Das benachteiligte Geschlecht

von Nina Brnada

Jede Statistik beweist: Frauen haben es in Österreich schwerer als Männer, daheim ebenso wie im Beruf. Sie werden diskriminiert, schlechter bezahlt und kämpfen gegen Vorurteile. ZEIT-Autoren fragen nach

Text: Nina Brnada, Florian Gasser, Lukas Kapeller, Duygu Özkan, Maria Sterkl, Wolfgang Zwander

Das Reich von Martina Nowak beginnt bei einem Verkaufstisch mit Herrenpullis, setzt sich fort bei den Regalen mit säuberlich aufeinandergestapelten Hemden und endet bei bunten Krawatten. Rund 500 Quadratmeter umfasst das alles. Frau Nowak ist Abteilungsleiterin in einem Textilkaufhaus. Sie sagt lieber »Verantwortliche« dazu.

Es ist Dienstschluss, 19 Uhr, bald ist in den Malls des Wiener Donauzentrums nicht mehr viel los. Frau Nowak entspannt im Café Tauber, ein Stockwerk über ihrem Geschäft, bei Melange und Zigarette. Vor nahezu dreißig Jahren begann sie hier ihre Lehre zur Einzelhandelskauffrau, vor einem halben Jahr wurde sie zur Abteilungsleiterin befördert. Sie kennt nur diesen Arbeitsplatz.

Dort schlichtet die zierliche 44-Jährige Hemden nach Marke und Farbe, nach Schnitt und Preis. Sie telefoniert mit Kunden, hetzt zwischen Lager und Geschäft hin und her, sie lächelt und fragt, ob die Ware passt. 35 Stunden in der Woche, für 1400 Euro brutto im Monat.

»Mein Job macht mir Spaß«, behauptet sie und meint es ernst. Sie gehört zu den Menschen, mit denen alle gut auskommen, ihre Kollegen können sich auf sie verlassen. Die zweifache Mutter hat jeden zweiten Samstag Dienst, alle paar Jahre geht sie in Krankenstand, wenn es gar nicht anders geht. »Ich bin robust«, sagt sie. Die Frau mit dem gewinnenden Lächeln ist die Wunschmitarbeiterin jedes Betriebs – und trotzdem dachte sie in all den Jahren nie daran, eine Gehaltserhöhung zu verlangen. »Es wird ohnehin nach Kollektivvertrag bezahlt«, ist sie überzeugt.

In keiner anderen Branche arbeiten so viele Frauen wie im Handel – ein Fünftel aller erwerbstätigen Frauen ist hier tätig, mehr als im Gesundheitswesen oder im Bildungsbereich. Frauen machen fast 80 Prozent aller Handelsangestellten aus, mit einem Durchschnittsgehalt von 980 Euro verdienen sie um 350 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen. Jede zweite Frau ist teilzeitbeschäftigt, viele von ihnen würden gerne mehr arbeiten und dadurch auch mehr Geld mit nach Hause nehmen. Doch Vollzeitjobs sind Mangelware, und um eine Stundenerhöhung muss oft lange mit der Betriebsführung gestritten werden.

Nicht so Frau Nowak. Ihre jüngere Tochter sei kürzlich in eine neue Schule gekommen, erzählt sie, so vieles sei offen momentan. Die Verkäuferin ist Alleinerzieherin. Nicht ihre Scheidung vor vier Jahren war es, die ihre berufliche Situation verändert hat, sondern die Geburt der älteren Tochter vor 19 Jahren: »Kinderbetreuung hat es keine gegeben. Es war ganz klar, dass ich zu Hause bleibe.« Mit Kind gab es für sie nur noch Teilzeit. Die Karrieren der Männer zogen an ihr vorbei. Etwa jene ihres Chefs. Der ist ebenfalls Mitte vierzig, trägt spitze Schuhe und pinkfarbenes Hemd. Heute ist Günther Juranitsch Filialleiter. Als es vor der Drehtür des Einkaufszentrums noch keine U-Bahnstation gab, hatte auch er hier als Lehrling begonnen. Gemeinsam mit Martina Nowak.

