Kajal und Kalaschnikow

von Nina Brnada

Sie lieferte den Soundtrack für das Regime von Slobodan Milosevic. Heute ist Svetlana „Ceca“ Raznatovic eine der bekanntesten und mächtigsten Frauen des ehemaligen Jugoslawien. Porträt einer Geschäftsfrau.

Svetlana Raznatovic, aka Ceca

Text: Nina Brnada
Fotografie: Colorpress
Die Serben fürchten die Albaner. Auch in Wien. „Man erzählt sich, dass sie vorhaben, hier eine Bombe hochgehen zu lassen“, sagt ein junger Mann mit Lederjacke und Gelfrisur. Die Stimmung vor der Wiener Großraum­disco Nachtwerk im 23. Wiener Gemeindebezirk ist angespannt. Mehr noch als sonst. Muskelbepackte Türsteher untersuchen jeden Besucher mit ihren Metalldetektoren, tasten Hosenbeine ab, schauen misstrauisch in Damenhandtaschen. Es herrscht höchste Alarmbereitschaft. Sogar die Polizei-Sondereinheit WEGA ist vor Ort. Rund um die Disco sind vier Streifenwägen postiert. Drinnen patrouillieren ebenfalls vier Polizisten.Das Nachtwerk ist seit 15 Jahren einer der Treffpunkte der ex-jugoslawischen Szene in Wien. Das Tanzlokal, eine ehemalige Lagerhalle im menschenleeren Industriegebiet in Liesing, ist an diesem Samstag im März gut besucht. Es sind zum Großteil Serben, wie an jedem Abend. Rund 400 Autos parken auf dem großen Platz vor der Disco. Lichterketten zieren die Glasfensterreihe im ersten Stock des alten Backsteinge- bäudes. Seit der Unabhängigkeit des Kosovo ist es auch in Wien vereinzelt zu Ausschreitungen von Serben gegen Albaner gekommen. Doch nicht nur deshalb gelten heute im Nachtwerk verschärfte Sicherheits­be­stimmungen. „Es ist halt die Ceca“, sagt einer der Polizisten. „Da ist es doch klar, dass wir anwesend sind.“

An diesem Abend tritt im Nachtwerk nicht nur Serbiens größter lebender Popstar auf. Ceca, mit bürgerlichem Namen Svetlana Raznatovic, ist weit mehr als die erfolg- reichste Turbofolk-Sängerin des Balkans. Sie ist millionenschwere Geschäftsfrau mit besten Kontakten zur serbischen Mafia, Eigentümerin eines erfolg­reichen Fußball- klubs, Witwe des ermordeten Kriegsverbrechers Zeljko Raznatovic und popkulturelles Symbol des Regimes von Slobodan Milosevic. Seit 15 Jahren liefert Ceca den Soundtrack für den serbischen Nationalismus.

In den Kriegsjahren sangen die serbischen Soldaten ihre Lieder an der Front. Nach dem Krieg beschuldigte man Ceca der Mafia-Kollaboration, des Diebstahls und der Steuerhinterziehung und boykottierte ihre Musik. Ihrer Karriere tat das keinen Abbruch. Im Jahr 2006 spielte sie in Belgrad vor 150.000 Menschen. In Wien warten bereits einige hundert Zuseher seit Stunden auf ihr Idol, als die Diva gegen 22 Uhr in einer weißen Stretch­limousine vorfährt. Es sind hauptsächlich junge Frauen, die sich um die kleine Bühne scharen und auf ihr Idol warten.

Die Männer hingegen stehen an den Bar und trinken Corona-Bier um 4,50 Euro die Flasche. Gegen Mitternacht betritt Ceca die Bühne. Zunächst sieht man nur ihre Silhouette. Sie trägt ein enges, bodenlanges, beiges Seidenkleid. Ihr Dekolleté ist gekonnt zusammengeschnürt – sie will zeigen, was sie hat. Und sie findet Nachahmer: Das weibliche Publikum singt lauthals mit und imitiert die Gebärden des serbischen Popstars. Während sie singt, streicht sie sich immer wieder ihre langen braunen Haare aus dem Gesicht. Cecas Bewegungen sind nicht rhythmisch, nicht ausgefeilt – daran erkennt man sie noch, die junge Ceca, deren Karriere im Jahr 1987 bei einem Folklore-Festival in der kleinen Ortschaft Ilidza nahe Sarajevo begann.

