Nina Brnada

Verkauf’s dem Ösi

Am Anfang kommt die Kundschaft aus der eigenen Community.
Doch wollen migrantische Unternehmen langfristig erfolgreich sein,
muss auch die österreichische Mehrheitsbevölkerung gewonnen werden.

Avusturyalı’ya sat ! Başlangıçta müşteriler kendi toplumundan geliyor. Ancak göçmenler uzun vadede başarılı olmak istiyorlar ve bu nedenle çoğunluk olan Avusturyalı halkın kazanılması gerekiyor.

Prodaj Austrijancu! Na početku su tu uvijek kupci i klijenti iz vlastite zajednice. Ali migrantska preduzeća žele biti i dugoročnije uspješna, pa se zato mora pridobiti i austrijsko većinsko stanovništvo.

Text: Nina Brnada

Marica Dienes kann ihren Erfolg hören. Solange das Summen ihrer Haartrockner nicht verstummt, kommt Geld in ihre Kassa. Es ist Samstagvormittag und die Geräusche des
Föhns klingen wie ein Sinuston. Frau Dienes betreibt einen Friseursalon in Wien Hernals, er ist gesteckt voll. Es riecht nach Shampoo und Haarspray, aus den Musikboxen von der Wand ertönt Flamencomusik. Hier herrscht geschäftiges Treiben, hier arbeitet ein Dutzend Friseure, sie föhnen, färben und frisieren. Hier sitzt die serbische Hausmeisteringenauso wie die österreichische Juristin. Besitzerin Marica Dienes weiß, was für ihr Geschäft gut ist. Die 48-jährige Kroatin aus Serbien ist eine quirlige Person mit Mut zum Risiko. Im Jahr 1992 kommt sie von Novi Sad nach Wien. Keine vier Jahre später hat die alleinerziehende Mutter ihren Friseursalon eröffnet. Anfangs kann sie sich keine Mitarbeiter leisten, ihr Salon ist klein und unauffällig. Zunächst sind ihre Kunden ausschließlich Landsleute aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Dies hat sich in der Zwischenzeit stark geändert“, sagt Dienes nicht ohne Stolz. Mehr als die Hälfte ihrer Kunden seien heute gebürtige Österreicher. Diese schätzen die balkanische Herzlichkeit, so Dienes. Dass jetzt so viele Österreicher kommen, sei außerdem besser fürs Geschäft. „Sie sind leichter zufriedenzustellen und gönnen sich viel. Meine Landsleute hingegen meckern immer herum, weil ihnen nie etwas passt und sie finden alles immer viel zu teuer“, meint die Friseurin.

Beginn in der ethnischen Gemeinschaft. „Ethnische Ökonomie“ nennen Wissenschaftler den Zustand, den Frau Dienes hinter sich gelassen hat. Er bezeichnet das gezielte Wirtschaften innerhalb einer bestimmten Gruppe, „die durch religiöse, nationale oder kulturelle Gemeinsamkeiten zusammengehalten wird“, klärt die Soziologin Regina Haberfellner auf. Die meisten zugewanderten Unternehmer beginnen auf diese Weise ihr Geschäft, denn die Verankerung in der eigenen Community gibt am Anfang Sicherheit und eröffnet Chancen. Man kennt die Sprache seiner Kunden und weiß um ihre Bedürfnisse. So konzentrierte sich auch Friseurin Marica Dienes, als sie 1992 ihren Salon eröffnet, zunächst auf ihre jugoslawischen Landsleute: „Ich habe meinen Salon bewusst nach meinem Vornamen benannt, damit die Leute wissen, dass ich eine Unsrige bin.“ Am Anfang bietet Dienes Haarschnitte zu moderaten Preisen für ihre Landsleute, die oftmals schlecht bezahlten Jobs nachgehen und spricht mit ihnen Serbokroatisch.

Das Geschäft läuft gut, die Leute kommen gruppenweise. Marica hat Erfolg, sie kauft Geschäftsfläche dazu, stellt Mitarbeiter an – erst drei, dann fünf, heute sind es 16. Eine professionell gemachte Homepage wirbt jetzt auf Deutsch für ihren Laden. „Marica“, das ist nun nicht mehr nur ein gewöhnlicher Friseursalon, seit drei Jahren wird auch Pediküre und Maniküre, Solarium und Massage angeboten. „Je größer ich wurde, desto mehr Österreicher sind gekommen.“

Raus aus der Community! „Mittelfristiges Ziel der meisten migrantischen Unternehmer ist es, im wirtschaftlichenMainstream anzukommen und sein Hauptgeschäft mit der österreichischen Mehrheitsbevölkerung zu machen“, sagt die Soziologin Regina Haberfellner. Dadurch versprechen sich die zugewanderten Selbständigen mehr Erfolg, größeren Umsatz und eine breitere Kundschaft. Wie viele Unternehmer in der ethnischen Ökonomie tätig sind und wie viele jährlich den Schritt in die Mehrheitswirtschaft wagen,kann Haberfellner allerdings nicht sagen. „Zwar wissen wir von der letzten Volkszählung von 2001, dass nahezu jeder zehnte Unternehmer in Österreich Migrant ist, aber wie ihre Betriebe beschaffen und wer die Kunden sind, kann man aus den Zahlen nicht herauslesen.“

Ethnobusiness funktioniert nach Meinung der Expertin nur dort, wo der Unterschied zur Mehrheitsbevölkerung groß genug ist. Etwa bei afrikanischen oder türkischen Unternehmen. Solche Geschäfte haben den Vorteil, dass sie im Alltag sichtbarer sind als andere. Dadurch entsteht der Eindruck, diese Unternehmer seien in großer Zahl vertreten. Doch der subjektive Eindruck täuscht, so Haberfellner. „Verglichen mit den Deutschen stellen beispielsweise die türkischstämmigen Unternehmer nur einen Bruchteil dar.“ Außerdem sind nicht alle enthnischen Unternehmer gleich stark in der eigenen Community verwurzelt. Serbischstämmige Unternehmer würden mehr Österreicher zu ihren Kunden zählen als ihre türkischen Kollegen, sagt Alexander Biach vom Wirtschaftsbund. Der Grund dafür sei die Branche. „Viele Serben sind im Finanz- und Versicherungswesen tätig, Türken hingegen oftmals im Handel.“ Wo letztere Dinge verkaufen, die vornehmlich ihre Landsleute brauchen.

Nur Bücher für Türken? Ein fast ausschließlich auf die eigene Community fixierter Unternehmer ist Erol Şahan. Mittags verwandelt sich sein rechteckiger Verkaufstisch in Wien Ottakring in ein Teekränzchen. Die Schreibblöcke und den Taschenrechner schiebt der Türke zur Seite, wird Platz gemacht für Tulpengläser und Zuckerdose. Dann holt Şahans Frau die gelben Plastikstühle aus dem Lager und Oma verscheucht die Enkelin vom Computertisch, um im dazugehörigen großen Bürosessel aus Leder Platz zu nehmen. Drei Generationen sitzen um den kleinen Tisch, von den Großeltern bis zum Enkelkind. Hier wird getratscht, über das Mittagessen und die Familie. Bis die Tür aufgeht und der nächste Kunde den Laden betritt. „Bizim Kitabevi“, zu Deutsch „Unsere Buchhandlung“ heißt Erol Şahans Geschäft, aber der 38-Jährige verkauft nicht nur Bücher.

Von der Decke hinter dem Tisch hängen auf meterlangen Stangen. Hunderte lange schwarze Mäntel, wie sie Türkinnen oft tragen. Unter ihnen lehnen Gobelins der Kaaba an der Wand. Sie sind in massiven Holzrahmen gefasst, ebenso wie die Fotos der Blauen Moschee in Istanbul. Im hintersten Eck des Geschäfts sind. Regale entlang der Wand aufgestellt, darauf stehen Bücher, hauptsächlich religiöse türkische Literatur. „Meine Kunden sind hauptsächlich Türken“, sagt Şahan, ein Mann mit Dreitagesbart und knöchellangen Hosen. Eine Frau und ihre Tochter betreten in der Zwischenzeit das Geschäft, beide tragen schwarze Kopftücher und grüßen auf Türkisch. Später ruft eine andere Kundin an und fragt nach Zemzem-Wasser, heiligem Wasser aus der Pilgerstadt Mekka.

Vor zehn Jahren kam Erol Şahan von Ankara nach Wien, wo seine Frau bereits seit langer Zeit gelebt hatte. Şahan jobbt zunächst in Wiener Moscheen und verkauft dort islamische Bücher an türkische Muslime. Vier Jahre später macht er sich als Buchhändler selbständig und erweitert das Sortiment bald auf Kleidung und religiöses Zubehör. „Bücher sind nicht so gut gegangen“, lässt er von seiner Frau Narin aus dem Türkischen übersetzen. Erol Şahan spricht bis heute kaum ein Wort Deutsch. Karwan Zandi inszeniert in seinem Restaurant geschickt arabisches Flair.

Sprache und Bildung sind entscheidend. Für sein Geschäft ist das ein Nachteil,wie Soziologin Regina Haberfellner ausführt. Seit rund zehn Jahren forscht siezum Thema Migration und Wirtschaft und weiß aus Erfahrung, dass ein erfolgreicher Übergang von ethnischer Ökonomie in den Mainstream maßgeblich von Schulbildung und vor allem Sprachkenntnisse abhängig ist. Persönlicher Einsatz und Engagement seien allerdings ebenfalls nicht zu unterschätzen. „Es gibt Leute, die kaum Deutsch sprechen, aber sehr erfinderisch und durchsetzungsstark sind und es auch so schaffen.“ Auch Erol Şahan denkt über den Übertritt in die Mehrheitsökonomie nach. Nur weiß er nicht, wie er das anstellen soll. In zwei Wochen eröffnet er sein zweites Geschäft in Wien Brigittenau. Bücher wird es dort keine mehr geben, dafür Braut- und Abendkleider. „Im neuen Geschäft sollen auch Österreicherinnen einkaufen“, sagt Şahan. Doch wie er sie auf sich aufmerksam machen soll, kann er sich noch nicht vorstellen. „Bisher war es immer leicht. Wir haben einfach Anzeigen in türkischen Zeitungen geschaltet.“

Branche und Standort beachten. Worauf Unternehmer wie Erol Şahan achten müssen, erklärt Alexander Biach vom Wirtschaftsbund. Der Erfolg hängt nach Meinung des Experten von zwei Dingen ab: Einerseits von der Branche, andererseits vom Standort. Die Leute sollten keine Angst haben, sich über die Möglichkeiten zu informieren, innovative Geschäftsideen auszuprobieren. „Eine Straße mit fünf Bäckereien verträgt beispielsweise keine sechste. Wien ist anders als orientalische Städte wie Istanbul oder Damaskus, wo ganze Straßenzüge eine große Häufung an Schrauben- oder Gewürzläden beherbergen. Dort funktioniert das, hier nicht.“ Die Soziologin Regina Haberfellner spricht auch andere Faktoren an. Diese sind schwer messbar, kaum erlernbar und eher atmosphärischer Natur. „Es geht darum, den Geschmack der Masse zu verstehen, den richtigen Ton zu treffen.“ Sei es etwa beim indischen Essen, das dem Österreicher nur dann schmeckt, wenn es nicht zu scharf gewürzt ist. Oder bei der Innengestaltung eines Geschäfts.

