Ich Chef, ganz fix

von Nina Brnada

Sie wollen kleine Kaffehäuser, Dolmetschbüros und Imbissstände aufmachen. Deshalb treffen sie sich in der Wirtschaftskammer Floridsdorf-Donaustadt. Unternehmensgründung für Migranten – Lektion 1.

Text: Nina Brnada

Günther Triembacher ist ein Mann großer Worte. „Ich begrüße die vielen Menschen aus den vielen schönen Ländern dieser Erde,“ sagt er. Triembacher wirkt, also ob er im Fußballstadion vor tausenden Menschen eine Rede beginnen würde. Doch unter den rund 20 Leuten im kleinen Raum herrscht Schweigen. Dem Türken mit dichtem Oberlippenbart huscht ein Lächeln übers Gesicht, ebenso dem Iraker mit dem grauen Anzug. Es sind die Menschen mit so genanntem „Migrationshintergrund“, um die sich heute alles dreht. Das Wort „Ausländer“ meidet Triembacher wie der Teufel das Weihwasser. Man will Wertschätzung und Optimismus signalisieren, Politik und schlechte Stimmung scheinen hier fehl am Platz. „Wir bekennen uns zur Zuwanderung,“ sagt Triembacher staatsmännisch. Der Mann mit der weinroten Krawatte und der schweren goldenen Armbanduhr ist Leiter der Geschäftsstelle der Wirtschaftskammer (WKO) Floridsdorf-Donaustadt.

Vor der Eingangstür der Bezirksstelle steht auf einem Plakat das Motto der heutigen Veranstaltung: „Firmengründung – einfach uns schnell – Für UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund“. Schritt für Schritt sollen Interessierte mit „Migrationshintergrund“ zum Thema Unternehmensgründung informiert werden.

Der Vorraum der WKO-Zweigstelle ist ein schmuckloser Warteraum mit Garderobe. Heute Abend wurde er zum Empfangssaal umfunktioniert. Weiße Tischtücher sind über vier Stehtische gespannt und an den Tischbeinen mit roten Maschen zusammengebunden. An der Wand steht ein Tisch, auf ihm große Tabletts mit Frühlingsrollen, Maki, Nudeln und Litschi auf großen Tabletts bereit. Gegenüber ein Getränkebuffet mit Bier, Mineralwasser und Almdudler. „Denn eines ist uns ganz besonders wichtig,“ sagt Triembacher und lacht, „ein gutes Schluckerl und ein gutes Papperl – wie wir in Österreich sagen.“

Die Gäste scheinen es zu mögen. „Es ist sehr schön hier und sie sind alle nett,“ sagt eine der Besucherinnen, die aus Mazedonien stammt. Triembacher spricht bemüht deutlich, langsam und laut. Er wirkt dabei wie ein Geographielehrer, der seinen Schülern den Unterschied zwischen Tundra und Taiga erklärt. Aber anders als in der Schule stehen hier erwachsene Menschen, mehr Männer als Frauen, in Sakkos und Blazern. Sie hören aufmerksam zu. Es sind Menschen, die nicht in Österreich geboren wurden. Manche von ihnen sind Akademiker, andere Automechaniker oder Verkäufer. Die einen sprechen sehr gut Deutsch, die anderen verstehen vielleicht nur jedes dritte Wort. Sie alle sind Ausländer, sie alle wollen ihr eigener Chef im eigenen Betrieb sein.

Maritza Gutierrez ist eine von ihnen. Sie kam vor 18 Jahre nach Österreich, um in Wien zu studieren. Die 43-jährige Techniklaborantin überlegt seit vier Jahren, ein Lokal zu eröffnen. „Eines, wo man mit Kindern hingehen kann, wo sie nicht stören und wo man sich als Mutter oder Vater entspannen kann,“ erklärt sie mit spanischen Akzent.

Sie geht der kleinen Menschentraube nach in den Raum, wo der Vortrag stattfinden wird, wegen dem sie gekommen ist. Christian Wodon, der Vortragende, hantiert noch an seinem Laptop während sich seine Gäste um den Tisch drängen, der nahezu den gesamten Raum einnimmt. Manche von ihnen sitzen schon und kramen in den rot-weißen Mappen, die sie bekommen haben. Da sind Informationsbroschüren, Notizblöcke und rote Kugelschreiber mit dem WKO-Logo.

