Sieben magere Jahre

von Nina Brnada

Sie verteilten Gulasch, machten das Vollkornbrot populär und ihr größter Held war Vegetarier. Die Nazis und ihr Essen.

Text: Nina Brnada

Diesen Tag wird Grete Majer nicht vergessen. Sie hat noch den Geruch in der Nase. Rindfleisch, Kartoffeln, Zwiebeln. Der Dampf stieg aus großen Kesseln. „Auf dem Matzlein sdorfer Platz, wo ich mit meiner Mutter war, standen 15 massive Gulaschkanonen.“ Lange Schlangen hatten sich davor gebildet. Jeder wartete auf seine Portion, die Schüssel in der Hand. Es war der Tag, an dem Österreich zur Ostmark wurde. Und wohlgenährte deutsche Soldaten mit Hakenkreuzbinden Gulasch verteilten.

Grete Majer ist heute 86 Jahre alt. Dass sie als Kind Gulasch aus der Kanone aß, war kein Zufall – es war Teil der nationalsozialistischen Propaganda. Wie Heilsbringer wollten die Soldaten wirken, die den mageren Wienern zum ersten Mal seit langem Fleisch vorsetzten. Propaganda, das war nicht nur Rassenfrage, Krieg oder Mutterschaft – es war auch der Esstisch, der zum ideologischen Schlachtfeld wurde. Wie die Propaganda wirkte, lassen Frau Majers Schild erungen erkennen: „Die Gulaschkanone war die erste Verzauberung.“

Heute wohnt die zierliche Frau mit den kurzen grauen Haaren unweit vom Matzleinsdorfer Platz. Seit 16 Jahren ist das Pensionistenheim in der Arbeitergasse das Zuhause der pensionierten Krankenschwester. „Mir ging es noch nie so gut wie heute.“ Sie schaut auf ihre faltigen Hände. „Ich kann täglich zwischen vier Menüs wählen. Aber an das Gulasch von damals kommt nichts heran. “

Frau Majer wuchs in einer Zeit des Mangels auf. Weltwirtschaftskrise 1929, Massenarbeitslosigkeit, Bürgerkrieg. „Als die Nazis kamen, wurde die Ernährung besser. Wir mussten zumindest nicht mehr hungern, “ sagt sie. „Die schlimme Zeit war vor den Nazis.“

Auf dem Matzleinsdorfer Platz, wo das Regime 1938 Gulasch verteilte, trafen sich bis
zum Anschluss Stadt und Land zum Bauernmarkt. Wo heute dunkle Unterführungen verlaufen und sich oberirdisch Schienen kreuzen, karrten Bauern täglich frisches Obst und Gemüse an. Spät abends, wenn sie weg waren, ging Gretes Mutter mit Nachbarinnen zu den verlassenen Marktständen. Sie sammelte die übrig gebliebenen Lebensmittel ein. „Nach einer Weile ist die Mama dann mit zerstochenen Paradeisern, abgebrochenen Gurken und altem Spinat heim gekommen.“

Als die Nazis einmarschiert waren, fand ihr Vater wieder Arbeit und die Mutter musste nicht mehr im Müll nach Essbarem wühlen.

Die Propaganda wirkte. „Vor 1938 gab es rund 800.000 Österreicher, die in bitterer Armut gelebt hatten“, erklärt die Historikerin Irene Bandhauer-Schöffmann. „Sie waren sehr froh über die Lebensmittelpolitik der Nazis.“

1939 allerdings, bei Kriegsbeginn, begann die Rationierung der Lebensmittel. Das Essen wurde wieder knapp. Nahrungsmittel tauschte man gegen staatliche Lebensmittelmarken. Die „Reichsfleisch“-, „Reichsmilch“- oder „Reichsbrotkarten“ wurden nach dem Leistungsprinzip verteilt: Schwerarbeiter oder Soldaten bekamen mehr als Hausfrauen, Kinder oder stillende Mütter erhielten Sonderzulagen. „Wir hatten immer genug Milch, weil ich vier jüngere Geschwister hatte, “ sagt Frau Majer.

Juden oder etwa Zwangs- und Fremdarbeitern ging es besonders schlecht. Sie bekamen geringerer Kontingente. „Die Diskriminierung spiegelte sich auch in der Ernährung wieder“, sagt Bandhauer-Schöffmann.

