brnada

Morten Kjaerum greift in die linke Innentasche seines Sakkos, zückt ein dünnes Taschenbuch und streckt es in die Höhe. Als wäre es die Bibel. „Seht her,“ sagt er voll Inbrunst und wirkt dabei wie ein christlicher Missionar. „Das solltet ihr immer bei euch tragen.“

Zwanzig junge Menschen hören ihm zu. Deutsche, Slowakinnen, Spanierinnen und Briten. Und sie lachen. Denn weder ist Kjaerum ein Missionar, noch sein Buch die Bibel. Er ist Diplomat und das Schriftwerk, das er in Händen hält, eine Ausgabe der Deklaration der Menschenrechte. Klaerum will nicht predigen. Bekehren aber will er.

Seine Zuhörer sind Studienabsolventen aus der gesamten EU. Einige beobachten Kjaerum, andere schreiben ab, was an die Wand projiziert wird. Es sind Wörter wie „human right“ oder „dignity of the individual“. Begriffe, die sie in den kommenden Monaten noch oft lesen und schreiben werden.   Die jungen Frauen und Männer tragen elegante Schuhe, und Tücher um den Hals. Es ist der erste Tag ihres Praktikums. Hier in Wien, in der „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“.

Morten Kjaerum ist ihr zukünftiger Chef. Der 51-jährige Däne im teuren grauen Anzug und blauer Krawatte leitet die EU-Organisation seit ihrer Gründung, im März 2007.

Die Arbeit der Agentur beschränkt sich darauf, wissenschaftliche Analysen zu Grundrechten in den EU-Staaten zu publizieren. Das klingt einfacher, als es ist. Denn bevor etwas publiziert wird, muss sich erst ein komplizierter Apparat in Gang setzen:

Da gibt es einerseits die „Plattform für Grundrechte“. Sie ist ein Grundpfeiler der Organisation. Hier sollen NGOs aus der gesamten Union mit der Agentur zusammenarbeiten. Diese schlagen dann Theme für die Berichte vor und schicken diese an den Verwaltungsrat, die zweiter wichtige Säule der Agentur. Der Verwaltungsrat legt dann das Thema fest, über das geforscht werden soll. Und erst dann beginnt die wissenschaftliche Arbeit am Schwarzenbergplatz.

Die Ergebnisse sind Jahres- und Länderberichte zu bestimmten Aspekten der Grundrechte. Sie werden Vertretern von EU-Institutionen, Mitgliedsländern und Beitrittskandidaten ans Herz zu gelegt. Dann bleibt der Agentur nur noch die Hoffnung, dass sich irgendjemand dafür interessiert. Mehr nicht, denn die Ergebnisse der Analysen sind für die EU-Staaten nicht bindend. Die EU-Agentur ist also ein Institut, das Empfehlungen produziert.

Es ist ein langwieriger Kampf für eine gerechtere Union, den Kajerum führt. Doch anders als viele seiner Kollegen in Menschenrechtsorganisationen sitzt er nicht in vollgestellten Kammerln in billigen Wohngegenden und organisiert kleine Demonstrationen. Kjaerum hat tagein, tagaus mit wichtigen Menschen zu tun, mit Ministern und Botschaftern aus ganz Europa. Sein Büro ist mit dunklem Parkettboden ausgelegt, von der Decke hängt ein prächtiger Kristallluster. „Ich bin ein EU-Bürokrat,“ sagt er und lacht.

Er arbeitet im Zentrum Wiens, am Schwarzenbergplatz, in einem sechsstöckiges Gebäude. Auf der Beletage hängt die EU-Flagge. Kein massives Schild mit eingravierten Lettern, kein Name bei der Gegensprechanlage: nichts weist darauf hin, was hinter diesen Mauern liegt. „Ein Schild kostet eben viel Geld,“ scherzt ein Mitarbeiter.

Die EU verfügt über etliche Agenturen, die – schließlich will keiner benachteiligt sein – über alle Staaten verteilt liegen: In Griechenland etwa arbeitet die Agentur für den Wiederaufbau, in Finnland jene für chemische Stoffe. Und in Österreich eben jene für Grundrechte. Kaum jemand kennt sie, ihre Arbeit mündet nicht in Gesetze, de facto verfügen sie über keine Durchschlagskraft. Sie haben bloß eine einzige Waffe, und die heißt: Lobbying.

