Dschihad vor der Haustür

von Nina Brnada

In einem Dorf 400 Kilometer hinter der österreichischen Grenze beginnt Klein-fghanistan. Hier, mitten in Bosnien-Herzegowina, leben die letzten islamistischen Gotteskrieger, die vom Balkankrieg übriggeblieben sind. Rundgang in einer islamischen Zwingburg mitten in Europa.

Text und Fotografie: Nina Brnada
Burka2Das Morgenland beginnt hinter dem großen Felsen, knapp vor der Ortseinfahrt. Schweigsame bärtige Männer in wallenden Gewändern, die zielsicher die Straße entlang- marschieren, ohne andere eines Blickes zu würdigen. Die Ruinen eines verlassenen Stalls ohne Dach, die Fenster sind eingeschlagen. „Mudzahidi“, Mudschaheddin, hat jemand auf die Außenmauer geschrieben. Die Reviermarkierung verblasst langsam. Frauen sind nirgendwo zu sehen. „Die Mudschaheddin leben nach ihren eigenen Gesetzen“, sagt Muharem Serhaltic, ein Taxifahrer aus der nahe gelegenen bosnischen Kleinstadt Maglaj. Hierher, in das Dorf Bocinja, kommt er nur selten.

Wie überall in Bosnien-Herzegowina hat der Krieg auch in Bocinja tiefe Spuren hinterlassen. Von dem Anfang der Neunziger von Slobodan Milosevic und Co. so heftig propagierten serbischen Nationalismus ist in dem Dorf 130 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Sarajevo wenig übriggeblieben. Der ehemalige 1.600-Einwohner-Ort – die aktuelle Einwohnerzahl weiß keiner so genau – besteht heute fast ausschließlich aus heruntergekommenen Häusern, vor deren Haustüren sich Ramsch, Müll und Schuhe zu Türmen stapeln. Vor den Häusern an der Hauptstraße, die das Dorf zweiteilt, basteln bärtige Männer gelangweilt an ihren Autos.

Ein schmaler Schotterweg führt zu den abgelegeneren Häusern auf einer Anhöhe rechts der Ortseinfahrt. Sie schälen sich aus dem Nebel, der die Gegend bis zu den späten Vormittagsstunden verschleiert. Armut und Arbeitslosigkeit prägen das Leben der serbischen Heimkehrer, die hier bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1991 die Mehrheit stellten und nun nach und nach zurückkommen. Ihre neuen Nachbarn sind die ehemaligen Feinde: bosnische Muslime, die aus allen Teilen des Landes stammen.

Wenn man die sogenannten Bosniaken fragt, wie sie hierhergekommen sind, sagen sie die immergleichen Sätze: „Ich habe gegen Serben und Kroaten gekämpft und bin stolz darauf“ oder „Allah allein bin ich Rechenschaft schuldig.“ Mehr Auskunft gibt es nicht. Sie sind die wahren Herren Bocinjas. Und entsprechen so gar nicht dem klassischen Bild des gemäßigten bosnischen Islam. Denn die meisten gegenwärtigen Bewohner Bocinjas sind radikale Islamisten. Im Bosnienkrieg von 1991 bis 1995 kämpften sie Seite an Seite mit Ararabern, die aus allen Teilen des Nahen und Fernen Ostens ihren Glaubensbrüdern gegen die orthodoxen Serben und katholischen Kroaten zu Hilfe eilten.

Dusko JovanovicDie Serben haben demgegenüber einen schweren Stand. Der Großteil von ihnen ist über sechzig. „Die Jungen haben hier keine Perspektive“, sagt der Rückkehrer Dusko Jovanovic. Ihm gehört der einzige Laden im Dorf. Am Ufer des Baches, der durch Bocinja fließt, steht ein unfertiges Haus, dessen Fenster provisorisch mit Plastiksäcken, Decken und Klebebändern isoliert sind. Ein junges Mädchen passt auf eine Handvoll Burschen auf, die fangen spielen, während sie ein Kleinkind im Arm hält. Sie hat sich hochhackige, viel zu große Schuhe angezogen und stolziert in ihnen auf und ab wie eine besorgte Erwachsene. „Vater ist in der Arbeit, aber die Mutter ist zu Hause“, sagt das Mädchen und weist auf die Haustür.

