Walzer alla turca

von Nina Brnada

Woran die Politik kläglich scheitert, gelingt am St. Georgs-Kolleg in Istanbul: Die Privatschule führt Österreich und die Türkei zusammen.

Text: Nina Brnada

Walter Kunnert mag es adrett. Er verlangt, dass die Mädchen ihre Locken zu einem züchtigen Schweif zusammenbinden. Die Wangen der Burschen sollen glatt rasiert sein, und ihr Haupthaar darf den Kragen nicht berühren. Falls doch, schickt der Lehrer seine Schüler unverzüglich zum Friseur. Das könne schon dreimal in der Woche passieren, sagt der Salzburger und putzt ein paar Fussel vom Revers. Kunnert ist Mathematiklehrer. So sieht er auch aus. Krawatte, große Brille, leicht nach unten gezogene Mundwinkel. Am wohlsten fühlt sich der 64-Jährige, wenn er über Matrix oder Exponentialgleichung spricht. Wenn es jedoch um das Aussehen seiner Schüler geht, dann verwandelt sich Herr Kunnert in einen leidenschaftlichen Stilpolizisten.

Daheim in Österreich habe es ihn oft geärgert, wenn Schüler mit zerrissenen Hosen und ungepflegtem Schopf vor ihm in der Klasse saßen, erzählt der Pädagoge. »Aber zu Hause kann man dagegen nichts tun«, sagt er und schüttelt den Kopf. An der Schule hingegen, an der er nun seit zwölf Jahren unterrichte, »ist es sogar meine Pflicht: Atatürk wollte das so.« Für Walter Kunnert ist der türkische Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk eine Instanz. In jedem Klassenzimmer prangt ein Porträt des »Vaters der Türken« an jener Stelle an der Wand, an der in Österreich ein Kruzifix hängen würde. »Atatürk«, sagt der Lehrer, »wollte, dass anhand des Aussehens keine religiösen oder sozialen Unterschiede erkennbar sind.« Das gelte auch hier, am St. Georgs-Kolleg, einer österreichischen Eliteschule in Istanbul. Hier werden Kinder und Jugendliche im Geist des interkulturellen Austauschs zweier Länder erzogen, der von der hohen Politik regelmäßig angezweifelt, gar in Abrede gestellt wird. Österreich und die Türkei: Das geht hier seit über 120 Jahren zusammen.

Als die Privatschule 1882 von katholischen Lazaristen gegründet wurde, gab es weder Österreich noch die moderne Türkei. Istanbul, damals noch Konstantinopel, war die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, in dem ein buntes Gemisch an Nationalitäten und Religionen lebte: Griechen, Juden, Armenier, Muslime. Und deutschsprachige Katholiken. Vor allem für Letztere, für eine elitäre Minderheit, gründete die Priestergemeinschaft auf dem Grundstück der St.-Georgs-Kirche eine Grundschule. Gott zu Ehren und zum Wohlgefallen des österreichisch-ungarischen Monarchen Kaiser Franz Joseph.

Nach dem Untergang der Donaumonarchie drohte auch dem St. Georgs-Kolleg ein jähes Ende. 1919 wurde die Schule auf Geheiß des französischen Stadtkommandanten für vier Jahre geschlossen. Auch von 1944 an blieben die Tore zu. Erst 1947 konnte die Schule wieder ihren Betrieb aufnehmen. Unweit des Galataturms, des Relikts einer Siedlung von Kaufleuten aus Genua, liegt das nüchtern gestaltete, in den fünfziger Jahren umgebaute und laufend modernisierte Schulareal. Ringsum hocken Männer in karg eingerichteten Teestuben und spielen Backgammon, Obsthändler karren ihre Waren über das Kopfsteinpflaster. Nur ein paar Gehminuten entfernt legen am Ufer des Bosporus mondäne Kreuzfahrtschiffe an den Kais an. Touristen aus aller Herren Länder posieren in dem pittoresken Viertel für das Urlaubsalbum.