Keine Angst vor innovativen Geschäftsideen. Diese macht zum Teil den Erfolg von Karwan Zandi aus. In seinem Restaurant in der Wiener Margaretenstraße hängen bunte Trachten an der Wand, kleine bestickte Pölster sorgen für das richtige Flair. Im Lokal des 45-jährigen Kurden sieht es aus wie in einem orientalischen Heimatmuseum. „Ich wurde von Gästen oft auf die Einrichtung angesprochen.“ Sie seien sehr sparsam, hätten ein hohes Sicherheitsbedürfnis. Das hänge mit der politischen Lage in ihrer Heimat zusammen, glaubt Zandi. Dort wisse man nie, was als Nächstes kommt, dort muss man auf alles vorbereitet sein und ständig finanziell vorsorgen. „Das ist ganz tief in uns drinnen, es ist ein Teil unserer Mentalität.“ Doch nur mit dem Verkauf von orientalischem Tee an Landsleute kann Zandi seine Wiener Miete nicht bezahlen. Er versucht die Struktur seiner Gäste zu verändern, knüpft Kontakte zu Österreichern. Mit der Zeit kommt zum Restaurant mit den fünf Tischen noch ein Catering. Zandi fängt an, für Geburtstagsfeiern von Österreichern zu kochen. Ärzte, Piloten und Architekten zählen zu seinen Kunden, später auch das Österreichische Parlament, die Bank Austria und Fuji Film. Ins Lokal kommen nun immer weniger Kurden, heute sind es fast ausschließlich Österreicher. Der Mann mit der Glatze und den dunklen Augen ist zufrieden. Es sagt, es kommt nicht nur auf das Essen oder das Lokal an. „Sondern darauf, dass man zuhören kann und zu den Menschen herzlich ist.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Schwarztee und gefällt sich in der Rolle, in der ihn die meisten seiner Besucher sehen: des aufmerksamen Gastgebers aus dem Morgenland.

Der gelernte Elektrotechniker flieht Ende der Achtzigerjahre aus seiner nordirakischen Heimatstadt Kirkuk vor dem Saddam-Regime. In Österreich schlägt er sich zunächst als Möbelträger, Tellerwäscher und Kellner durch. Vor sieben Jahren borgt er sich Geld von Freunden und Verwandten und kauft ein kleines Lokal. „Ich wollte mein eigener Chef sein“, sagt der dreifache Vater. Seinen Laden nennt er „Karwans Küche“, an seinem ersten Tag hat er 38 Euro verdient, erinnert er sich.

Kontakte zu Österreichern knüpfen. Zu Beginn waren die Gäste fast ausschließlich Landsleute, sie kamen in Gruppen, hauptsächlich Männer. Doch sie seien nicht gut für sein Geschäft, sie konsumieren nicht viel, trinken nur Tee, sagt Zandi und lacht. „Menschen aus dem Orient gehen weder essen noch fahren sie Taxi.“ Sie seien sehr sparsam, hätten ein hohes Sicherheitsbedürfnis. Das hänge mit der politischen Lage in ihrer Heimat zusammen, glaubt Zandi. Dort wisse man nie, was als Nächstes kommt, dort muss man auf alles vorbereitet sein und ständig finanziell vorsorgen. „Das ist ganz tief in uns drinnen, es ist ein Teil unserer Mentalität.“ Doch nur mit dem Verkauf von orientalischem Tee an Landsleute kann Zandi seine Wiener Miete nicht bezahlen. Er versucht die Struktur seiner Gäste zu verändern, knüpft Kontakte zu Österreichern.

Mit der Zeit kommt zum Restaurant mit den fünf Tischen noch ein Catering. Zandi fängt an, für Geburtstagsfeiern von Österreichern zu kochen. Ärzte, Piloten und Architekten zählen zu seinen Kunden, später auch das Österreichische Parlament, die Bank Austria und Fuji Film. Ins Lokal kommen nun immer weniger Kurden, heute sind es fast ausschließlich Österreicher. Der Mann mit der Glatze und den dunklen Augen ist zufrieden. Es sagt, es kommt nicht nur auf das Essen oder das Lokal an. „Sondern darauf, dass man zuhören kann und zu den Menschen herzlich ist.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Schwarztee und gefällt sich in der Rolle, in der ihn die meisten seiner Besucher sehen: des aufmerksamen Gastgebers aus dem Morgenland.

Erschienen in ecoMIGRA 06/2011

Das benachteiligte Geschlecht

Jede Statistik beweist: Frauen haben es in Österreich schwerer als Männer, daheim ebenso wie im Beruf. Sie werden diskriminiert, schlechter bezahlt und kämpfen gegen Vorurteile. ZEIT-Autoren fragen nach

Text: Nina Brnada, Florian Gasser, Lukas Kapeller, Duygu Özkan, Maria Sterkl, Wolfgang Zwander

Das Reich von Martina Nowak beginnt bei einem Verkaufstisch mit Herrenpullis, setzt sich fort bei den Regalen mit säuberlich aufeinandergestapelten Hemden und endet bei bunten Krawatten. Rund 500 Quadratmeter umfasst das alles. Frau Nowak ist Abteilungsleiterin in einem Textilkaufhaus. Sie sagt lieber »Verantwortliche« dazu.

Es ist Dienstschluss, 19 Uhr, bald ist in den Malls des Wiener Donauzentrums nicht mehr viel los. Frau Nowak entspannt im Café Tauber, ein Stockwerk über ihrem Geschäft, bei Melange und Zigarette. Vor nahezu dreißig Jahren begann sie hier ihre Lehre zur Einzelhandelskauffrau, vor einem halben Jahr wurde sie zur Abteilungsleiterin befördert. Sie kennt nur diesen Arbeitsplatz.

Dort schlichtet die zierliche 44-Jährige Hemden nach Marke und Farbe, nach Schnitt und Preis. Sie telefoniert mit Kunden, hetzt zwischen Lager und Geschäft hin und her, sie lächelt und fragt, ob die Ware passt. 35 Stunden in der Woche, für 1400 Euro brutto im Monat.

»Mein Job macht mir Spaß«, behauptet sie und meint es ernst. Sie gehört zu den Menschen, mit denen alle gut auskommen, ihre Kollegen können sich auf sie verlassen. Die zweifache Mutter hat jeden zweiten Samstag Dienst, alle paar Jahre geht sie in Krankenstand, wenn es gar nicht anders geht. »Ich bin robust«, sagt sie. Die Frau mit dem gewinnenden Lächeln ist die Wunschmitarbeiterin jedes Betriebs – und trotzdem dachte sie in all den Jahren nie daran, eine Gehaltserhöhung zu verlangen. »Es wird ohnehin nach Kollektivvertrag bezahlt«, ist sie überzeugt.

In keiner anderen Branche arbeiten so viele Frauen wie im Handel – ein Fünftel aller erwerbstätigen Frauen ist hier tätig, mehr als im Gesundheitswesen oder im Bildungsbereich. Frauen machen fast 80 Prozent aller Handelsangestellten aus, mit einem Durchschnittsgehalt von 980 Euro verdienen sie um 350 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen. Jede zweite Frau ist teilzeitbeschäftigt, viele von ihnen würden gerne mehr arbeiten und dadurch auch mehr Geld mit nach Hause nehmen. Doch Vollzeitjobs sind Mangelware, und um eine Stundenerhöhung muss oft lange mit der Betriebsführung gestritten werden.

Nicht so Frau Nowak. Ihre jüngere Tochter sei kürzlich in eine neue Schule gekommen, erzählt sie, so vieles sei offen momentan. Die Verkäuferin ist Alleinerzieherin. Nicht ihre Scheidung vor vier Jahren war es, die ihre berufliche Situation verändert hat, sondern die Geburt der älteren Tochter vor 19 Jahren: »Kinderbetreuung hat es keine gegeben. Es war ganz klar, dass ich zu Hause bleibe.« Mit Kind gab es für sie nur noch Teilzeit. Die Karrieren der Männer zogen an ihr vorbei. Etwa jene ihres Chefs. Der ist ebenfalls Mitte vierzig, trägt spitze Schuhe und pinkfarbenes Hemd. Heute ist Günther Juranitsch Filialleiter. Als es vor der Drehtür des Einkaufszentrums noch keine U-Bahnstation gab, hatte auch er hier als Lehrling begonnen. Gemeinsam mit Martina Nowak.

»Es ist dieser Blick, an den ich mich wohl nie gewöhnen werde«, sagt Magdalena. Worte könne man überhören, entkräften, sich über den Ton beschweren. Aber was könne man gegen Blicke tun? »Nichts«, sagt sie. Stumm stelle ihr der forschende Augenaufschlag ihrer Kommilitonen und Professoren immer wieder die gleiche Frage: »Was machst du eigentlich hier?«

Im Sommersemester 2010 waren an der Technischen Universität Wien im Fach Maschinenbau 1592 Studenten eingeschrieben, davon knapp zehn Prozent Frauen. Für das Doktoratsstudium des gleichen Studiengangs waren 245 Studenten angemeldet, darunter 29 Frauen. Eine davon ist Magdalena, die ihren tatsächlichen Namen lieber nicht genannt sehen will. Wegen der Kollegen.

»Nein, ich werde nicht diskriminiert. Aber oft ist da so ein Gefühl, das mir zeigt, dass ich nicht dazugehöre«, sagt Magdalena, eine zierliche Frau Mitte zwanzig. Manchmal würde sie von ihren Professoren hören, dass es für Frauen doch viel schönere Orte auf der Welt gebe als nüchterne Werkhallen. Sie würde gefragt, warum sie sich das alles antue, die Zahlen, Formeln, Algorithmen, den Kabelsalat und die schweren Baublöcke der Maschinen. Erst neulich habe ein Professor gemeint, ihre zarten Finger eigneten sich doch gar nicht für die Pranken eines Ingenieurs. »Solche Sachen muss man runterschlucken«, wiegelt sie in solchen Momenten ab. »Die meinen es ja nicht böse und merken gar nicht, wie deplatziert solche Sprüche sind.«

Es ist keinesfalls so, dass Studentinnen an den Fakultäten für Ingenieurwissenschaft nicht erwünscht wären. Eher im Gegenteil: Seit Jahren unternehmen Firmen, Universitäten und Ministerien unzählige Versuche, mehr Frauen auf die technischen Universitäten zu locken. Es gibt sogar spezielle Stipendien nur für Technikstudentinnen, und an fast allen Fakultäten wurden Stellen eingerichtet, um Diskriminierung zu bekämpfen.

Allein, all das nützt nur sehr wenig – die technischen Fakultäten werden noch immer von Männern beherrscht. »Es ist eine Frage der Alltagskultur«, sagt Magdalena, »die Technik war schon immer eine Hochburg der Männlichkeit.« Das werde sich so lange nicht ändern, meint sie, solange die Männer unter sich blieben: »Von denen ist keine Veränderung zu erwarten – wieso denn auch?« Das müssten die Frauen schon selbst angehen. Pionierinnen wie Magdalena.