„Es sind vor allem die Abgeordneten der nationalen Parlamente, bei denen wir uns Gehör verschaffen müssen,“ erklärt Kjaerum seinen Praktikanten die Vorgangsweise. „Die kennen sich mit ihren eigenen Leuten aus. Und haben viel Einfluss.“

Kjaerum ist eloquent, die Zuhörer hängen an seinen Lippen. „Nur die wenigsten Menschen mögen es, gefoltert zu werden,“ sagt er. Und wieder lachen alle. Viele Büro-Mitarbeiter sind inzwischen den Geräuschen am Gang gefolgt und aus ihren Zimmern gekommen, sie stehen herum und lauschen ebenfalls. Es scheint, als würden sie gern wieder einmal daran erinnert, warum sie ihren Job eigentlich machen. „Er ist charismatisch und kann das,“ sagt einer über Morten. „Er macht das ja auch schon sehr lange.“

In seiner Heimat hat der Däne das renommierte „Dänische Institut für Menschenrechte“ gegründet. Heute betrifft seine Arbeit nicht nur ein Land, sondern die gesamte EU. Mit seinen 50 Mitarbeitern soll er die Grundrechte von mehr als 490 Millionen Menschen im Auge behalten, von der Gleichstellung der Geschlechter bis zu Kinderrechten oder dem Datenschutz. Die Aufgabe besteht darin, unzählige Statistiken auszuwerten, Berichte zu verfassen, Befragungen zu koordinieren und mit Politik und Zivilgesellschaft aus 27 Ländern zusammenzuarbeiten.

Das ist eine riesige Sache für ein kleines Team. „Aber bis 2013 wollen wir unseren Mitarbeiterstab mehr als verdoppeln,“ sagt Andreas Accardo, Sprecher der Agentur.

Er geht durch die langen Gänge. Recht und links ist alles weiß. Keine Bilder an der Wand, keine Pflanzen in den Ecken, keine Menschen, keine Geräusche. „Ich verirre mich hier immer wieder,“ sagt er. Der Deutsche öffnet ein Bürotür nach der anderen. Sie reihen sich aneinander, viele der Zimmer stehen leer. Eine Mitarbeiterin sitzt hinter ihrem Schreibtisch und isst Nudelsalat aus einer Tupperware-Schüssel. Immerhin: Da lebt noch etwas.

Zwei Stockwerke tiefer nimmt Morten Kaerum einen Schluck Kaffee. „Ich bin oft frustriert,“ sagt er. „Aber wir können wirklich etwas bewegen.“ Er lacht, weil er versteht, dass man Gegenteiliges glauben könnte. Er jedenfalls ist überzeugt, dass sich die mühsame Arbeit vieler NGOs und Menschenrechtsbehörden bezahlt gemacht hat. „Denken Sie zum Beispiel daran, dass man vor einigen Jahren über Homophobie kein Wort verloren hat. Heute ist das Mainstream.“ Veränderungen würden eben Zeit brauchen, sagt Kjaerum. Sie passieren in den kahlen Büros, wo Berge an Akten gesichtet und ausgewertet werden. In langen Sitzungen, in Ausschüssen und Gremien mit komplizierten Namen.

Kjaerum erzählt, dass er in den Siebzigerjahre als Jusstudent bei spanischen Bauern und bei Inuits in Alaska gelebt habe. Berührungsängste hatte er nie, und Scheu vor fremden Alltagsgewohnheiten ebensowenig. So gesehen, sind die EU-Bürokraten vielleicht auch bloß eine exotische Ethnie von vielen.

Erschienen in liga 04/2008

Der Kindergarten-Mullah

Mohammed Ismail Suk klingt wie ein Wiener und sieht aus wie aus den Bergen Afghanistans. Vor 16 Jahren konvertierte der ehemalige Discobesitzer zum Islam. Heute betreibt er vier Kindergärten.

Text: Nina Brnada

Die Gudrunstraße im WienFavoriten ist Muhammad Ismail Suks Revier. Er lebt hier, er arbeitet hier. Er kennt sich hier aus. Hier ist er wer. Zwei junge Männer mit dichten schwarzen Bärten kommen ihm entgegen. Sie sehen ihn mit starrer Miene an und grüßen mit „Salam alaikum“. Auch eine Frau mit Kopftuch und Kinderwagen grüßt und zieht weiter.

