Sin City

von Nina Brnada

Globusbilder. Sie passen nicht ins patriarchalische Geschlechtersystem. Sie werden gleichzeitig begehrt und verachtet. Die Transvestiten von Istanbul leben am Rande der Gesellschaft.

Fotografie: Coskun Asar • Text: Nina Brnada

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Europa ist ganz nah, keine zehn Minuten die Straße hin­auf. Zumindest sieht es dort aus wie in Europa, oben auf der Istiklal Caddesi, der „Unabhängigkeitsstraße“, Istanbuls Prachtboulevard. Er ist das Herzstück des europäischen Istanbul. Restaurants und Geschäfte säumen die zwei Kilometer lange Fußgängerzone, junge Frauen mit blondierten Haaren und modischen Schuhen flanieren hier genauso wie Herren mit Stock und Hut. Auf der Istiklal ist alles so, wie sich die Istanbuler insgesamt gerne sehen: urban, aufgeschlossen und vor allem europäisch.

Unten aber, nur zehn Gehminuten von der Istiklal entfernt, liegt Tarlabasi, das Elendsviertel. Die Gegend mit den hügeligen Gassen sei eine der gefährlichsten der Stadt, erzählen die Istanbuler. Es komme oft zu Belästigungen und Raubüberfällen, Drogen seien allgegenwärtig. Hier gibt es keine angesagten Lokale wie im nahen Bobo-Viertel Cihangir; hier sind sogar jene Teehäuser für Männer rar, die sonst in der ganzen Stadt zu finden sind, in reichen wie armen Vierteln. In Tarlabasi leben jene, die die Türken gerne vergessen würden. Die es in Istanbul am schwersten haben. Die vom Großteil der türkischen Gesellschaft verachtet oder im besten Fall ignoriert werden: Kurden, Roma und Männer in Frauenkleidern.

Mit Letzteren tun sich die Türken besonders schwer. Wie viele Transvestiten es im Land gibt, weiß niemand so recht. Schätzungen belaufen sich auf rund 10.000 Personen. Die meisten leben mit Gleichgesinnten, vor allem in Istanbul – hauptsächlich in Tarlabasi und Umgebung. Sie kommen meist aus dem Osten des Landes, einer Gegend, die ethnisch fragil und religiös besonders konservativ ist. Ihr Coming-out und der Weg nach Istanbul bedeuten in der Regel den völligen Abbruch des Kontakts mit der Familie. In Istanbul leben sie am Rande der Gesellschaft und verdienen ihr Geld hauptsächlich als Prostituierte. „Sie haben keine Chance auf einen normalen Job“, sagt Neven Öztop von der türkischen Homosexuellen-NGO Kaos GL.

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Diese Menschen leben oftmals in sehr prekären Verhältnissen. Übergriffe der Bevölkerung, durch Freier oder gar Polizei, erleben sie immer wieder.
Der Grund für diese Diskriminierung, die jene in Westeuropa weit übertrifft, liegt in einer Gesellschaft, die zerrissen ist zwischen Tradition und modernem Anspruch: Für die vorwiegend muslimischen Türken gilt jede Orientierung abseits der heterosexuellen als Sünde. Jene Männer, deren Begierden Istanbuls Transvestiten Nacht für Nacht befriedigen, sind meist brave Familienväter, gestandene türkische Männer mit Schnauzbärten und klobigen Händen. Solche, die womöglich stets zum Freitagsgebet in die Moschee pilgern und für ihre sündigen Taten bei Allah um Vergebung bitten.

Traditionelle Geschlechterrollen haben diese Männer tief verinnerlicht. „Jeder Türke wird als Soldat geboren“, lautet ein türkisches Sprichwort, das die Männlichkeit in dem Land unterstreicht. Stark, mutig und tapfer will der türkische Mann sein. Vielleicht geht er mit seinen sexuellen Wünschen deshalb lieber zu Männern, die aussehen wie Frauen, statt zu Strichern. Es hilft, den Schein zu wahren, die eigenen Neigungen vor sich selbst zu rechtfertigen.