Doch die neue Fülle währte auch für die Mehrheit nicht lange. Zwei Jahre nach Kriegsbeginn ging die Brotration für einen erwachsenen Normalverbraucher im Vergleich zu 1938 um ein Viertel zurück. Der Anteil des Fleisches verringerte sich gar um zwei Drittel.

In der Folge versuchte das Regime, aus der Not eine Tugend zu machen: Es nahm den Mangel an Fleisch zum Anlass, sich auf vermeintliche altgermanische Traditionen zu berufen. Fleisch sei schädlich, Vegetarismus hingegen gesünder und ursprünglicher. Selbst der Führer sei ja Vegetarier. „Wenn uns der deutsche Wald in verschwenderischer Fülle wildgewachsene Pflanzen und Früchte schenkt“, lautet ein Propagandatext, „dann ist es eine volksgesundheitliche Pflicht, das deutsche Volk an diese natürliche Quelle heranzuführen.“

Und nicht nur Fleisch: Auch bei Obst und Gemüse kaschierte man die Knappheit mit dem Verweis auf Ursprung und Heimat. Weil exotische Lebensmitteln kaum zu bekommen waren, galten heimische als höherwertig – und Schlichtheit als Ideal. So wurde etwa in Kochbüchern empfohlen, Zitrone durch Rhababer zu ersetzen oder Schalenreste von Früchten zu trocknen, um daraus Tee zu kochen.

Die Versorgung wurde zum Problem. Die Nazis wollten keine Lebensmittel importieren. Autarkie, in diesem Fall des Staates, war angestrebter modus vivendi. „In Wirklichkeit aber wollten sie einfach keine Devisen für Nahrung ausgeben“, sagt Bandhauer-Schöffmann. „Es war Krieg, sie brauchten Waffen.“

Die so genannte „Gänseblümchenpropaganda“ sollte nicht bei jedem gut ankommen. „Ich hab mir damals gesagt: Wenn das alles vorbei ist, kauf` ich mir eine Stange Krakauer und esse sie ganz allein auf, “ sagt Frau Majer und lacht.

Nahrung diente auch dazu, die Illusion einer Volksgemeinschaft bilden. Zum Beispiel mit dem so genannten „Eintopfsonntag“. Jeden zweiten Sonntag im Monat sollte das gesamte Reich aus Spargründen Eintopf essen. „Es soll den Armen unseres Volkes wenigstens an einem Tag im Monat, und zwar an einem Sonntag, gezeigt werden, dass das ganze Volk bei ihnen steht, und dass wenigstens einen Tag lang jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau ihr Schicksal teilen“, sagte Joseph Goebbels. Es war ein Zugeständnis an die Knappheit, und gleichzeitig sollte es Arm und Reich, Jung und Alt im Opfer für das Reich vereinen. So wurde der Sachzwang in einen würdevollen Solidaritätsakt umgedeutet.

Der Konsum bestimmter Lebensmittel wurde unterdessen forciert und beworben: Das Vollkornbrot zum Beispiel galt als „Urnahrung des deutschen Bauern“. Hintergrund: Das angeblich gesündere Vollkorn- konnte man im Gegensatz zum Weißbrot leicht mit Zusätzen strecken, etwa mit Kartoffelmehl oder sogar Sägespänen. Ein eigener „Reichsvollkornbrotausschuss“ sollte das bisherige Arme-Leute-Essens populär machen. In Zeitungen, auf Plakaten und in Fortsetzungsromanen wurde zu seinem Verzehr aufgefordert.

Es galt auch, die zur Verfügung stehenden Lebensmittel so effizient wie möglich zu nützen. Dabei wurde vor allem an die Frauen appelliert. „Jede Hausfrau, die nicht auf zweckmäßigen Einkauf, richtige Verarbeitung und sparsame Wirtschaftsführung achtetet, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, einen Verlust des Volksvermögens verursacht zu haben“, sagt die Historikerin Bandhauer-Schöffmann. „Kampf dem Verderb“, laut die Parole.

Frau Majer kann sich daran noch gut erinnern – wenn auch nicht so gut wie an das Gulasch. Auch an den Tag, an dem sie sich tatsächlich eine Stange Krakauer gekauft hatte, um sie ganz alleine zu essen. Jahre später.

Flüsterwitz aus dem Zweiten Weltkrieg:

„Komm Hitler, sei unser Gast

und gib uns die Hälfte von dem, was du hast,

aber nicht Eintopf und Hering,

sondern was Du isst und Göring“

Erschienen in liga 01/2009

Advertisements