Europas Schlüsselkinder

von Nina Brnada

Seit kurzem verläuft die Südgrenze Europas auch zwischen Slowenien und Kroatien. Im Zuge der Schengenerweiterung wurden rund 100 Übergänge mit Schranken versperrt. Für ein paar Auserwählte kein Hindernis: Unterwegs mit dem EU-Aufsperrdienst.

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Text: Nina Brnada
Fotografie: Martin Fuchs
Dragutin Kuncics Zeigefinger zieht eine imaginäre Linie: zwischen den beiden Hälften des Doppelbetts entlang, durch den gut erhaltenen Kleiderschrank aus dem Antiquariat. Der erstreckt sich nahezu über die ganze Wand, die bis unter den Deckenrand rosa gestrichen ist. Jetzt legt sich das Ehepaar Kuncic nebeneinander aufs gemeinsame Bett: Zwei Menschen in zwei Ländern. „Genau hier verläuft die Grenze“, sagt Dragutin und deutet wieder auf den imaginären Spalt.Wenn sich der 48-Jährige auf die rechte Seite des Bettes zu seiner Frau dreht, verlässt er sein Heimatland Kroatien und befindet sich in Slowenien und damit im Europäischen Wirtschaftsraum, in der EU und seit kurzem auch im Schengenraum – all dem, wovon Kroatien ausgeschlossen ist. Ohne jegliche Grenz- und Passkontrolle. Die Grenze zwischen den beiden Staaten verläuft exakt durch das Haus der Kuncics, durch das Schlafzimmer, über das Doppelbett hinweg. Der kroatische Weinbauer schläft immer auf der rechten Seite des Betts, seine 42-jährige Frau Ana auf der linken.

„Jeder auf seiner Seite, jeder im eigenen Land“, sagt Dragutin und lacht. Das Grundstück, auf dem das Haus der Kuncics steht, gehört zum Dorf Banfi, das am nördlichsten Zipfel Kroatiens liegt und rund 350 Einwohner zählt. „Als wir das Haus 1989 gebaut haben, wurde es ins kroatische Katasteramt unseres Bezirks aufgenommen. Wir haben das nicht so genau genommen, denn damals war das noch egal. Das alles war noch ein geeintes Land“, erzählt Kuncic, der im Jahr rund 100.000 Liter Weißwein verkauft, „zu 99 Prozent in Kroatien. In Slowenien ist der Markt zu dicht.“ Erst „nach allem, was passiert ist“, sei die Grenze plötzlich relevant geworden.

Passiert ist Anfang der Neunziger zum Beispiel ein Bürgerkrieg zwischen den exjugoslawischen Teilstaaten. Und der EU-Beitritt Sloweniens. Dragutin Kuncic geht zu dem Fenster, wo sein Mobiltelefon liegt. „Der Empfang meines slowenischen Handys ist besser, wenn ich es auf das Fensterbrett im slowenischen Teil lege“, erklärt er.

Bett

Das Dorf Banfi erstreckt sich über die Weinberge des Bezirks Medimurje – zu Deutsch Murinsel – zwischen den Flüssen Mur und Drau. Hier, etwa 40 Kilometer südlich des jüngst aufgelassenen Grenzübergangs zwischen Österreich und Slowenien in Bad Radkersburg, verläuft die neue Außengrenze des Schengenraums. Nicht mehr zwischen Österreich und Slowenien, sondern zwischen Slowenien und Kroatien ist nun die Grenze, die es gegen unerwünschte Eindringlinge zu sichern gilt.

Um die lokalen Straßen und Feldwege zu sichern, haben die slowenischen Behörden 21 Grenzschranken zum kroatischen Bezirk Medimurje aufgestellt. Insgesamt 115 Übergänge dieser Art errichteten sie entlang der 670 Kilometer langen südlichen Schengengrenze. Das Problem: Diese verläuft durch Vorgärten, über Terrassen oder – wie bei den Kuncics – mitten durchs Schlafzimmer. Bis heute gehen in der Region kroatische Kinder in slowenische Schulen, kroatische Bauern pflügen ihre slowenischen Felder, kroatische Pendler legen ihren Weg zum Arbeitsplatz in Slowenien zurück – und umgekehrt.