Svetlana Raznatovic, aka Ceca
Für die Mafia ebenso attraktiv wie für den Boulevard: Ceca, First Lady des kriegerischen Serbien

Ceca war damals 14 Jahre alt und trug noch ihren Mädchennamen Velickovic, Vorname Svetlana. „Ich bin ein zänkisches Blümchen, so leicht wirst du mich nicht pflücken“, sang sie in ihrem Debüt-Song „Cvetak Zanovetak“, mit dem sie in Ilidza ihren ersten Talentwettbewerb gewann. In den damaligen TV-Aufzeichnungen wirkt das Mädchen unbeholfen und krampfhaft ehrgeizig. Sie sieht etwas verloren aus, wie sie mit ihren auftoupierten schwarzen Haaren und den dick geschminkten Lippen in der Mitte der Bühne steht und sich zur Akkordeonmusik windet.

Ihre Bewegungen sind steif und unnatürlich, das junge Gesicht verbirgt sie kokett hinter dem Kragen ihrer bleichen Jeansjacke. Um sie herum tanzen dutzende gleichaltrige junge Frauen und Männer den „Kolo“, ­einen traditionellen balkanischen Tanz, der dem griechischen Sirtaki ähnelt. Im selben Jahr erscheint Cecas erstes Album. Es ist der Anfang einer steilen Karriere als Sängerin und Geschäftsfrau.

Als Ceca zum ersten Mal über zänkische Blümchen singt, ist der Zerfall des kom- munistischen Jugoslawien bereits absehbar. Im folgenden Jahr wird Slobodan Milosevic Präsident. Sein Amtsantritt markiert den Beginn eines Dramas der Überheblichkeit und der Vetternwirtschaft, das in einem blutigen Bürgerkrieg mündet. In den Hauptrollen: Milosevic und seine Gefolgsleute. Sie sollten maßgeblich für den Zerfall Jugoslawiens verantwortlich sein und Serbien in eine jahrelange Isolation führen. In den Neben- rollen: Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, Kriegsverbrecher und Anführer der para- militärischen Miliz „Arkans Tiger“, und seine spätere Ehefrau, Svetlana „Ceca“ ­Velickovic. Sie liefert den Soundtrack für Milosevics Streben nach Groß-Serbien.

Es ist ein Drama, das nachwirkt: Rund die Hälfte der Wähler bei der Präsidentenwahl am 3. Februar dieses Jahres stimmte für Tomislav Nikolic. Er ist Vizechef der Serbi- schen Radikalen Partei (SRS), die auch bei der Parlamentswahl 2007 rund ein Drittel der Serben für sich gewinnen konnte (siehe „Frage an die Maus“). Sein Vorgesetzter, SRS-Chef ­Vo­jislav Seselj, sitzt in Den Haag wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in Untersuchungshaft.

Wenn Cecas Ehemann Arkan nicht bereits im Jahr 2000 gestorben wäre, würde er heute das Schicksal von Seselj teilen. Auch er, einer der treuesten Krieger Milosevics, war in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. „Hätten alle so gekämpft wie mein Zeljko, hätten wir Serben den Krieg nicht verloren“, sagte Ceca nach Arkans Tod voller Stolz in einem Fernsehinterview. Die beiden lernten einander im Jahr 1993 bei der Feier zum dritten Jahrestag der Gründung der „Tiger“ kennen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, wird Ceca später erzählen. Ihre Vermählung mit Arkan markierte den vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Sie war die Schöne, er das Biest. Der serbische Chauvinismus hatte sein Vorzeigepaar gefunden. Ceca wurde zur First Lady der serbischen Kriegswelt.

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„Niemand kann uns irgendetwas anhaben, wir sind stärker als das Schicksal“, sang das Paar in einem Duett auf ihrer Hochzeit am 15. Februar 1995. Die Feier wurde vom Staatsfernsehen Milosevics live übertragen. Arkan war fast doppelt so alt wie seine damals 22-jährige Frau. „Meine Eltern sind furchtbar stolz, weil ich die Frau unseres größten Helden sein werde“, sagte diese laut der britischen Wochenzeitschrift Observer vor ihrer Hochzeit. Ceca trug ein weißes Kleid mit Rüschen und breiter Krempe, er eine serbische Offiziersuniform aus dem Ersten Weltkrieg. Ein orthodoxes Kreuz aus Gold zierte Arkans Brust – als Ausdruck des serbischen Nationalismus, der seine Auferstehung feierte.

