Faschismus findet Stadt

von Nina Brnada

Ein umstrittener kroatischer Sänger singt in Wien Lieder über Volkstum und Vaterland. Sein Publikum reckt die Hände zum Hitlergruß. Die Gemeinde lässt ihn in einer städtischen Halle auftreten.

Text & Fotografie: Nina Brnada
thompson01Er betritt die Bühne, um den Hals ein gotisches Amulett, in den Händen ein Kunstschwert. Wie ein archaischer Krieger. Er hebt das Schwert und rammt es in den Boden. Sein Gesicht ist angespannt. Marko Perkovic, 42 Jahre alt, genannt Thompson. Der Eroberer, der symbolisch neu gewonnenes Land einnimmt. Kroatisches Land. Das Publikum tobt, schwenkt Flaggen. Thompson spricht ihm aus der Seele. Es ist eine Seele, die Krieg und Vertreibung erleben musste. Die sich zwangsweise in einem anderen Land niederließ, dessen Sprache sie nicht verstand, dessen Kultur sie nicht kannte. Thompson holt die Menschen zurück in ihr stolzes Vaterland.

Er singt von Söhnen, die wegziehen mussten und Briefe an ihre Mütter schreiben. Er sing von alten Freunden, an die er oft denkt. Und er singt von Judas’ Söhnen, die Träume verraten haben. Die meisten scheinen die Anspielung auf das Judentum nicht zu verstehen. Nur der harte Kern der Fans weiß, was gemeint ist. Auf einer Fahne vor dem Bühnenrand prangt der Buchstabe „U“, ein Kürzel für Ustascha, wie sich die kroatischen Faschisten im Zweiten Weltkrieg nannten. Als Thompson ein Lied über ein im Balkankrieg umkämpftes Dorf singt, heben einige die Arme zum Hitlergruß. „Za dom spremni“, singt ihr Idol, „Für die Heimat bereit“, der alte Gruß der Ustascha, die Hunderttausende in Konzentrationslagern ermordeten.

Es ist kein rechtsextremer Kellerclub, in dem das Konzert stattfindet. Es ist Wiener Gemeindeeigentum. Das Budo-Center, Favoriten, am Wienerberg, 1.600 Leute Fassungsvermögen. Sonst dient es als Sporthalle. „Terminvergabe“ kann man auf der Website (http://www.wien.gv.at) der Stadt Wien anklicken, wenn man die Halle mieten möchte. Der kroatische Verein „Österreichisch-Kroatische Gemeinschaft für Sport und Kultur in Wien“ nahm das Service in Anspruch und stellte die Halle kurz darauf Thompson zur Verfügung, der als kroatischer Ultranationalist gilt. Am 9. Mai, ausgerechnet dem 64. Jahrestag des Sieges über den Faschismus, trat er in Wien auf. Und die für die Halle zuständigen Beamten der Stadt Wien wollen von all dem nichts gewusst haben und geben an, überrumpelt worden zu sein.

So wie Sandra Hofmann. Die Leiterin des Wiener Sportamtes habe Angst, sagt sie jetzt. Sonst kümmere sie sich um den Rasen auf Fußballplätzen oder um den Verschmutzungsgrad kommunaler Schwimmbecken, „aber doch nicht um die Einhaltung des Verbotsgesetzes“. Jetzt bekommt sie Droh-Mails von kroatischen Nationalisten. „Sie schreiben, dass sie mich zum Schweigen bringen werden.“ Der Grund: Die Beamtin hat angekündigt, dass von nun an kein Thompson-Konzert mehr in Sporthallen der Stadt Wien stattfinden darf.

Dass der Sänger hier war, führt Hofmann auf eine „Täuschung“ zurück. Der Verein habe behauptet, dass ein anderer kroatischer Sänger auftreten würde, sagt sie. „Ich habe mir das mündlich und schriftlich bestätigen lassen.“ Das sagt auch der verantwortliche Sportstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ): Die Causa sei „ärgerlich“, man könne nichts dafür und werde nun über Konsequenzen nachdenken.

Ganz so unwissend, wie sich die Vertreter der Stadt Wien nun darstellen, scheinen sie allerdings nicht gewesen zu sein. Darauf lassen zumindest die Aussagen von Franz Oberndorfer schließen, dem Leiter der MA 36 für Veranstaltungswesen. Seine Behörde bewilligte die Veranstaltung. Er widerspricht Sandra Hofmann und Stadtrat Christian Oxonitsch: „Ab dem 26. März haben wir gewusst, dass Thompson auftreten wird.“ Das behauptet auch die Kassierin des Vereins Jadranka Vincek.

Die Vorgeschichte zu Thompsons Konzert ist offenbar ein Verwirrspiel aus widersprüchlichen Informationen und abgeschobenen Verantwortlichkeiten. Denn auch das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung will informiert gewesen sein. „Wir haben die Angelegenheit geprüft, es bestand allerdings kein Grund, das Konzert zu verbieten“, sagt dessen Pressesprecherin Karin Strycek. Ganz anders wiederum klang Ingrid Duschek, Mediensprecherin im Büro von SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl.

In der serbischen Tageszeitung Kurir vom 15. April sagte sie: „Der Wiener Bürgermeister hat entschieden, sich von nazistischen Inhalten und Veranstaltungen zu distanzieren. Die Absage dieses Konzerts in einer Einrichtung, die der Stadt Wien gehört, zeigt die Distanzierung im Namen des öffentlichen Wien.“ Duschek will heute falsch zitiert worden sein. „Ich habe die Absage des Konzerts nicht garantiert“, sagt sie. Die Kurir-Redaktion besteht allerdings auf Nachfrage darauf, Duscheks Worte korrekt wiedergegeben zu haben.

Zuständigkeiten, die einander überlagern, und mangelnde Kommunikation haben also dazu geführt, dass Thompson letztendlich doch in Wien auftreten konnte. Jener Sänger, der sich nach der Waffe benannte, mit der er im Balkankrieg kämpfte. Jener Sänger, gegen dessen antisemitische und faschistische Symbolik das Jerusalemer Wiesenthal-Zentrum Protest einlegte. Jener Sänger, der im Budo-Center von „Judas’ Söhnen“ singt. In der kroatischen Stadt Pula, in der Schweiz und in Kärnten wurden seine Konzerte schon verboten. In Wien darf er Gemeindehallen bespielen. Weil niemand zuständig gewesen sein möchte.

Erschienen in Datum 06/2009
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