Wo früher Barbiepuppen aus dem Regal starrten, stapeln sich heute Tuben, Fläschchen und Pillenpackungen, fein säuberlich geschlichtet wie im Apothekerkasten. Gertrude Fercsak wischt mit der Handfläche sanft über das Holz des Einbaumöbels im alten Kinderzimmer, auf dem sich kein Staubkorn findet. Die 59-jährige Hausfrau nickt zufrieden: alles unter Kontrolle, zwei Stunden noch. Dann wird sie ihre 86-jährige Mutter im Rollstuhl hereinschieben, wird sie ins Bett heben, ihr mit dem geweihten Wasser aus der Wallfahrtsbasilika Mariazell ein Kreuzzeichen auf die Stirn malen und einen gesegneten Schlaf wünschen. Dann geht aber die Arbeit erst richtig los: Bügeln, putzen, aufräumen – bis ihr die Augen zufallen, schuftet die Frau in ihrem geräumigen Bauernhaus im burgenländischen Unterpullendorf. Dabei gilt die kleine, lebhafte Frau mit der kecken Kurzhaarfrisur offiziell als »nicht beschäftigt«. Gertrude Fercsak ist einer von 425.000 Menschen in Österreich, die unbezahlt einen Angehörigen pflegen. Zu 80 Prozent sind es Frauen, im Schnitt sind sie 58 Jahre alt.

Es war vor vier Jahren. Die Röcke und Blusen begannen am Körper der damals 83-jährigen Mutter schlaff herabzuhängen. Die alte Frau war rüstig genug, um täglich für die Enkelkinder zu kochen, doch vergaß sie, auch selbst zu essen. 15Kilo nahm sie in wenigen Wochen ab. Der Arzt diagnostizierte fortgeschrittene Demenz. »Das ist, wie wenn der Kopf ganz leer ist«, erklärte er der irritierten Tochter.

Für drei Wochen kam die Greisin ins Altersheim – ein Desaster. Wenn die Pflegerinnen ihr das Glas zum Mund hielten, presste sie trotzig die Lippen aufeinander. Als man ihr Infusionen zur künstlichen Ernährung setzte, war der Entschluss der Tochter klar: »Wenn ich die Mama nicht zu mir nehm, dann stirbt sie.« Ihren geliebten Job als Hilfskraft in einer nahen Kultureinrichtung gab sie auf. Vier Kinder hatte sie großgezogen, und nun begann alles von Neuem: füttern, Windeln wechseln, pudern und eincremen – mit dem Unterschied, dass man beim Spazierengehen nicht für ein süßes, kleines Wesen im Rollstuhl bewundert wird.

Allein fürs Füttern muss sie täglich mehrere Stunden einberaumen. Es beginnt morgens um acht mit einem Püree aus Milchkaffee und Weißbrot, das in winzig kleinen Löffelportionen in den Mund der fragilen Greisin geschoben wird. Beschleunigen lässt sich hier nichts, weiß Frau Fercsak aus Erfahrung: »Dann verschluckt sie sich und wird ganz blau im Gesicht.« Eineinhalb Stunden dauert es, bis die Portion verfüttert ist – jeweils morgens, mittags und abends.

In ihrem Job habe sie ständig mit Leuten geredet und »viel gelacht«, schwärmt Frau Fercsak. An ihrem heutigen Arbeitsplatz findet sich nur eine Ansprechperson, und die redet höchst selten zurück. Von einem Tag auf den anderen hörte die Mutter auf zu sprechen. Nur ganz selten, wenn ihr das Waschen der verkrampften Hände wieder entsetzliche Schmerzen bereitet, stößt sie zwei leise Worte aus. »Du Teufel«, flüstert sie dann und verstummt aufs Neue.

Die Tochter versucht, gelassen zu bleiben. »Man muss sie jetzt nehmen, wie sie ist«, riet ihr der Hausarzt, als die Mutter, eine stets ausgeglichene, liebevolle Person, sich in eine mit dem Gehstock wild um sich schlagende Furie verwandelte. Fast zwei Jahre dauerte die aggressive Phase. »Ich hab kaum geschlafen damals«, erinnert sich die Tochter.

Zu allem Unglück wurde bei ihr vor zwei Jahren Brustkrebs diagnostiziert. Die Chemotherapien zehrten an ihren Kräften, doch paradoxerweise war es gerade die Pflege der Mutter, die ihr half, die Qual zu überstehen.

Wenn Frau Fercsak Hilfe braucht, zählt sie vor allem auf ihre Tochter. Ihr Mann, ein pensionierter Gemeindeangestellter, hilft mitunter, die eigenen Geschwister lassen hingegen selten von sich hören. Dass ihre Schwester es bevorzugt, das alte, schöne Bild der Mutter im Kopf zu behalten, schmerze sie schon. Bei den zwei Brüdern sei das anders, sie verdenkt es ihnen nicht: »Das sind halt Männer, Männer sind so.«

Vor dem wuchtigen Betonbau mit den endlosen Fensterreihen flattern die Stars and Stripes im Wind. In einem Industriegebiet jenseits der Donau betreibt der amerikanische Pharmakonzern Baxter seinen größten Standort außerhalb der Vereinigten Staaten. Viel Glas, viel Beton. Susanne Schober-Bendixen ist in dem klobigen Verwaltungsgebäude in der Chefetage angelangt.

Die Managerin trägt ein violettes Kleid, das Haar ist rötlich gefärbt, um ihren Hals bauscht sich ein dunkelgrüner Seidenschal. So farbenfroh stellt man sich nicht unbedingt die Verantwortliche für Qualitätskontrolle bei der Impfstoffproduktion vor, die über 1000 Mitarbeiter in ganz Europa dirigiert. »Ich finde es total öd, wenn Frauen immer nur in schwarzen Hosenanzügen herumlaufen«, meint lächelnd die 57-Jährige, die auch als einzige Frau im Österreich-Vorstand sitzt. Mit 3800 Leuten ist Baxter ein großer Arbeitgeber in Wien.

Früh lernte Schober-Bendixen Vorurteile kennen. Als sie sich mit 18 Jahren an der Veterinärmedizinischen Universität einschrieb, fragten Kommilitonen, ob sie studiere, um hier einen Mann zu finden. »Veterinärmedizin war ein von Männern dominiertes Fach, und die Stimmung war sehr frauenfeindlich«, erinnert sich Schober-Bendixen. Als die Studenten damals blind innere Wunden vernähen mussten, schaffte sie das schneller als die männlichen Kollegen. Der Professor feixte: »Typisch für Mädchen, die können das vom Handarbeiten, das ist aber auch schon das Einzige.«

Bei einem der ersten Bewerbungsgespräche nach dem Studium sagt ihr ein Chef unverblümt, Frauen stelle er höchstens als Assistentinnen ein, niemals für eine Führungsposition. Sie lehnte dankend ab. Schließlich heuerte sie bei der Pharmafirma Immuno an, jenem Unternehmen, das sich als Erstes nicht erkundigte: »Wann wollen Sie ein Kind haben?«

Noch heute hält sie ihrem Arbeitgeber zugute, dass sie als Konsulentin weiterarbeiten konnte, als ihre zwei Söhne in den achtziger Jahren auf die Welt kamen. Mit Macho-Chefs, die im Konzern einen männlichen Korpsgeist beschwören und abends unter sich bleiben wollen, wenn sie dicke Zigarren rauchen und Kognakgläser schwenken, musste sie sich auch später nie herumschlagen. Gleichwohl behielt sie ein feines Gespür. »Die Strukturen des Geschäftslebens wurden von Männern eingerichtet, und deswegen tun sie sich natürlich leichter.«

So richtig habe sie das erst mit der Zeit verstanden. Als Schulmädchen hatte sie immer geglaubt, Buben seien ihr überlegen, weil sie viel öfter die Hand hoben. »Ich habe erst bei meinen Söhnen gelernt, dass das eine Mutprobe ist. Die wissen gar nichts, sie zeigen einfach nur auf.« Dieses Prinzip beherrsche auch die Geschäftswelt: Karriere machen sei im männlichen Verständnis immer auch eine Mutprobe.

Heute steht die verwitwete Managerin lange nicht mehr im Labor, sondern tüftelt an Strategien und bestimmt über Personalfragen. »Ich habe bei mir einen unheimlich hohen Frauenanteil«, erzählt sie. »Wir scherzen manchmal, dass ich nur ein oder zwei Quotenmänner habe.«

In der österreichischen Realität ist aber weiterhin das Phänomen der Quotenfrau die Regel: Nur jedes zwanzigste Vorstandsmitglied ist weiblich. Schober-Bendixen will zumindest in ihrem Bereich gegenlenken. »Ich sage den Recruitern: Wir wollen Frauen sehen, also findet Frauen für uns!«

»Die Gedanken rennen und rennen und rennen«, sagt sie. Es ist mitten in der Nacht, aber die Gedanken rennen. Winterschuhe für die Kinder kaufen, Arbeiten, Behördenwege, die Kleinen vom Kindergarten abholen, kochen, vorlesen. Kaum hat Karin Hoffert ihre Gedanken geordnet, ist sie eingeschlafen, graut bereits der Morgen. Ein weiterer Tag ohne Atempause beginnt. Anziehen, Zähne putzen, Wohnung aufräumen, einkaufen, Termine. Für eigene Bedürfnisse hat sie keine Zeit. Sie ist alleinerziehende Mutter. Sie rotiert. Beeilen, organisieren, Arztbesuch, mit dem Exmann die Besuchszeiten regeln. Und irgendwann zwischen Kindergarten und Supermarkt ist Karin Hoffert zusammengeklappt. Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Panikattacken. »Eine klassische Burn-out-Karriere« nennt sie das.

Die zierliche 34-Jährige mit kurzen, rötlichen Haaren und Sommersprossen nippt an ihrem lauwarmen Kräutertee ohne Zucker. Hoffert ist eine von insgesamt 175000 Alleinerziehern in Österreich – 88 Prozent davon sind Frauen.

Karin Hoffert war 22 Jahre alt und hatte gerade ihre Ausbildung als Physiotherapeutin beendet, als sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte. Sie waren jung, verliebt – und wurden Eltern. Der Leistungsdruck: Job, Vaterrolle, Beziehung. Dem hielt die Ehe nicht lange stand, und »irgendwann war die Entscheidung da, sich zu trennen«.

Hofferts Kräutertee ist bereits ausgekühlt. Sie sinkt tiefer in die dunkelgrüne Eckbank, runzelt ihre Stirn. »Nach der Scheidung habe ich einen Teilzeitjob als Physiotherapeutin angenommen«, erzählt sie. Zusammen mit der Alimente konnte sie ihre Familie gerade noch über Wasser halten.

Eine Situation, die viele Alleinerzieherinnen betrifft. Das Teilzeitgehalt, das in einer Partnerschaft noch als Zusatzeinkommen gedacht war, stellt plötzlich das Haupteinkommen dar. Die Folgen davon sind fatal. Neben Migranten und Pensionisten sind vor allem Alleinerzieher armutsgefährdet. Laut einer Studie der Volkshilfe vom Juli dieses Jahres sind 20 Prozent der Ein-Eltern-Haushalte in Österreich von akuter Armut betroffen.