Cecas wallende Mähne ist heute rückenlang, ihr Körper durch Schönheitsoperationen verändert: Die Lippen sind praller, der Busen deutlich größer. Die ­Jeansjacke hat die Serbin gegen hautenge Tops getauscht. Lasziv, geheimnisvoll und sexy: So gibt sich Serbiens größter lebender Popstar heute. Früher stand Ceca für das marode Milose- vic-Regime, inzwischen repräsentiert ihre Musik den Nationalismus im demokratischen Serbien. Seit den Neunzigerjahren bewohnt Ceca eine Villa im Belgrader Nobelviertel Dedinje. Ruhiger als Wien-Döbling, prächtiger als Beverly Hills steht das Viertel wie kein anderes für Aufstieg und Fall der Kriegs­eliten Serbiens. Wer es während der Bal­kankriege zu Ruhm und Reichtum gebracht hat, ließ sich hier nieder.

Die Straßen sind breit und kopfsteingepflastert, es herrscht Fotografierverbot, Löwen aus Marmor säumen die elektrischen Tore, meterhohe Zäune schützen die mehrstöckigen Villen der Superreichen. Auch um Cecas Anwesen verläuft ein hoher Zaun. Ihr verstorbener Mann hatte das Haus 1986 erbauen lassen. Heute lebt Ceca mit ihren beiden Kindern in der Villa. Viele der Bewohner von Dedinje landeten in den ver- gangenen Jahren in den Gefängniszellen von Den Haag. Auch Slobodan Milosevic wohn- te hier. Ceca war seine Nachbarin. Der Ruhm ihres Mannes als Anführer der berüch- tigsten Miliz Serbiens und seine guten Kontakte zum Regime beschleunigten die Kar- riere der Sängerin. Ihre Musik, eine schrille Mischung aus traditionellen Folklore- klängen und Elektrobeats, war kein neues Genre.

Vielmehr machte sie eine Musikrichtung bekannter, die in Jugoslawien etwa Mitte der Achtzigerjahre entstanden war: den Turbofolk. Er ist bis heute die beliebteste Pop- Spielart am Balkan. Gesungen wird er meist von knapp bekleideten, stark geschmink- ten Frauen. Schnelle Beats stampfen zu folkoristisch klingenden Akkordeons. Der Turbofolk verknüpft traditionelle Folklore mit moderner Clubkultur. „Die Musik diente als eine Art Flucht aus der tristen Wirklichkeit des Krieges“, beschreibt die serbische Kommunikationswissenschaftlerin Zorica Tomic von der Universität Belgrad das Phäno- men Turbofolk. Während des Balkankrieges wurde Ceca zur Königin dieses Trash- Genres. Die Themen ihrer Songs: Luxus, Liebe und Leidenschaften. „Ihre Lieder wur- den von den Serben an der Front gehört“, erinnerte sich ein kroatischer Kriegsvete- ran nach dem Krieg in einer kroatischen TV-Diskussionssendung.

Keine bedeutende Familie, kein Vermögen, keine erlesene Erziehung ebneten der jun- gen Svetlana Velickovic den Weg zu ihrem Erfolg. Sie kam am 14. Juni 1973 in einem 3.000-Einwohner-Dorf in der Nähe von Nis zur Welt. Nis ist die zweitgrößte Stadt Serbiens und liegt rund 300 Kilometer südostlich von Belgrad. „Bereits als Kind wollte ich berühmt werden“, wird sie später sagen. Nach ihren ersten Auftritten in Serbien wurde Esad Samardzic auf sie aufmerksam. „Damals hat sie in ein paar lausigen Bars in Serbien gespielt. Zu mir ist sie gekommen, um groß zu werden“, sagte ihr 49-jähriger Ex-Manager kürzlich in einem Interview mit der kroatischen Wochenzeitschrift Arena.

Er hatte die junge Sängerin Ende der Achtziger nach St. Gallen in die Schweiz geholt, wo er eine Diskothek führte. Dort sollte sie vor Gastarbeitern aus dem ehemaligen Jugoslawien singen. Samardzic machte aus ihr einen Star. „Sie war bereit, wirklich alles für ihre Karriere zu tun. Sie ging damals mit jedem ins Bett, bei dem sie sich einen Vorteil für ihre Karriere erhoffte“, erzählt Samardzic. Damals verdiente Ceca umge- rechnet rund 1.200 Euro pro Wochenende in der Disco. Ihr heutiges Vermögen wagt niemand auch nur zu schätzen. In der Milosevic-Ära ging Cecas Popularität Hand in Hand mit jener des serbischen Fernsehsenders Pink TV, der Anfang der Neunziger- jahre entstand. Heute ist Pink TV der beliebteste Kanal Serbiens. Sein Programm: Musikvideos und Talk­shows. Der Sender stand zunächst im Eigentum von Mirjana Markovic, der heutigen Witwe von Slobodan Milosevic.

