„Die Angst hält das System zusammen“

von Nina Brnada

Hedwig Wölfl arbeitet mit Kindern, denen Gewalt angetan wurde. Die Leiterin Kinderschutzzentrums Möwe über die Trias der Vergeheimnissung, das Bollwerk der Verdrängung und aufmerksame Großmütter. Ein Gespräch mit Nina Brnada.

 

Frau Wölfl, Menschen, die Kinder missbrauchen sind in der Regel männlich. Der Anteil der Frauen macht aber immerhin bis zu fünf Prozent aus. Welchen Unterschied gibt es zwischen männlichen und weiblichen Tätern?

Die Frauen, die Kinder missbrauchen sind im Prinzip genauso wie Männer, die das tun. Sie haben, gelinde gesagt, einen inadäquaten Umgang mit den eigenen sexuellen Bedürfnissen. Vor allem aber geht es darum, dass sie Abhängigkeitsbeziehung ausnützen, um für sich selber sexueller Erregung zu erzeugen und Befriedigung zu erfahren – und das in der Begegnung mit einen Kind.

 

Was ist der Grund dafür, dass es nicht mehr weibliche Täterinnen gibt?

Das hängt damit zusammen, dass Frauen durch ihre gesellschaftliche Rolle einfach viel mehr mit Kindern zutun haben, die Beziehungen zu ihnen stärker und sie dadurch viel empathischer sind. In skandinavischen Ländern etwa, wo die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau viel weiter geht als bei uns, sind die Männer auch mehr mit den Kindern betreut und haben deshalb auch stärkere Beziehungen zu ihnen. Dort gibt es auch weniger Kindesmissbrauch als etwa hierzulande. Aber eigentlich finde ich den Begriff Kindesmissbrauch sehr missverständlich.

Warum?

 

Das Wort Kindesmissbrauch suggeriert ja auch immer einen möglichen Gebrauch von Kindern. Und den darf es einfach nicht geben. In der Fachwelt wird stattdessen der Begriff Gewalt verwendet. Die kann physisch, psychisch und sexuelle sein. Wobei man sagen muss, dass die Grenzen oft sehr wage sind. Bei sexueller Gewalt etwa sind psychische und physische Gewalt ganz entscheidende Faktoren.

 

Wo liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit?

 

Rund 60 Prozent unserer Fälle sind im juristischen Sinn Fälle von sexueller Gewalt. Die meisten Opfer sind Mädchen, mehr als die Hälfte der Kinder sind zwischen zehn und vierzehn Jahre alt.

Gibt es Symptome anhand derer man erkennen kann, dass einen Kind Gewalt angetan wurde?

 

Sexuelle Gewalt kann man an Symptomen nicht eindeutig erkennen. Die Folgen sind sehr unspezifisch. Das muss unbedingt festgehalten werden, denn es muss nichts heißen, wenn ein Kind plötzlich bestimmte Zeichnungen malt, einnässt oder sich plötzlich sehr sexualisiertes Verhalten hat. Da kann sehr schnell der Eindruck entstehen, dass da was hätte gewesen sein können. Solche Merkmale können ein Hinweis darauf sein, müssen aber nicht. Es kann genauso eine Folge von anderen Dingen sein, die das Kind irritieren. Etwa eine Reaktion auf die Scheidung der Eltern oder etwas, was das Kind irgendwo aufgeschnappt hat…

Wer wendet sich an Sie?

 

Oft sind es Mütter, Nachbarinnen oder Großmütter, denen etwas am Verhalten des Kindes auffällt. Professionelle Kräfte wie Kindergärtnerinnen oder Lehrer, denen etwas komisch vorkommt, oft dann, wenn sich etwas im Verhalten des Kindes drastisch ändert.

Was erzählen sie da?

 

Sie erzählen dann dass das Kind sich isoliert, manchmal aber auch jede Distanz zu anderen verliert. Wenn sich das Hygieneverhalten ändert, das Kind sich nicht mehr so oft wäscht oder ständig. Wenn es plötzlich stark aggressiv wird oder ein Fünfjährige plötzlich wieder anfängt einzukoten oder einzunässen. Wenn es einfach so die Hose herunter zieht Das kann einer Oma schnell auffallen, wenn das Kind mal übers Wochenende oder in den Ferien bei ihr übernachtet. Es sind also Änderungen im Verhalten, die sich immer mehr zu einem Bild verdichten.

