Herrn Kjaerums Empfehlungen

von Nina Brnada

Der Mann leitet eine Institution, das kaum jemand kennt. Die „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“ soll die EU gerechter machen. Rundgang in einem Elfenbeinturm.

Text: Nina Brnada

Morten Kjaerum greift in die linke Innentasche seines Sakkos, zückt ein dünnes Taschenbuch und streckt es in die Höhe. Als wäre es die Bibel. „Seht her,“ sagt er voll Inbrunst und wirkt dabei wie ein christlicher Missionar. „Das solltet ihr immer bei euch tragen.“

Zwanzig junge Menschen hören ihm zu. Deutsche, Slowakinnen, Spanierinnen und Briten. Und sie lachen. Denn weder ist Kjaerum ein Missionar, noch sein Buch die Bibel. Er ist Diplomat und das Schriftwerk, das er in Händen hält, eine Ausgabe der Deklaration der Menschenrechte. Klaerum will nicht predigen. Bekehren aber will er.

Seine Zuhörer sind Studienabsolventen aus der gesamten EU. Einige beobachten Kjaerum, andere schreiben ab, was an die Wand projiziert wird. Es sind Wörter wie „human right“ oder „dignity of the individual“. Begriffe, die sie in den kommenden Monaten noch oft lesen und schreiben werden.   Die jungen Frauen und Männer tragen elegante Schuhe, und Tücher um den Hals. Es ist der erste Tag ihres Praktikums. Hier in Wien, in der „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“.

Morten Kjaerum ist ihr zukünftiger Chef. Der 51-jährige Däne im teuren grauen Anzug und blauer Krawatte leitet die EU-Organisation seit ihrer Gründung, im März 2007.

Die Arbeit der Agentur beschränkt sich darauf, wissenschaftliche Analysen zu Grundrechten in den EU-Staaten zu publizieren. Das klingt einfacher, als es ist. Denn bevor etwas publiziert wird, muss sich erst ein komplizierter Apparat in Gang setzen:

Da gibt es einerseits die „Plattform für Grundrechte“. Sie ist ein Grundpfeiler der Organisation. Hier sollen NGOs aus der gesamten Union mit der Agentur zusammenarbeiten. Diese schlagen dann Theme für die Berichte vor und schicken diese an den Verwaltungsrat, die zweiter wichtige Säule der Agentur. Der Verwaltungsrat legt dann das Thema fest, über das geforscht werden soll. Und erst dann beginnt die wissenschaftliche Arbeit am Schwarzenbergplatz.

Die Ergebnisse sind Jahres- und Länderberichte zu bestimmten Aspekten der Grundrechte. Sie werden Vertretern von EU-Institutionen, Mitgliedsländern und Beitrittskandidaten ans Herz zu gelegt. Dann bleibt der Agentur nur noch die Hoffnung, dass sich irgendjemand dafür interessiert. Mehr nicht, denn die Ergebnisse der Analysen sind für die EU-Staaten nicht bindend. Die EU-Agentur ist also ein Institut, das Empfehlungen produziert.

Es ist ein langwieriger Kampf für eine gerechtere Union, den Kajerum führt. Doch anders als viele seiner Kollegen in Menschenrechtsorganisationen sitzt er nicht in vollgestellten Kammerln in billigen Wohngegenden und organisiert kleine Demonstrationen. Kjaerum hat tagein, tagaus mit wichtigen Menschen zu tun, mit Ministern und Botschaftern aus ganz Europa. Sein Büro ist mit dunklem Parkettboden ausgelegt, von der Decke hängt ein prächtiger Kristallluster. „Ich bin ein EU-Bürokrat,“ sagt er und lacht.

Er arbeitet im Zentrum Wiens, am Schwarzenbergplatz, in einem sechsstöckiges Gebäude. Auf der Beletage hängt die EU-Flagge. Kein massives Schild mit eingravierten Lettern, kein Name bei der Gegensprechanlage: nichts weist darauf hin, was hinter diesen Mauern liegt. „Ein Schild kostet eben viel Geld,“ scherzt ein Mitarbeiter.