Arkan

Heute gehört Pink TV dem Geschäftsmann Zeljko Mitrovic, einem langjährigen Freund der früheren Eigentümerin. Auch mit Ceca verband Mitrovic eine enge Freundschaft. Sie ist Taufpatin einer seiner Töchter. Über mehrere Jahre liefen Cecas Songs auf Pink TV nahezu in Endlosschleifen. Doch die Freundschaft zwischen dem TV-Macher und der Sängerin zerbrach an Cecas Mafia­kontakten. Mit den Worten „Er weiß nicht wohin mit seinem Geld“, soll Ceca den Pink-TV-Chef der Mafia als Entführungsopfer vorgeschla- gen haben. So erzählte es zumindest Dejan Milenkovic, Untergrundboss des Zemun- Clans, als er als einer der Angeklagten in einem Mordprozess aussagte. Seiner Mafia- organisation wird die Ermordung des ehemaligen Premierministers Zoran Djindjic angelastet.

Ceca weigerte sich stets, zu den Anschuldigungen des Mafiabosses Stellung zu neh- men. Nur so viel: „Milenkovic sagt die Unwahrheit.“ Doch der Pink-TV-Chef glaubte dem Mafiosi. Auf seinem Sender gilt Ceca seit Anfang 2007 als „persona non grata“: keine Berichte, keine Musikvideos, keine Talk­showauftritte. Der populären Sängerin schadete dieser Boykott nicht im Geringsten. Nicht zum ersten Mal wurde über ihre Musik ein Bann gelegt.

Bereits 2003 nahmen mehrere serbische Musikkanäle ihre Songs aus dem Programm. Grund dafür war damals ihre Festnahme wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Die ser- bische Polizei hatte bei einer Hausuntersuchung nach der Ermordung von Zoran Djin- djic ein regelrechtes Waffenlager in ihrem Keller entdeckt. „Ich wusste nicht, dass sich die Waffen in meinem Haus befinden“, beteuerte sie später. Die Gasmasken, Schalldämpfer, Maschinenpistolen und Schlagstöcke im Keller hätten ihrem verstorbe- nen Mann gehört, behauptete sie. „Arkan hatte eine große Vorliebe für Waffen. Und ich hatte überhaupt keinen Schlüssel zu diesem Raum.“

Neben den Waffen wurden einige Autokennzeichen gefunden, die auf Fahrzeuge von Zemun-Clan-Mitgliedern zugelassen waren. Die serbischen Behörden vermuteten Verbindungen zwischen Ceca und dem Clan. „Die Mafia in Serbien ist nicht als eine Reaktion der Unterdrückten gegen das System zu verstehen“, erklärt Zoran Dragisic von der Universität Belgrad. „Sie war vielmehr integraler Teil des Milosevic-Staates.“ Genau wie Ceca. Sie hatte mehreren Mitgliedern des Zemun-Clans über Jahre nahe- gestanden. Vier Monate verbrachte sie in Untersuchungshaft. „Ich bin eine ganz normale Frau und empfinde auch wie eine solche. Das Schlimmste war, dass ich meine Kinder nicht sehen konnte“, sagte sie später über ihre Zeit im Gefängnis. Der Ver- dacht gegen sie hatte sich nicht erhärtet: Ceca kam frei.

Weniger Glück hatten ihre Freunde aus der Mafia: Milorad Lukovic wurde 2007 zu einer Haftstrafe von 40 Jahren verurteilt. „Legija“, so sein Spitz­name, zu Deutsch Legionär, war hohes Mitglied des Zemun-Clans und gilt heute als einer der Drahtzieher des Mordanschlags auf Zoran Djindjic. Er war Trauzeuge bei der Hochzeit von Ceca und Arkan. Nach Arkans Tod soll Ceca eine Affäre mit Legija gehabt haben. „Er war ein guter Freund. Ich persönlich kann nichts gegen ihn sagen“, sagte sie nach seiner Verurteilung. Während der Balkankriege war Legija stellvertretender Chef von Arkans Tiger-Miliz und Anführer der serbischen Paramiliz Rote Barette. Offiziell galt die Orga- nisation als Anti­terror-Einheit Milosevics, sie war aber auch für zahlreiche Massaker in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und im Kosovo verantwortlich. Die Truppen von Arkan und Legija waren das Fundament, auf dem das Milosevic-Regime Groß-Serbien bauen wollte.