Im Gegensatz zu anderen muslimischen Ländern ist das Ausleben von Homosexualität in der Türkei zwar nicht gesetzlich verboten. Betroffene jedoch verstecken ihre sexuelle Orientierung aus Angst vor körperlicher und seelischer Gewalt – nicht nur seitens des gesellschaftlichen Umfelds, sondern auch der eigenen Familie. Schwulsein wird als Krankheit angesehen – oder als eine Entscheidung, die rückgängig gemacht werden kann. Dementsprechend fallen auch die Maßnahmen aus: Eltern schicken schwule Söhne zu Ärzten oder Psychologen in der Hoffnung, sie könnten den Nachwuchs heilen. Oftmals werden sie von ihrer Umwelt isoliert, manchmal von der eigenen Familie umgebracht. Schließlich ist das höchste Gut die Familienehre, die unter keinen Umständen beschmutzt werden darf.

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Dabei ist es für Fremde nicht immer klar, wo Homosexualität in der türkischen Gesellschaft beginnt. Denn was in Westeuropa als eindeutiges Zeichen von Schwulsein gelten würde, ist in dieser patriarchalischen Gesellschaft Alltag. Das zeigt sich vor allem an kleinen alltäglichen Gesten: In der Türkei herrscht etwa unter Männern keine Angst, als schwul zu gelten, wenn sie andere Männer berühren. Bei Busfahrten legen viele Türken einander den Kopf auf die Schulter, gehen Arm in Arm durch die Stadt, küssen einander bei Gruß und Abschied. Hier gelten Berührungen zwischen Männern als Ausdruck von Wertschätzung und Freundschaft. Es sind die kulturellen Merkmale einer klassischen Männergesellschaft – wie man sie auch im arabischen Raum findet oder in Lateinamerika.

Die Transvestiten von Istanbul sind allerdings die Opfer dieses Geschlechtersystems. Dass sie als Ventil einer rigiden Sexualmoral herhalten, geht nicht etwa mit Akzeptanz einher – man schämt sich vielmehr des Kontakts mit ihnen. So leben die Bewohner von Talabasi im extremen Elend: Materielle Armut, Alkoholismus, Drogensucht in all ihren Ausformungen und die ständige Furcht vor Übergriffen bestimmen ihren Alltag. Die Transvestiten leben praktisch im rechtsfreien Raum, polizeilicher Schutz existiert für sie gemeinhin ebenso wenig wie Selbstschutz in geschlossenen Lokalen oder durch Zuhälter.

Spätabends stehen sie auf und verbringen die Nacht auf der Straße oder in den wenigen Bars, die sie betreten dürfen, auf der Suche nach Freiern. Die Tage verbringen die Transvestiten von Istanbul schlafend. Bevor sie die Wohnungen von Talabasi verlassen, stillen sie ihre Grundbedürfnisse, ziehen sich an, schminken sich, richten die Frisur. So geht es Nacht für Nacht.

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Auf diese Weise ist unter den Transvestiten von Istanbul ein großes Gefühl der Solidarität entstanden. Dazu trägt nicht nur bei, dass sie allesamt im selben Stadtviertel leben. Auch die ähnliche Situation und die ständige Gefährdung erfordern, dass die Prostituierten voneinander wissen, wo sich die jeweils andere gerade aufhält, was sie macht, wie lange sie schon in ihrem Zimmer nicht mehr aufgetaucht ist. Ihre Dienste kosten 40 türkische Lira, umgerechnet 20 Euro, und mehr.

„In Istanbul sind Boden und Stein aus Gold“, sagen die Türken über ihre wichtigste Stadt. Das Sprichwort ist Ausdruck der Vision von einem Ort, an dem alles möglich scheint. Der türkische Traum lockt jährlich tausende Landbewohner aus den abgelegenen Provinzen an. Sie sind auf der Suche nach einem besseren Leben.
Bei den Transvestiten ist es nicht anders. Aber während es den meisten Zuwanderern irgendwann gelingt, einen Job zu finden, ein kleines Geschäft oder Teehaus zu eröffnen, Fuß zu fassen im Lauf der Zeit, bleiben sie auf der Straße. Nacht für Nacht stolzieren sie vielbefahrene Straßen auf und ab auf der Suche nach Kundschaft und mit der Hoffnung, den nächsten Morgen zu erleben.

Erschienen im Datum 03/2010

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