Nur in den Gassen rund um das Kolleg ist wenig vom geschäftigen Treiben zu merken. Über dem Eingang des sechsstöckigen Schulgebäudes ist der deutschsprachige Name der Schule in Stein gemeißelt. Daneben ragen kleine Überwachungskameras aus einem alten Gemäuer. Im Inneren, an den Wänden der verwinkelten Gänge, hängen Plakate, die türkische Sehenswürdigkeiten zeigen, das unwirtliche Kappadokien oder das staubige Ankara. Davon abgesehen, unterscheidet sich die Schule kaum von einem österreichischen Gymnasium. Nur die unscheinbare St.-Georgs-Kirche mit ihren grauen Mauern, in der bis heute Messen in deutscher Sprache gelesen werden, erinnert an die Anfänge. An eine Zeit, in der Istanbul eine völlig andere Stadt als heute war.

Um die Jahrhundertwende waren rund die Hälfte der Bevölkerung Christen. Noch im Jahr 1913 besuchten 255 christliche, 60 jüdische, aber nur 29 muslimische Kinder das Kolleg in dem Viertel Karaköy. Hier lebten in jener Zeit vor allem reiche Levantiner, liberale, europäisch geprägte Kaufmannsfamilien, die ihren Nachwuchs an die österreichische Schule schickten. Heute sind nahezu alle der 620 Schüler und Schülerinnen Muslime und türkische Staatsbürger, zumeist Sprösslinge der Oberschicht. Nur jeder Zehnte kommt aus einer ärmeren Familie und damit in den Genuss eines Stipendiums.

Sie alle durchlaufen eine exklusive Ausbildung, an deren Anfang eine einjährige Vorbereitungsklasse steht. Erst danach dürfen die Schüler zwischen Realgymnasium und Handelsakademie wählen. Insgesamt 70 Lehrer unterrichten hier. Zwei Drittel kommen aus Österreich, ihre Gehälter werden vom Bildungsministerium in Wien bezahlt. In St. Georg gilt eine Kombination aus österreichischem und türkischem Lehrplan, in den meisten Fächern wird in deutscher Sprache unterrichtet. Die Matura berechtigt nicht nur zum Studium an türkischen, sondern auch an österreichischen Universitäten. Ein in den besseren Istanbuler Kreisen begehrtes, vor allem aber teures Sprungbrett zur beruflichen Karriere. Für das prestigeträchtige Abschlusszeugnis berappen die betuchten Eltern immerhin 7000 Euro jährlich. So viel, wie ein Türke durchschnittlich im Jahr verdient. Wenn der Elternsprechtag stattfindet, steht eine Traube frisch frisierter Mittvierzigerinnen vor dem Schultor, die als private Nachhilfelehrerinnen ihr Geld verdienen. »Rund 50 Euro kostet eine Stunde Deutsch«, sagt eine von ihnen mit starkem türkischem Akzent. Die Frauen wissen, dass es keine Armen trifft. Die Investition in die Sprösslinge macht sich bezahlt: Spätere türkische Ministerpräsidenten oder Parlamentarier haben in St. Georg die Schulbank gedrückt. Schriftsteller und Manager gehören zum erlesenen Kreis der Absolventen. Auch die österreichische Nationalratsabgeordnete Alev Korun von den Grünen ging hier zur Schule. Gemeinsam haben die meisten neben der exklusiven Ausbildung vor allem eines: Sie beherrschen den Wiener Walzer.

Jeden Mittwoch werden im Festsaal der Schule die Schrittfolgen einstudiert, die Körperhaltung perfektioniert. Schließlich sollen die Eleven leichtfüßig, elegant übers Parkett schweben, wenn im Juni der jährliche Schulball stattfindet. »Tuchfühlung, meine Herren, Tuchfühlung«, treibt Walter Kunnert lautstark das etwas lustlose Grüppchen an. »Die Damen sollen spüren, dass Sie sie führen.« Zwei Dutzend Jugendliche wirbeln im Dreivierteltakt durch den Saal. Burschen mit roten Wangen steigen unbeholfen langhaarigen Mädchen auf die Füße. Die türkische Jeunesse dorée folgt nur widerwillig den Anweisungen des Tanzlehrers. Gelangweilt folgen die Schüler dem Treiben am Parkett, ganz wie die feinen Pinkel aus Döbling. Würden sie nicht in ihren Schuluniformen stecken – helle Polo-Shirts, dazu dunkle Röcke bei den Mädchen, gedeckte Hosen bei den Burschen –, wären sie kaum von Gleichaltrigen in Österreich zu unterscheiden.