Nach dem endgültigen Scheitern dieses Traumes und dem Kriegsende 1995 wandte sich Arkan scheinbar von seiner kriegerischen Vergangenheit ab. Durch Benzin- und Waf- fenschmuggel war er während der Kriegsjahre zu einem der reichsten Männer Serbiens geworden. ­Bereits vor dem Krieg hatte er für den damaligen jugoslawischen Geheim- dienst ­UDBA gearbeitet. In dieser Funktion soll er mehrere politische Morde an opposi- tionellen Exiljugoslawen verübt haben. Daneben war Arkan ein berüchtigter Bankräu- ber in Belgien, Deutschland und den Niederlanden. „Mein Mann hatte eben eine turbu- lente Jugend – das ist kein Geheimnis“, sagte Ceca in einem Interview über die „Liebe ihres Lebens“.

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Im Jahr 1986 kehrte Arkan nach Serbien zurück. Dort wurde er Vorsitzender des Fanklubs der Fußballmannschaft Roter Stern Belgrad. 1995 wollte er den Klub kaufen, scheiterte jedoch am Veto des Vereins. Daraufhin kaufte er den Fußballklub Obilic, einen Amateurverein aus der Dritten Liga. Die Mannschaft stieg bald zwei Divisionen auf, wurde 1998 serbischer Meister und spielte im selben Jahr in der Champions Lea- gue. Für den Aufstieg seiner Mannschaft war Arkan jedes Mittel recht: Gegnerische Teams sollen bedroht, Trainer, die ihre Spieler nicht verkaufen wollten, sogar kurzer- hand erschossen worden sein.

Die UEFA kritisierte in den Neunzigern mehrfach, dass ein mutmaßlicher Massen- mörder an der Spitze eines UEFA-Klubs stand. Laut einem aktuellen Bericht des serbischen Fernsehsenders B-92 soll Arkan deshalb geplant haben, den UEFA-Chef Lennart Johansson zu ermorden: Er sollte in Wien von Arkans Leuten erschossen werden. Der Mordplan sei nur deshalb nicht durchgeführt worden, weil sich „keine günstige Gelegenheit dafür“ geboten habe, berichtete der Sender.

Während der Champions League 1998 verbot die UEFA dem mutmaßlichen Kriegsver- brecher, an der Eröffnung eines Spiels seiner Mannschaft gegen den FC Bayern in München teilzunehmen. Seine Frau Ceca reiste an seiner Stelle nach Deutschland. Ein Jahr später übernahm sie den Verein. Er gehört ihr bis heute. Erst Anfang Februar brachte der Fußballklub Ceca wieder einmal in die serbischen Schlagzeilen. Zarko Nikolic, ehemaliger Präsident von Obilic, behauptete, fünfzig Millionen Euro seien aus der ­Gemeinschaftskassa gestohlen worden.

Mutmaßliche Diebin: die Eigentümerin des Fußballklubs. Nikolic beschuldigte sie, Teil eines verbrecherischen Netzwerks zu sein, das die Serben schlicht „Fußballmafia“ nennen: Gewinne durch Spielertransfers würden in ganz Serbien im großen Stil zur Geldwäsche missbraucht. Die Obilic-Eigentümerin sei eine „Kriminelle“, eine „Mafia- braut“, eine „Terroristin“. Ceca nannte Nikolic daraufhin einen „pathologischen Lügner“ und verließ Serbien. Sie verbrachte mehrere Wochen auf Zypern, wo sie laut Medienberichten ihr Vermögen auf Bankkonten in Sicherheit brachte. Erst eine Woche vor ihrem Wiener Auftritt kehrte sie von der Mittelmeerinsel zurück. In der Disco Nachtwerk lässt sie sich von den Strapazen der vergangenen Wochen nichts anmer- ken. Wieder singt sie lauthals jenes Lied, das sie ihrem Arkan gewidmet hat. „Niemand wird jemals an dich herankommen“, heißt es darin.

