Generation Zweiter Frühling

von Nina Brnada

Viele Singles sind über 40 Jahre alt. Sie waren verheiratet, oft haben sie Kinder und ein Haus im Grünen – nur eines fehlt: Die große Liebe

Text: Nina Brnada

Langsam pirscht sich Emmerich an. Sein Outfit hat er sorgfältig für diesen Zweck gewählt. Die beiden obersten Knöpfe seines weißen Hemds stehen offen, die dunkelblaue Jeans liegt eng an den Hüften. Lässig will der schlanke Wiener wirken, ein bisschen wie James Dean, ein bisschen wie Reinhard Fendrich. Mit breitem Grinsen steht er an der Bar des A-Danceclub , einer Fantasy-Disco im Millenniumstower an der Donau-Uferstraße.

Emmerich nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. Der 50-jährige Installateur mustert, was es an diesem Abend zu erobern gäbe. Wo gewöhnlich jugendliche Muskelberge mit ihren wasserstoffblonden Begleiterinnen zu Technorhythmen zucken, wirbeln heute grauhaarige Männer und Damen mit faltigen Dekolletés über die Tanzfläche. Es ist Boogie-Woogie-Schlagernacht, die Nacht der alten Singles. Die Generation Zweiter Frühling blüht hier heute auf.

In Österreich leben beinahe eine Million Singles, die über 40 Jahre alt sind. Damit stellt sie die größte Gruppe alleinstehender Männer und Frauen in Österreich. Die meisten von ihnen haben bereits einen vollen Zyklus ihres Lebensprogrammes absolviert: Ehe, Kinder und dann Scheidung. Jetzt sind sie wieder ungebunden. Und jetzt wollen sie es noch einmal wissen.

Vom Chatroom bis zum Tanzkurs, keine Möglichkeit wird ausgelassen, um der neuen Liebe des Lebens zu begegnen. »Wir merken, dass vor allem ältere Personen unsere Angebote nutzen«, sagt Martin Dobner, Geschäftsführer der Internet-Partnerbörse Parship. Auch andere Unternehmen buhlen um einsame Herzen älterer Provenienz. Bei einem speziellen Kochkurs für Singles namens »Meet and Eat« werden einen Abend lang Leckerbissen mit zarten Gefühlen gewürzt. »Wir wollen unser Angebot bald auf die Zielgruppe 45 plus erweitern, weil die Nachfrage in diesem Bereich extrem groß ist«, sagt Kursgründerin Elisabeth Höttinger.

Auch die Wiener Volkshochschule Landstraße bietet mit »Date 4 Eight« einen eigenen Kennenlernkurs für Senioren auf Freiersfüßen an. Dabei trainieren vier Frauen und vier Männer zwei Tage lang die hohe Kunst der gekonnten Annäherung. Bei einer Übung verteilen sich die Teilnehmer im Raum und versuchen mit der Person ihrer Wahl Augenkontakt aufzunehmen. Trockenflirten sozusagen. »Wenn man einmal in einer Beziehung war und dann nach langer Zeit wieder allein ist, dann ist es so, als würde man in einen gnadenlosen Konkurrenzkampf hineingeworfen«, sagt Kursleiterin Silvia Häusler.

Emmerich zieht an seinem Zigarillo, streckt die breite Brust heraus und reibt sich den Bauch. Sein Radar hat jemanden aufgespürt. »Die ist nicht schlecht«, raunt er seinen Freunden zu. Er deutet auf eine Frau mit langen schwarzen Haaren und schlanken Beinen, die mit dem Rücken zur Gruppe sitzt. Seine Freunde nicken zustimmend. Dann dreht sich die anvisierte Beute für einen Augenblick um. Desinteressiert wendet sich der Herzensjäger ab. »Habt’s ihr den Zinken gesehen?«, fragt er und deutet auf die Nase. Die Freunde lachen.

