„Über Nacht erwachsen werden“

von Nina Brnada

Die Regisseurin Nina Kustrurica kam einst als Flüchtling aus Sarajewo nach Wien. Jetzt hat sie einen Film über minderjährige Asylwerber gedreht. Ein Gespräch mit Nina Brnada.

Frau Kusturica, sind Sie mit dem Filmemacher Emir Kusturica verwandt?

Nur sehr weitläufig. Unsere Großväter waren über mehrere Ecken verwandt. Mein Vater war in Sarajewo Dirigent und Emir ist manchmal ist zu seinen Aufführungen gekommen. Es bestand ein loser Kontakt, aber nie ein familiäre Beziehung.

Als der Krieg in Bosnien 1992 ausbrach, hat Emir Kusturica in Frankreich gelebt. Wo waren Sie damals?

Ich war in meiner Heimatstadt Sarajewo. Die Monate davor sahen wir im Fernsehen Bilder von Flüchtlingen in Kroatien. Dort war der Krieg bereits ausgebrochen. Ich sagte zu meinem Vater: „Ich möchte nicht weg, ich will kein Flüchtling sein“. Und obwohl er sonst nie mit so einer Bestimmtheit sprach, sagte zum ersten Mal: „Ende der Diskussion, wir gehen.“

Wie sind Sie geflüchtet?

Als der Krieg ausbrach, wollten alle raus aus Sarajewo. Am Hauptbahnhof scharten sich tausende Menschen um die wenigen Busse, es war mitten in der Nacht. Meine Eltern kannten einen Busfahrer, er hat uns dann mitgenommen. Wir sind eingestiegen und nach 24 Stunden in Wien wieder ausgestiegen. Ich dachte, dass wir in einer Woche wieder zu Hause sein würden.

Sie waren damals 17 Jahre alt. Die  Protagonisten Ihres neuen Films „Little Alien“ sind ebenfalls Teenager. Erinnern Sie die Jugendlichen an ihre eigene Geschichte?

Die Jugendlichen aus dem Film haben unbegleitet, ohne Eltern oder andere Familienmitglieder ihr Heimatland verlassen, sie sind also vollkommen auf sich allein gestellt. Sie mussten über Nacht erwachsen werden. Ich bin ja damals mit meiner Familie geflohen, ich musste mich nicht um alles kümmern, sie schon. Diese Jugendlichen sind sehr tapfer. Den meisten fehlt aber die Heimat und die Familie, sie haben ein sehr starkes Bedürfnis nach Stabilität. Sie wollen zu jemandem gehören und sich sicher fühlen. Viele von ihnen wollen so früh wie möglich heiraten und eine eigene Familie gründen. Sie schauen mich ganz verdutzt an, wenn ich ihnen sagen, dass sie ihre Jugend genießen sollen.

Das Alter kann für das Asylverfahren entscheidend sein. Wenn Flüchtlinge jünger als 18 Jahre sind,  steht ihnen besonderer Schutz zu, die Wahrscheinlichkeit, Asyl zu bekommen, ist dann größer. In Ihrem Film wissen die Jugendlichen aber oft gar nicht, wie alt sie sind. Wie kommt es dazu?

Wenn in Afghanistan ein Kind zur Welt kommt, schaut keiner auf die Uhr und das Datum. Ebenso in Somalia. Dort herrscht seit über 20 Jahren Krieg. Zeit hat in solchen Gesellschaften einfach eine andere Bedeutung. Manchmal merken sich die Familien den Geburtstag der Kinder, aber sie können das Datum nicht nachweisen. Weil es dort keine Ämter gibt, die Geburtsurkunden ausstellen.

Um ihr Alter feststellen zu lassen, werden die Jugendlichen dann zum Arzt geschickt. Sie lassen sie in Ihrem Film über diese Prozedur erzählen…

Der Arzt ist vom Innenministerium beauftragt. Er spricht zwanzig Minuten mit dem Asylwerber und bewertet dann, wie alt der Betreffende ist. Die Burschen erzählen etwa, dass man sie gefragt habe, ob sie schon mal Sex gehabt hätten oder betrunken gewesen seien. Wenn sie ja sagten, galten sie automatisch als älter. Im Zuge unserer Recherche haben wir mit dem Kinder – und Jugendpsychiater Max Friedrich und seinem Team gesprochen. Er glaubt nicht, dass die Methode des Innenministeriums tauglich ist.

