Der Kindergarten-Mullah

von Nina Brnada

Mohammed Ismail Suk klingt wie ein Wiener und sieht aus wie aus den Bergen Afghanistans. Vor 16 Jahren konvertierte der ehemalige Discobesitzer zum Islam. Heute betreibt er vier Kindergärten.

Text: Nina Brnada

Die Gudrunstraße im WienFavoriten ist Muhammad Ismail Suks Revier. Er lebt hier, er arbeitet hier. Er kennt sich hier aus. Hier ist er wer. Zwei junge Männer mit dichten schwarzen Bärten kommen ihm entgegen. Sie sehen ihn mit starrer Miene an und grüßen mit „Salam alaikum“. Auch eine Frau mit Kopftuch und Kinderwagen grüßt und zieht weiter.

Muhammad Ismail Suk, 59, ist eine Lokalgröße. Frauen, die am nahe gelegenen Keplerplatz vor der Johanneskirche auf den Parkbänken sitzen und ihren Kindern beim Spielen zusehen – viele von ihnen kennen ihn. Ihm gehört in der Gudrunstraße der islamische Kindergarten „Iqra“.

Er ist ein „bunter Hund“, wie er selbst sagt. Früher habe er edle Uhren und teure Anzüge getragen. Heute reichen seine hellgrauen Hosen bis knapp über die Knöchel, sein hellgraues Hemd bis zu den Knien. Suk trägt eine Shalwar Kamiz, ein traditionelles islamisches Männergewand. Sein grauer Bart wächst bis zur Brust. Auf seinem Kopf trägt er eine weiße, mit glänzendem Garn fein bestickte Kappe. Der gebürtige Wiener ist nicht nur Moslem. Er ist Konvertit.

Suk hat den Islam als neue Religion angenommen. Der ehemalige katholische Ministrant habe sich leer gefühlt, ihm habe etwas gefehlt, wird er später über seinen Sinneswandel erzählen. Er war Discobesitzer und das habe ihn nicht mehr erfüllt. „Der Islam war der einzige Weg, aus der Szene herauszukommen und neu anzufangen.“. Er verschenkte seine teuren Anzüge, seine edlen Uhren. Er ließ sich von seiner damaligen Frau scheiden und zog aus der gemeinsamen Wohnung in eine feuchte Garçonnière. Das war 1992.

„Ich fühlte mich wie neu geboren“, sagt er und lächelt. Selbst den Namen ließ er ändern. Wie er früher hieß, verrät er nicht. „Das alles ist heute nicht mehr wichtig – das war mein altes Leben.“

Sein neues Leben begann er mit einer Algerierin. Er heiratete und bekam mit ihr drei Töchter.  Heute gehören dem einstigen Lebemann vier islamische Kindergärten in Wien. „Iqra“, zu Deutsch „Lies!“, jener in der Gudrunstraße 140, ist der größte. Er wurde 2001 als erster eröffnet. Es sind hauptsächlich türkisch- und arabischstämmige Kinder, die hier täglich von 9 bis 17 Uhr betreut werden. „Die Unterrichtssprache ist Deutsch“, betont Suk. „Alles was man jetzt mit Sprachförderung machen will, das haben wir in unseren Kindergärten schon seit Jahren.“

Der Hof der Gudrunstraße 140 ist der Nabel des Hauses. Kinder spielen hier Fußball, während Mütter auf sie warten. Dunkelbraune Türen führen zu Gebetsraum, Küche und Krippe. Schmetterlinge aus Papier hängen von der Decke des Kindergartens, die Wände sind bunt gestrichen, Boden und Toiletten sauber. Alles liegt auf seinem Platz. Die Kindergärtnerinnen von Iqra sind junge Frauen mit Kopftuch. Sie sitzen am Boden, spielen mit den Kindern, ermahnen, erklären, erziehen. Der Trägerverein der vier Kindergärten beschäftigt fünfzig solcher Frauen, die sich um rund 500 Kinder kümmern. Im kommenden Herbst will Suk expandieren und ein islamisches Schulzentrum der Erlachgasse, ebenfalls in Favoriten, eröffnen.

Iqra ist ein Familienbetrieb. Suks Tochter aus erster Ehe ist gleichzeitig seine Sekretärin, seine jetzige Frau ebenfalls im Verein tätig. Suk ist ein unruhiger Geist, geschäftstüchtig und kontaktfreudig. Er telefoniert unentwegt, sagt ständig zu jedem Anrufer: „Danke für deine Freundschaft.“ Er weiß, wie man sich Menschen zu Freunden macht. Er organisiert und delegiert – wenn er unterwegs ist, per Telefon. „Salam alaikum“, sagt Suk in das Mikrofon seines Bluetooth-Headsets. Dann gleich darauf in breitestem Wienerisch: „Ja Schatzi, werde ich machen.“ Sein Blick schwirrt unruhig umher. Nach fast jedem Satz sagt er „Insallah“, also „So Gott will“. Und dann wieder: „Gell, ja, okay.“