»Es ist dieser Blick, an den ich mich wohl nie gewöhnen werde«, sagt Magdalena. Worte könne man überhören, entkräften, sich über den Ton beschweren. Aber was könne man gegen Blicke tun? »Nichts«, sagt sie. Stumm stelle ihr der forschende Augenaufschlag ihrer Kommilitonen und Professoren immer wieder die gleiche Frage: »Was machst du eigentlich hier?«

Im Sommersemester 2010 waren an der Technischen Universität Wien im Fach Maschinenbau 1592 Studenten eingeschrieben, davon knapp zehn Prozent Frauen. Für das Doktoratsstudium des gleichen Studiengangs waren 245 Studenten angemeldet, darunter 29 Frauen. Eine davon ist Magdalena, die ihren tatsächlichen Namen lieber nicht genannt sehen will. Wegen der Kollegen.

»Nein, ich werde nicht diskriminiert. Aber oft ist da so ein Gefühl, das mir zeigt, dass ich nicht dazugehöre«, sagt Magdalena, eine zierliche Frau Mitte zwanzig. Manchmal würde sie von ihren Professoren hören, dass es für Frauen doch viel schönere Orte auf der Welt gebe als nüchterne Werkhallen. Sie würde gefragt, warum sie sich das alles antue, die Zahlen, Formeln, Algorithmen, den Kabelsalat und die schweren Baublöcke der Maschinen. Erst neulich habe ein Professor gemeint, ihre zarten Finger eigneten sich doch gar nicht für die Pranken eines Ingenieurs. »Solche Sachen muss man runterschlucken«, wiegelt sie in solchen Momenten ab. »Die meinen es ja nicht böse und merken gar nicht, wie deplatziert solche Sprüche sind.«

Es ist keinesfalls so, dass Studentinnen an den Fakultäten für Ingenieurwissenschaft nicht erwünscht wären. Eher im Gegenteil: Seit Jahren unternehmen Firmen, Universitäten und Ministerien unzählige Versuche, mehr Frauen auf die technischen Universitäten zu locken. Es gibt sogar spezielle Stipendien nur für Technikstudentinnen, und an fast allen Fakultäten wurden Stellen eingerichtet, um Diskriminierung zu bekämpfen.

Allein, all das nützt nur sehr wenig – die technischen Fakultäten werden noch immer von Männern beherrscht. »Es ist eine Frage der Alltagskultur«, sagt Magdalena, »die Technik war schon immer eine Hochburg der Männlichkeit.« Das werde sich so lange nicht ändern, meint sie, solange die Männer unter sich blieben: »Von denen ist keine Veränderung zu erwarten – wieso denn auch?« Das müssten die Frauen schon selbst angehen. Pionierinnen wie Magdalena.

Wo früher Barbiepuppen aus dem Regal starrten, stapeln sich heute Tuben, Fläschchen und Pillenpackungen, fein säuberlich geschlichtet wie im Apothekerkasten. Gertrude Fercsak wischt mit der Handfläche sanft über das Holz des Einbaumöbels im alten Kinderzimmer, auf dem sich kein Staubkorn findet. Die 59-jährige Hausfrau nickt zufrieden: alles unter Kontrolle, zwei Stunden noch. Dann wird sie ihre 86-jährige Mutter im Rollstuhl hereinschieben, wird sie ins Bett heben, ihr mit dem geweihten Wasser aus der Wallfahrtsbasilika Mariazell ein Kreuzzeichen auf die Stirn malen und einen gesegneten Schlaf wünschen. Dann geht aber die Arbeit erst richtig los: Bügeln, putzen, aufräumen – bis ihr die Augen zufallen, schuftet die Frau in ihrem geräumigen Bauernhaus im burgenländischen Unterpullendorf. Dabei gilt die kleine, lebhafte Frau mit der kecken Kurzhaarfrisur offiziell als »nicht beschäftigt«. Gertrude Fercsak ist einer von 425.000 Menschen in Österreich, die unbezahlt einen Angehörigen pflegen. Zu 80 Prozent sind es Frauen, im Schnitt sind sie 58 Jahre alt.

Es war vor vier Jahren. Die Röcke und Blusen begannen am Körper der damals 83-jährigen Mutter schlaff herabzuhängen. Die alte Frau war rüstig genug, um täglich für die Enkelkinder zu kochen, doch vergaß sie, auch selbst zu essen. 15Kilo nahm sie in wenigen Wochen ab. Der Arzt diagnostizierte fortgeschrittene Demenz. »Das ist, wie wenn der Kopf ganz leer ist«, erklärte er der irritierten Tochter.