Um das Problem nicht zusätzlich zu verkomplizieren, gründeten Kroatien und Slowenien eigens eine bilaterale Behörde, die dem komplexen Problem schon kraft ihres sperrigen Namens gerecht wird: die „Gemischte kroatisch- slowenische Kommission für Grenzfragen und Zusammenarbeit“ (SOPS). Die Kommissäre beider Staaten einigten sich darauf, den Besitzern von Immobilien in der Gegend, hauptsächlich Bauern, per Sonderregelung den Zugang zu ihren Feldern auf der jeweils anderen Seite der Grenze zu erleichtern – was außerdem für Personen gilt, die von ebendiesen Besitzern mit einer Vollmacht ausgestattet wurden. So gelangten nach Angaben des kroatischen Außenministeriums neben 1.800 Slowenen rund 700 Kroaten zu einem außergewöhnlichen Besitz, der in Europa seinesgleichen sucht: einem Schlüssel zum Schengenraum. Buchstäblich.

Ignac Percic ist einer dieser Glücklichen. Die damit verbundenen Priviliegien weiß er aber wenig zu schätzen. „Die Schranken sind bloße Schikane. Jetzt müssen meine Bekannten aus Slowenien, die keinen Schlüssel haben, einen langen Umweg fahren, um mit mir Kaffee zu trinken“, klagt der 70-jährige Kroate. Deshalb gebe es in der Gegend viele Leute mit einem Schlüssel, „die gern mal für ihre Freunde und Bekannten, die diesen Grenzübergang nicht benutzen dürfen, die Grenze öffnen“. Er selbst mache das natürlich nicht, sagt er und zwinkert. Schließlich sei das illegal.

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„Das Problem ist, dass es im Grenzgebiet auch Leute gibt, die dort leben, aber keine Häuser besitzen und deshalb keinen Schlüssel bekommen haben“, sagt Percic. Viele Kroaten pendeln tagtäglich zum Arbeiten nicht nur nach Slowenien, sondern auch ins im Nordosten angrenzende Ungarn oder nach Italien. Viele von ihnen bekamen von ihrer Regierung schon vor der Schengenerweiterung spezielle Dokumente, im Volksmund „Karton“ genannt, die ihnen den Grenzübertritt erleichtern sollen.

„Ziel des Systems ist in erster Linie ein einfacheres Passieren der EU-Außengrenze für kroatische Staatsbürger, die oft in die angrenzenden EU-Länder reisen“, sagte Milan Orozen Adamic, slowenische Botschafter in Kroatien jüngst anlässlich einer Presse- konferenz zum Thema. Was Politiker sagen, kümmert den EU-Schlüsselwart Ignac Percic wenig.

Aus der Ortschaft Strigova führt eine einspurige Serpentinenstraße über den Hügel hin zu seinem Haus, wo er mit seiner drei Jahre jüngeren Frau Bernarda lebt. Es liegt keine zwanzig Meter vor der Grenze zu Slowenien auf einem abfallenden Hang. Mit weißen Hausschuhen wagt sich Bernarda in die Kälte hinaus, um die Gäste zu begrüßen. Ihre Kochschürze versteckt sie unter einer dicken Wolljacke. Die hohen Nadelbäume, die rund ums Haus stehen, sind ebenso mit Schnee angezuckert wie die links davon liegenden Felder, die bis zum Horizont reichen. Früher haben sie dort Mais angebaut, auch Weinstöcke hatten sie.

„Uns gehört ein Kilometer der slowenisch-kroatischen Grenze“, sagt Ignac mit lauter Stimme. Seine Frau meint entschuldigend, dass ihr Mann nicht mehr besonders gut höre. „Wir sind schon alte Leute und nicht mehr so fit wie früher.“ Heute bewirtschaften sie ihre Felder kaum noch. Von ihren zwei Töchtern ist eine schon gestorben, die andere noch im alten Jugoslawien nach Laibach gezogen. Ein Enkel lebt noch in der Gegend, der sie manchmal besucht, die Enkelin studiert in Sloweniens Hauptstadt. Das Ehepaar Percic lebt von rund 140 Euro Pension, die Ignac bekommt. „Ich habe früher als Tischler gearbeitet, in einer slowenischen Tischlerei. 75 Euro der Pension kommen heute aus Slowenien, der Rest aus Kroatien“, sagt er. Früher sei hier noch alles anders gewesen, erinnert er sich im kleinen, kalten Wohnzimmer seines Hauses. „Grenzen, die die Menschen getrennt haben, gab es in Jugoslawien nicht.“

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Ein Christbaum aus Plastik steht noch immer geschmückt in der Ecke. Auf der Armlehne einer abgenutzten Couch sind zwei eingerahmte Heiligenbilder abgestellt: ein Haushalt von alten Leuten, die nicht mehr allzu viel vom Leben erwarten. „Machen wir uns auf den Weg zur Grenze“, sagt Percic.