So weit wollte es Karin Hoffert nicht kommen lassen, auch wenn jede Ausgabe doppelt durchdacht wurde. Nach ihrem Burn-out begann sie eine Therapie, war motiviert, Beruf und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Sie beschloss, selbstständige Physiotherapeutin werden. Dann kam der Unfall. Der Sohn war sieben, als er sich bei einem Sturz von der Kletterwand den Ellenbogen zertrümmerte. Die Pflege nahm viel Zeit in Anspruch, der Weg in die Selbstständigkeit hatte sich damit erledigt.

»Ich bin alleine, aber ich ruhe mich nicht in der sozialen Hängematte aus, ich will arbeiten«, sagt Hoffert, so mühsam der Wiedereinstieg in das Berufsleben auch sein mag: »Ich bin eine emanzipierte Frau!«

»Ich bin nicht unglücklich und möchte nicht jammern«, meint Anna Hoppichler. »Aber ich kann Tatsachen festhalten.« Die 71-Jährige sitzt in der rustikalen Holzstube des Bauernhofes, auf dem sie seit fünfzig Jahren lebt. Keine halbe Stunde fährt man von Innsbruck über enge Serpentinen auf den Großvolderberg. Der Hof liegt auf tausend Metern, der Ausblick über das Inntal ist majestätisch. Vor dem fast 600 Jahre alten Bauernhaus ist ein kleiner Gemüsegarten angelegt, bereits von einer dünnen Schneedecke überzogen. Der Stall mit den elf Kühen, Kälbern und Hühnern ist nur einen Steinwurf entfernt. Anna Hoppichler wuchs in der Nähe auf, als ältestes von elf Kindern. Der Vater war krank, und sie wurde zu Hause gebraucht. Ausbildung durfte sie keine machen. »Das hat mir über viele Jahre hinweg keine Ruhe gelassen«, sagt sie.

Mit zwanzig Jahren heiratete sie, zog auf den Hof ihres Mannes, bekam vier Kinder und engagierte sich in der Tiroler Bäuerinnenorganisation. Die war kein angemeldeter Verein, sondern eine Selbsthilfegruppe, die sich in der eigenen Stube traf. »Die Männer haben das nicht immer gerne gesehen«, erzählt sie. »Manche Frauen haben gar nichts bekommen, kein eigenes Geld und auch keine Freiheiten. Ich brauche keine Emanze sein, aber ich möchte schon, dass ich als Mensch gleich viel wert bin wie ein Mann. Da habe ich auch so manche Frau aufgehetzt«, erzählt sie. Schließlich behob sie auch einen vermeintlichen Makel, der lange an ihr genagt hatte. Mit 35 holte sie ihre Ausbildung nach und legte eine Meisterprüfung in ländlicher Hauswirtschaft ab. Eine wilde Zeit sei das gewesen, erzählt sie. »Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden, um zu lernen, dann habe ich die Kinder versorgt, am Hof gearbeitet und spät am Abend wieder gelernt.« Im Dorf fanden das nicht alle gut. »Die studierten Weiber gehören alle rausgehaut«, habe man gesagt. Heute hängt der Meisterbrief an der holzgetäfelten Wand in der Stube neben den Familienfotos.

Jeden Morgen, nachdem sie die zierliche Porzellantasse mit dem ungezuckerten türkischen Kaffee ausgetrunken hat, stöbert Kamile Güler ihre Gehstöcke aus dem Garderobenkasten, streift die Sportschuhe über und macht sich auf den Weg. Eine Stunde lang spaziert die klein gewachsene Frau quer durch Wien, von ihrer Meidlinger Wohnung bis zum Reumannplatz oder hinauf zur Schönbrunner Gloriette. Den ganzen Tag in der kleinen Wohnung zuzubringen, das gehe einfach nicht, meint die 65-Jährige. Dabei ist die Garçonnière, die im Hinterhof eines Bordells direkt an einer Wiener Durchzugsstraße liegt, für Frau Güler nie zuvor gekannter Luxus.

Mit ihrem Mann und den Kindern hatte sie jahrelang zu siebt auf fünfzig Quadratmetern in einem Zimmer-Küche-Kabinett-Ensemble gehaust. Heute lebt sie allein, die Wände des winzigen Wohnzimmers sind gepflastert mit eingerahmten Porträts der Kinder, die längst ausgezogen und selbst Eltern sind, der Ehemann liegt 2600 Kilometer entfernt auf dem Friedhof von Antakya im Süden der Türkei. Kamile Güler ist einer jener Menschen, die Politiker heute arrogant als »die falschen Migranten« bezeichnen. Fünf Jahre Schulbildung, keine Deutschkenntnisse, höchster Bildungsabschluss: Lehre. Doch genau diese Menschen waren am Arbeitsmarkt, damals, Anfang der siebziger Jahre, noch heiß begehrt.

Vor mehr als 37 Jahren machte sich die Familie auf die dreitägige Busreise in die neue Heimat. Die gelernte Schneiderin wurde Büglerin, der Ehemann, ein Herrenfriseur, verdingte sich als Kraftfahrer. Tag für Tag pendelte die junge Mutter zu einem Herrenausstatter nach Liesing, wo sie bald zur Näherin aufstieg. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, packte sie ihr Schulheft aus und wiederholte, was sie untertags in der Firma notiert hatte. »Schere, Zwirn, Stecknadel« buchstabierte sie die neuen Wörter in der noch fremden Sprache. 29 Jahre lang stand Frau Güler dem Textilbetrieb zu Diensten – dann kam der Konkurs. »Viel geweint« habe sie deswegen, erzählt sie heute. »Ich hätte so gern noch ein paar Jahre gearbeitet. Aber wenn schon die Jungen keine Arbeit finden, wer nimmt eine 58-Jährige?«

Dem Risiko, die Arbeitsstelle zu verlieren, sind Migrantinnen ungleich stärker ausgeliefert als Österreicherinnen. Auch Kamile Güler spürte den Druck: Als sie, sieben Jahre nach ihrer Ankunft in Wien, nochmals schwanger wurde, suchte sie schon wenige Monate nach der Entbindung nach einem Kindergartenplatz. Ohne Erfolg – im Wien der frühen achtziger Jahre galt eine Frau, die ihr Kleinkind nicht mindestens zwei Jahre zu Hause betreute, als Randerscheinung. Frau Güler war erfinderisch, wurde bei einer Nachbarin vorstellig, welcher sie »Geld, Holzkohle und Süßigkeiten« bot, damit sie den kleinen Sohn in ihre Obhut übernähme. Die Nachbarin willigte ein, Frau Güler fuhr wieder jeden Morgen nach Liesing. »Nur nicht den Platz in der Firma verlieren – das war das Wichtigste«, erinnert sie sich.

Als zugewanderte Frau ist Kamile Güler doppelt benachteiligt – auch wenn sie das selbst nicht so sehen würde. Ihre Kinder unterstützen sie heute, auch finanziell, sie beschwert sich nicht. Doch vom Staat, dem sie fast dreißig Jahre lang brav Beiträge gezahlt und dem sie fünf Steuerzahler herangezogen hat, erhält sie nur 700 Euro Pension. Geld, das sie früher für einen Haarschnitt ausgegeben hätte, wird für Lebensmittel verwendet: »Ich bin zuckerkrank, das Diätessen kostet das Doppelte vom Normalen.« Frau Güler hat keine teuren Hobbys. Wenn sie nicht spazieren geht, sieht sie ihre Kinder oder trifft die Frauen im Migrantinnenzentrum.

Nur im Sommer wird es richtig teuer. Dann fliegt sie in die Türkei, besucht ihre Schwester und das Grab ihres verstorbenen Mannes. Kamile Güler hat längst einen österreichischen Pass. Um das Land ihrer Geburt betreten zu können, muss sie ein Visum lösen. »Komisch ist das schon«, sagt sie lächelnd. »Aber ich bin daheim nun eben eine Ausländerin.«

Erschienen in DIE ZEIT 47/2010

Zum Beten in den Keller

Der Islam ist in Österreich eine Religion im Abseits. Die Vertreter der Muslime fühlen sich diskriminiert.

Text: Nina Brnada

Nadire Mustafi kniet am Boden. Ihre schmalen Lippen bewegen sich, doch es entweicht ihnen kein Ton. Dann drückt die zierliche Frau die Stirn in den orientalischen Teppich. Um sie herum imitieren 15 Jugendliche ihre Bewegungen. Die Mädchen knien in einer Reihe neben Mustafi, die Burschen davor kehren ihnen den Rücken zu. Sie alle blicken gen Mekka. Vom niederösterreichischen Weinviertel aus sind es rund 3700 Kilometer bis in die Heilige Stadt der Muslime.

Im Erdgeschoss des gelben Einfamilienhauses in der Wiener Straße von Hollabrunn steht eine Katze regungslos am Fenster. Das Kellergeschoß des Gebäudes ist mit Teppichen ausgelegt, ein Waschbecken, eine Gebetsnische und eine gemauerte Kanzel komplettieren die Ausstattung. In diesem Gebetsraum trifft sich Nadire Mustafi an den Wochenenden mit ihrer Jugendgruppe. Dann wird über den Propheten gesprochen, den Mondkalender oder über die Flügel des Erzengels Gabriel, »die so groß sind wie der Horizont«. Die jungen Leute sollen hier ihr Wissen über den Islam vertiefen, sagt die fromme Tutorin. Es sind typische Teenager, die sie unterweist, geschminkte Mädchen, schüchterne Burschen. Die meisten stammen wie Nadire Mustafi aus Makedonien.

In dem improvisierten Gebetsraum unterrichtet die 30-Jährige auf Deutsch und kostenlos. Die zweifache Mutter ist eine viel beschäftigte Glaubensdienerin, die außerdem islamische Religionslehrer ausbildet, zusätzlich selbst Religionspädagogik studiert und im Hauptberuf an mehreren Schulen Islamunterricht erteilt. Die strenggläubige Muslimin lebt für die Religion – und von der Religion.

Niemand weiß, welche Auslegung des Islams in den Moscheen vertreten wird

In Österreich leben geschätzte 500.000 Muslime. Die Glaubenspraxis dieser zweitgrößten Religionsgemeinschaft des Landes ist jedoch kaum sichtbar. Der Islam ist in Österreich eine Religion im Abseits, über die argwöhnische Mutmaßungen kursieren und von der immer mehr Bürger befürchten, ihr nicht über den Weg trauen zu können. Lediglich drei Minarette machen auf Moscheen aufmerksam, jedes zusätzliche verhindern aufgebrachte Initiativen. Also geht eine halbe Million Menschen in Österreich zum Beten in den Keller oder versteckt sich in Hinterhöfen. So entsteht mehr und mehr eine spirituelle Parallelgesellschaft. Niemand weiß genau zu sagen, welche Überzeugungen dort gepredigt werden oder nach welchen Standards Religionsunterricht erteilt wird. Und nirgendwo herrscht sonderliches Interesse daran, mehr Transparenz in das abgeschottete Glaubensleben der Muslime zu bringen.