Es gibt aber auch viele Menschen die wegsehen…

 

Wir hören immer wieder von Betroffenen, dass sie bis zu sieben Anläufen gebraucht haben um sich jemanden anzuvertrauen. Alle Opfer versuchen zu signalisieren, dass etwas nicht stimmt. Oft wird es nicht verstanden, manchmal missverstanden aber eben auch ausgesprochen und von den Bezugspersonen einfach überhört. Opfer von Gewalt haben oft Angst hinsichtlich der Bezugsperson. Diese lebt oft im Zwiespalt, denn wer will schon glauben, dass der eigenen Partner, mit dem man selber intim ist, so etwas tut. Das erfordert natürlich auch ein gewisses Eingeständnis, dass man es auch nicht wahrgenommen hat. Das ist sehr belastend. Vor allem für die Opfer, die haben meist große Angst, sie bestimmt alles.

Wie funktionieren diese Mechanismen, die Angst erzeugen?

 

Die ganze Sache wird vor drei Dingen festgehalten. Ich nenne sie gern die Trias der Vergeheimnissung: Scham, Schuld und Angst. Das sind die drei Faktoren, die für die Opfer alles bestimmen und die Waffen der Täter ist. Das, was nämlich als Geheimnis passiert ist mit Scham besetzt, denn man darf es niemandem erzählen. Danach kommt der Gedanke, dass man selber Schuld sei, meistens durch Drohungen oft auch durch Lockungen. Oft versucht der Täter das Opfer zu locken, die einerseits Versprechungen sind, wie Geschenke, gleichzeitig aber auch Schuldzuweisungen und Drohungen. Das reicht von Aussagen wie, „Wenn der Papa ins Gefängnis geht, bis du schuld“ bis zu Morddrohungen. Und das alles wird von der Angst förmlich zusammen geschweißt.

Ist Gewalt an Kindern eine Frage es sozialen Milieus?

 

Nein, dieses Phänomen kennt keine sozialen Barrieren. Aber es ist so, dass sozial auffällige Familien durch Arbeitslosigkeit oder häufigen Partnerwechsel sowieso mehr unter Beobachtung stehen und die Fälle aus diesen Schichten auch vermehrt gemeldet werden.

Wie kann man denn so etwas verhindern?

 

Ganz wird es nicht zu verhindern sein. Aber wir alle müssen Menschenrechte und Kinderrechte im Besonderen ins Bewusstsein der Menschen rücken. Im Jahr 1989 wurde die Kinderrechtskonvention verfasst, im selben Jahr wurde die Möwe gegründet, auch andere Vereine dieser Art. Damals lag das in der Luft, es war eine richtige Bewegung. Auch das Züchtigungsverbot wurde damals eingeführt. Es stand dann schwarz auf weiß – es gibt keine gesunde Watsche, diese Wortkombination ist absurd. Wir können unsere Kinder nicht durch Gewalt erziehen. Erziehung ist nur innerhalb einer Beziehung möglich.

Was muss getan werden?

 

Wir müssen atmosphärisch etwas ändern, wir müssen Kinder mehr Platz geben, buchstäblich, ihnen Räume freigeben, in denen sie einfach nur Kinder sein können. Wir müssen ihr Selbstbewusstsein stärken, sie soweit bringen, dass sie selbst artikulieren können, was ihnen angenehm und unangenehm ist. Sie für sich selbst aber auch für andere aufmerksam machen. Wir müssen aber auch wach sein. Manchmal hilft es, wenn die Nachbarin, die ihre vollen Einkaufstaschen über die Stiegen schleppt sich ein paar Sekunden nimmt und wahrnimmt, dass etwa im Stiegenhaus ein Mädchen sitzt und sie fragt, wie es ihr geht. Selbst wenn sie nichts antwortet, kann man sagen „Wenn du mal was brauchst, kannst du immer anklopfen“. Man muss nicht eindringen, es reicht schon, wenn man so etwas sagt. Das bleibt hängen. Da sind wir alle verantwortlich, denn es ist immer erlaubt zu fragen. Wir Menschen dürfen uns für einander interessieren.

Hedwig Wölft, Psychologin und Leiterin des Kinderschutzzentrums Möwe.

Erschienen in liga 01/2010

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