Tiefes Schwarz sticht aus dem Hauseingang, wo plötzlich etwas aufblitzt: die Augen einer Frau, die ihr Gesicht und ihren Körper unter einer schwarzen Burka verbirgt. Sie tritt zwei Schritte aus dem Türstock und lockt damit ihre Kinder zu sich. „Ich habe mich vor elf Jahren für Allah verhüllt“, sagt die junge Frau. Sie wirkt, als ob sie seit sehr langer Zeit nicht mehr mit jemandem außerhalb der Familie gesprochen hat. Zur gleichen Zeit sitzen im nahen Ort Maglaj, nur wenige Kilometer entfernt, Frauen, die ebenfalls muslimischen Glaubens sind, geschminkt im Kaffeehaus, rauchen, schwatzen und trinken.

Die junge Mutter ist Ehefrau eines jener Bosniaken, die als Mudschaheddin kämpften und seither einer radikalen Form des Islam anhängen. Als die Serben vertrieben waren, ließen sich die muslimischen Sieger in Bocinja nieder – und bauten es zu ihrer Hochburg aus. Jetzt sind sie, die selbst ernannten Gotteskrieger, die Herren im Haus.

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Zusammen mit den Bosniaken lebten in Bocinja bis vor wenigen Jahren hunderte radikalislamische Araber, von denen viele zuvor schon in Afghanistan die Sowjets bekämpft hatten. Im jugoslawischen Bürgerkrieg hatten die bosnischen Muslime diese Unterstützung bitter nötig: Als der Krieg ausbrach, waren ihnen Serben und Kroaten militärisch weit überlegen. Mit Freuden nahmen die Bosniaken die ausländische Hilfe an: Eine islamistische Brigade, rund 1.000 Mann stark, die aus allen Teilen der arabischen Welt kamen, wurde zum regulären Teil der bosnisch-muslimischen Armee – und füllte mit ihrer radikalen Auslegung des Koran, der Heiligen Schrift des Islam, bei vielen Bosniaken jenes soziale und religiöse Vakuum, das das auseinanderfallende Jugoslawien hinterlassen hatte.

Wer die Mudschaheddin-Brigade befehligte, ist bis heute unklar. Jüngst als Zeuge beim Kriegsverbrechertribunal im niederländischen Den Haag vorgeladen, behauptete Ali Hamad, ein Araber aus Bahrain, dass „die Al Kaida direkte Befehlsgewalt über die bosnischen Gotteskrieger hatte“.

Die meisten Araber kamen offenbar mit gefälschten Reisedokumenten nach Bosnien. Auch einige Drahtzieher des 11. September sollen dort gekämpft haben. Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtete schon Ende 2001 über enge Kontakte zwischen dem damaligen bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic und Osama bin Laden. Angeblich besaß der Al-Kaida-Führer sogar einen bosnischen Pass – der ihm laut Spiegel in der bosnischen Botschaft in Wien ausgestellt wurde. Von der Radikalität und der Selbstlosigkeit ihrer Glaubensbrüder beeindruckt, übernahmen damals viele bosniakische Kämpfer den Lebensstil und die religiösen Praktiken des wahhabitischen Islam, einer radikalen Ausrichtung, die in Saudi-Arabien Staatsreligion ist.