Schuld daran ist allerdings nicht allein die ablehnende Ignoranz der Öffentlichkeit. Verantwortlich ist auch die Islamische Glaubensgemeinschaft, jene Körperschaft, die für alle Belange der seit fast hundert Jahren staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft zuständig ist. Vor allem in den Bereichen der Seelsorge und der religiösen Unterweisung konnte die islamische Vertretung die rasante Zunahme der Muslime in den letzten Jahrzehnten nicht verkraften. Ihre Strukturen, einem Hobbyverein nicht unähnlich, sind organisatorisch und personell überlastet, das System von Ausbildung und Kontrolle von Lehrern und Vorbetern ist vor allem durch einen Mangel an Qualifikationen gekennzeichnet. Auch dadurch gerät die Religion in Misskredit.

Der Mangel führt, wie bei Nadire Mustafi in Hollabrunn, zu zahlreichen Multifunktionen. Sie selbst arbeitete bereits als Lehrerin, als sie noch für ihre pädagogische Tätigkeit ausgebildet wurde. Auch ihr Mann Zeadin ist Imam und zugleich Religionslehrer an Wiener Gymnasien.

Herr Mustafi schiebt zwei Heizstrahler durch den Gebetsraum. »Die Fußbodenheizung ist ausgefallen«, sagt der Makedonier in perfektem Deutsch. Die Schützlinge seiner Frau sind trotzdem gekommen. Anders als die meisten Gleichaltrigen gehen sie am Wochenende lieber hierher als in die Dorfdisco. Von außen ist die Moschee nicht zu erkennen. Es gibt keinen Hinweis, weder ein Türschild noch eine Aufschrift an der Fassade.

Ein Netz von mehr als 200 solcher Gebetsstätten überzieht Österreich. Exakte Zahlen kennt niemand. Die meisten dieser notdürftigen Gotteshäuser befinden sich in Hinterhöfen, Kellern oder Wohnungen, werden von Moscheenvereinen betrieben, deren Finanzierung und inhaltliche Ausrichtung oft schleierhaft bleibt: Wird hier der türkische Staatsislam vertreten oder eher wahabitischer Fundamentalismus? Sie sind Andachtsraum und zugleich Sozialzentrum, nur selten dringt nach außen, welche Gedankenwelt sich in ihnen breitmacht.

Nur manchmal geht ein Raunen durch das Land. Etwa 2007, als Mohamed M., der eifrige Besucher der Sahaba-Moschee in der Lindengasse war eher ein Möchtegernmärtyrer denn ein heiliger Krieger, ein bedrohliches Amateurvideo ins Internet stellte. Oder im Jahr darauf, als Adnan Ibrahim, der bis dahin als Vorzeigeprediger galt, während eines Freitaggebets plötzlich gegen die »Bestie Israel« hetzte. Oder im Jänner 2009, als eine Dissertation mit dem Titel Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft veröffentlicht wurde. Darin stand zu lesen, dass ein Fünftel der islamischen Religionslehrer Demokratie ablehnen würde und fast 14 Prozent der Meinung seien, die Teilnahme an Wahlen sei mit dem Islam nicht vereinbar. Eine ebenso große Gruppe würde die österreichische Verfassung ablehnen.

Rund 400 Religionslehrer unterrichten etwa 50.000 muslimische Schüler in Österreich. Claudia Schmied, die zuständige Unterrichtsministerin, war alarmiert. Flugs erstellte sie mit dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Anas Schakfeh, ein Fünf Punkte Programm. Lehrbücher sollten nun überprüft, antidemokratische Lehrer gekündigt werden. Fachinspektoren sollten Berichte abliefern, ein neuer Lehrplan ist im April 2009 in Kraft treten. Zudem sollten alle Lehrer in einer Präambel ihr »grundlegendes Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechten und Toleranz« bekräftigen. Für einen Experten wie Richard Potz, Professor für Religionsrecht an der Universität Wien, war die Alibiaktion mit einem entscheidenden »Schönheitsfehler« behaftet: Die fünf Punkte des Ministeriums würden lediglich »ohnehin geltendes Recht« beeinhalten.

Umgesetzt wurde seither dennoch wenig. Der neue Lehrplan ist trotz inzwischen einjähriger Verspätung noch immer nicht in Kraft. Über die Prüfberichte sagt das Ministerium diplomatisch, dass »ihre Qualität variiert«. Und die Bekenntnispräambel erregt bei professionellen Muslimen wie Nadire Mustafi Unwillen. Nicht weil sie Probleme mit der Demokratie habe. »Aber auf diese Weise werden wir alle einem Generalverdacht ausgesetzt«, meint sie.

Die Probleme, sagt Mouhanad Khorchide, Autor der Dissertation, seien »der Glaubensgemeinschaft bereits vor Veröffentlichung bekannt« gewesen, ebenso wie die Tatsache, dass 70 Prozent der Religionslehrer nicht über die nötigen beruflichen Qualifikationen verfügten. »Aber wegen der mangelnden Verantwortlichkeit innerhalb der Glaubensgemeinschaft wurde zu wenig unternommen.«

Seit 1982 gibt es islamischen Religionsunterricht an Österreichs Schulen, organisiert von der Glaubensgemeinschaft. Sie stellt Lehrer ein, prüft die Befähigung, beaufsichtigt den Unterricht. Dies gestattet ihr das Religionsunterrichtsgesetz von 1949, wie es auch für Katholiken, Protestanten oder Juden gilt.

Präsident Anas Schakfeh, der auch das Islamische Schulamt leitet, reagiert auf den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit gelassen. Die fehlende Qualifikation der Lehrer sei »Ministerien und Landesschulräten bewusst« gewesen. Jahrzehntelang reichte es oft für den Job des Religionslehrers, einfach nur Muslim zu sein. Die meisten waren Nebenerwerbsinstruktoren ohne pädagogische Kenntnisse. Ihre Einstellung gegenüber Recht und Grundgesetz kümmerte niemanden. »Wir sind keine Propheten, und wir betreiben auch keine Gewissensforschung«, erklärt Schakfeh.

Der 67-Jährige trägt edle Anzüge und spricht gern über interkulturellen Dialog. Er ist das Gesicht des Islams in Österreich, ein angesehener, vielfach dekorierter Mann. Dennoch ist der gebürtige Syrer umstritten. Er pflege intern einen autoritären Führungsstil, heißt es. Aly El Ghoubashy, islamischer Religionslehrer aus Vorarlberg, verlor etwa seinen Job, nachdem er einen kritischen Zeitungskommentar verfasst hatte. Ebenso wurde der Vertrag von Yasar Sarikaya, des Leiters der Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA), nicht verlängert, weil seine Äußerungen Missfallen erregten. Auch Mouhanad Khorchide, der mit seiner Studie den Stein ins Rollen brachte, verlor seinen Lehrauftrag an der IRPA. »Unsere Studenten haben ihm nicht mehr getraut«, begründet Schakfeh den Rausschmiss. Während der Soziologe Khorchide seinen Job los ist, darf Adnan Ibrahim, jener Mann, der über die »Bestie Israel« predigte, weiterhin pädagogischen Nachwuchs an der IRPA heranziehen. An dieser Akademie werden seit 1998 im Auftrag der Glaubensgemeinschaft Religionslehrer für Pflichtschulen ausgebildet. Für Unterrichtende an Höheren Schulen gibt es seit 2007 ein eigenes Studium am Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien. Zuvor existierte keinerlei Bildungsstätte.

Diese fehlt immer noch für Seelsorger. Imame – islamische Vorbeter – werden zur Gänze in islamischen Ländern angeworben. »Wir brauchen eine Islamisch-Theologische Fakultät«, sagt Ednan Aslan. Der gebürtige Türke ist Leiter des Lehrgangs Muslime in Europa, der seit vergangenen November von der Uni Wien angeboten wird. Imame sollen hier nicht theologisch ausgebildet werden, sondern der Lehrgang will »Muslime vom Rand in die Mitte der Gesellschaft holen«, wie Aslan sagt.

Ziemlich viel verlangt von einem einjährigen Crashkurs, der an Wochenenden stattfindet und 300 Euro Teilnahmegebühr kostet. Wien Alsergrund, ein Gründerzeithaus, letztes Stockwerk: 30 islamische Geistliche sind hier versammelt. Fünf von ihnen sind Frauen, wie Nadire Mustafi geben sie Kindern in Moscheen Unterricht. Eine Papiertüte mit geschälten Mandarinen wird herumgereicht. Es wird gekaut und getratscht. Vor den Wochenendstudenten steht Herbert Glotz. Er wirkt, als wolle er Margarine für vitale Senioren bewerben. Glotz ist Wirtschaftsprüfer, kennt sich aus mit Aktien und Spekulationen. Heute referiert er über »Banken und Finanzen«, Glotz soll die Grundzüge der Wirtschaft erklären. Einer der Imame meldet sich. »Kann ich das Internet von der Steuer absetzen? Ich brauche das zur Vorbereitung, ich bin nämlich auch Religionslehrer.«

Erschienen in DIE ZEIT 14/2010

Sin City

Globusbilder. Sie passen nicht ins patriarchalische Geschlechtersystem. Sie werden gleichzeitig begehrt und verachtet. Die Transvestiten von Istanbul leben am Rande der Gesellschaft.

Fotografie: Coskun Asar • Text: Nina Brnada

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Europa ist ganz nah, keine zehn Minuten die Straße hin­auf. Zumindest sieht es dort aus wie in Europa, oben auf der Istiklal Caddesi, der „Unabhängigkeitsstraße“, Istanbuls Prachtboulevard. Er ist das Herzstück des europäischen Istanbul. Restaurants und Geschäfte säumen die zwei Kilometer lange Fußgängerzone, junge Frauen mit blondierten Haaren und modischen Schuhen flanieren hier genauso wie Herren mit Stock und Hut. Auf der Istiklal ist alles so, wie sich die Istanbuler insgesamt gerne sehen: urban, aufgeschlossen und vor allem europäisch.

Unten aber, nur zehn Gehminuten von der Istiklal entfernt, liegt Tarlabasi, das Elendsviertel. Die Gegend mit den hügeligen Gassen sei eine der gefährlichsten der Stadt, erzählen die Istanbuler. Es komme oft zu Belästigungen und Raubüberfällen, Drogen seien allgegenwärtig. Hier gibt es keine angesagten Lokale wie im nahen Bobo-Viertel Cihangir; hier sind sogar jene Teehäuser für Männer rar, die sonst in der ganzen Stadt zu finden sind, in reichen wie armen Vierteln. In Tarlabasi leben jene, die die Türken gerne vergessen würden. Die es in Istanbul am schwersten haben. Die vom Großteil der türkischen Gesellschaft verachtet oder im besten Fall ignoriert werden: Kurden, Roma und Männer in Frauenkleidern.