Wo seine Frau und er leben, herrscht Ruhe. Hier fahren keine Autos, die nächsten Nachbarn sind einen Kilometer entfernt. Einsam schwebt der rot-blau gestreifte Grenzbalken über dem asphaltierten Weg, links kündet auf Augenhöhe ein Schild mit dem kroatischen Wappen davon, dass Kroatien hier zu Ende geht. Rechts stehen die Ruinen dessen, was einmal ein stattlicher Hof gewesen sein dürfte. Der Schranken reicht bis zur Hüfte des rund 1,75 Meter großen Pensionisten.

Percic steckt den silbernen Schlüssel – einen „kodierten“, von denen jeder einzigartig ist und praktisch nicht dupliziert werden kann – ins Loch, dreht einmal um und hebt etwas mühevoll den Balken hoch – schon ist der grenzenlose Schengenraum offen. Ein paar Schritte wagt er sich hinein, bevor er lachend wieder umdreht und in seine Heimat zurückkehrt. Theoretisch könnte er jetzt problemlos bis Laibach gehen. Von der slowenischen Polizei ist auch hinter dem unmittelbaren Grenzstreifen weit und breit nichts zu sehen.

„Wir patrouillieren immer an verschiedenen Stellen und nicht bei allen gleichzeitig“, rechtfertigt sich Janko Sobak von der slowenischen Grenzpolizei in der Ortschaft Morska Sobota, die keine zwanzig Kilometer von hier entfernt liegt. „Eigentlich haben die Schlüsselwarte die Aufgabe, die Schranken nach ihrer Einreise ins Nachbarland auch verlässlich wieder zu schließen, sie zu versperren und keine Unbefugten durch- zulassen“, sagt Sobak.

In der Praxis will das freilich nicht so recht funktionieren: Kürzlich hatte ein Beitrag des slowenischen Fernsehsenders POP TV für Aufsehen gesorgt. In der Reportage war die Rede von mindestens drei Grenzschranken in Ostslowenien, die ständig unversperrt bleiben: Grund dafür sind verspätete Lieferungen der Grenzschlüssel, ohne die die Anrainer das Land auf diesem Wege nicht verlassen könnten.

Die slowenische Polizei hatte sich deshalb entschieden, die Schranken vorerst offen zu lassen. Laut dem Direktor der slowenischen Grenzpolizei, Danijel Lorbek, hat das jedoch „keinen Einfluss auf die Sicherung der Grenze“. Die Errichtung der neuen Grenzschranken war bereits im November vergangenen Jahres erfolgt. Fünf Monate vor der Schengenerweiterung hatten es sich die Slowenen, ganz EU-Musterschüler, nicht nehmen lassen, dutzende Stege an Flüssen entlang der Grenze abzureißen. Diese dürften nicht länger benutzt werden, hieß es – zum Ärger der Anrainer, die seitdem große Umwege auf sich nehmen müssen, um ins Nachbarland zu kommen. Die Stege hatten vor allem Bauern beider Seiten benutzt, um ihre Felder auf der jeweils anderen Seite zu bestellen.

Aber auch ohne Stege und offene Grenzschranken ist der illegale Grenzübertritt heute leicht. Viele kleine Wege ermöglichen, ähnlich wie im Burgenland und in Niederöster- reich, das mühelose Überqueren der Grenze. So auch der Weg zum Haus von Branko Mlinaric.

Einspurig geht die Abzweigung von der Hauptstraße des slowenischen Dorfs Gibina rund einen halben Kilometer durch einen dichten Fichtenwald zum Haus des 35- jährigen Bauern. Rechts der Straße deutet nur ein unscheinbares Schild auf den Grenzübergang hin: „Pozor! Drzava meja“ – „Achtung! Grenzübergang“ – lautet der Schriftzug, unter dem das slowenische Staatswappen prangt. Keinen Meter dahinter befindet man sich bereits in Kroatien. Von den 3.000 slowenischen Polizisten, die illegale Grenzübertritte verhindern sollten, ist auch hier weit und breit keiner zu sehen. „Normalerweise stehen sie unten und kontrollieren“, sagt Mlinaric. Wie viele kroatische Beamte die Grenze bewachen, gibt das kroatischen Innenministerium nicht bekannt.

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Mlinaric kennt fast alle Polizisten, die hier für gewöhnlich arbeiten, persönlich. „Es sind Männer aus den Nachbarorten, mit denen wir gut zurechtkommen“, meint er. Hinter ihm steht ein dunkler, abgenützter Stall voller Hühner. Nur ihr lautes Gackern durchbricht die Stille in dieser verschlafenen Gegend. Mlinaric selbst lebt auf der kroatischen Seite, ist jedoch slowenischer Staatsbürger und schickt seine vier Kinder auch dorthin zur Schule. „Mir ist egal, was ich bin, Slowene oder Kroate. Hauptsache, ich habe meine Ruhe“, sagt er, während er sich seine von der Feldarbeit schmutzig gewordenen Hände wäscht.

