Kroatische Nette Leit’ Show

von Nina Brnada

Sead Hasanovic fühlt sich als der Nelson Mandela der Roma. Seine Fernsehauftritte ähneln eher denen von Hermes Phettberg. Jetzt will Kroatiens bekanntester Zigeuner die Politik aufmischen.

Text und Fotografie: Nina Brnada
BRANKOEr ist dick, geschleckt und sieht aus wie eine verkrachte Existenz aus dem Bahnhofscafé. Die Rolle des prototypischen balkanischen Rom beherrscht Sead Hasanovic wie kein anderer: schmieriges, zahnloses Grinsen, dreckige Witze, hastige, scheinbar unkontrollierte Körperbewegungen. Urig und unmündig gibt sich „Braco Cigan“ („Brüderchen Zigeuner“) in seiner Lebensrolle des Klischeezigeuners. In der samstagabendlichen Call-in-Sendung „Nocna mora“ („Alptraum“) des Zagreber Lokalfernsehsenders ZT1 gilt Hasanovic als einer der großen Stars. Die Bühne der Late- Night-Show teilt er sich abwechselnd mit einem obdachlosen Alkoholiker, einem Transvestiten und anderen mehr oder weniger skurrilen Randexistenzen der kroatischen Gesellschaft.Es gibt aber auch noch eine andere Seite Hasanovics: die des Kämpfers für die Rechte der Roma. Deshalb geht der 54-Jährige diesen Monat als unabhängiger Kandidat bei der kroatischen Parlamentswahl ins Rennen. Acht Mandate sind in der 152-köpfigen Sabor, dem Zagreber Parlament, für die Vertreter von Minderheiten reserviert – eines davon will Hasanovic erobern. Sollte es gelingen, wäre das die Krönung einer einzigartigen Karriere.

Nach dem Grundschulabschluss folgte das, was Hasanovic „die Schule des Lebens“ nennt: Er landete auf der Straße und schlug sich als Schuhputzer und Obstverkäufer durch. Zwischendurch heiratete er, bekam zwei Kinder und hat mittlerweile schon fünf Enkel. Den „Nocna mora“-Erfinder Zejlko Malnar lernte der heutige Präsident des „Vereins der Roma in Kroatien“ – Vereinssitz ist eine kleine Kantine in Zagreb, die er mit seiner Familie betreibt – schon in seiner Zeit auf der Straße kennen. Für seine Auftritte in der Sendung bekommt Hasanovic bis heute kein Geld. „Ich mache das nur aus Liebe zu Zeljko. Er war schon immer einer der wenigen Kroaten, die ein Herz für Zigeuner haben.“

Malnar, prominenter Kolumnist und Dokumentarfilmer, dessen Vorliebe für Randerscheinungen sein publizistisches Werk prägt, ist der Chef des beliebten „Nocna mora“: Im benachbarten Bosnien-Herzegowina zählt sie bis heute zu den meistgesehenen Sendungen, von der Stadt Zagreb bekam sie den Preis für die „populärste humoristische Sendung“. Immer wieder sind Personen des öffentlichen Lebens zu Gast. So wie Vesna Skare-Ozbolt, kroatische Ex-Justizministerin und Noch-Parlamentsabgeordnete, die im Sommer durch ihre Schönheitsoperationen das Interesse des Boulevards auf sich zog. Skare-Ozbolt saß bis in die frühen Morgenstunden im schäbigen TV-Studio und ließ sich die Fragen der tragikomischen Protagonisten und der Anrufer gefallen.

Formaterfinder Malnar ist nicht nur hinter den Kulissen tätig; manchmal rückt er selbst ins Studiobild und setzt sich zu seinen Schützlingen, die meist über Sex und Politik oder einfach nur irgendwas reden. Meistens jedoch scheucht er sie per Lautsprecher durchs Studio und gibt ihnen Regieanweisungen, was sie als Nächstes tun sollen. Auf diesem Weg brachte er Braco Cigan einmal dazu, sich eigenhändig und live auf Sendung einen Zahn zu ziehen. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass „Brüderchen Zigeuner“ Zähne zeigte. Als er 2003 erfolglos für eine istrische Kleinpartei kandidierte, erreichte sein Zahnfetisch durch eine TV-Konfrontation im Vorfeld der Wahl Kultstatus. Sein damaliger Wahlslogan war „Ich werde ihnen die Zähne zeigen“– was er im Handumdrehen in die Tat umsetzte: Während der Sendung zückte er seine Dritten und streckte sie der Kamera entgegen. Das heurige Motto Braco Cigans lautet „Wir sind alle Zigeuner“.

Ursprünglich wollte er diesmal für die slawonische Regionalpartei HDSSB (Kroatische Demokratische Vertretung von Slawonien und Baranja) antreten, die von dem rechtspopulistischen Ex-General Branimir Glavas gegründet wurde. Den hatte die Regierungspartei HDZ (Kroatische Demokratische Union) nach internem Zwist vor zwei Jahren ausgeschlossen. Damit nicht genug, wurde Glavas im Frühjahr der Kriegsverbrechen gegen serbische Zivilisten in Osijek in den Jahren 1991 und 1992 angeklagt. Braco Cigan scheint das wenig zu stören. Er nennt Glavas bis heute einen „sympathischen General“. Der aber überlegte es sich im letzten Moment anders – und strich Hasanovic wieder von der Liste, so dass dieser bei seiner Kandidatur für eines der Minderheitenmandate wieder auf sich selbst angewiesen ist.

Dabei ist das Minderheitenwahlrecht in Kroatien schon kompliziert genug. Auf die serbische Minderheit entfallen gleich drei Sitze, Italiener und Ungarn bekommen jeweils einen eigenen Mandatar. Tschechen und Slowaken müssen sich auf einen Vertreter einigen, ebenso die Volksgruppen Ex-Jugoslawiens. Die restlichen Minderheiten haben ebenfalls einen gemeinsamen Vertreter.

Sollte Braco Cigan die Wahl tatsächlich für sich entscheiden, würde er auch die restlichen zwölf Minderheiten im Parlament vertreten. Neben den Roma wäre er dann unter anderem für die deutschsprachigen, polnischen und jüdischen Minderheiten zuständig. Für diese wäre das scheinbar kein Problem: „Ich denke nicht, dass wir Hasanovic gegenüber Vorbehalte haben werden, falls er es schaffen sollte, die Roma zu den Urnen zu bringen“, sagt Nikola Mak, der Vertreter der deutschsprachigen Minderheit. Bracos Wahlziel könnte ihm allerdings zu denken geben: Er will sich dann vor allem für bessere Infrastruktur in den Romasiedlungen einsetzen.

Erschienen im Datum 11/2007
Advertisements