Mit Letzteren tun sich die Türken besonders schwer. Wie viele Transvestiten es im Land gibt, weiß niemand so recht. Schätzungen belaufen sich auf rund 10.000 Personen. Die meisten leben mit Gleichgesinnten, vor allem in Istanbul – hauptsächlich in Tarlabasi und Umgebung. Sie kommen meist aus dem Osten des Landes, einer Gegend, die ethnisch fragil und religiös besonders konservativ ist. Ihr Coming-out und der Weg nach Istanbul bedeuten in der Regel den völligen Abbruch des Kontakts mit der Familie. In Istanbul leben sie am Rande der Gesellschaft und verdienen ihr Geld hauptsächlich als Prostituierte. „Sie haben keine Chance auf einen normalen Job“, sagt Neven Öztop von der türkischen Homosexuellen-NGO Kaos GL.

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Diese Menschen leben oftmals in sehr prekären Verhältnissen. Übergriffe der Bevölkerung, durch Freier oder gar Polizei, erleben sie immer wieder.
Der Grund für diese Diskriminierung, die jene in Westeuropa weit übertrifft, liegt in einer Gesellschaft, die zerrissen ist zwischen Tradition und modernem Anspruch: Für die vorwiegend muslimischen Türken gilt jede Orientierung abseits der heterosexuellen als Sünde. Jene Männer, deren Begierden Istanbuls Transvestiten Nacht für Nacht befriedigen, sind meist brave Familienväter, gestandene türkische Männer mit Schnauzbärten und klobigen Händen. Solche, die womöglich stets zum Freitagsgebet in die Moschee pilgern und für ihre sündigen Taten bei Allah um Vergebung bitten.

Traditionelle Geschlechterrollen haben diese Männer tief verinnerlicht. „Jeder Türke wird als Soldat geboren“, lautet ein türkisches Sprichwort, das die Männlichkeit in dem Land unterstreicht. Stark, mutig und tapfer will der türkische Mann sein. Vielleicht geht er mit seinen sexuellen Wünschen deshalb lieber zu Männern, die aussehen wie Frauen, statt zu Strichern. Es hilft, den Schein zu wahren, die eigenen Neigungen vor sich selbst zu rechtfertigen.

Im Gegensatz zu anderen muslimischen Ländern ist das Ausleben von Homosexualität in der Türkei zwar nicht gesetzlich verboten. Betroffene jedoch verstecken ihre sexuelle Orientierung aus Angst vor körperlicher und seelischer Gewalt – nicht nur seitens des gesellschaftlichen Umfelds, sondern auch der eigenen Familie. Schwulsein wird als Krankheit angesehen – oder als eine Entscheidung, die rückgängig gemacht werden kann. Dementsprechend fallen auch die Maßnahmen aus: Eltern schicken schwule Söhne zu Ärzten oder Psychologen in der Hoffnung, sie könnten den Nachwuchs heilen. Oftmals werden sie von ihrer Umwelt isoliert, manchmal von der eigenen Familie umgebracht. Schließlich ist das höchste Gut die Familienehre, die unter keinen Umständen beschmutzt werden darf.

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Dabei ist es für Fremde nicht immer klar, wo Homosexualität in der türkischen Gesellschaft beginnt. Denn was in Westeuropa als eindeutiges Zeichen von Schwulsein gelten würde, ist in dieser patriarchalischen Gesellschaft Alltag. Das zeigt sich vor allem an kleinen alltäglichen Gesten: In der Türkei herrscht etwa unter Männern keine Angst, als schwul zu gelten, wenn sie andere Männer berühren. Bei Busfahrten legen viele Türken einander den Kopf auf die Schulter, gehen Arm in Arm durch die Stadt, küssen einander bei Gruß und Abschied. Hier gelten Berührungen zwischen Männern als Ausdruck von Wertschätzung und Freundschaft. Es sind die kulturellen Merkmale einer klassischen Männergesellschaft – wie man sie auch im arabischen Raum findet oder in Lateinamerika.

Die Transvestiten von Istanbul sind allerdings die Opfer dieses Geschlechtersystems. Dass sie als Ventil einer rigiden Sexualmoral herhalten, geht nicht etwa mit Akzeptanz einher – man schämt sich vielmehr des Kontakts mit ihnen. So leben die Bewohner von Talabasi im extremen Elend: Materielle Armut, Alkoholismus, Drogensucht in all ihren Ausformungen und die ständige Furcht vor Übergriffen bestimmen ihren Alltag. Die Transvestiten leben praktisch im rechtsfreien Raum, polizeilicher Schutz existiert für sie gemeinhin ebenso wenig wie Selbstschutz in geschlossenen Lokalen oder durch Zuhälter.

Spätabends stehen sie auf und verbringen die Nacht auf der Straße oder in den wenigen Bars, die sie betreten dürfen, auf der Suche nach Freiern. Die Tage verbringen die Transvestiten von Istanbul schlafend. Bevor sie die Wohnungen von Talabasi verlassen, stillen sie ihre Grundbedürfnisse, ziehen sich an, schminken sich, richten die Frisur. So geht es Nacht für Nacht.

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Auf diese Weise ist unter den Transvestiten von Istanbul ein großes Gefühl der Solidarität entstanden. Dazu trägt nicht nur bei, dass sie allesamt im selben Stadtviertel leben. Auch die ähnliche Situation und die ständige Gefährdung erfordern, dass die Prostituierten voneinander wissen, wo sich die jeweils andere gerade aufhält, was sie macht, wie lange sie schon in ihrem Zimmer nicht mehr aufgetaucht ist. Ihre Dienste kosten 40 türkische Lira, umgerechnet 20 Euro, und mehr.

„In Istanbul sind Boden und Stein aus Gold“, sagen die Türken über ihre wichtigste Stadt. Das Sprichwort ist Ausdruck der Vision von einem Ort, an dem alles möglich scheint. Der türkische Traum lockt jährlich tausende Landbewohner aus den abgelegenen Provinzen an. Sie sind auf der Suche nach einem besseren Leben.
Bei den Transvestiten ist es nicht anders. Aber während es den meisten Zuwanderern irgendwann gelingt, einen Job zu finden, ein kleines Geschäft oder Teehaus zu eröffnen, Fuß zu fassen im Lauf der Zeit, bleiben sie auf der Straße. Nacht für Nacht stolzieren sie vielbefahrene Straßen auf und ab auf der Suche nach Kundschaft und mit der Hoffnung, den nächsten Morgen zu erleben.

Erschienen im Datum 03/2010

„Die Angst hält das System zusammen“

Hedwig Wölfl arbeitet mit Kindern, denen Gewalt angetan wurde. Die Leiterin Kinderschutzzentrums Möwe über die Trias der Vergeheimnissung, das Bollwerk der Verdrängung und aufmerksame Großmütter. Ein Gespräch mit Nina Brnada.

 

Frau Wölfl, Menschen, die Kinder missbrauchen sind in der Regel männlich. Der Anteil der Frauen macht aber immerhin bis zu fünf Prozent aus. Welchen Unterschied gibt es zwischen männlichen und weiblichen Tätern?

Die Frauen, die Kinder missbrauchen sind im Prinzip genauso wie Männer, die das tun. Sie haben, gelinde gesagt, einen inadäquaten Umgang mit den eigenen sexuellen Bedürfnissen. Vor allem aber geht es darum, dass sie Abhängigkeitsbeziehung ausnützen, um für sich selber sexueller Erregung zu erzeugen und Befriedigung zu erfahren – und das in der Begegnung mit einen Kind.

 

Was ist der Grund dafür, dass es nicht mehr weibliche Täterinnen gibt?

Das hängt damit zusammen, dass Frauen durch ihre gesellschaftliche Rolle einfach viel mehr mit Kindern zutun haben, die Beziehungen zu ihnen stärker und sie dadurch viel empathischer sind. In skandinavischen Ländern etwa, wo die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau viel weiter geht als bei uns, sind die Männer auch mehr mit den Kindern betreut und haben deshalb auch stärkere Beziehungen zu ihnen. Dort gibt es auch weniger Kindesmissbrauch als etwa hierzulande. Aber eigentlich finde ich den Begriff Kindesmissbrauch sehr missverständlich.

Warum?

 

Das Wort Kindesmissbrauch suggeriert ja auch immer einen möglichen Gebrauch von Kindern. Und den darf es einfach nicht geben. In der Fachwelt wird stattdessen der Begriff Gewalt verwendet. Die kann physisch, psychisch und sexuelle sein. Wobei man sagen muss, dass die Grenzen oft sehr wage sind. Bei sexueller Gewalt etwa sind psychische und physische Gewalt ganz entscheidende Faktoren.

 

Wo liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit?

 

Rund 60 Prozent unserer Fälle sind im juristischen Sinn Fälle von sexueller Gewalt. Die meisten Opfer sind Mädchen, mehr als die Hälfte der Kinder sind zwischen zehn und vierzehn Jahre alt.

Gibt es Symptome anhand derer man erkennen kann, dass einen Kind Gewalt angetan wurde?

 

Sexuelle Gewalt kann man an Symptomen nicht eindeutig erkennen. Die Folgen sind sehr unspezifisch. Das muss unbedingt festgehalten werden, denn es muss nichts heißen, wenn ein Kind plötzlich bestimmte Zeichnungen malt, einnässt oder sich plötzlich sehr sexualisiertes Verhalten hat. Da kann sehr schnell der Eindruck entstehen, dass da was hätte gewesen sein können. Solche Merkmale können ein Hinweis darauf sein, müssen aber nicht. Es kann genauso eine Folge von anderen Dingen sein, die das Kind irritieren. Etwa eine Reaktion auf die Scheidung der Eltern oder etwas, was das Kind irgendwo aufgeschnappt hat…

Wer wendet sich an Sie?

 

Oft sind es Mütter, Nachbarinnen oder Großmütter, denen etwas am Verhalten des Kindes auffällt. Professionelle Kräfte wie Kindergärtnerinnen oder Lehrer, denen etwas komisch vorkommt, oft dann, wenn sich etwas im Verhalten des Kindes drastisch ändert.

Was erzählen sie da?

 

Sie erzählen dann dass das Kind sich isoliert, manchmal aber auch jede Distanz zu anderen verliert. Wenn sich das Hygieneverhalten ändert, das Kind sich nicht mehr so oft wäscht oder ständig. Wenn es plötzlich stark aggressiv wird oder ein Fünfjährige plötzlich wieder anfängt einzukoten oder einzunässen. Wenn es einfach so die Hose herunter zieht Das kann einer Oma schnell auffallen, wenn das Kind mal übers Wochenende oder in den Ferien bei ihr übernachtet. Es sind also Änderungen im Verhalten, die sich immer mehr zu einem Bild verdichten.

Es gibt aber auch viele Menschen die wegsehen…

 

Wir hören immer wieder von Betroffenen, dass sie bis zu sieben Anläufen gebraucht haben um sich jemanden anzuvertrauen. Alle Opfer versuchen zu signalisieren, dass etwas nicht stimmt. Oft wird es nicht verstanden, manchmal missverstanden aber eben auch ausgesprochen und von den Bezugspersonen einfach überhört. Opfer von Gewalt haben oft Angst hinsichtlich der Bezugsperson. Diese lebt oft im Zwiespalt, denn wer will schon glauben, dass der eigenen Partner, mit dem man selber intim ist, so etwas tut. Das erfordert natürlich auch ein gewisses Eingeständnis, dass man es auch nicht wahrgenommen hat. Das ist sehr belastend. Vor allem für die Opfer, die haben meist große Angst, sie bestimmt alles.