Für drei Wochen kam die Greisin ins Altersheim – ein Desaster. Wenn die Pflegerinnen ihr das Glas zum Mund hielten, presste sie trotzig die Lippen aufeinander. Als man ihr Infusionen zur künstlichen Ernährung setzte, war der Entschluss der Tochter klar: »Wenn ich die Mama nicht zu mir nehm, dann stirbt sie.« Ihren geliebten Job als Hilfskraft in einer nahen Kultureinrichtung gab sie auf. Vier Kinder hatte sie großgezogen, und nun begann alles von Neuem: füttern, Windeln wechseln, pudern und eincremen – mit dem Unterschied, dass man beim Spazierengehen nicht für ein süßes, kleines Wesen im Rollstuhl bewundert wird.

Allein fürs Füttern muss sie täglich mehrere Stunden einberaumen. Es beginnt morgens um acht mit einem Püree aus Milchkaffee und Weißbrot, das in winzig kleinen Löffelportionen in den Mund der fragilen Greisin geschoben wird. Beschleunigen lässt sich hier nichts, weiß Frau Fercsak aus Erfahrung: »Dann verschluckt sie sich und wird ganz blau im Gesicht.« Eineinhalb Stunden dauert es, bis die Portion verfüttert ist – jeweils morgens, mittags und abends.

In ihrem Job habe sie ständig mit Leuten geredet und »viel gelacht«, schwärmt Frau Fercsak. An ihrem heutigen Arbeitsplatz findet sich nur eine Ansprechperson, und die redet höchst selten zurück. Von einem Tag auf den anderen hörte die Mutter auf zu sprechen. Nur ganz selten, wenn ihr das Waschen der verkrampften Hände wieder entsetzliche Schmerzen bereitet, stößt sie zwei leise Worte aus. »Du Teufel«, flüstert sie dann und verstummt aufs Neue.

Die Tochter versucht, gelassen zu bleiben. »Man muss sie jetzt nehmen, wie sie ist«, riet ihr der Hausarzt, als die Mutter, eine stets ausgeglichene, liebevolle Person, sich in eine mit dem Gehstock wild um sich schlagende Furie verwandelte. Fast zwei Jahre dauerte die aggressive Phase. »Ich hab kaum geschlafen damals«, erinnert sich die Tochter.

Zu allem Unglück wurde bei ihr vor zwei Jahren Brustkrebs diagnostiziert. Die Chemotherapien zehrten an ihren Kräften, doch paradoxerweise war es gerade die Pflege der Mutter, die ihr half, die Qual zu überstehen.

Wenn Frau Fercsak Hilfe braucht, zählt sie vor allem auf ihre Tochter. Ihr Mann, ein pensionierter Gemeindeangestellter, hilft mitunter, die eigenen Geschwister lassen hingegen selten von sich hören. Dass ihre Schwester es bevorzugt, das alte, schöne Bild der Mutter im Kopf zu behalten, schmerze sie schon. Bei den zwei Brüdern sei das anders, sie verdenkt es ihnen nicht: »Das sind halt Männer, Männer sind so.«

Vor dem wuchtigen Betonbau mit den endlosen Fensterreihen flattern die Stars and Stripes im Wind. In einem Industriegebiet jenseits der Donau betreibt der amerikanische Pharmakonzern Baxter seinen größten Standort außerhalb der Vereinigten Staaten. Viel Glas, viel Beton. Susanne Schober-Bendixen ist in dem klobigen Verwaltungsgebäude in der Chefetage angelangt.

Die Managerin trägt ein violettes Kleid, das Haar ist rötlich gefärbt, um ihren Hals bauscht sich ein dunkelgrüner Seidenschal. So farbenfroh stellt man sich nicht unbedingt die Verantwortliche für Qualitätskontrolle bei der Impfstoffproduktion vor, die über 1000 Mitarbeiter in ganz Europa dirigiert. »Ich finde es total öd, wenn Frauen immer nur in schwarzen Hosenanzügen herumlaufen«, meint lächelnd die 57-Jährige, die auch als einzige Frau im Österreich-Vorstand sitzt. Mit 3800 Leuten ist Baxter ein großer Arbeitgeber in Wien.

