Zum Beten in den Keller

von Nina Brnada

Der Islam ist in Österreich eine Religion im Abseits. Die Vertreter der Muslime fühlen sich diskriminiert.

Text: Nina Brnada

Nadire Mustafi kniet am Boden. Ihre schmalen Lippen bewegen sich, doch es entweicht ihnen kein Ton. Dann drückt die zierliche Frau die Stirn in den orientalischen Teppich. Um sie herum imitieren 15 Jugendliche ihre Bewegungen. Die Mädchen knien in einer Reihe neben Mustafi, die Burschen davor kehren ihnen den Rücken zu. Sie alle blicken gen Mekka. Vom niederösterreichischen Weinviertel aus sind es rund 3700 Kilometer bis in die Heilige Stadt der Muslime.

Im Erdgeschoss des gelben Einfamilienhauses in der Wiener Straße von Hollabrunn steht eine Katze regungslos am Fenster. Das Kellergeschoß des Gebäudes ist mit Teppichen ausgelegt, ein Waschbecken, eine Gebetsnische und eine gemauerte Kanzel komplettieren die Ausstattung. In diesem Gebetsraum trifft sich Nadire Mustafi an den Wochenenden mit ihrer Jugendgruppe. Dann wird über den Propheten gesprochen, den Mondkalender oder über die Flügel des Erzengels Gabriel, »die so groß sind wie der Horizont«. Die jungen Leute sollen hier ihr Wissen über den Islam vertiefen, sagt die fromme Tutorin. Es sind typische Teenager, die sie unterweist, geschminkte Mädchen, schüchterne Burschen. Die meisten stammen wie Nadire Mustafi aus Makedonien.

In dem improvisierten Gebetsraum unterrichtet die 30-Jährige auf Deutsch und kostenlos. Die zweifache Mutter ist eine viel beschäftigte Glaubensdienerin, die außerdem islamische Religionslehrer ausbildet, zusätzlich selbst Religionspädagogik studiert und im Hauptberuf an mehreren Schulen Islamunterricht erteilt. Die strenggläubige Muslimin lebt für die Religion – und von der Religion.

Niemand weiß, welche Auslegung des Islams in den Moscheen vertreten wird

In Österreich leben geschätzte 500.000 Muslime. Die Glaubenspraxis dieser zweitgrößten Religionsgemeinschaft des Landes ist jedoch kaum sichtbar. Der Islam ist in Österreich eine Religion im Abseits, über die argwöhnische Mutmaßungen kursieren und von der immer mehr Bürger befürchten, ihr nicht über den Weg trauen zu können. Lediglich drei Minarette machen auf Moscheen aufmerksam, jedes zusätzliche verhindern aufgebrachte Initiativen. Also geht eine halbe Million Menschen in Österreich zum Beten in den Keller oder versteckt sich in Hinterhöfen. So entsteht mehr und mehr eine spirituelle Parallelgesellschaft. Niemand weiß genau zu sagen, welche Überzeugungen dort gepredigt werden oder nach welchen Standards Religionsunterricht erteilt wird. Und nirgendwo herrscht sonderliches Interesse daran, mehr Transparenz in das abgeschottete Glaubensleben der Muslime zu bringen.

Schuld daran ist allerdings nicht allein die ablehnende Ignoranz der Öffentlichkeit. Verantwortlich ist auch die Islamische Glaubensgemeinschaft, jene Körperschaft, die für alle Belange der seit fast hundert Jahren staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft zuständig ist. Vor allem in den Bereichen der Seelsorge und der religiösen Unterweisung konnte die islamische Vertretung die rasante Zunahme der Muslime in den letzten Jahrzehnten nicht verkraften. Ihre Strukturen, einem Hobbyverein nicht unähnlich, sind organisatorisch und personell überlastet, das System von Ausbildung und Kontrolle von Lehrern und Vorbetern ist vor allem durch einen Mangel an Qualifikationen gekennzeichnet. Auch dadurch gerät die Religion in Misskredit.