Als der Krieg zu Ende ging, blieben die arabischen Mudschaheddin. Sie heirateten bosnische Frauen, gründeten Familien und wurden sesshaft – in abgelegenen Dörfern wie Bocinja, wo sie den Alltag fortan nach ihren strikten Regeln gestalteten: von der rituellen Reinigung durch Gebete bis zum strengen Verbot von Alkohol und Zigaretten. „Damals haben sie hier alles kontrolliert“, sagt Taxifahrer Muharem Serhaltic, der in der Gegend jeden zu kennen und alles zu wissen scheint. „Sie hatten immer mindestens einen Mann bei der Ortseinfahrt, bei dem man sich anmelden musste. Sonst bist du nicht weitergekommen.“ Serhaltic erzählt vom Todeskult der Mudschaheddin: „Wenn einer von ihnen im Krieg gefallen war, gab es hier riesige Feste. Sie freuten sich, als hätten sie im Lotto gewonnen.“

Mudschahidi

Die im Krieg gewachsene strenge Hierarchie der Mudschaheddin prägt das Leben der Menschen von Bocinja bis heute – auch wenn die Araber längst fort sind. 2001 wurden die meisten von ihnen von der Zentralregierung in Sarajevo umgesiedelt oder gleich unsanft aus dem Land komplimentiert – eine Spätfolge des Friedensabkommens von Dayton 1995, das den im Krieg aus Bosnien vertriebenen Serben ein Rückkehrrecht einräumte. Die zu Islamisten gewordenen Bosniaken Bocinjas blieben.

Seitdem sie keine Kämpfer mehr sind, müssen sie bürgerlichen Berufen nachgehen, um ihre Existenz zu sichern. Heute schlagen sie sich mangels Alternativen abwechselnd als Automechaniker, Hilfsarbeiter oder „Förster“ durch: Sie achten darauf, dass niemand illegal Bäume fällt – billiges Brennholz ist hier ein kostbares Gut. Dabei schauen sie lediglich auf eines genau: den Kontakt zur übrigen Bevölkerung und zu Fremden sowieso zu vermeiden. In Bocinja unterhält man sich ausschließlich von Mudschaheddin zu Mudschaheddin. „Nur Allah kann diese Leute voneinander trennen“, sagt Taxifahrer Serhaltic und zuckt mit den Schultern.

Schräg gegenüber dem aufgelassenen Stall an der Ortseinfahrt, vor einem kleinen, einstöckigen Haus mit offener Tür, sitzen zwei an einem Tisch, die sich nicht in dieses Bild fügen. Der Laden von Dusko Jovanovic, einem müden Mittvierziger mit schwarzen Schuhen und weißen Tennissocken, ist erst auf den dritten Blick als solcher zu erkennen: Keine Regale, aber ein rundes Dutzend Kisten mit Mehl, Zucker und Bier steht am Boden des einzigen Raums im Erdgeschoß. Die hohen Fenster ziert ein altes Poster von Milorad Dodik, dem Präsidenten des serbischen Teils von Bosnien-Herzegowina, der Republika Srpska. Die liegt keine zehn Kilometer nördlich von hier.

Viel zu tun hat Jovanovic offensichtlich nicht. Lethargisch sitzt er mit übereinander- geschlagenen Beinen vor dem Laden und wartet, dass die Zeit vergeht. „Dusko, du musst beim Foto lächeln. Vielleicht findet sich jemand in Österreich, der dir Geld für neue Zähne schickt“, sagt ein befreundeter Kunde, der gerade vorbeikommt, und lacht. Jovanovic grinst und zeigt dabei seinen letzten übriggebliebenen, auch schon ziemlich gelben Zahn am Oberkiefer. Er erzählt, dass er sich in verschiedenen Bürgervereinigungen für die Rechte der serbischen Heimkehrer engagiert. „Man muss sich ja schließlich mit irgendwas die Zeit vertreiben.“

Ort2Während des Bosnienkrieges seien die Serben aus dem Dorf vertrieben worden, erst jetzt, zwölf Jahre nach dem Abkommen von Dayton, würden sie nach und nach zurückkehren. Viel verspricht sich Jovanovic nicht davon. „In diesem Land haben wir keine Rechte, aber was soll’s“, sagt er und klopft mit dem Fuß gegen das Tischbein. Über seine Nachbarn, mit denen er seit 2001 kaum ein Wort gewechselt hat, meint er: „Diese Männer sind anders als die meisten bosnischen Muslime. Sie haben den Glauben ihrer Väter verraten. Sie verachten den Westen, sie leben für den Krieg und hoffen auf einen ehrenvollen Tod.“

Maßgeblich dafür verantwortlich, dass in Bocinja bis heute die Islamisten den Ton angeben, ist ein Mann, der gar nicht mehr hier wohnt. Bis vor sechs Jahren war der Ort das kleine Königreich von Imad Al-Husin, genannt Abu Hamza: einem heute 44-jährigen Syrer, der in den Achzigern nach Jugoslawien kam, um in Belgrad und Rijeka Medizin zu studieren.