Emmerich wirkt wie der Anführer eines gealterten Rat Packs: Eine Runde wilder Draufgänger, die aus sicherer Entfernung Witterung aufnimmt, weil Bauchansatz und Halbglatze schon sehr an ihrem männlichen Ego nagen. Sie lauern und mustern die herausgeputzten Damen mit den viel zu engen Tops und hochtoupierten Frisuren, die in den Ecken stehen und nervös an ihren Handtaschen fummeln, weil niemand diese Mauerblümchen zum Tanzen auffordern mag. Manche Frauen schnappen sich da einfach einen der Profitänzer mit roten Fliegen und Hosenträgern und jagen ihn so lange über die Tanzfläche, bis dem Gigolo die Luft ausgeht. Gelegentlich schweift Emmerichs Kennerblick zu den härteren Kalibern, zu jenen, die betont gelangweilt an ihren Strawberry Daiquiries nippen und die toughe Geschäftsfrau aus einer US-Fernsehserie imitieren, so als wären sie stolz auf ihr Single-Dasein.

»Wäre ich eine Frau, würde ich mir auch keinen Mann halten«, meint Emmerich, der Salonlöwenroutinier. 20 Jahre lang war er mit einer Französin verheiratet, einer »super Frau«, wie er verrät. Irgendwann hätte sich das Paar aber auseinandergelebt. Als der Sohn maturiert hatte, ließen sich die Eheleute scheiden. »Die Frauen sind mittlerweile so emanzipiert, sie brauchen niemanden mehr.« Es klingt fast wie eine Kapitulation. Die alten Lebensmodelle haben ausgedient.

Emanzipation, Pille und die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit von Männern habe dazu geführt, dass sich vor allem für Frauen die Prioritäten geändert haben, erklärt Olaf Kapella vom Österreichischen Institut für Familienforschung. Jetzt beginnen sie, neue Dinge für sich zu entdecken. »Es ist eine Übergangsgeneration«, sagt der Soziologe. »Heute geht es nicht mehr darum, versorgt zu werden. Vor allem will sie romantische Gefühle ausleben«, meint der Singleforscher.

Genau danach sehnt sich Sabine. Die Niederösterreicherin hat klare Vorstellungen. »Ich will, dass es so ist wie im Film«, sagt sie. Sie will Blumen, Kerzenschein, Romantik, ein Rendezvous mit einem feschen Kerl. »Einen Anzug soll er tragen oder zumindest ein hübsches Sakko und dazu eine Hilfiger-Hose«, sagt die 47-jährige Sekretärin. Sie sitzt im Café Hawelka und streicht über ihre langen blonden Haare. Elegant sieht sie aus, mit dem dezenten Make-up und dem grauen Hosenanzug, der die schlanke Figur betont.

Seit zehn Jahren ist Sabine geschieden. Sie war 15 Jahre alt, als sie ihren Exmann kennenlernte. »Er war so ein richtiger Patrick-Swayze-Typ.« Sein Machogehabe imponierte ihr damals. Rasch wurde geheiratet, dann kamen die Kinder. Ihr Mann war oft auf Montage in Tunesien, Sabine blieb bei den Kindern in dem Einfamilienhaus in Hohenau.

Irgendwann wollte sie wieder als Sekretärin arbeiten, aber ihrer Schwiegermutter sei das nicht recht gewesen. Eine gute Mutter bleibe zu Hause und kümmere sich um die Kinder, hieß es. Zudem habe es in der Ehe gekriselt. »Mein Mann hat mich fertiggemacht, mich betrogen, mir gesagt, dass ich hässlich sei.« Irgendwann wurde es Sabine zu viel, und sie floh vor den Scheidungsrichter.

Heute genießt sie es, wenn ihr ein Galan mit Komplimenten schmeichelt. »Einmal habe ich einen Chemiker getroffen. Der hat mir gesagt, dass die Konsistenz meines Hinterns ein Wahnsinn ist«, erzählt sie und lacht. Noch immer erfreut sie die seltsame Huldigung. Sie würde sich zwar eine feste Beziehung wünschen, aber zusammenziehen oder heiraten möchte sie nicht mehr. »Die Zeiten, in denen ich so etwas wollte, sind vorbei«, sagt sie. »Ich hätte gern jemanden, der mit mir in Musicals oder ins Kaffeehaus geht.«

Die Suche nach dem Traummann hat sie noch nicht aufgegeben. Sie flirtet mit fremden Männern im Internetchat, ist nach der Scheidung mit ihren Nachbarn ausgegangen und mit Freundinnen durch Innenstadtlokale gezogen. »Ich will einfach das, was ich all die Jahre verpasst habe.«

Wer in vorgerücktem Alter auf der Suche nach der großen Liebe ist, kommt in der Regel an Linda Rybar nur schwer vorbei. Das 58-jährige Ernergiebündel ist eine Kupplerin aus Leidenschaft. Vor elf Jahren gründete sie Linda’s Singletreff, ein loses Netzwerk älterer Semester, die Anschluss suchen. Für sie organisiert Rybar Tanzabende, Ausflüge und Reisen. Über dreihundert Paare will die umtriebige Madame bereits zusammengebracht haben.