Wie funktionieren diese Mechanismen, die Angst erzeugen?

 

Die ganze Sache wird vor drei Dingen festgehalten. Ich nenne sie gern die Trias der Vergeheimnissung: Scham, Schuld und Angst. Das sind die drei Faktoren, die für die Opfer alles bestimmen und die Waffen der Täter ist. Das, was nämlich als Geheimnis passiert ist mit Scham besetzt, denn man darf es niemandem erzählen. Danach kommt der Gedanke, dass man selber Schuld sei, meistens durch Drohungen oft auch durch Lockungen. Oft versucht der Täter das Opfer zu locken, die einerseits Versprechungen sind, wie Geschenke, gleichzeitig aber auch Schuldzuweisungen und Drohungen. Das reicht von Aussagen wie, „Wenn der Papa ins Gefängnis geht, bis du schuld“ bis zu Morddrohungen. Und das alles wird von der Angst förmlich zusammen geschweißt.

Ist Gewalt an Kindern eine Frage es sozialen Milieus?

 

Nein, dieses Phänomen kennt keine sozialen Barrieren. Aber es ist so, dass sozial auffällige Familien durch Arbeitslosigkeit oder häufigen Partnerwechsel sowieso mehr unter Beobachtung stehen und die Fälle aus diesen Schichten auch vermehrt gemeldet werden.

Wie kann man denn so etwas verhindern?

 

Ganz wird es nicht zu verhindern sein. Aber wir alle müssen Menschenrechte und Kinderrechte im Besonderen ins Bewusstsein der Menschen rücken. Im Jahr 1989 wurde die Kinderrechtskonvention verfasst, im selben Jahr wurde die Möwe gegründet, auch andere Vereine dieser Art. Damals lag das in der Luft, es war eine richtige Bewegung. Auch das Züchtigungsverbot wurde damals eingeführt. Es stand dann schwarz auf weiß – es gibt keine gesunde Watsche, diese Wortkombination ist absurd. Wir können unsere Kinder nicht durch Gewalt erziehen. Erziehung ist nur innerhalb einer Beziehung möglich.

Was muss getan werden?

 

Wir müssen atmosphärisch etwas ändern, wir müssen Kinder mehr Platz geben, buchstäblich, ihnen Räume freigeben, in denen sie einfach nur Kinder sein können. Wir müssen ihr Selbstbewusstsein stärken, sie soweit bringen, dass sie selbst artikulieren können, was ihnen angenehm und unangenehm ist. Sie für sich selbst aber auch für andere aufmerksam machen. Wir müssen aber auch wach sein. Manchmal hilft es, wenn die Nachbarin, die ihre vollen Einkaufstaschen über die Stiegen schleppt sich ein paar Sekunden nimmt und wahrnimmt, dass etwa im Stiegenhaus ein Mädchen sitzt und sie fragt, wie es ihr geht. Selbst wenn sie nichts antwortet, kann man sagen „Wenn du mal was brauchst, kannst du immer anklopfen“. Man muss nicht eindringen, es reicht schon, wenn man so etwas sagt. Das bleibt hängen. Da sind wir alle verantwortlich, denn es ist immer erlaubt zu fragen. Wir Menschen dürfen uns für einander interessieren.

Hedwig Wölft, Psychologin und Leiterin des Kinderschutzzentrums Möwe.

Erschienen in liga 01/2010

Walzer alla turca

Woran die Politik kläglich scheitert, gelingt am St. Georgs-Kolleg in Istanbul: Die Privatschule führt Österreich und die Türkei zusammen.

Text: Nina Brnada

Walter Kunnert mag es adrett. Er verlangt, dass die Mädchen ihre Locken zu einem züchtigen Schweif zusammenbinden. Die Wangen der Burschen sollen glatt rasiert sein, und ihr Haupthaar darf den Kragen nicht berühren. Falls doch, schickt der Lehrer seine Schüler unverzüglich zum Friseur. Das könne schon dreimal in der Woche passieren, sagt der Salzburger und putzt ein paar Fussel vom Revers. Kunnert ist Mathematiklehrer. So sieht er auch aus. Krawatte, große Brille, leicht nach unten gezogene Mundwinkel. Am wohlsten fühlt sich der 64-Jährige, wenn er über Matrix oder Exponentialgleichung spricht. Wenn es jedoch um das Aussehen seiner Schüler geht, dann verwandelt sich Herr Kunnert in einen leidenschaftlichen Stilpolizisten.

Daheim in Österreich habe es ihn oft geärgert, wenn Schüler mit zerrissenen Hosen und ungepflegtem Schopf vor ihm in der Klasse saßen, erzählt der Pädagoge. »Aber zu Hause kann man dagegen nichts tun«, sagt er und schüttelt den Kopf. An der Schule hingegen, an der er nun seit zwölf Jahren unterrichte, »ist es sogar meine Pflicht: Atatürk wollte das so.« Für Walter Kunnert ist der türkische Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk eine Instanz. In jedem Klassenzimmer prangt ein Porträt des »Vaters der Türken« an jener Stelle an der Wand, an der in Österreich ein Kruzifix hängen würde. »Atatürk«, sagt der Lehrer, »wollte, dass anhand des Aussehens keine religiösen oder sozialen Unterschiede erkennbar sind.« Das gelte auch hier, am St. Georgs-Kolleg, einer österreichischen Eliteschule in Istanbul. Hier werden Kinder und Jugendliche im Geist des interkulturellen Austauschs zweier Länder erzogen, der von der hohen Politik regelmäßig angezweifelt, gar in Abrede gestellt wird. Österreich und die Türkei: Das geht hier seit über 120 Jahren zusammen.

Als die Privatschule 1882 von katholischen Lazaristen gegründet wurde, gab es weder Österreich noch die moderne Türkei. Istanbul, damals noch Konstantinopel, war die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, in dem ein buntes Gemisch an Nationalitäten und Religionen lebte: Griechen, Juden, Armenier, Muslime. Und deutschsprachige Katholiken. Vor allem für Letztere, für eine elitäre Minderheit, gründete die Priestergemeinschaft auf dem Grundstück der St.-Georgs-Kirche eine Grundschule. Gott zu Ehren und zum Wohlgefallen des österreichisch-ungarischen Monarchen Kaiser Franz Joseph.

Nach dem Untergang der Donaumonarchie drohte auch dem St. Georgs-Kolleg ein jähes Ende. 1919 wurde die Schule auf Geheiß des französischen Stadtkommandanten für vier Jahre geschlossen. Auch von 1944 an blieben die Tore zu. Erst 1947 konnte die Schule wieder ihren Betrieb aufnehmen. Unweit des Galataturms, des Relikts einer Siedlung von Kaufleuten aus Genua, liegt das nüchtern gestaltete, in den fünfziger Jahren umgebaute und laufend modernisierte Schulareal. Ringsum hocken Männer in karg eingerichteten Teestuben und spielen Backgammon, Obsthändler karren ihre Waren über das Kopfsteinpflaster. Nur ein paar Gehminuten entfernt legen am Ufer des Bosporus mondäne Kreuzfahrtschiffe an den Kais an. Touristen aus aller Herren Länder posieren in dem pittoresken Viertel für das Urlaubsalbum.

Nur in den Gassen rund um das Kolleg ist wenig vom geschäftigen Treiben zu merken. Über dem Eingang des sechsstöckigen Schulgebäudes ist der deutschsprachige Name der Schule in Stein gemeißelt. Daneben ragen kleine Überwachungskameras aus einem alten Gemäuer. Im Inneren, an den Wänden der verwinkelten Gänge, hängen Plakate, die türkische Sehenswürdigkeiten zeigen, das unwirtliche Kappadokien oder das staubige Ankara. Davon abgesehen, unterscheidet sich die Schule kaum von einem österreichischen Gymnasium. Nur die unscheinbare St.-Georgs-Kirche mit ihren grauen Mauern, in der bis heute Messen in deutscher Sprache gelesen werden, erinnert an die Anfänge. An eine Zeit, in der Istanbul eine völlig andere Stadt als heute war.

Um die Jahrhundertwende waren rund die Hälfte der Bevölkerung Christen. Noch im Jahr 1913 besuchten 255 christliche, 60 jüdische, aber nur 29 muslimische Kinder das Kolleg in dem Viertel Karaköy. Hier lebten in jener Zeit vor allem reiche Levantiner, liberale, europäisch geprägte Kaufmannsfamilien, die ihren Nachwuchs an die österreichische Schule schickten. Heute sind nahezu alle der 620 Schüler und Schülerinnen Muslime und türkische Staatsbürger, zumeist Sprösslinge der Oberschicht. Nur jeder Zehnte kommt aus einer ärmeren Familie und damit in den Genuss eines Stipendiums.

Sie alle durchlaufen eine exklusive Ausbildung, an deren Anfang eine einjährige Vorbereitungsklasse steht. Erst danach dürfen die Schüler zwischen Realgymnasium und Handelsakademie wählen. Insgesamt 70 Lehrer unterrichten hier. Zwei Drittel kommen aus Österreich, ihre Gehälter werden vom Bildungsministerium in Wien bezahlt. In St. Georg gilt eine Kombination aus österreichischem und türkischem Lehrplan, in den meisten Fächern wird in deutscher Sprache unterrichtet. Die Matura berechtigt nicht nur zum Studium an türkischen, sondern auch an österreichischen Universitäten. Ein in den besseren Istanbuler Kreisen begehrtes, vor allem aber teures Sprungbrett zur beruflichen Karriere. Für das prestigeträchtige Abschlusszeugnis berappen die betuchten Eltern immerhin 7000 Euro jährlich. So viel, wie ein Türke durchschnittlich im Jahr verdient. Wenn der Elternsprechtag stattfindet, steht eine Traube frisch frisierter Mittvierzigerinnen vor dem Schultor, die als private Nachhilfelehrerinnen ihr Geld verdienen. »Rund 50 Euro kostet eine Stunde Deutsch«, sagt eine von ihnen mit starkem türkischem Akzent. Die Frauen wissen, dass es keine Armen trifft. Die Investition in die Sprösslinge macht sich bezahlt: Spätere türkische Ministerpräsidenten oder Parlamentarier haben in St. Georg die Schulbank gedrückt. Schriftsteller und Manager gehören zum erlesenen Kreis der Absolventen. Auch die österreichische Nationalratsabgeordnete Alev Korun von den Grünen ging hier zur Schule. Gemeinsam haben die meisten neben der exklusiven Ausbildung vor allem eines: Sie beherrschen den Wiener Walzer.

Jeden Mittwoch werden im Festsaal der Schule die Schrittfolgen einstudiert, die Körperhaltung perfektioniert. Schließlich sollen die Eleven leichtfüßig, elegant übers Parkett schweben, wenn im Juni der jährliche Schulball stattfindet. »Tuchfühlung, meine Herren, Tuchfühlung«, treibt Walter Kunnert lautstark das etwas lustlose Grüppchen an. »Die Damen sollen spüren, dass Sie sie führen.« Zwei Dutzend Jugendliche wirbeln im Dreivierteltakt durch den Saal. Burschen mit roten Wangen steigen unbeholfen langhaarigen Mädchen auf die Füße. Die türkische Jeunesse dorée folgt nur widerwillig den Anweisungen des Tanzlehrers. Gelangweilt folgen die Schüler dem Treiben am Parkett, ganz wie die feinen Pinkel aus Döbling. Würden sie nicht in ihren Schuluniformen stecken – helle Polo-Shirts, dazu dunkle Röcke bei den Mädchen, gedeckte Hosen bei den Burschen –, wären sie kaum von Gleichaltrigen in Österreich zu unterscheiden.