Kaum läutet die Schulglocke, stöpseln sich die Schüler ihre iPod-Kopfhörer in die Ohren und werfen sich trendige Rucksäcke über die Schulter. Die Mädchen tragen beige Lammfellstiefel, wie sie auch in Wien gerade schick sind. Eine von ihnen ist Ayşe Yokut Somer. Die 16-Jährige sitzt in einem Café am Istanbuler Prachtboulevard Istiklal Caddesi und rührt in ihrem Cappuccino. Sie trägt ein knielanges Strickkleid. In den braunen Haaren steckt – ganz à la mode – eine große Sonnenbrille. Ayşe erzählt, dass sich die meisten Mitschüler mit der deutschen Sprache plagen würden. Schließlich werden nur »türkische Kulturfächer« wie etwa Geschichte oder Geografie von einheimischen Professoren in der Landessprache gelehrt. Sie aber habe keine Probleme, ihre österreichischen Lehrer zu verstehen. »Ich konnte die Sprache ja schon«, sagt sie und nippt an ihrem Kaffee. In Wien geboren, hat sie im neunten Bezirk ihre Kindheit verbracht und ein Josefstädter Gymnasium besucht. Seit fünf Jahren lebt die österreichische Staatsbürgerin im noblen Viertel Taksim. Wörter wie »urarg« oder »ursuper« rutschen ihr aber noch immer über die Lippen. »Ich wollte nicht weg aus Wien, aber meine Eltern sind zurückgezogen«, sagt sie. Auch sie sind Absolventen der Istanbuler Eliteschule. Für beide bot die Matura am St. Georgs-Kolleg die Möglichkeit, in Wien zu studieren, um später in ihrer Heimat Karriere zu machen. Heute ist Ayşes Vater Informatiker, ihre Mutter Architektin.

Rund ein Drittel der Absolventen geht an eine österreichische Universität. Sie gehören einer anderen Gesellschaftsschicht an als jene türkische Migranten, die als Gastarbeiter nach Österreich kamen. »Wir sind anders als diese Leute«, sagt Fatma Kaykç vom Absolventenverein und sucht damit die Distanz zu den Arbeitern aus dem türkischen Hinterland. »Wir sind Kinder des Bosporus.«

So wie die Schüler und Absolventen mit ihren Landsleuten wenig gemein haben, so fühlen sich auch die österreichischen Lehrer am Bosporus als etwas Besonderes. Wenngleich aus ganz anderen Gründen. Die meisten der knapp 50 Lehrer und Lehrerinnen, die ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um am St. Georgs-Kolleg zu unterrichten, fühlen sich hier wohl, angenommen und akzeptiert. »Ich wünschte, Ausländer in Österreich würden so behandelt wie wir hier«, sagt der gebürtige Grazer Alexander Zabini. Vor 30 Jahren kam er mit seiner Frau, die ebenfalls an der Schule unterrichtet, nach Istanbul. Hier hat der Biologielehrer seine besten Jahre verbracht, hier kamen seine Kinder zur Welt. Er habe nie gedacht, erzählt er, dass er bis zu seiner Pensionierung bleiben werde. »Aber es ist anders gekommen.«

Das gilt auch für Franz Kangler. 26 Jahre hat er die Schule geleitet. Nächstes Jahr wird er in Pension gehen. Der Superior der Ordensgemeinschaft ist Gratwanderungen gewohnt: Seine tägliche Herausforderung ist es, Kulturen zu verbinden – nicht nur die österreichische und die türkische, sondern auch Laizismus und Lazaristen. Dazu gehört, dass der 60jährige Priester keine Soutane, sondern Krawatte und Hemd trägt. An seiner Wand hängen weder Kreuz noch Mariengemälde, sondern Porträts von Heinz Fischer und Mustafa Kemal Atatürk.

Unten im Hof haben sich wie jeden Freitag die Schüler unter der türkischen Flagge zum Singen der türkischen Nationalhymne versammelt. Kangler schreitet die Stufen hinab zu seinen Schützlingen. Wie ein Staatsmann stellt er sich vor den in Reih und Glied postierten Schülern auf, die aus voller Kehle »O Halbmond, ewig sieggewohnt« intonieren. So wie Atatürk es wollte. Und das Walzertanzen werden die Eliteschüler auch noch lernen.

Erschienen in DIE ZEIT 03/2010

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