Muhammad Ismail Suk, 59, ist eine Lokalgröße. Frauen, die am nahe gelegenen Keplerplatz vor der Johanneskirche auf den Parkbänken sitzen und ihren Kindern beim Spielen zusehen – viele von ihnen kennen ihn. Ihm gehört in der Gudrunstraße der islamische Kindergarten „Iqra“.

Er ist ein „bunter Hund“, wie er selbst sagt. Früher habe er edle Uhren und teure Anzüge getragen. Heute reichen seine hellgrauen Hosen bis knapp über die Knöchel, sein hellgraues Hemd bis zu den Knien. Suk trägt eine Shalwar Kamiz, ein traditionelles islamisches Männergewand. Sein grauer Bart wächst bis zur Brust. Auf seinem Kopf trägt er eine weiße, mit glänzendem Garn fein bestickte Kappe. Der gebürtige Wiener ist nicht nur Moslem. Er ist Konvertit.

Suk hat den Islam als neue Religion angenommen. Der ehemalige katholische Ministrant habe sich leer gefühlt, ihm habe etwas gefehlt, wird er später über seinen Sinneswandel erzählen. Er war Discobesitzer und das habe ihn nicht mehr erfüllt. „Der Islam war der einzige Weg, aus der Szene herauszukommen und neu anzufangen.“. Er verschenkte seine teuren Anzüge, seine edlen Uhren. Er ließ sich von seiner damaligen Frau scheiden und zog aus der gemeinsamen Wohnung in eine feuchte Garçonnière. Das war 1992.

„Ich fühlte mich wie neu geboren“, sagt er und lächelt. Selbst den Namen ließ er ändern. Wie er früher hieß, verrät er nicht. „Das alles ist heute nicht mehr wichtig – das war mein altes Leben.“

Sein neues Leben begann er mit einer Algerierin. Er heiratete und bekam mit ihr drei Töchter.  Heute gehören dem einstigen Lebemann vier islamische Kindergärten in Wien. „Iqra“, zu Deutsch „Lies!“, jener in der Gudrunstraße 140, ist der größte. Er wurde 2001 als erster eröffnet. Es sind hauptsächlich türkisch- und arabischstämmige Kinder, die hier täglich von 9 bis 17 Uhr betreut werden. „Die Unterrichtssprache ist Deutsch“, betont Suk. „Alles was man jetzt mit Sprachförderung machen will, das haben wir in unseren Kindergärten schon seit Jahren.“

Der Hof der Gudrunstraße 140 ist der Nabel des Hauses. Kinder spielen hier Fußball, während Mütter auf sie warten. Dunkelbraune Türen führen zu Gebetsraum, Küche und Krippe. Schmetterlinge aus Papier hängen von der Decke des Kindergartens, die Wände sind bunt gestrichen, Boden und Toiletten sauber. Alles liegt auf seinem Platz. Die Kindergärtnerinnen von Iqra sind junge Frauen mit Kopftuch. Sie sitzen am Boden, spielen mit den Kindern, ermahnen, erklären, erziehen. Der Trägerverein der vier Kindergärten beschäftigt fünfzig solcher Frauen, die sich um rund 500 Kinder kümmern. Im kommenden Herbst will Suk expandieren und ein islamisches Schulzentrum der Erlachgasse, ebenfalls in Favoriten, eröffnen.

Iqra ist ein Familienbetrieb. Suks Tochter aus erster Ehe ist gleichzeitig seine Sekretärin, seine jetzige Frau ebenfalls im Verein tätig. Suk ist ein unruhiger Geist, geschäftstüchtig und kontaktfreudig. Er telefoniert unentwegt, sagt ständig zu jedem Anrufer: „Danke für deine Freundschaft.“ Er weiß, wie man sich Menschen zu Freunden macht. Er organisiert und delegiert – wenn er unterwegs ist, per Telefon. „Salam alaikum“, sagt Suk in das Mikrofon seines Bluetooth-Headsets. Dann gleich darauf in breitestem Wienerisch: „Ja Schatzi, werde ich machen.“ Sein Blick schwirrt unruhig umher. Nach fast jedem Satz sagt er „Insallah“, also „So Gott will“. Und dann wieder: „Gell, ja, okay.“