Kaum läutet die Schulglocke, stöpseln sich die Schüler ihre iPod-Kopfhörer in die Ohren und werfen sich trendige Rucksäcke über die Schulter. Die Mädchen tragen beige Lammfellstiefel, wie sie auch in Wien gerade schick sind. Eine von ihnen ist Ayşe Yokut Somer. Die 16-Jährige sitzt in einem Café am Istanbuler Prachtboulevard Istiklal Caddesi und rührt in ihrem Cappuccino. Sie trägt ein knielanges Strickkleid. In den braunen Haaren steckt – ganz à la mode – eine große Sonnenbrille. Ayşe erzählt, dass sich die meisten Mitschüler mit der deutschen Sprache plagen würden. Schließlich werden nur »türkische Kulturfächer« wie etwa Geschichte oder Geografie von einheimischen Professoren in der Landessprache gelehrt. Sie aber habe keine Probleme, ihre österreichischen Lehrer zu verstehen. »Ich konnte die Sprache ja schon«, sagt sie und nippt an ihrem Kaffee. In Wien geboren, hat sie im neunten Bezirk ihre Kindheit verbracht und ein Josefstädter Gymnasium besucht. Seit fünf Jahren lebt die österreichische Staatsbürgerin im noblen Viertel Taksim. Wörter wie »urarg« oder »ursuper« rutschen ihr aber noch immer über die Lippen. »Ich wollte nicht weg aus Wien, aber meine Eltern sind zurückgezogen«, sagt sie. Auch sie sind Absolventen der Istanbuler Eliteschule. Für beide bot die Matura am St. Georgs-Kolleg die Möglichkeit, in Wien zu studieren, um später in ihrer Heimat Karriere zu machen. Heute ist Ayşes Vater Informatiker, ihre Mutter Architektin.

Rund ein Drittel der Absolventen geht an eine österreichische Universität. Sie gehören einer anderen Gesellschaftsschicht an als jene türkische Migranten, die als Gastarbeiter nach Österreich kamen. »Wir sind anders als diese Leute«, sagt Fatma Kaykç vom Absolventenverein und sucht damit die Distanz zu den Arbeitern aus dem türkischen Hinterland. »Wir sind Kinder des Bosporus.«

So wie die Schüler und Absolventen mit ihren Landsleuten wenig gemein haben, so fühlen sich auch die österreichischen Lehrer am Bosporus als etwas Besonderes. Wenngleich aus ganz anderen Gründen. Die meisten der knapp 50 Lehrer und Lehrerinnen, die ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um am St. Georgs-Kolleg zu unterrichten, fühlen sich hier wohl, angenommen und akzeptiert. »Ich wünschte, Ausländer in Österreich würden so behandelt wie wir hier«, sagt der gebürtige Grazer Alexander Zabini. Vor 30 Jahren kam er mit seiner Frau, die ebenfalls an der Schule unterrichtet, nach Istanbul. Hier hat der Biologielehrer seine besten Jahre verbracht, hier kamen seine Kinder zur Welt. Er habe nie gedacht, erzählt er, dass er bis zu seiner Pensionierung bleiben werde. »Aber es ist anders gekommen.«

Das gilt auch für Franz Kangler. 26 Jahre hat er die Schule geleitet. Nächstes Jahr wird er in Pension gehen. Der Superior der Ordensgemeinschaft ist Gratwanderungen gewohnt: Seine tägliche Herausforderung ist es, Kulturen zu verbinden – nicht nur die österreichische und die türkische, sondern auch Laizismus und Lazaristen. Dazu gehört, dass der 60jährige Priester keine Soutane, sondern Krawatte und Hemd trägt. An seiner Wand hängen weder Kreuz noch Mariengemälde, sondern Porträts von Heinz Fischer und Mustafa Kemal Atatürk.

Unten im Hof haben sich wie jeden Freitag die Schüler unter der türkischen Flagge zum Singen der türkischen Nationalhymne versammelt. Kangler schreitet die Stufen hinab zu seinen Schützlingen. Wie ein Staatsmann stellt er sich vor den in Reih und Glied postierten Schülern auf, die aus voller Kehle »O Halbmond, ewig sieggewohnt« intonieren. So wie Atatürk es wollte. Und das Walzertanzen werden die Eliteschüler auch noch lernen.

Erschienen in DIE ZEIT 03/2010

Faschismus findet Stadt

Ein umstrittener kroatischer Sänger singt in Wien Lieder über Volkstum und Vaterland. Sein Publikum reckt die Hände zum Hitlergruß. Die Gemeinde lässt ihn in einer städtischen Halle auftreten.

Text & Fotografie: Nina Brnada
thompson01Er betritt die Bühne, um den Hals ein gotisches Amulett, in den Händen ein Kunstschwert. Wie ein archaischer Krieger. Er hebt das Schwert und rammt es in den Boden. Sein Gesicht ist angespannt. Marko Perkovic, 42 Jahre alt, genannt Thompson. Der Eroberer, der symbolisch neu gewonnenes Land einnimmt. Kroatisches Land. Das Publikum tobt, schwenkt Flaggen. Thompson spricht ihm aus der Seele. Es ist eine Seele, die Krieg und Vertreibung erleben musste. Die sich zwangsweise in einem anderen Land niederließ, dessen Sprache sie nicht verstand, dessen Kultur sie nicht kannte. Thompson holt die Menschen zurück in ihr stolzes Vaterland.

Er singt von Söhnen, die wegziehen mussten und Briefe an ihre Mütter schreiben. Er sing von alten Freunden, an die er oft denkt. Und er singt von Judas’ Söhnen, die Träume verraten haben. Die meisten scheinen die Anspielung auf das Judentum nicht zu verstehen. Nur der harte Kern der Fans weiß, was gemeint ist. Auf einer Fahne vor dem Bühnenrand prangt der Buchstabe „U“, ein Kürzel für Ustascha, wie sich die kroatischen Faschisten im Zweiten Weltkrieg nannten. Als Thompson ein Lied über ein im Balkankrieg umkämpftes Dorf singt, heben einige die Arme zum Hitlergruß. „Za dom spremni“, singt ihr Idol, „Für die Heimat bereit“, der alte Gruß der Ustascha, die Hunderttausende in Konzentrationslagern ermordeten.

Es ist kein rechtsextremer Kellerclub, in dem das Konzert stattfindet. Es ist Wiener Gemeindeeigentum. Das Budo-Center, Favoriten, am Wienerberg, 1.600 Leute Fassungsvermögen. Sonst dient es als Sporthalle. „Terminvergabe“ kann man auf der Website (http://www.wien.gv.at) der Stadt Wien anklicken, wenn man die Halle mieten möchte. Der kroatische Verein „Österreichisch-Kroatische Gemeinschaft für Sport und Kultur in Wien“ nahm das Service in Anspruch und stellte die Halle kurz darauf Thompson zur Verfügung, der als kroatischer Ultranationalist gilt. Am 9. Mai, ausgerechnet dem 64. Jahrestag des Sieges über den Faschismus, trat er in Wien auf. Und die für die Halle zuständigen Beamten der Stadt Wien wollen von all dem nichts gewusst haben und geben an, überrumpelt worden zu sein.

So wie Sandra Hofmann. Die Leiterin des Wiener Sportamtes habe Angst, sagt sie jetzt. Sonst kümmere sie sich um den Rasen auf Fußballplätzen oder um den Verschmutzungsgrad kommunaler Schwimmbecken, „aber doch nicht um die Einhaltung des Verbotsgesetzes“. Jetzt bekommt sie Droh-Mails von kroatischen Nationalisten. „Sie schreiben, dass sie mich zum Schweigen bringen werden.“ Der Grund: Die Beamtin hat angekündigt, dass von nun an kein Thompson-Konzert mehr in Sporthallen der Stadt Wien stattfinden darf.

Dass der Sänger hier war, führt Hofmann auf eine „Täuschung“ zurück. Der Verein habe behauptet, dass ein anderer kroatischer Sänger auftreten würde, sagt sie. „Ich habe mir das mündlich und schriftlich bestätigen lassen.“ Das sagt auch der verantwortliche Sportstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ): Die Causa sei „ärgerlich“, man könne nichts dafür und werde nun über Konsequenzen nachdenken.

Ganz so unwissend, wie sich die Vertreter der Stadt Wien nun darstellen, scheinen sie allerdings nicht gewesen zu sein. Darauf lassen zumindest die Aussagen von Franz Oberndorfer schließen, dem Leiter der MA 36 für Veranstaltungswesen. Seine Behörde bewilligte die Veranstaltung. Er widerspricht Sandra Hofmann und Stadtrat Christian Oxonitsch: „Ab dem 26. März haben wir gewusst, dass Thompson auftreten wird.“ Das behauptet auch die Kassierin des Vereins Jadranka Vincek.

Die Vorgeschichte zu Thompsons Konzert ist offenbar ein Verwirrspiel aus widersprüchlichen Informationen und abgeschobenen Verantwortlichkeiten. Denn auch das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung will informiert gewesen sein. „Wir haben die Angelegenheit geprüft, es bestand allerdings kein Grund, das Konzert zu verbieten“, sagt dessen Pressesprecherin Karin Strycek. Ganz anders wiederum klang Ingrid Duschek, Mediensprecherin im Büro von SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl.

In der serbischen Tageszeitung Kurir vom 15. April sagte sie: „Der Wiener Bürgermeister hat entschieden, sich von nazistischen Inhalten und Veranstaltungen zu distanzieren. Die Absage dieses Konzerts in einer Einrichtung, die der Stadt Wien gehört, zeigt die Distanzierung im Namen des öffentlichen Wien.“ Duschek will heute falsch zitiert worden sein. „Ich habe die Absage des Konzerts nicht garantiert“, sagt sie. Die Kurir-Redaktion besteht allerdings auf Nachfrage darauf, Duscheks Worte korrekt wiedergegeben zu haben.

Zuständigkeiten, die einander überlagern, und mangelnde Kommunikation haben also dazu geführt, dass Thompson letztendlich doch in Wien auftreten konnte. Jener Sänger, der sich nach der Waffe benannte, mit der er im Balkankrieg kämpfte. Jener Sänger, gegen dessen antisemitische und faschistische Symbolik das Jerusalemer Wiesenthal-Zentrum Protest einlegte. Jener Sänger, der im Budo-Center von „Judas’ Söhnen“ singt. In der kroatischen Stadt Pula, in der Schweiz und in Kärnten wurden seine Konzerte schon verboten. In Wien darf er Gemeindehallen bespielen. Weil niemand zuständig gewesen sein möchte.

Erschienen in Datum 06/2009