Nina Brnada

Türkisch, Kroatisch, Deutsch

Während über die Einführung von Türkisch als Lehramtsstudium heftig diskutiert wird, ist muttersprachlicher Unterricht an vielen Schulen bereits Alltag.

Text: Nina Brnada

Manche Menschen können in andere hineinsehen. Zum Beispiel Božena Vulinović, eine Volksschullehrerin mit großen Augen und beherzter Stimme. Mit prüfendem und fürsorglichem Blick mustert die 49-Jährige ihre Schülerin Amina. »Du hast wieder schlecht geschlafen«, sagt sie und streicht dem blonden Mädchen über den Kopf. Die Siebenjährige nickt und trottet zurück an ihren Platz. Das Sorgenkind komme in letzter Zeit blass und müde zur Schule, erzählt die Lehrerin. Vor Kurzem habe Aminas Familie Zuwachs bekommen. Das Baby schreie die Nächte durch und raube der Kleinen den Schlaf.

Božena weiß solche Sachen. Sie weiß, wie ihre Schüler wohnen. Sie weiß, wie lange am Abend ihr Fernseher läuft und wem wieder einmal zehn Euro für den Schulausflug fehlen. Die gebürtige Kroatin arbeitet als Lehrerin für muttersprachlichen Unterricht. Für ihre Schüler ist sie Eingeweihte, Schnittstelle und Mittlerin.

Vor zwanzig Jahren kam die großgewachsene Frau mit den braunen Stirnfransen aus der dalmatinischen Kleinstadt Vrgorac nach Wien. Seit neun Jahren unterrichtet die Pädagogin Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien in ihrer Muttersprache. 405 Lehrer wie sie gibt es in Österreich. Sie lehren 22 Sprachen, von Türkisch bis zu Pashto, der Sprache der Paschtunen. Doch weil der Unterricht in der Sprache ein Freifach ist, nehmen nur 15 Prozent der Migrantenschüler daran teil.

Volksschullehrerin Božena lehrt bloß eine Stunde Muttersprache pro Klasse und Woche, das ist weniger als Turnen oder Werken. Dabei ist Muttersprachenunterricht ein wesentlicher Schlüssel zu höherer Bildung, Karriere und damit Integration. Denn nur wer sich in seiner Erstsprache sicher fühlt, kann eine zweite erlernen. Wenn nicht, enden die Schüler oft in dem, was im Jargon der Pädagogik Halbsprachigkeit heißt: Die Muttersprache sprechen sie schlecht, Deutsch ebenso.

Unter Linguisten ist die Rolle der Muttersprache längst unbestritten. Im österreichischen Bildungssystem spielt sie kaum eine Rolle. Über jede Maßnahme wird hitzig debattiert. So etwa auch bei der aktuellen Diskussion um die Einführung eines Türkisch-Lehramtsstudiums an den Universitäten. Dieses wäre Voraussetzung dafür, dass Türkisch als zweite lebende Fremdsprache unterrichtet werden kann und auch als Maturafach in einem Reifezeugnis aufscheinen darf. Was aber die Sprachkompetenz von Migrantenkindern wesentlich verbessern könnte, nennen ÖVP und FPÖ ein »völlig falsches Signal« und fordern Zuwanderer zum Deutschlernen auf.

Der Begriff »Wald« sagt den Kindern ebenso wenig wie das Wort »Fluss«

Boženas Schule liegt im 15. Wiener Gemeindebezirk, dem ärmsten der Stadt. Nahezu jede fünfte Wohnung hat kein eigenes WC und fließendes Wasser. Božena nennt das Viertel die »Wiener Bronx«. Jeder, der irgendwie könne, ziehe von hier weg, sagt sie.

Jene, die bleiben, kommen morgens um acht Uhr zur Schule und liefern ihre Kinder ab. Voll verschleierte Frauen bringen verschlafene Schüler. Väter in Blaumännern hetzen vorbei an den Wänden mit gebastelten Fotocollagen in Richtung Baustelle. 85 Prozent der Schüler der Volksschule Ortnergasse Nummer 4 haben Migrationshintergrund. Zu den Verständigungsproblemen, die Božena Vulinović hier lösen soll, kommt oft noch ein schwieriges soziales Umfeld hinzu.

Gruppenraum, dritter Stock, zweite Schulstunde. »Dobar dan!« – Guten Tag – rufen die Kinder im Chor, als Božena vor die Klasse tritt. Sie ist beliebt bei ihren Schülern. Božena wirkt wie jemand, dem man sich gerne anvertraut. Ständig kommen Kinder zu ihr, umarmen sie, scherzen. Božena ist hier die gute Seele, die sich nicht schont, die Pausen regelmäßig sausen lässt und die ihr rot-weißes Kaffeehäferl immer bei sich trägt.

Zu Beginn der Stunde zeichnet sie eine Birne an die Tafel und fragt, was die Silhouette an der Tafel darstelle. Ratlosigkeit macht sich breit. Weder auf Serbokroatisch noch auf Deutsch kennen die Kinder den Namen der Frucht. Das dicke Mädchen in der ersten Reihe schneidet Grimassen; ihr Sitznachbar stöhnt, als wäre die Birne eine mathematische Gleichung. Schließlich schießt eine Hand in die Höhe. Kruška, Birne, weiß der kleine Bojan und zählt gleich weitere Obstsorten auf, Zwetschke, Kirsche, Weintraube. »Erfrischend« sei die Anwesenheit des Buben, sagt Božena. Nicht weil er älter oder intelligenter als die anderen sei, sondern weil er seine Muttersprache beherrsche. »Seine Eltern sind erst kürzlich aus Serbien nach Wien gezogen«, erzählt Božena. »Es ist sein erster Schultag in Österreich.«

Kinder wie Bojan »haben meist eine solide Grundlage, um schnell und gut Deutsch zu lernen«, sagt Rudolf de Cillia, Sprachwissenschaftler an der Universität Wien. