The parents are not alright

von Nina Brnada

Zu wenig Geld, zu viel Lust an der Selbstverwirklichung, Angst vor der Zukunft. Immer weniger Österreicher wollen heute Kinder bekommen. Die Konsequenzen daraus verändern schon jetzt die Gesellschaft.

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Text: Nina Brnada, Saskia Jungnikl, Christoph Zotter
Fotografie: Martin Fuchs, Gianmaria Gava

„Kalt und taub“ fühlt es sich an, das Unbehagen. „Es wandert von den Fingerspitzen über die Unterarme zum Bauch.“ Mit den Händen zeichnet Petra Meisel den beschriebenen Weg nach. In einer Situation, in der andere Wärme und Freude spüren, bleibt sie kühl und distanziert. „Ich weiß nicht, warum. Aber ich spüre nicht, dass mein Körper das will“, sagt die 37-Jährige. Petra Meisel redet darüber, wie es ihr beim Halten eines Säuglings geht. Nur zweimal in ihrem Leben hat sie bis heute ein Kind in den Arm genommen. Ein eigenes? Für die freiberufliche Fotografin, die ihr Geld mit dem Ablichten von Lebensmitteln und Möbeln für Kataloge von Merkur und – bis sie vor kurzem den Auftrag verlor – Leiner verdient, „momentan nicht denkbar. Bei meinen Freunden ist das nicht viel anders.“ Von denen arbeiten die meisten in im Neusprech unter „Creative Industries“ subsumierten Jobs: Werber, Grafiker, Schauspieler.

„Märkte, die keine Kinder erlauben“, meint Meisel. Das Leben von Freiberuflern, die sich von Projekt zu Projekt hanteln und dabei auf fixe Arbeitszeiten pfeifen (müssen), sei mit dem geregelten Tagesablauf, den ein Kleinkind benötigt, kaum vereinbar. Für die Republik sind Leute wie Meisel heute zum Problem geworden. Noch Anfang der Sechziger bekam jede Österreicherin statistisch gesehen 2,8 Kinder. Mitte dieses Jahrzehnts kam der „Pillenknick“, seitdem geht die Zahl der Neugeborenen im Land kontinuierlich zurück.

Bis heute haben sich die Verhältnisse radikal geändert: Im vergangenen Jahr kamen in Österrreich 77.914 Kinder zur Welt – was heißt, dass die durchnittliche Zahl an Kindern, die eine österreichische Staatsbürgerin bekommt, auf mittlerweile 1,4 gesunken ist. In den nächsten zwanzig Jahren sollen sich laut einer aktuellen Prognose der Statistik Austria Geburten und Sterbefälle die Waage halten. „Wir befinden uns in einer Stagnationsphase. Das heißt, die Zahl der Geburten ist nur mehr geringfügig höher als die der Todesfälle“, sagt Albert Reiterer, Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Demografie an den Unis Wien, Innsbruck und Graz und Buchautor („Wie schnell wächst die Zahl der Menschen?“, Fischer).

Aber selbst wenn die Kinderzahl steigen sollte – was weit und breit nicht in Sicht ist –, würde sie unter dem sogenannten Reproduktionsniveau bleiben, das in Österreich bei 2,1 Kindern liegt und dafür sorgt, dass die Zahl der Gesamtbevölkerung nicht schrumpft. Trotzdem werden in Österreich im Jahr 2050 laut den jüngsten Prognosen knapp mehr als neun Millionen Menschen leben (heute 8,3). Wie viele davon allerdings noch Eltern haben werden, die hier geboren sind, traut sich niemand vorherzusagen. Fest steht nur: Einzig die Zuwanderung wird dafür sorgen, dass das Land nicht an Einwohnern verliert, sondern sogar zulegen wird. Die Gründe, warum die Österreicher heute kaum mehr Kinder bekommen, sind dabei so eigen wie vielfältig.

Abgesehen vom Unbehagen beim Halten eines Säuglings habe sie nicht genug Geld für ein Kind, sagt Meisel. Im vergangenen Jahr hat sie mit ihrer Arbeit 180.000 Euro umgesetzt. Wenn sie Sozialversicherungsbeiträge, Materialkosten, Umsatzsteuer und Einkommensteuer abzieht, bleibe nicht viel übrig. „Genügend Geld für ein Kind“ heißt für die Freiberuflerin, mindestens zwei Jahre ohne Arbeit leben zu können. „Es wäre einfacher, wenn der Staat uns Selbstständige besser unterstützt, dann würden wir auch mehr Kinder bekommen“, sagt sie – und gibt im Laufe des Gesprächs zu, dass es „komischerweise doch dieses Bild in mir gibt: ein Haus, drei Kinder, alles blitzblank. Wahrscheinlich, weil ich weiß, dass das für mich nicht möglich ist.“

Petra Meisel

Zumindest mit ihrem jetzigen Lebenspartner, einem 28-jährigen Arzt. „Er kann sich nicht vorstellen, Kinder zu bekommen. Dadurch merke ich noch mehr, dass ich welche will“, sagt Meisel. Nur nicht jetzt. Sie will warten. Bis zum 48. Lebensjahr sei sie fruchtbar, habe ihr eine Ärztin beschieden. „Natürlich wäre das eine Risiko- schwangerschaft, aber bei mir ist aufgrund meines Berufes jede Schwangerschaft ein Risiko“, sagt sie. Mit dieser Haltung liegt Meisel voll im Trend: Das Alter, in dem Frauen in Österreich ihr erstes Kind bekommen, klettert immer weiter nach oben. Noch 1991 lag es bei 25,1 Jahren – im vergangenen Jahr waren es bereits 27,9.

Die im Parlament vertretenen Parteien sind sich des Problems gewahr – dass Österreich mehr Kinder braucht, finden heute alle. Auf die Frage, wie dieses Ziel erreicht werden soll, bietet freilich jede eine andere Antwort. So präsentierte jüngst die ÖVP – wieder einmal – eine Reihe von Vorschlägen, die die Österreicher dazu ermuntern sollen, wieder mehr Kinder zu bekommen. Neben Gratisliftkarten und -parkplätzen plädierte die Volkspartei für einen kostenlosen Kindergarten ab dem vierten Lebensjahr; die Abschaffung aller mit einer Geburt verbundenen Verwaltungskosten (derzeit 131 Euro); und steuerliche Erleichterungen für Familien mit Kindern wie das in Deutschland übliche „Familiensplitting“: Dabei wird die Steuer nicht mehr individuell berechnet, sondern das Einkommen beider Elternteile zusammengezählt, durch zwei geteilt und daraus die Steuer des Einzelnen berechnet.

Kritiker finden, dass durch dieses Modell die Frauen diskriminiert werden, weil es die althergebrachte Rollenaufteilung – der Mann arbeitet, die Frau bleibt zu Hause – fördere. Entsprechend fiel das Echo aus: SPÖ-Frauenministerin Doris Bures versprach, dass es das Familiensplitting „mit mir sicher nicht geben wird“. Die Sozialdemokraten fordern, dass „Frauen Beruf und Kind besser vereinbaren können und die Familienarbeit zwischen Männern und Frauen gerechter verteilt wird“. Deshalb will Bures’ Partei mehr Geld in Kinderbetreuungsplätze stecken.

Die Opposition hat wieder ihre eigenen Vorstellungen, wie man Herrn und Frau Österreicher das Kinderkriegen leichter macht: Den Grünen mangelt es vor allem an öffentlichen Betreuungsplätzen für unter Dreijährige; die orange Regionalpartei, ganz der Mutterkreuztradition verpflichtet, wünscht sich eine Wiedereinführung der Geburtenbeihilfe (500 Euro vom Staat fürs erste Kind, für jedes weitere 800), ein Müttergehalt (bis zu 1.000 Euro im Monat) und eine Abschaffung der Zuverdienstgrenze zum Kindergeld. Die FPÖ schließlich unterstützt alle Forderungen der ÖVP. Alles zusammen fromme Wünsche ans Christkind und – selbst falls einige davon tatsächlich in Gesetzestexte gegossen werden sollten – völlig wirkungslos. Der simple Grund, den bis heute kein Politiker einsieht: Geld macht keine Kinder.

Menschen nehmen die finanzielle Unterstützung gerne an, aber sie bewirkt kein Umdenken“, sagt Albert Reiterer. Darin, dass mehr Geld für Familien die Geburtenrate nicht steigert, sind sich heute alle Experten einig. „Finanzielle Unterstützung reicht nicht“, bestätigt auch Sonja Dörfler, Soziologin in der Abteilung Forschung und Entwicklung des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF). Dabei zahlt Vater Staat den Österreicherinnen und Österreichern heute mehr für ihre Kinder als alle anderen europäischen Staaten, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) bestätigt – nur der Zwergstaat Luxemburg lässt sich den Nachwuchs noch mehr kosten. Geld über Geld – und trotzdem kein Grund für die Leute, mehr Kinder zu bekommen. Warum?

„Weil das Umfeld für Nachwuchs in Österreich deutlich besser sein könnte“, sagt Sabina Stimpf. Seit 13 Jahren arbeitet sie als – mittlerweile pragmatisierte – Beamtin im Wirtschaftsministerium. Ihr Mann hat einen gut bezahlten Job als Bautechniker. Davor hat sich Stimpf im Laufe ihres Lebens in einer Menge Jobs probiert, unter anderem als Buchhändlerin und im Theatermanagement. Warum sich das Paar trotz eines doppelten Einkommens nur ein Kind leistet? „Finanziell könnten wir schon mehrere verkraften.“, sagt Stimpf. Wollen sie und ihr Mann aber trotzdem nicht. Nur eines ist es geworden: Der neunjährige Alexander saust die breite Holztreppe hinunter ins Wohnzimmer des einstöckigen Reihenhauses im zwölften Wiener Gemeindebezirk, das seinen Eltern gehört.

„Mehr Kinder sind sich nicht ausgegangen. Obwohl ich es auch geschafft hätte, Kind und Job zu vereinbaren“, sagt Stimpf, die „früher eigentlich fünf bis sechs Kinder haben wollte. Aber mir geht es da wie vielen Freunden, die nur ein Kind haben, weil sie nicht sicher sind, ob sie das mehreren Kindern antun sollen.“

„Das“ sind Wartelisten für Kindergärten und Schulen, überfüllte Universitäten und der, wie Stimpf es nennt, „Druck aus dem Osten. Es ist ein Problem, wenn in einer Klasse von 25 Kindern oft 18 kein Deutsch können. Mein Kind kann schon in sieben Sprachen fluchen. Das ist ein Umfeld, in dem Leute wie ich sagen, da bekomme ich lieber nur ein Kind.“ 300 Euro zahlt die 47-Jährige deshalb im Monat, damit ihr Sohn in eine römisch-katholische Privatschule gehen kann. Obwohl sie selbst „schon lange nicht mehr an einem Gottesdienst teilgenommen“ hat.

Die andere Seite der Medaille: Was für Leute wie Sabina Stimpf ein Problem darstellt, ist für die Allgemeinheit ein Segen. „Wenn wir unsere Bevölkerungszahl halten wollen – und damit unser Pensions- und Pflegesystem –, führt an Zuwanderung kein Weg vorbei“, sagt Albert Reiterer. Hier braucht man sich in Sachen Kinderkriegen keine Sorgen zu machen. „Ausländer oder Österreicher mit Migrationshintergrund kriegen wirklich mehr Kinder als Österreicher“, sagt Reiterer. Seiner Rechnung nach kommen zum Beispiel statistisch auf jeden eingebürgerten erwachsenen Türken drei Kinder.

Gustav Lebhart, Demograf bei der Statistik Austria, bestätigt diese Angaben – zumindest was die Bundeshauptstadt angeht: „Jedes dritte Neugeborene in Wien hat Migrationshintergrund.“ Wie es bundesweit aussieht, vermag Lebhart nicht genau zu sagen – was auch daran liegt, dass viele Zuwanderer mittlerweile die österreichische Staatsbürgerschaft erworben haben.

So wie die Kinder von Anne Wilpel. Ihren Job in der Marketingabteilung einer Pharmafirma hat die 39-jährige Deutsche mit der Geburt ihres ersten Kindes 1998 an den Nagel gehängt. „Es war für mich klar, dass ich zu Hause bleiben werde, wenn ich Kinder bekomme.“ Das sei ihr nicht schwergefallen. Und außerdem sei „Abtreibung im Islam sowieso verboten. Meine Familie ist mein Lebensinhalt“, sagt Wilpel, die zu Hause ihre langen braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden trägt. So sehen sie außer ihrer Familie nur Frauen, die sie in ihrer Wohnung in Wien-Donaustadt besuchen. Seit Wilpel 1997 zum Islam konvertiert ist, trägt sie in der Öffentlichkeit Kopftuch. Ein Jahr später begann sie Kinder zu kriegen. Bis heute alle zwei Jahre eines.

„Wir erziehen unsere Kinder nach islamischen Grundsätzen“, sagt Wilpel, während sie über den Kopf ihrer vierjährigen Tochter Fatima streicht. Maßgeblichen Anteil daran hat ihr Mann Rami Shehadeh. Ende der Achtziger bekam der in Syrien geborene Sohn palästinensischer Flüchtlinge ein Visum für Deutschland. Er landete im norddeutschen Paderborn, wo er die Matura machte. Anne Wilpel lernte er im nahe gelgenen Münster kennen, ihrer Heimatstadt. 1991 zogen sie gemeinsam nach Österreich, wo Shehadeh an der Technischen Universität ein Informatikstudium begann.

Nach Wien kam das Paar, weil schon ein Bruder Shehadehs hier wohnte – und weil es, anders als in Deutschland, keinen Numerus clausus gab. Sechs Jahre später bekam er die österreichische Staatsbürgerschaft, heute arbeitet der 39-Jährige als gut bezahlter Fachgruppenleiter in der Softwareentwicklung einer großen Firma.

Über die linke Wand des Wohnzimmers der Familie erstreckt sich ein großes Bücherregal: dutzende Bücher, deren Rücken mit arabischen Buchstaben versehen sind. Gegenüber hängen orientalische Wandteller: Mitbringsel aus dem Heiligen Land. Katholizismus hin, Islam her: Ihr Kinderreichtum habe nichts mit der Religiosität zu tun, sagt Wilpel. Für ihren Mann auch nicht. „Obwohl: Wo ich herkomme, sind kinderreiche Familien die Regel. Eine meiner Tanten hat 13 Kinder“, sagt Shehadeh in perfektem Hochdeutsch mit leichtem arabischem Akzent.

Während Shehadeh den Familienunterhalt verdient, kümmert sich seine Frau um Kind und Kegel. Gemeinsame Spaziergänge spielen eine ebenso große Rolle im Familienleben wie das gemeinsame Essen und das tägliche Gebet. Zweimal am Tag kniet die Familie Richtung Mekka. Für Anne Wilpel sind diese Rituale das einzige probate Mittel, „um meine Kinder zu sozial kompetenten Menschen zu erziehen. In einer großen Familie lernen sie leichter soziales Verhalten. Sie lernen zu teilen, zu helfen und bekommen eine gewisse Streitkultur mit.“

Ohne ihre Entscheidung, zu Hause zu bleiben, könnte sich der Ehemann das Leben schwer vorstellen. „Ich danke dem lieben Gott und meiner lieben Anne, dass sie sich so engagiert. Ich kann mit meinem bescheidenen Beitrag zur Familienarbeit ihren Einsatz kaum entgelten“, sagt Shehadeh. Wilpel steht dem zunehmenden Wunsch von Frauen, auf eigenen Beinen zu stehen – eine der Hauptursachen für den Geburtenrückgang –, verständnislos gegenüber. Wenig Geld oder mangelnde soziale Sicherheit sind in ihren Augen nur zwei von vielen Vorwänden für Egoismus und Angst vor Verantwortung: „Wenn man keine Kinder haben will, findet man alle möglichen Ausreden, um keine zu bekommen.“

Tatsächlich arbeiten in Österreich geborene Frauen in immer höherem Maße vor allem fürs eigene Geldbörsl. In den vergangenen 30 Jahren stieg die Zahl berufstätiger Frauen im Land stark an: Derzeit arbeiten 1,78 Millionen Frauen, Tendenz steigend. Dass davon 40,2 Prozent in oft schlecht bezahlten Teilzeitjobs stecken, ist freilich eine andere Geschichte. Denn dass die Kinderbetreuung in Österreich heute gerechter zwischen den Geschlechtern aufgeteilt wäre, ist eine Mär: Für sie sind die Frauen nach wie vor in erster Linie selbst verantwortlich.

Nach den letzten verfügbaren Zahlen erhielten im Mai 2007 insgesamt 161.802 Österreicher Kinderbetreuungsgeld. Davon waren gerade einmal 5.909 Männer (3,7 Prozent) – und 155.893 Frauen (rund 96 Prozent). Umso notwendiger findet es deshalb Familienforscherin Dörfler, „genügend und günstige Kinderbetreuungsplätze zu schaffen und die Männer vermehrt in die Kinderbetreuung einzubeziehen“. Demograf Reiterer schlägt in dieselbe Kerbe. „Man muss überlegen: Was motiviert Menschen? Das ist die Möglichkeit der Selbstverwirklichung und den beruflichen Erfolg mit Kindern zu vereinbaren.“

Familie ShehadehAn Selbstverwirklichung hat Mijat Saraf noch nie gedacht. Ebenso wenig an die Frage, ob er Kinder will oder nicht. Er und seine Frau haben sie einfach gemacht. Stolz erzählt der Vater von sechs Kindern heute von deren schulischen Erfolgen: „Meine Tochter, die viertälteste der Kinder, hat gerade erst einen Preis als Klassenbeste bekommen.“ In der 120-Quadratmeter-Wohnung in Wien-Leopoldstadt leben drei Generationen unter einem Dach: er, seine Frau Klara, die sechs Kinder und die Großmutter. „Es ist nicht leicht, alles unter einen Hut zu bringen. Aber wir wollten immer eine große Familie“, sagt Saraf.

Der bosnische Kroate stammt ursprünglich aus der Kleinstadt Jajce. Sein Haus in der alten Heimat war auf eine Großfamilie ausgelegt: ein kleiner Bauernhof mit Hühnern, Schweinen und einer Kuh. Das erste Kind kam 1982, zwei Jahre nach dem Tod Titos und neun vor dem Beginn des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien. „Hätte der Krieg nicht begonnen, wären es vielleicht noch mehr geworden“, sagt der 48-Jährige und lächelt. Als die Kämpfe die Heimatstadt Sarafs erreichten, verschlug es die Familie zunächst nach Kroatien.

Weil Mijat Saraf keinen Job fand – er arbeitete zeit seines Lebens als Lkw-Fahrer –, wanderte er ein Jahr später allein nach Österreich weiter; seine Familie holte er 1999 nach. „Wir sind altmodische Leute und versuchen, uns in dieser neuen Welt zurechtzufinden“, sagt seine Frau Klara, während sie Kaffee und selbst gemachte Marillentaschen anbietet. Obwohl der Großteil der Familie die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hat, hält die Familie an ihren Werten fest: Heimatverbundenheit und Katholizismus. „Wir gehen jeden Sonntag in die Kirche. Das schweißt zusammen“, sagt Mijat Saraf. Ein großes Kreuz, Marienbilder und ein gemeinsames Foto des ehemaligen kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman mit Papst Johannes Paul II. zieren die Wohnzimmerwand.

„Wir leben Familie“, sagt die Mutter – und bemerkt darin einen Unterschied zu den Österreichern. „Viele kriegen keine Kinder. Dabei verfolgen die meisten von ihnen nicht einmal eine glorreiche Karriere“, sagt die 45-Jährige, die nach eigener Aussage „niemals vorhatte zu arbeiten“. Heute muss sie trotzdem jeden Tag für sechs Stunden in einem Wirtshaus aushelfen – sechs Kinder kosten Geld.

Hannes Majlinger

Leute wie Hannes Majlinger hören Vorwürfe wie den, dass viele Österreicher aus purer Karrieregeilheit auf Kinder verzichten, gar nicht gern. Auch wenn er zugibt, dass bei seiner Entscheidung, niemals eigene zu bekommen, „sicher eine Spur Egoismus dabei war. Es ist halt einfacher, mit ihnen zu spielen und zu wissen, dass ich sie woanders abgeben kann“, sagt der 44-jährige Berufsfeuerwehrmann. Kinder hat der gelernte Automechaniker trotzdem. Als er mit Anfang zwanzig mit seiner Frau Emilia zusammenkam, brachte sie zwei Kinder mit in die Ehe. „Die habe ich natürlich miterzogen. Aber am Ende waren es doch immer die Kinder meiner Frau.“ Fünf und elf Jahre alt waren sein Stiefsohn und seine Stieftochter, als Majlinger sie kennenlernte.

Im Umgang mit Kindern erfahren war er da bereits: Als Pfadfinderführer hatte er schon im Teenageralter Verantwortung für Jüngere übernommen. Was ihn aber nach eigener Aussage in seinem Entschluss, auf eigene Kinder zu verzichten, nur bestärkte. „Ich habe damals den Älteren zugeschaut, die teilweise um die vierzig waren. Ich habe mir gedacht: Ich bin viel zu kindlich, um erzieherische Verantwortung zu übernehmen.“

Majlinger sitzt an einem der abgenutzten Holztische des traditionsreichen Café Sperl im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Langer Fellkapuzenmantel der Skatermarke Irie Daily, schwarzer Pullover von G-Star Raw: Der da äußerlich in der Uniform des Berufsjugendlichen daherkommt, gehört in Sachen Lebenserfahrung zu den Abgebrühten. „Als Feuerwehrler bekommt man viel mit“, sagt Majlinger. Und erzählt von den vielen verwahrlosten Kindern und deren überforderten Eltern, die ihm regelmäßig bei seinen Einsätzen begegnen. „Ich sage nicht, dass es nur schlechte Kinder da draußen gibt“, sagt Majlinger. „Aber manchmal wäre es besser, wenn sich nur Leute für Nachwuchs entscheiden, die pädagogisch auch dazu in der Lage sind.“

Wer bekommt weltweit die meisten Kinder?

Grundsätzlich lässt sich sagen: je ärmer ein Land, desto mehr Kinder bekommen die Leute. Weltweiter Spitzenreiter sind die Frauen in dem nordwestafrikanischen Staat Niger. Dort liegt die Geburtenrate bei 7,9 Kindern pro Frau, gefolgt vom ostasiatischen Kleinstaat Osttimor (7,8), Afghanistan (7,5), Uganda (7,1), Guinea-Bissau (7,1), Mali (6,9) und Burundi (6,8). Selbst in den bevölkerungsreichsten Ländern China (1,3 Milliarden Einwohner) und Indien (1,1 Milliarden) zeigt man sich bei weitem nicht so gebärfreudig. Die Chinesen bekommen im Durchschnitt 1,7 Kinder – bedingt freilich durch politische Maßnahmen, Stichwort „Ein-Kind-Politik“ –, die Inder 3,1. Zu den internationalen Schlusslichtern zählen mit Ausnahme der Südkoreaner (1,2) ausschließlich europäische Länder: die Ukraine mit 1,1 sowie die Slowakei, Slowenien und Tschechien mit jeweils 1,2 Kindern pro Frau. Deshalb wird die Bevölkerung Europas in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich schrumpfen.

Um den Bevölkerungsstand – Ab- und Zuwanderung nicht eingerechnet – zu sichern, müsste jede Europäerin im Laufe ihres Lebens mindestens zwei Kinder zur Welt bringen. Laut den aktuellen Zahlen des Statistischen Amts der EU (Eurostat), das Daten in 33 europäischen Staaten erfasst, kommen die Isländerinnen diesem Wert mit durchschnittlich 2,1 Kindern pro Frau am nächsten. Innerhalb der Europäischen Union nähern sich diesem Wert Frankreich (1,94), Irland (1,86), Norwegen (1,84) sowie Dänemark und Finnland (beide 1,80). Österreich liegt mit 1,4 Kindern im hinteren Mittelfeld.

Die Entscheidung für ein Kind führen zahlreiche Studien, unter anderem der EU-Bericht „The Cost of Childcare in EU Countries“, vor allem auf ein großes Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen in den jeweiligen Ländern zurück. In Österreich mangelt es laut einer Untersuchung des Europäischen Instituts für Sozialpolitik an Betreuungsmöglichkeiten, genauer: an 46.000 Kindergarten- und Hortplätzen.

Erschienen im Datum 12/2007
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