Der Niedergang des serbischen Traumpaares begann 1998. Arkan wurde vom UNO- Tribunal in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagt. „Zeljko Raznatovic wäre bestimmt nicht in Den Haag gelandet“, meinte Ceca nach seinem Tod in einem TV- Interview. Arkans Leben fand am 15. Jänner 2000 im Belgrader Hotel Intercontinental ein abruptes ­Ende. Laut Polizeibericht starb er durch vier Pistolenschüsse. Er hatte mit seinen beiden Leibwächtern in der Lobby auf Ceca und ihre Schwester gewartet, die sich in der Hotelboutique aufhielten. Wer Arkans Mörder war, ist bis heute nicht geklärt. Die Verurteilung eines Ex-Polizisten im Jahr 2001 wurde aufgehoben.

„Er starb in meinen Armen“, sagte Ceca später stets über den Tod ihres Mannes, der ihr ein „großartiger Ehemann“ und ihren Kindern „ein toller Vater“ gewesen sei. Sie stilisiert sich bis heute gerne als tragische Gestalt, die dem Schicksal ihrer Liebe hof- fnungslos ausgeliefert ist. „Nicht einmal in Hollywood findet man eine Liebesgeschichte wie die meine“, sagte sie zum Observer.

Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes feierte Ceca ihr großes Comeback. 100.000 Fans waren ins Stadion des Fußballklubs Roter Stern Belgrad gekommen, eines der größten Stadien Europas. Sie betrat die Bühne mit ihrer damals dreijährigen Tochter Anastasija und ihrem fünfjährigen Sohn Vjeko. Die beiden sind das, was von Arkan geblieben ist. ­Cecas bodenlanges Kleid bestand aus zwei Teilen. Rechts schwarz, an der Hüfte zusammengebunden, links beige und glitzernd. Sie wirkte fast nackt. Ceca sang „Djurdjevdan“, ein traditionelles Balkanlied über eine verflossene Liebe. Ihr fünf- jähriger Sohn tanzte zum Gesang seiner Mutter, mit erhobenen Armen. An beiden Hän- den hielt er drei Finger aus­gestreckt. Es ist das Symbol der serbischen Nationalisten.

Was bringen die serbischen Parlamentswahlen?

Die serbische Regierung ist an der Kosovo-Frage zerbrochen. Dabei war sie gerade einmal zehn Monate im Amt. Das Thema Kosovo, das Serbien zurzeit wie kein anderes beschäftigt, hilft vor allem der Radikalen Partei Serbiens (SRS) im Wahlkampf. Mit ihrem starren Anti-EU-Kurs hat die Partei gute Chancen, auch aus der kommenden Parla- mentswahl als Sieger hervorzugehen. Schon bei der vergangenen Wahl im Jänner 2007 wurde die SRS mit 30 Prozent der Stimmen stärkste Fraktion, blieb aber der Regierung fern. Wie viel Macht die Radikalen sogar in der Oppositionsrolle besitzen, demon- strierte die Parteispitze vor einigen Wochen mit einer Resolution im serbischen Parla- ment, wegen der die Regierung letzlich zerbrach.

Die Radikalen wollten beschließen, dass Serbien nur dann Mitglied der EU werden könne, wenn der Kosovo Teil des Staates bleibt. Die Demokratische Partei Serbiens (DSS) unter Ministerpräsident Vojislav Kostunica unterstützte den Antrag. Ihr Koali- tionspartner, die Demokratische Partei (DS) unter Staatspräsident Boris Tadic, lehnte ab: Sie wolle die EU-Mitgliedschaft nicht von der Kosovo-Frage abhängig machen. Zur Abstimmung kam es aber nicht: Kostunica trat wegen „fehlender gemeinsamer Politik“ als Premier zurück. Die Neuwahl ist für den 11. Mai angesetzt.

Anders als nach der vergangenen Wahl kann sich die DSS nun eine Koalition mit den Radikalen gut vorstellen. Laut serbischen Medienberichten verhandelt Kostunica bereits mit der SRS über eine mögliche Regierung nach der Wahl. Der Chef der Radi- kalen Partei, Vojislav Seselj, sitzt seit 2006 in Den Haag in Haft. Er muss sich vor dem internationalen Kriegsverbrechertribunal verantworten. Der Vize-Chef Tomislav Nikolic führt erneut einen Anti-EU-Wahlkampf, der ihm schon 2007 zum Wahlsieg verhalf – er eifert damit dem inhaftierten Parteichef nach, der ein Buch mit dem Titel „Die EU ist ein satanistisches Gebilde“ verfasste. Die Anerkennung des Kosovo durch einige EU-Staaten hat den Unmut der serbischen Bevölkerung gegen die Union noch verstärkt. Umfragen prognostizieren der SRS ein Wahlergebnis von bis zu 40 Prozent.

Erschienen im Datum 05/2008
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