Früh lernte Schober-Bendixen Vorurteile kennen. Als sie sich mit 18 Jahren an der Veterinärmedizinischen Universität einschrieb, fragten Kommilitonen, ob sie studiere, um hier einen Mann zu finden. »Veterinärmedizin war ein von Männern dominiertes Fach, und die Stimmung war sehr frauenfeindlich«, erinnert sich Schober-Bendixen. Als die Studenten damals blind innere Wunden vernähen mussten, schaffte sie das schneller als die männlichen Kollegen. Der Professor feixte: »Typisch für Mädchen, die können das vom Handarbeiten, das ist aber auch schon das Einzige.«

Bei einem der ersten Bewerbungsgespräche nach dem Studium sagt ihr ein Chef unverblümt, Frauen stelle er höchstens als Assistentinnen ein, niemals für eine Führungsposition. Sie lehnte dankend ab. Schließlich heuerte sie bei der Pharmafirma Immuno an, jenem Unternehmen, das sich als Erstes nicht erkundigte: »Wann wollen Sie ein Kind haben?«

Noch heute hält sie ihrem Arbeitgeber zugute, dass sie als Konsulentin weiterarbeiten konnte, als ihre zwei Söhne in den achtziger Jahren auf die Welt kamen. Mit Macho-Chefs, die im Konzern einen männlichen Korpsgeist beschwören und abends unter sich bleiben wollen, wenn sie dicke Zigarren rauchen und Kognakgläser schwenken, musste sie sich auch später nie herumschlagen. Gleichwohl behielt sie ein feines Gespür. »Die Strukturen des Geschäftslebens wurden von Männern eingerichtet, und deswegen tun sie sich natürlich leichter.«

So richtig habe sie das erst mit der Zeit verstanden. Als Schulmädchen hatte sie immer geglaubt, Buben seien ihr überlegen, weil sie viel öfter die Hand hoben. »Ich habe erst bei meinen Söhnen gelernt, dass das eine Mutprobe ist. Die wissen gar nichts, sie zeigen einfach nur auf.« Dieses Prinzip beherrsche auch die Geschäftswelt: Karriere machen sei im männlichen Verständnis immer auch eine Mutprobe.

Heute steht die verwitwete Managerin lange nicht mehr im Labor, sondern tüftelt an Strategien und bestimmt über Personalfragen. »Ich habe bei mir einen unheimlich hohen Frauenanteil«, erzählt sie. »Wir scherzen manchmal, dass ich nur ein oder zwei Quotenmänner habe.«

In der österreichischen Realität ist aber weiterhin das Phänomen der Quotenfrau die Regel: Nur jedes zwanzigste Vorstandsmitglied ist weiblich. Schober-Bendixen will zumindest in ihrem Bereich gegenlenken. »Ich sage den Recruitern: Wir wollen Frauen sehen, also findet Frauen für uns!«

»Die Gedanken rennen und rennen und rennen«, sagt sie. Es ist mitten in der Nacht, aber die Gedanken rennen. Winterschuhe für die Kinder kaufen, Arbeiten, Behördenwege, die Kleinen vom Kindergarten abholen, kochen, vorlesen. Kaum hat Karin Hoffert ihre Gedanken geordnet, ist sie eingeschlafen, graut bereits der Morgen. Ein weiterer Tag ohne Atempause beginnt. Anziehen, Zähne putzen, Wohnung aufräumen, einkaufen, Termine. Für eigene Bedürfnisse hat sie keine Zeit. Sie ist alleinerziehende Mutter. Sie rotiert. Beeilen, organisieren, Arztbesuch, mit dem Exmann die Besuchszeiten regeln. Und irgendwann zwischen Kindergarten und Supermarkt ist Karin Hoffert zusammengeklappt. Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Panikattacken. »Eine klassische Burn-out-Karriere« nennt sie das.

Die zierliche 34-Jährige mit kurzen, rötlichen Haaren und Sommersprossen nippt an ihrem lauwarmen Kräutertee ohne Zucker. Hoffert ist eine von insgesamt 175000 Alleinerziehern in Österreich – 88 Prozent davon sind Frauen.

Karin Hoffert war 22 Jahre alt und hatte gerade ihre Ausbildung als Physiotherapeutin beendet, als sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte. Sie waren jung, verliebt – und wurden Eltern. Der Leistungsdruck: Job, Vaterrolle, Beziehung. Dem hielt die Ehe nicht lange stand, und »irgendwann war die Entscheidung da, sich zu trennen«.

Hofferts Kräutertee ist bereits ausgekühlt. Sie sinkt tiefer in die dunkelgrüne Eckbank, runzelt ihre Stirn. »Nach der Scheidung habe ich einen Teilzeitjob als Physiotherapeutin angenommen«, erzählt sie. Zusammen mit der Alimente konnte sie ihre Familie gerade noch über Wasser halten.