An diesem Tag steht Suk auf dem Bahnsteig im niederösterreichischen Leobersdorf. Eine ältere Dame mit gelockten Haaren wartet hinter dem Süßigkeitenautomat und lugt hervor. Sie kann ihren Blick von Suk nicht abwenden. Die Frau mustert ihn von oben bis unten, schaut auf seinen Bart, auf sein wallendes Gewand. Sie murmelt unhörbar etwas in sich hinein und drückt dabei ihre karierte Einkaufstasche an die Brust. Ihr Blick sagt, dass sie die Welt nicht mehr versteht. Sie sieht einen Moslem und hört einen Wiener. Sie ist irritiert – ebenso wie die drei Jugendlichen, die auf ihrem Handy Musik spielen und neonfarbene Gürtel tragen. Suk scheint dies wenig zu stören, obwohl er sagt, dass ihn die Blicke der Fremden oft auch zuviel sein würden. Doch heute lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen.

Suk ist auf dem Weg in das nahe gelegene Berndorf. Dort wird er heute einer Gruppe Drittklässlern im Gymnasium einen Vortrag über den Islam halten. „Um Vorurteile gegenüber dem Islam vorzubeugen“, sagt Stefan Hauser. Der katholische Religionslehrer in Jeans und Birkenstock-Schlapfen kommt kaum gegen den Lärm seiner Schüler an. Die Schüler lachen, sind unaufmerksam, tratschen.

Ein 13-jähriger Junge wirft sich auf den Boden des Klassenzimmers, als würde er auf islamische Art beten. Sein weißes T-Shirt ist ihm über den runden Bauch gerutscht, seine Backen sind feuerrot. Er kniet und schreit voller Inbrunst „Allah“. Sein höhnisches Grinsen gilt Suk, der soeben das Klassenzimmer betreten hat. Der Schüler weiß, dass Menschen, die wie Suk aussehen, oft „Allah“ sagen. Er hat sie schon viele Male im Fernsehen gesehen. Sie leben in den Bergen Afghanistans oder Pakistans.

„Der Islam ist eine Religion des guten Charakters“, sagt Suk. Er spricht über Abraham, Jesus, den Propheten Mohammad, Schweinefleisch und Beschneidung. „Warum sind Sie zum Islam g’angen?“, fragt ein Schüler aus der ersten Reihe. „Ich habe mich leer gefühlt. Dann hab ich einmal ein Buch über den Islam gelesen und mich immer mehr dafür interessiert, “ antwortet Suk und lächelt. Er erzählt, dass er für drei Jahre nach Pakistan gegangen ist, um dort den Islam zu lernen. Er lebte nur einige Kilometer von der pakistanisch-indischen Grenze entfernt, in der 9-Millionen-Einwohner-Stadt Lahore, der islamischen Metropole des indischen Subkontinents. Dort lernte er bei seinem Mentor Sheik Ahmed den Hanafismus kennen, die größte der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam. Nach drei Jahren wurde das Geld knapp. Arbeit gab es für ihn, den Österreicher ohne Sprachkenntnisse, keine. Das Elend der Armut hat Suk in Pakistan mit eigenen Augen gesehen. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es ist, wenn ein drei Monate altes Baby neben euch verhungert, “ sagt Suk. Er ist den Tränen nahe.

„Warum ist in Israel immer Krieg“ fragt ein anderer Schüler aus der ersten Reihe. „Nun ja, stell dir vor, du hast ein Haus. Fremde Menschen kommen in dein Haus. Sie töten deinen Bruder und deine Mutter und sagen: Das Haus gehört jetzt uns. Würdest du dich da nicht wehren?, “ fragt Suk. Und setzt mit einem Sinnspruch fort: „Wer Gewalt sät, wird Sturm ernten.“

Auch beim Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 hat Suk unkonventionelle Ansichten: Das islamische Fundamentalisten an 9/11 schuld sei, hält er für „unglaubwürdig“. „Es waren ja auch viele Moslems in den Gebäuden des World Trade Center, als das Unglück geschah. Warum sollten Moslems ihre Glaubensbrüder töten wollen?“ fragt er.

Suk ist kein großer Gelehrter. Er spricht kein Arabisch, seine religiösen Kenntnisse sind nicht allzu sehr ausgeprägt. Sein Wissen bezieht er eher aus Intuition: Er erzählt, dass er am Morgen aufwacht und plötzlich mehr weiß als am Tag davor. Ein kleines religiöses Erwachen sozusagen. „Meine Mutter war eine streng gläubige Katholikin. Sie hat schon immer gesagt: ‚Den Seinigen gibt es Gott im Schlaf.’“

Erschienen in liga 03/2008

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