Zum König von Bocinja stieg der selbst ernannte Gotteskrieger, der zugibt, seinen Feinden im Krieg auch schon einmal den Kopf abgeschnitten zu haben, vor allem aus zwei Gründen auf: Erstens ist er des Serbokroatischen mächtig, zweitens verfügt er über eine gehörige Portion Charisma, von der sich die in der Regel ungebildeten bosniakischen Mudschaheddin leicht beeindrucken ließen. Heute wohnt Abu Hamza mit seinen beiden Ehefrauen und einem halben Dutzend Kindern in Ilidza, einem für bosnische Verhältnisse relativ gepflegten Vorort am Stadtrand von Sarajevo.

Die Einfamilienhaussiedlung an einer wenig befahrenen Durchzugsstraße wird von der gegenüberliegenden Moschee dominiert, deren Kuppel wie ein überdimensioniertes Schneckenhaus aus der Erde ragt. Direkt an der Moschee steht ein kleines Haus, auf dem eine Tafel von „kuwaitischen Freunden“ kündet, die sowohl den Bau des Gotteshauses wie auch der Wohnungen finanziert haben. Hier leben Abu Hamza und die Seinen – obwohl auf der Tafel steht, dass das Haus eigentlich nur für Familien von „gefallenen Märtyrern“ vorgesehen sei.

Die Nachbarn kennen den kurzgeschorenen Mann mit dem mächtigen schwarzen Bart fast nur aus den bosnischen Medien; ein herzliches Verhältnis zu ihm haben sie nicht. „Er grüßt zwar immer, aber die Frauen sehe ich nie. Irgendwie sind sie unheimlich“, sagt eine blonde Frau aus dem Nachbarhaus. Dennoch verfolgt die bosnische Öffentlichkeit das künftige Schicksal Abu Hamzas mit Spannung.

Sarajewo

Im Zentrum des heutigen Sarajevo erinnert nur noch wenig an das Erbe des Krieges. Die Frauen sitzen in den zahlreichen Straßencafés, tragen Sonnenbrillen und kurze Röcke, die Männer ziehen auch im Fastenmonat genüsslich an ihren Zigaretten. Die meisten Sarajevaner fühlen sich als säkulare Europäer und legen wenig Wert auf islamische Traditionen. Die Kaffeehäuser sind überfüllt, durch die Einkaufsmeile Fehendija spazieren Horden von jungen, konsumsüchtigen Männern und Frauen und träumen von einem Leben wie in einer westlichen Illustrierten. Nur an den stillen Straßenecken zeigt sich der langsame Wandel: Da stehen gottesfürchtige, bärtige Männer und verkaufen Flaschen mit orientalischen Ölen und DVDs mit Koranpredigten. Abu Hamza kennen sie alle – und sie verehren ihn.

Ein Sohn Hamzas kommt das Stiegenhaus herunter, grüßt freundlich und führt durch das enge, dunkle Treppenhaus hinauf in die Wohnung. Der Platz im engen, abgedunkelten Vorzimmer ist perfekt ausgenutzt: Kartons mit Kartoffeln sind sauber übereinandergestapelt, daneben liegen Schuhe und Tücher mit Minze zum Trocknen ausgebreitet. Sogar die Decke wird als Stauraum verwendet: Auf einer großen Leinenschnur hängen ein Dutzend lange, dunkle Shalmar Khamiz, das traditionelle islamische Männergewand.