Der Mangel führt, wie bei Nadire Mustafi in Hollabrunn, zu zahlreichen Multifunktionen. Sie selbst arbeitete bereits als Lehrerin, als sie noch für ihre pädagogische Tätigkeit ausgebildet wurde. Auch ihr Mann Zeadin ist Imam und zugleich Religionslehrer an Wiener Gymnasien.

Herr Mustafi schiebt zwei Heizstrahler durch den Gebetsraum. »Die Fußbodenheizung ist ausgefallen«, sagt der Makedonier in perfektem Deutsch. Die Schützlinge seiner Frau sind trotzdem gekommen. Anders als die meisten Gleichaltrigen gehen sie am Wochenende lieber hierher als in die Dorfdisco. Von außen ist die Moschee nicht zu erkennen. Es gibt keinen Hinweis, weder ein Türschild noch eine Aufschrift an der Fassade.

Ein Netz von mehr als 200 solcher Gebetsstätten überzieht Österreich. Exakte Zahlen kennt niemand. Die meisten dieser notdürftigen Gotteshäuser befinden sich in Hinterhöfen, Kellern oder Wohnungen, werden von Moscheenvereinen betrieben, deren Finanzierung und inhaltliche Ausrichtung oft schleierhaft bleibt: Wird hier der türkische Staatsislam vertreten oder eher wahabitischer Fundamentalismus? Sie sind Andachtsraum und zugleich Sozialzentrum, nur selten dringt nach außen, welche Gedankenwelt sich in ihnen breitmacht.

Nur manchmal geht ein Raunen durch das Land. Etwa 2007, als Mohamed M., der eifrige Besucher der Sahaba-Moschee in der Lindengasse war eher ein Möchtegernmärtyrer denn ein heiliger Krieger, ein bedrohliches Amateurvideo ins Internet stellte. Oder im Jahr darauf, als Adnan Ibrahim, der bis dahin als Vorzeigeprediger galt, während eines Freitaggebets plötzlich gegen die »Bestie Israel« hetzte. Oder im Jänner 2009, als eine Dissertation mit dem Titel Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft veröffentlicht wurde. Darin stand zu lesen, dass ein Fünftel der islamischen Religionslehrer Demokratie ablehnen würde und fast 14 Prozent der Meinung seien, die Teilnahme an Wahlen sei mit dem Islam nicht vereinbar. Eine ebenso große Gruppe würde die österreichische Verfassung ablehnen.

Rund 400 Religionslehrer unterrichten etwa 50.000 muslimische Schüler in Österreich. Claudia Schmied, die zuständige Unterrichtsministerin, war alarmiert. Flugs erstellte sie mit dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Anas Schakfeh, ein Fünf Punkte Programm. Lehrbücher sollten nun überprüft, antidemokratische Lehrer gekündigt werden. Fachinspektoren sollten Berichte abliefern, ein neuer Lehrplan ist im April 2009 in Kraft treten. Zudem sollten alle Lehrer in einer Präambel ihr »grundlegendes Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechten und Toleranz« bekräftigen. Für einen Experten wie Richard Potz, Professor für Religionsrecht an der Universität Wien, war die Alibiaktion mit einem entscheidenden »Schönheitsfehler« behaftet: Die fünf Punkte des Ministeriums würden lediglich »ohnehin geltendes Recht« beeinhalten.

Umgesetzt wurde seither dennoch wenig. Der neue Lehrplan ist trotz inzwischen einjähriger Verspätung noch immer nicht in Kraft. Über die Prüfberichte sagt das Ministerium diplomatisch, dass »ihre Qualität variiert«. Und die Bekenntnispräambel erregt bei professionellen Muslimen wie Nadire Mustafi Unwillen. Nicht weil sie Probleme mit der Demokratie habe. »Aber auf diese Weise werden wir alle einem Generalverdacht ausgesetzt«, meint sie.

Die Probleme, sagt Mouhanad Khorchide, Autor der Dissertation, seien »der Glaubensgemeinschaft bereits vor Veröffentlichung bekannt« gewesen, ebenso wie die Tatsache, dass 70 Prozent der Religionslehrer nicht über die nötigen beruflichen Qualifikationen verfügten. »Aber wegen der mangelnden Verantwortlichkeit innerhalb der Glaubensgemeinschaft wurde zu wenig unternommen.«

Seit 1982 gibt es islamischen Religionsunterricht an Österreichs Schulen, organisiert von der Glaubensgemeinschaft. Sie stellt Lehrer ein, prüft die Befähigung, beaufsichtigt den Unterricht. Dies gestattet ihr das Religionsunterrichtsgesetz von 1949, wie es auch für Katholiken, Protestanten oder Juden gilt.