Auch am Abend des vergangenen Sonntags tummelten sich Rybars Schützlinge wieder auf dem Clubschiff Johann Strauss am Wiener Donaukanal. Die frühpensionierte Volksschullehrerin spricht extra laut und deutlich und langsam mit den Anwesenden. Sie alle sind über 45 Jahre alt, der älteste ist 92.

Es sind Männer und Frauen, die finanziell unabhängig sind. Endlich haben sie das lang ersehnte Häuschen am Stadtrand und können sich einen Karibikurlaub leisten. Doch sie sind allein. Zum alten Eisen zählen sie sich noch lange nicht, sollen andere ihre Abende vor dem Fernseher mit Rosamunde-Pilcher-Schmachtfetzen verbringen. Nahezu jeden Sonntag kommen sie hierher, um zu tanzen, zu trinken und zu flirten. »Gemeinsam statt einsam« lautet das Motto der Veranstaltung, die um 18 Uhr beginnt und früh ausklingt, damit das Partyvolk noch die letzte U-Bahn erwischt.

Damen in langen braunen Pelzmänteln, die oft Imitate sind, treten ein. Eleganz ist hier das Gebot der Stunde. Die Herren sind frisch rasiert, sie tragen zu viel Aftershave und häufig Krawatten. Heute ist Kostümnacht, daher mischen sich auch Scheichs, Hexen oder Teufelchen in das muntere Treiben. »Viele der Menschen hier sind einsam und freuen sich, wenn sie ein wenig Anschluss finden«, sagt Rybar. Für die meisten sei Freundschaft das Wichtigste in einer Beziehung, erklärt die Kupplerin, die jeden hier beim Namen kennt.

Zu ihren Erfolgsgeschichten zählen Traude und Peter. Vor vier Jahren lernte sich das Pärchen auf einer von Lindas Veranstaltungen kennen. »Er war ein richtiger Gentleman«, erzählt Traude und fährt sich durch die schwarzen Locken. Der schlanke 65-Jährige mit dem grauen Schnauzer habe ihr Komplimente gemacht, gefragt, ob sie in einen Jungbrunnen gefallen sei, weil sie so hübsch sei. Auch heute will die 63-Jährige nicht alt aussehen, die Haut ist solariumgebräunt, der Kajal dick gezogen, das enge Leopardenträgerrop tief ausgeschnitten.

Beide waren jahrzehntelang mit anderen Partnern verheiratet. Heute sind sie geschieden, sie, die Geschäftsfrau, die mit ihrem Exmann Büroartikel verkauft hatte, und er, der Hausmeister in einer großen Hausverwaltungsfirma. Peter gibt sich Mühe, seine Traude bei Laune zu halten. Er hilft ihr aus der Jacke, sie lächelt ihm zu. Er holt ihr ein Tonic von der Bar, sie küsst ihn. Beide sind passionierte Tänzer. Gelegentlich kommen Traude und Peter auch in die Kellerdisko des A-Danceclubs. Auch dort haben sie ihren Stammplatz. Sie hängen ihre Garderobe an einen Plastikbaum, der das skihüttenähnlichen Ambiente schmückt. Dann geht’s auf die Tanzfläche.

Amüsiert sieht Schwerenöter Emmerich zu den rüstigen Turteltauben hinüber. Er selbst tanzt lieber nicht. Für eine kleine Romanze würde er vielleicht ein paar Schritte riskieren. »Ich will nicht mehr die große Bindung. Das kann nicht funktionieren«, meint er. Und dennoch wird er am nächsten Mittwoch wieder hier auf Pirsch gehen.

Eeschienen in DIE ZEIT 06/2009

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