Warum?

Sein Team hat über die Methoden zur Altersfeststellung geforscht. Sie sind der Meinung, dass man eine Person in größeren zeitlichen Abständen treffen sollte, und sie in verschieden Situationen und sozialen Konstellationen beobachten müsste. Erst dann, nach einem halben Jahr Beobachtung, könne man mit einer größeren Schwankungsbreite feststellen, wie alt jemand ist. Verglichen damit, sind die zwanzig Minuten, die das Innenministerium anordnet, ein einziger Witz. 

Ihre Protagonisten  sind Jugendliche, die  in Traiskirchen, Wien, Griechenland und in den spanischen Enklaven in Marokko leben. Sie warten darauf, wie es mit ihnen weitergehen soll. Gibt es einen Unterschied zwischen jenen, die Österreich sind und jenen an den EU-Außengrenzen?

Auf jeden Fall. Jene, die noch an den Grenzen sind, haben eine naivere, märchenhaftere Vorstellung von Europa als die Jugendlichen, die schon weiter in die EU vorgedrungen sind. Jene, die in Griechenland sind, glauben, dass es besser wird, je weiter sie in den Norden kommen. Die Jugendlichen, die etwa in Traiskirchen oder Wien sind, haben bezüglich des Systems und der Gesetze schon ein wenig resigniert. In Wirklichkeit jedoch gibt es schon in dem Moment, in dem diese jungen Menschen an die EU-Grenzen stoßen, einen riesigen Vertrauensverlust gegenüber Europa.

Inwiefern?

Viele überqueren die Ägäis nur mit einem Schlauchboot. Das erste, was sie sehen, sind griechische EU-Polizisten. Sie schießen auf das Boot und auf einen selbst. Wenn man das alles erlebt hat, kann man sich nur schwer vorstellen, dass Europa viel Wert auf Menschenrechte legt.

Was ist das Hauptproblem in der europäischen Asylpolitik?

Alles rennt schief, die Staaten schieben einander gegenseitig die Schuld zu, die Korruption an den Außengrenzen bestimmt über Menschenschicksale, die Grenzländer sind hoffnungslos überfordert. Man spielt Ping Pong mit den Leuten und hält sie schwach und verwundbar, um billige Arbeitskräfte zu haben. Die Asylpolitik hat sehr viel mit wirtschaftlichen Fragen zu tun. Und eignet sich leider sehr gut, um billige Polemik zu machen.

Wie haben die Jugendlichen auf den Film reagiert?

Sie haben gelacht, als sie sich zum ersten Mal auf der Leinwand sahen. Das war für sie ungewohnt. Bei Szenen, in denen gezeigt wurde, wie einer von ihnen abgeschoben wird, haben einige geweint. Das gemeinsame Filmschauen war vergleichbar mit einem Treffen von Freunden, die sich nach einem langen Urlaub die Fotos gemeinsam anschauen. Die Jugendlichen haben sich selbst nicht Leid getan, im Gegenteil. Sie waren sehr stolz darauf, wie sie ihre Situation meistern. Sie müssen weitermachen und diese Zeit der Ungewissheit so gut wie es geht überbrücken. Für Selbstmitleid haben sie keine Zeit, das wäre Luxus.

Nina Kusturica, geboren 1975 in Mostar, Bosnien-Herzegowina, aufgewachsen in Sarajewo, lebt seit 1992 in Wien. Sie studierte an der Filmakademie Wien Regie und Schnitt. Nina Kusturica lebt und arbeitet in Wien als Regisseurin, Cutterin, Autorin und Produzentin. Ihr Film Little Alien“ startet im Oktober 2009 österreichweit im Kino.

Erschienen in liga 02/2009

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