Zur Begrüßung hält Abu Hamza die rechte Hand hinter seinem Rücken und nickt – als frommer Muslim will er einer Frau nicht die Hand geben. Mit der linken deutet er stattdessen auf die Tür des bescheiden eingerichteten Wohnzimmers. Die dunklen, warmen Augen Abu Hamzas blinzeln freundlich, aber distanziert. Um ihn herum stehen seine übrigen vier Söhne. Er spricht perfekt Serbokroatisch, auch wenn sein arabischer Akzent unüberhörbar ist. „Ich kann Ihnen leider nichts anbieten. Es ist Ramadan“, sagt Hamza, nimmt auf einem großen Schreibtischsessel Platz und bedeutet seinen Söhnen zu gehen. Sofort verstummt ihr Gekicher, die Kinder verschwinden wortlos.

„Damals waren unsere bosnischen Brüder in Not“, sagt er über den Bosnienkonflikt. „Bis zum Krieg hat Europa nicht einmal gewusst, dass hier Muslime leben.“ Hamzas Erzählungen lassen die Brutalität des Bosnienkriegs erahnen. Er berichtet von einer Begegnung mit einem serbischen Soldaten, der eine Bombe bei sich trug. „Der Serbe war in seinem Versteck. Er hätte es mit einem Knopfdruck in die Hölle verwandeln können, und wir beide wären tot gewesen. Ich war nur mit einer Axt ausgerüstet und bin ihm zuvorgekommen. Ich habe ihm den Kopf abgehackt. Ist das nun ein Kriegsverbrechen?“, sagt er, und seine weit aufgerissenen Augen zeigen, dass er die Frage für eine rhetorische hält.

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Fotos von grinsenden Mudschaheddin mit abgetrennten Köpfen der Feinde in Händen sind in bosnischen Medien keine Seltenheit. „Damals haben sich alle vor uns gefürchtet“, sagt Abu Hamza über die Kriegszeit. Und er ist stolz darauf. Wenn die Rede auf die Gegenwart kommt, gerät er schnell in Rage. „Eure Demokratie wird uns nicht bezwingen!“, sagt er und prophezeiht den Untergang des Abendlandes. Das Ausmaß des Holocaust ist für ihn Propaganda – „so viele Juden sind damals nicht umgekommen“ –, die Anschläge vom 11. September 2001 „eine amerikanische Verschwörung gegen den Islam“. All das gelte es zu bekämpfen. „Ich habe keine Angst vor dem Tod.“

Seine drohende Abschiebung nach Syrien könnte ebendiesen schon bald in greifbare Nähe rücken. Gemeinsam mit 366 weiteren arabischen Ex-Mudschaheddin wurde Abu Hamza kürzlich die bosnisch-herzegowinische Staatsbürgerschaft aberkannt, weil er sie sich laut den Behörden erschlichen haben soll. Seine Ehe mit einer bosnischen Muslimin sei nach den Regeln der Scharia, des islamischen Gesetzes, geschlossen worden und damit nach bosnischem Recht ungültig. „Die Bosniaken haben uns verraten. Schande über ihr Haupt!“, schimpft Hamza über die Regierung, in der seine ehemaligen Verbündeten sitzen.

In Syrien ist ihm eine Haftstrafe sicher, weil er in seinem Heinmatland als Deserteur gilt: Abu Hamza hat sich durch seinen jahrzehntelangen Aufenthalt im heutigen Ex-Jugoslawien der in Syrien geltenden allgemeinen Wehrpflicht entzogen, die dort dreißig Monate dauert. Im schlimmsten Fall droht ihm die Todesstrafe. Hamza nimmt es äußerlich gelassen. „Mein Schicksal liegt in Allahs Händen“, sagt er.

Frage an die Maus: Wie geht es den bosnischen Muslimen?