Wodon ist von der WKO und redet heute über Grundlagen. Gewerbeformen spricht er an, dann die Gewerbeordnung, Firmenbücher und notwendigen Voraussetzungen für bestimmte Berufe. Dass jemand Haare schneiden könne, heiße noch nicht, dass er auch einen Friseursalon aufmachen dürfe, sagt er. Es ist keine komplexe Materie, die er präsentiert, kein Expertenwissen, nur Basisinformationen. Der Tiroler spricht Worte laut und deutlich, er macht seine Aussagen so einfach wie möglich. Auf viele Halbsätze folgt ein „ja?“: „Sie müssen ganz genau wissen, was sie wollen, ja“ sagt er. Dann ein tiefer Einblick in fremdländische Mentalitäten: „Wissen Sie, ich habe die Erfahrung gemacht, dass vor allem die Herrschaften aus dem ehemaligen Ostblock sich alles aus der Nase ziehen lassen.“ Und eine prophylaktische Entschuldigung: „Bitte seien Sie mir nicht bös`“. Wodon faltet seine Hände wie zum Gebet und sagt: „Bitte, bitte, legen Sie die Karten auf den Tisch, ja. Sie brauchen ja keine Angst haben, dass Sie zu viel sagen. Die Zeiten der Geheimdienste sind vorbei, ja.“ Er zwinkert schelmisch. Seine Zuhörer schauen verlegen zur Seite.

Manche kritzeln ihre neuen Blöcke voll, andere hören nur interessiert zu. Dann endet der Vortrag, die Menschen schlendern wieder in den Vorraum und laden sich Maki auf ihre Teller. „Das war ein guter Vortrag, ein guter Anfang für die Selbstständigkeit“, sagt Dubravko Lukacic. Der Kroate lebt seit 19 Jahre in Österreich und war Manager bei einem Batterienhersteller. Heute ist die Firma in Tschechien und Lukacic ohne Job. Er träumt davon, sich als Handelsvertreter für technische Bauteile selbstständig zu machen. Wegen der Sprache macht er sich keine Sorgen. „Ich kann vielleicht nicht Thomas Mann übersetzen, aber für meinen Beruf reichen meine Sprachkenntnisse allemal.“

Daneben steht der 50-jährige Türke Soylu Nurkan. Im Gegensatz zu Lukacic hat er sich schon selbstständig gemacht. Nurkan betreibt einen Kebabstand in der Wiener Kaiserstraße. Probleme damit habe er erst kürzlich gehabt, erzählt er: Ein Verwandter Familienmitglied sei letztens vorbeigekommen um ihm ein wenig bei der Arbeit zu helfen, aber ausgerechnet an diesem Tag wurde kontrolliert. Nurkan musste Strafe zahlen. Dass eine solche Hilfe nicht erlaubt ist, versteht er nicht, klagt er im gebrochenen Deutsch. „Aber trotzdem – ich bin gern mein eigener Chef,“ sagt er und lacht.

Dann wendet sich Nurkan wieder seiner Gesprächspartnerin zu, Aysun Özkan, sie sprechen Türkisch miteinader. Auch sie war beim Vortrag. Nicht als Interessentin, sondern als Mitarbeiterin der Wirtschaftskammer. Sie ist Übersetzerin und kennen sich auch schon in der Materie ganz gut aus, ebenso wie ihre kroatische Kollegin, die ebenfalls dabei war. Bei Vortrag kommt Özkan oft zu Wort, nicht auf Türkisch, sondern Deutsch. Übersetzen muss sie diesmal nicht, denn die vier anwesenden Türken deuten, dass sie alles verstehen. Özkan springt ein, wenn Wodon sich einer Sache nicht sicher ist. Als er sich an sie wendet, spricht er ihren Namen falsch aus. Beim ersten Versprecher wird er noch von Özkans Landsleuten korrigiert. Wodon lächelt und entschuldigt sich, aber kurz darauf spricht er ihren Nachnamen wieder falsch aus. Während des Vortrages wird Wodon den Namen seiner türkisch stämmigen Kollegin immer wieder falsch aussprechen und immer wieder wird er fragen, wie es denn nun richtig heißt. Auf die Frage, die lange sie schon mit Herr Wodon zusammenarbeitet antwortet sie knapp: „Viereinhalb Jahre.“ Nachdem ihr Kollege Wodon zum vierten Mal ihren Namen falsch ausspricht, fragt er verlegen: „Frau Kollegin, stört Sie das etwa.?“ Özkan antwortet ruhig: „Ich habe mich schon daran gewöhnt.“

Ort: WKO Floridsdorf-Donaustadt, gleich beim Franz-Jonas Platz, 22. Bezirk.

Zeit: Mittwoch, 05. Novermber 2008, 18:30h

Erschienen in liga 04/2008

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