Eine Situation, die viele Alleinerzieherinnen betrifft. Das Teilzeitgehalt, das in einer Partnerschaft noch als Zusatzeinkommen gedacht war, stellt plötzlich das Haupteinkommen dar. Die Folgen davon sind fatal. Neben Migranten und Pensionisten sind vor allem Alleinerzieher armutsgefährdet. Laut einer Studie der Volkshilfe vom Juli dieses Jahres sind 20 Prozent der Ein-Eltern-Haushalte in Österreich von akuter Armut betroffen.

So weit wollte es Karin Hoffert nicht kommen lassen, auch wenn jede Ausgabe doppelt durchdacht wurde. Nach ihrem Burn-out begann sie eine Therapie, war motiviert, Beruf und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Sie beschloss, selbstständige Physiotherapeutin werden. Dann kam der Unfall. Der Sohn war sieben, als er sich bei einem Sturz von der Kletterwand den Ellenbogen zertrümmerte. Die Pflege nahm viel Zeit in Anspruch, der Weg in die Selbstständigkeit hatte sich damit erledigt.

»Ich bin alleine, aber ich ruhe mich nicht in der sozialen Hängematte aus, ich will arbeiten«, sagt Hoffert, so mühsam der Wiedereinstieg in das Berufsleben auch sein mag: »Ich bin eine emanzipierte Frau!«

»Ich bin nicht unglücklich und möchte nicht jammern«, meint Anna Hoppichler. »Aber ich kann Tatsachen festhalten.« Die 71-Jährige sitzt in der rustikalen Holzstube des Bauernhofes, auf dem sie seit fünfzig Jahren lebt. Keine halbe Stunde fährt man von Innsbruck über enge Serpentinen auf den Großvolderberg. Der Hof liegt auf tausend Metern, der Ausblick über das Inntal ist majestätisch. Vor dem fast 600 Jahre alten Bauernhaus ist ein kleiner Gemüsegarten angelegt, bereits von einer dünnen Schneedecke überzogen. Der Stall mit den elf Kühen, Kälbern und Hühnern ist nur einen Steinwurf entfernt. Anna Hoppichler wuchs in der Nähe auf, als ältestes von elf Kindern. Der Vater war krank, und sie wurde zu Hause gebraucht. Ausbildung durfte sie keine machen. »Das hat mir über viele Jahre hinweg keine Ruhe gelassen«, sagt sie.

Mit zwanzig Jahren heiratete sie, zog auf den Hof ihres Mannes, bekam vier Kinder und engagierte sich in der Tiroler Bäuerinnenorganisation. Die war kein angemeldeter Verein, sondern eine Selbsthilfegruppe, die sich in der eigenen Stube traf. »Die Männer haben das nicht immer gerne gesehen«, erzählt sie. »Manche Frauen haben gar nichts bekommen, kein eigenes Geld und auch keine Freiheiten. Ich brauche keine Emanze sein, aber ich möchte schon, dass ich als Mensch gleich viel wert bin wie ein Mann. Da habe ich auch so manche Frau aufgehetzt«, erzählt sie. Schließlich behob sie auch einen vermeintlichen Makel, der lange an ihr genagt hatte. Mit 35 holte sie ihre Ausbildung nach und legte eine Meisterprüfung in ländlicher Hauswirtschaft ab. Eine wilde Zeit sei das gewesen, erzählt sie. »Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden, um zu lernen, dann habe ich die Kinder versorgt, am Hof gearbeitet und spät am Abend wieder gelernt.« Im Dorf fanden das nicht alle gut. »Die studierten Weiber gehören alle rausgehaut«, habe man gesagt. Heute hängt der Meisterbrief an der holzgetäfelten Wand in der Stube neben den Familienfotos.

Jeden Morgen, nachdem sie die zierliche Porzellantasse mit dem ungezuckerten türkischen Kaffee ausgetrunken hat, stöbert Kamile Güler ihre Gehstöcke aus dem Garderobenkasten, streift die Sportschuhe über und macht sich auf den Weg. Eine Stunde lang spaziert die klein gewachsene Frau quer durch Wien, von ihrer Meidlinger Wohnung bis zum Reumannplatz oder hinauf zur Schönbrunner Gloriette. Den ganzen Tag in der kleinen Wohnung zuzubringen, das gehe einfach nicht, meint die 65-Jährige. Dabei ist die Garçonnière, die im Hinterhof eines Bordells direkt an einer Wiener Durchzugsstraße liegt, für Frau Güler nie zuvor gekannter Luxus.