Seit dem 15. Jahrhundert ist der Islam in Bosnien-Herzegowina heimisch. Unter dem kommunistischen Diktator Tito, zu Zeiten des ehemaligen Jugoslawien, galt er als liberal und moderat. Allerdings gab es bereits damals Anzeichen einer zunehmenden Radikalisierung. Alija Izetbegovic (1925–2003), der erste Präsident des unabhängigen Bosnien-Herzegowina, musste in den Achtzigerjahren eine Haftstrafe wegen angeblicher „islamistischer Induktion“ absitzen. Anlass war sein Buch „Der Islam zwischen Ost und West“. Izetbegovic wurde von den Kommunisten vorgeworfen, verschwörerische Pläne zur Errichtung eines islamischen Staates zu schmieden.

Während des Bosnienkrieges holte Izetbegovic rund tausend arabischstämmige Gotteskrieger in das Land. Mit ihnen hielt erstmals der radikale wahabitische Islam Einzug in Bosnien. Diese streng dogmatische Richtung des Islam hat ihre Ursprünge in Saudi Arabien. Seit dem Ende des Krieges im Jahr 1995 findet sie kontinuierlichen Zulauf unter den bosnischen Muslimen, den sogenannten Bosniaken. Immer mehr europäische Muslime lassen sich als Zeichen der Treue zu Allah lange Bärte wachsen, ihre Frauen verhüllen sich. Mustafa Ceric, Imam von Sarajevo und Vorstand der islamischen Gemeinschaft von Bosnien-Herzegowina, betrachtet die neue islamische Frömmigkeit mancher seiner Landsleute mit Argwohn. Die Wahhabiten sollen die bosnischen Gläubigen aufhetzen und in moderaten Gemeinden Unruhe stiften.

Die rund 1,8 Mio. Bosniaken (48 Prozent der Gesamtbevölkerung) stellen damit vor Serben und Kroaten die bevölkerungsstärkste Volksgruppe Bosnien-Herzegowinas. Während des Krieges mussten viele ihre Heimat verlassen. Bosnischen Medienberichten zufolge soll die bosniakisch-muslimische Religionsgemeinschaft in Wien enge Verbindungen zu den radikalen Wahhabiten im Land haben. In einem Interview mit dem Magazin News hatte Ceric jüngst ausdrücklich vor den in Österreich ansässigen bosnischen Wahhabiten gewarnt.

Interview: „Ihr seid wie Tiere“

Der islamistische Gotteskrieger Abu Hamza, dem jetzt die Ausweisung nach Syrien droht, im Gespräch über seine Auffassung von Dschihad, die österreichische Außenpolitik und die Entwicklung des Islam in Bosnien-Herzegowina.

Interview: Nina Brnada
Foto: Autorin
Abu HamzaDer gebürtige Syrer Abu Hamza ist eine Schlüsselfigur der ehemaligen Mudschaheddin in Bosnien. Jüngst gründete er mit seinem Weggefährten und Landsmann Aiman Awad die Bürgerinitiative „Ensarije“ („Helfer“), die ehemaligen arabischen Gotteskriegern in Bosnien als Sprachrohr dienen soll, die in den vergangenen Jahren ausgebürgert wurden. Die arabischstämmigen Kämpfer waren während des Balkankrieges nach Bosnien gekommen, um für die Sache der bosnischen Muslime zu kämpfen. Sie stellten eine eigene Brigade, „El Mudschaheddin“, die offiziell Teil der bosnisch-muslimischen Armee war.

Viele Mudschaheddin blieben nach dem Krieg, gründeten Familien und bekamen die bosnische Staatsbürgerschaft. So auch Abu Hamza, der eine bosnische Muslimin heiratete. Heute erkennt die bosnische Regierung diese Ehe nicht mehr an, weil sie ihrer Auffassung nach nur nach den Gesetzen der Scharia, des islamischen Rechts, nicht aber nach jenen des Staates geschlossen wurden – Hamza soll jetzt an Syrien ausgeliefert werden. Dort gilt er als Deserteur, weil er in einer ausländischen und obendrein religiös motivierten Militäreinheit gedient hat. In seiner Heimat droht dem ehemaligen Mudschaheddin im äußersten Fall die Todesstrafe.

Zwölf Jahre nach dem Bosnienkrieg müssen Sie nun das Land verlassen. Wie finden Sie das?