An diesem Tag steht Suk auf dem Bahnsteig im niederösterreichischen Leobersdorf. Eine ältere Dame mit gelockten Haaren wartet hinter dem Süßigkeitenautomat und lugt hervor. Sie kann ihren Blick von Suk nicht abwenden. Die Frau mustert ihn von oben bis unten, schaut auf seinen Bart, auf sein wallendes Gewand. Sie murmelt unhörbar etwas in sich hinein und drückt dabei ihre karierte Einkaufstasche an die Brust. Ihr Blick sagt, dass sie die Welt nicht mehr versteht. Sie sieht einen Moslem und hört einen Wiener. Sie ist irritiert – ebenso wie die drei Jugendlichen, die auf ihrem Handy Musik spielen und neonfarbene Gürtel tragen. Suk scheint dies wenig zu stören, obwohl er sagt, dass ihn die Blicke der Fremden oft auch zuviel sein würden. Doch heute lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen.

Suk ist auf dem Weg in das nahe gelegene Berndorf. Dort wird er heute einer Gruppe Drittklässlern im Gymnasium einen Vortrag über den Islam halten. „Um Vorurteile gegenüber dem Islam vorzubeugen“, sagt Stefan Hauser. Der katholische Religionslehrer in Jeans und Birkenstock-Schlapfen kommt kaum gegen den Lärm seiner Schüler an. Die Schüler lachen, sind unaufmerksam, tratschen.

Ein 13-jähriger Junge wirft sich auf den Boden des Klassenzimmers, als würde er auf islamische Art beten. Sein weißes T-Shirt ist ihm über den runden Bauch gerutscht, seine Backen sind feuerrot. Er kniet und schreit voller Inbrunst „Allah“. Sein höhnisches Grinsen gilt Suk, der soeben das Klassenzimmer betreten hat. Der Schüler weiß, dass Menschen, die wie Suk aussehen, oft „Allah“ sagen. Er hat sie schon viele Male im Fernsehen gesehen. Sie leben in den Bergen Afghanistans oder Pakistans.

„Der Islam ist eine Religion des guten Charakters“, sagt Suk. Er spricht über Abraham, Jesus, den Propheten Mohammad, Schweinefleisch und Beschneidung. „Warum sind Sie zum Islam g’angen?“, fragt ein Schüler aus der ersten Reihe. „Ich habe mich leer gefühlt. Dann hab ich einmal ein Buch über den Islam gelesen und mich immer mehr dafür interessiert, “ antwortet Suk und lächelt. Er erzählt, dass er für drei Jahre nach Pakistan gegangen ist, um dort den Islam zu lernen. Er lebte nur einige Kilometer von der pakistanisch-indischen Grenze entfernt, in der 9-Millionen-Einwohner-Stadt Lahore, der islamischen Metropole des indischen Subkontinents. Dort lernte er bei seinem Mentor Sheik Ahmed den Hanafismus kennen, die größte der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam. Nach drei Jahren wurde das Geld knapp. Arbeit gab es für ihn, den Österreicher ohne Sprachkenntnisse, keine. Das Elend der Armut hat Suk in Pakistan mit eigenen Augen gesehen. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es ist, wenn ein drei Monate altes Baby neben euch verhungert, “ sagt Suk. Er ist den Tränen nahe.

„Warum ist in Israel immer Krieg“ fragt ein anderer Schüler aus der ersten Reihe. „Nun ja, stell dir vor, du hast ein Haus. Fremde Menschen kommen in dein Haus. Sie töten deinen Bruder und deine Mutter und sagen: Das Haus gehört jetzt uns. Würdest du dich da nicht wehren?, “ fragt Suk. Und setzt mit einem Sinnspruch fort: „Wer Gewalt sät, wird Sturm ernten.“

Auch beim Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 hat Suk unkonventionelle Ansichten: Das islamische Fundamentalisten an 9/11 schuld sei, hält er für „unglaubwürdig“. „Es waren ja auch viele Moslems in den Gebäuden des World Trade Center, als das Unglück geschah. Warum sollten Moslems ihre Glaubensbrüder töten wollen?“ fragt er.

Suk ist kein großer Gelehrter. Er spricht kein Arabisch, seine religiösen Kenntnisse sind nicht allzu sehr ausgeprägt. Sein Wissen bezieht er eher aus Intuition: Er erzählt, dass er am Morgen aufwacht und plötzlich mehr weiß als am Tag davor. Ein kleines religiöses Erwachen sozusagen. „Meine Mutter war eine streng gläubige Katholikin. Sie hat schon immer gesagt: ‚Den Seinigen gibt es Gott im Schlaf.’“

Erschienen in liga 03/2008