Mit ihrem Mann und den Kindern hatte sie jahrelang zu siebt auf fünfzig Quadratmetern in einem Zimmer-Küche-Kabinett-Ensemble gehaust. Heute lebt sie allein, die Wände des winzigen Wohnzimmers sind gepflastert mit eingerahmten Porträts der Kinder, die längst ausgezogen und selbst Eltern sind, der Ehemann liegt 2600 Kilometer entfernt auf dem Friedhof von Antakya im Süden der Türkei. Kamile Güler ist einer jener Menschen, die Politiker heute arrogant als »die falschen Migranten« bezeichnen. Fünf Jahre Schulbildung, keine Deutschkenntnisse, höchster Bildungsabschluss: Lehre. Doch genau diese Menschen waren am Arbeitsmarkt, damals, Anfang der siebziger Jahre, noch heiß begehrt.

Vor mehr als 37 Jahren machte sich die Familie auf die dreitägige Busreise in die neue Heimat. Die gelernte Schneiderin wurde Büglerin, der Ehemann, ein Herrenfriseur, verdingte sich als Kraftfahrer. Tag für Tag pendelte die junge Mutter zu einem Herrenausstatter nach Liesing, wo sie bald zur Näherin aufstieg. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, packte sie ihr Schulheft aus und wiederholte, was sie untertags in der Firma notiert hatte. »Schere, Zwirn, Stecknadel« buchstabierte sie die neuen Wörter in der noch fremden Sprache. 29 Jahre lang stand Frau Güler dem Textilbetrieb zu Diensten – dann kam der Konkurs. »Viel geweint« habe sie deswegen, erzählt sie heute. »Ich hätte so gern noch ein paar Jahre gearbeitet. Aber wenn schon die Jungen keine Arbeit finden, wer nimmt eine 58-Jährige?«

Dem Risiko, die Arbeitsstelle zu verlieren, sind Migrantinnen ungleich stärker ausgeliefert als Österreicherinnen. Auch Kamile Güler spürte den Druck: Als sie, sieben Jahre nach ihrer Ankunft in Wien, nochmals schwanger wurde, suchte sie schon wenige Monate nach der Entbindung nach einem Kindergartenplatz. Ohne Erfolg – im Wien der frühen achtziger Jahre galt eine Frau, die ihr Kleinkind nicht mindestens zwei Jahre zu Hause betreute, als Randerscheinung. Frau Güler war erfinderisch, wurde bei einer Nachbarin vorstellig, welcher sie »Geld, Holzkohle und Süßigkeiten« bot, damit sie den kleinen Sohn in ihre Obhut übernähme. Die Nachbarin willigte ein, Frau Güler fuhr wieder jeden Morgen nach Liesing. »Nur nicht den Platz in der Firma verlieren – das war das Wichtigste«, erinnert sie sich.

Als zugewanderte Frau ist Kamile Güler doppelt benachteiligt – auch wenn sie das selbst nicht so sehen würde. Ihre Kinder unterstützen sie heute, auch finanziell, sie beschwert sich nicht. Doch vom Staat, dem sie fast dreißig Jahre lang brav Beiträge gezahlt und dem sie fünf Steuerzahler herangezogen hat, erhält sie nur 700 Euro Pension. Geld, das sie früher für einen Haarschnitt ausgegeben hätte, wird für Lebensmittel verwendet: »Ich bin zuckerkrank, das Diätessen kostet das Doppelte vom Normalen.« Frau Güler hat keine teuren Hobbys. Wenn sie nicht spazieren geht, sieht sie ihre Kinder oder trifft die Frauen im Migrantinnenzentrum.

Nur im Sommer wird es richtig teuer. Dann fliegt sie in die Türkei, besucht ihre Schwester und das Grab ihres verstorbenen Mannes. Kamile Güler hat längst einen österreichischen Pass. Um das Land ihrer Geburt betreten zu können, muss sie ein Visum lösen. »Komisch ist das schon«, sagt sie lächelnd. »Aber ich bin daheim nun eben eine Ausländerin.«

Erschienen in DIE ZEIT 47/2010

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