Präsident Anas Schakfeh, der auch das Islamische Schulamt leitet, reagiert auf den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit gelassen. Die fehlende Qualifikation der Lehrer sei »Ministerien und Landesschulräten bewusst« gewesen. Jahrzehntelang reichte es oft für den Job des Religionslehrers, einfach nur Muslim zu sein. Die meisten waren Nebenerwerbsinstruktoren ohne pädagogische Kenntnisse. Ihre Einstellung gegenüber Recht und Grundgesetz kümmerte niemanden. »Wir sind keine Propheten, und wir betreiben auch keine Gewissensforschung«, erklärt Schakfeh.

Der 67-Jährige trägt edle Anzüge und spricht gern über interkulturellen Dialog. Er ist das Gesicht des Islams in Österreich, ein angesehener, vielfach dekorierter Mann. Dennoch ist der gebürtige Syrer umstritten. Er pflege intern einen autoritären Führungsstil, heißt es. Aly El Ghoubashy, islamischer Religionslehrer aus Vorarlberg, verlor etwa seinen Job, nachdem er einen kritischen Zeitungskommentar verfasst hatte. Ebenso wurde der Vertrag von Yasar Sarikaya, des Leiters der Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA), nicht verlängert, weil seine Äußerungen Missfallen erregten. Auch Mouhanad Khorchide, der mit seiner Studie den Stein ins Rollen brachte, verlor seinen Lehrauftrag an der IRPA. »Unsere Studenten haben ihm nicht mehr getraut«, begründet Schakfeh den Rausschmiss. Während der Soziologe Khorchide seinen Job los ist, darf Adnan Ibrahim, jener Mann, der über die »Bestie Israel« predigte, weiterhin pädagogischen Nachwuchs an der IRPA heranziehen. An dieser Akademie werden seit 1998 im Auftrag der Glaubensgemeinschaft Religionslehrer für Pflichtschulen ausgebildet. Für Unterrichtende an Höheren Schulen gibt es seit 2007 ein eigenes Studium am Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien. Zuvor existierte keinerlei Bildungsstätte.

Diese fehlt immer noch für Seelsorger. Imame – islamische Vorbeter – werden zur Gänze in islamischen Ländern angeworben. »Wir brauchen eine Islamisch-Theologische Fakultät«, sagt Ednan Aslan. Der gebürtige Türke ist Leiter des Lehrgangs Muslime in Europa, der seit vergangenen November von der Uni Wien angeboten wird. Imame sollen hier nicht theologisch ausgebildet werden, sondern der Lehrgang will »Muslime vom Rand in die Mitte der Gesellschaft holen«, wie Aslan sagt.

Ziemlich viel verlangt von einem einjährigen Crashkurs, der an Wochenenden stattfindet und 300 Euro Teilnahmegebühr kostet. Wien Alsergrund, ein Gründerzeithaus, letztes Stockwerk: 30 islamische Geistliche sind hier versammelt. Fünf von ihnen sind Frauen, wie Nadire Mustafi geben sie Kindern in Moscheen Unterricht. Eine Papiertüte mit geschälten Mandarinen wird herumgereicht. Es wird gekaut und getratscht. Vor den Wochenendstudenten steht Herbert Glotz. Er wirkt, als wolle er Margarine für vitale Senioren bewerben. Glotz ist Wirtschaftsprüfer, kennt sich aus mit Aktien und Spekulationen. Heute referiert er über »Banken und Finanzen«, Glotz soll die Grundzüge der Wirtschaft erklären. Einer der Imame meldet sich. »Kann ich das Internet von der Steuer absetzen? Ich brauche das zur Vorbereitung, ich bin nämlich auch Religionslehrer.«

Erschienen in DIE ZEIT 14/2010

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