Die EU verfügt über etliche Agenturen, die – schließlich will keiner benachteiligt sein – über alle Staaten verteilt liegen: In Griechenland etwa arbeitet die Agentur für den Wiederaufbau, in Finnland jene für chemische Stoffe. Und in Österreich eben jene für Grundrechte. Kaum jemand kennt sie, ihre Arbeit mündet nicht in Gesetze, de facto verfügen sie über keine Durchschlagskraft. Sie haben bloß eine einzige Waffe, und die heißt: Lobbying.

„Es sind vor allem die Abgeordneten der nationalen Parlamente, bei denen wir uns Gehör verschaffen müssen,“ erklärt Kjaerum seinen Praktikanten die Vorgangsweise. „Die kennen sich mit ihren eigenen Leuten aus. Und haben viel Einfluss.“

Kjaerum ist eloquent, die Zuhörer hängen an seinen Lippen. „Nur die wenigsten Menschen mögen es, gefoltert zu werden,“ sagt er. Und wieder lachen alle. Viele Büro-Mitarbeiter sind inzwischen den Geräuschen am Gang gefolgt und aus ihren Zimmern gekommen, sie stehen herum und lauschen ebenfalls. Es scheint, als würden sie gern wieder einmal daran erinnert, warum sie ihren Job eigentlich machen. „Er ist charismatisch und kann das,“ sagt einer über Morten. „Er macht das ja auch schon sehr lange.“

In seiner Heimat hat der Däne das renommierte „Dänische Institut für Menschenrechte“ gegründet. Heute betrifft seine Arbeit nicht nur ein Land, sondern die gesamte EU. Mit seinen 50 Mitarbeitern soll er die Grundrechte von mehr als 490 Millionen Menschen im Auge behalten, von der Gleichstellung der Geschlechter bis zu Kinderrechten oder dem Datenschutz. Die Aufgabe besteht darin, unzählige Statistiken auszuwerten, Berichte zu verfassen, Befragungen zu koordinieren und mit Politik und Zivilgesellschaft aus 27 Ländern zusammenzuarbeiten.

Das ist eine riesige Sache für ein kleines Team. „Aber bis 2013 wollen wir unseren Mitarbeiterstab mehr als verdoppeln,“ sagt Andreas Accardo, Sprecher der Agentur.

Er geht durch die langen Gänge. Recht und links ist alles weiß. Keine Bilder an der Wand, keine Pflanzen in den Ecken, keine Menschen, keine Geräusche. „Ich verirre mich hier immer wieder,“ sagt er. Der Deutsche öffnet ein Bürotür nach der anderen. Sie reihen sich aneinander, viele der Zimmer stehen leer. Eine Mitarbeiterin sitzt hinter ihrem Schreibtisch und isst Nudelsalat aus einer Tupperware-Schüssel. Immerhin: Da lebt noch etwas.

Zwei Stockwerke tiefer nimmt Morten Kaerum einen Schluck Kaffee. „Ich bin oft frustriert,“ sagt er. „Aber wir können wirklich etwas bewegen.“ Er lacht, weil er versteht, dass man Gegenteiliges glauben könnte. Er jedenfalls ist überzeugt, dass sich die mühsame Arbeit vieler NGOs und Menschenrechtsbehörden bezahlt gemacht hat. „Denken Sie zum Beispiel daran, dass man vor einigen Jahren über Homophobie kein Wort verloren hat. Heute ist das Mainstream.“ Veränderungen würden eben Zeit brauchen, sagt Kjaerum. Sie passieren in den kahlen Büros, wo Berge an Akten gesichtet und ausgewertet werden. In langen Sitzungen, in Ausschüssen und Gremien mit komplizierten Namen.

Kjaerum erzählt, dass er in den Siebzigerjahre als Jusstudent bei spanischen Bauern und bei Inuits in Alaska gelebt habe. Berührungsängste hatte er nie, und Scheu vor fremden Alltagsgewohnheiten ebensowenig. So gesehen, sind die EU-Bürokraten vielleicht auch bloß eine exotische Ethnie von vielen.

Erschienen in liga 04/2008

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