Dabei sei es hier aber bei weitem nicht immer so ruhig gewesen. „Früher haben wir immer wieder viele Fußspuren gesehen“, sagt er. Die hätten von illegalen Einwan- derern gestammt, ist Mlinaric überzeugt, und er glaubt auch zu wissen, von welchen – „von Kosovo-Albanern“. Seit rund zwei Jahren sei aber alles anders geworden, erzählt er. Seitdem gebe es außer seinen eigenen keine Fußspuren mehr im Matsch zu sehen.

Diesen Eindruck bestätigt Janko Sobak von der slowenischen Grenzpolizei in Murska Sobota: „Vor drei Jahren ist die Polizei durch das Schengen- Informationssystem SIS mit allen anderen Schengenländern verbunden worden. Durch die internationale Zusammenarbeit haben wir es geschafft, die Zahl der illegalen Grenzübertritte deutlich zu senken. Die präventive Wirkung war enorm.“ 2006 hätten sie noch rund 100 Personen gefasst. Im Jahr darauf seien es nur noch 66 gewesen. „Wir sind bereits seit drei Jahren voll im Schengenprozess integriert. Der Fall der Grenzen zu Österreich, Italien und Ungarn war bloß der letzte Schritt“, sagt er.

Schengen hin, SIS her: Was ihm und seinen Kollegen die Arbeit bis heute nicht leichter macht, ist eine andere Geschichte. Denn wo die Grenze zwischen Kroatien und Slowenien wirklich verläuft, ist auch 17 Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens nicht zur Gänze geklärt. Als die beiden Länder 1991 ihre Unabhängigkeit erklärten, wurde die Staatsgrenze entlang der bis dahin geltenden Republiksgrenzen von einer EG-Kommission unter der Leitung des französischen Verfassungsrichters Robert Badinter festgelegt. Allerdings barg diese Lösung ihre Tücken: Viele Grundstücke im slowenisch-kroatischen Grenzgebiet sind bis heute sowohl in den Katastern Sloweniens als auch Kroatiens angeführt.

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Beim bisher letzten informellen Treffen des kroatischen Premiers Ivo Sanader mit seinem slowenischen Amtskollegen Janez Jansa am Rande der EU-Konferenz „2020: Erweiterung und Integration“ einigten sich die Regierungschefs auf 19 Punkte, die bezüglich des Verlaufs der Landes- und Seegrenze zu klären seien. Dabei stellt der Verlauf der Seegrenze in der Bucht von Piran eine der größten Streitfragen dar: Während sich Kroatien für eine Grenzziehung in der Mitte der Bucht in der nördlichen Adria einsetzt, beansprucht Slowenien das gesamte Gewässer für sich, um einen offenen Zugang zum Mittelmeer zu haben.

Mit dem Beginn der ersten EU-Ratspräsidentschaft Sloweniens am 1. Jänner dieses Jahres dehnte Kroatien die umstrittene Fischereizone sowohl nach Slowenien als auch Richtung Italien aus. Nun soll der Internationale Gerichtshof in Den Haag durch eine Entscheidung, die für beide Seiten bindend sein wird, den Grenzkonflikt endgültig beilegen. Das wird wohl nicht mehr zu Lebzeiten der Percics geschehen.

„Wir haben schon so viel erlebt und sind schon sehr alt. Ich denke nicht, dass wir den Tag erleben werden, an dem sich die Grenze wieder verschieben wird“, sagt Ignac. Seine Frau führt durch den Garten und öffnet die Türen der alten Hütte, des Schuppens und von Ignac’ Werkstatt vor dem Haus. Stolz zeigt sie die über hundert Jahre alte Weinpresse, die in ihrer Familie von Generation zu Generation weiter- gegeben wird. Dann öffnet sie mit grimmiger Miene die Tür zum alten Keller. „In dem hat sich meine Familie während des Zweiten Weltkriegs versteckt“, sagt sie. „Das war damals eine andere Zeit. Als ich ein Kind war, hat mir mein Vater erzählt, dass es eine Grenze zu Österreich gibt. Damals habe ich nicht gewusst, was das bedeutet – Grenze. Doch jetzt lebe ich plötzlich selbst an einer.“

Erschienen im Datum 02/2008
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