Unsere Ausbürgerung haben die Amerikaner bei den bosnischen Behörden bestellt, weil sie unsere Anwesenheit hier stört.

Der ehemalige Mudschaheddin Ali Hamad behauptete jüngst vor dem UNO- Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, dass die Al Kaida Ihre Brigade kommandiert habe.

Die Al Kaida ist eine Erfindung der Amerikaner, genauso wie die Massenvernichtungs- waffen im Irak. Den Amerikanern kommt heute das Feindbild des Islam gelegen, genauso wie damals im Kalten Krieg der Kommunismus. Ali Hamad ist nur ein unbeherrschter Mensch. Er hat getrunken, geraucht und ist mit Frauen zusammen- gesessen. Er war niemals ein richtiger Mudschaheddin.

Was bedeutet für Sie persönlich der Dschihad, der Heilige Krieg?

Neben den fünf Säulen des Islam, der Scharia und dem Namas (islamisches Gebet, Anm.) hat der Dschihad eine zentrale Bedeutung. Wenn ein islamisches Land angegriffen wird, in dem Muslime die Mehrheit der Bevölkerung stellen, ist es die Pflicht jedes Muslimen, seinen Glaubensbrüdern zu Hilfe zu eilen. Der Islam erkennt keine Grenzen an. Dort, wo Muslime als Volksgruppe leben, ist muslimisches Land. Um dieses zu verteidigen, sind wir bereit, in den Tod zu gehen. Die größte Ehre ist es, im Namen Allahs zu sterben.

Dieser religiöse Eifer ist für viele Menschen nicht nachvollziehbar.

Natürlich nicht, denn die Menschen im Westen sind Ungläubige. Sie wissen vielleicht, wie der Papst heißt – aber mehr schon nicht. Sie haben ihren eigenen Glauben verraten. Wir sollten uns aber erinnern, dass die Christen noch vor uns in den Heiligen Krieg gezogen sind. Auch George W. Bush hat im Irak einen Kreuzzug angetreten. Ihnen ist er also erlaubt und uns verboten?!

Viele Menschen in Österreich sehen den Islam heute als Bedrohung. Ist diese Angst gerechtfertigt?

Ich frage die Österreicher: Sind eure Leute in Afghanistan?

Einige wenige Offiziere des Bundesheers, insgesamt vier Personen.

Und was haben die dort verloren?! Österreich ist doch angeblich neutral und hat in Afghanistan nichts zu suchen! Der Westen kann uns nicht ins Gesicht schlagen und sich danach wundern, wenn wir uns wehren.

Was kann ein Zivilist dafür, dass österreichische Offiziere in Afghanistan sind?

Alle Österreicher haben Schuld auf sich geladen. Sie haben die Regierung gewählt, die diese Leute nach Afghanistan geschickt hat. Das habt ihr nun von eurer Demokratie. Eure Vorstellung davon hat auch George W. Bush zum zweiten Mal an die Schalthebel der Macht katapultiert.

Wie sehen Sie die Entwicklung des bosnischen Islam?

Sie entdecken, dass es auch noch etwas anderes gibt als das, was die Islamische Gemeinschaft Bosnien-Herzegowinas vorgibt. Viele junge Leute gehen heute nach Pakistan oder Saudi-Arabien um den Islam zu studieren. Sie werden zurückkommen und Veränderungen herbeiführen. Früher waren die bosnischen Muslime tolerant, doch was hat es ihnen genützt? Europa hat zugelassen, dass Serben und Kroaten unsere bosniakischen Glaubensbrüder niedermetzeln. Die Bosniaken werden Srebrenica niemals vergessen.

Sind Sie ein Demokrat?

In erster Linie bin ich Muslim. Natürlich hat die Demokratie auch gute Seiten. Wir sollen alle in Frieden miteinander leben, doch ihr messt mit zweifachem Maß. Ihr verlangt von uns, dass wir uns wie zivilisierte Menschen benehmen, während ihr wie Tiere seid.

Erschienen im Datum 11/07
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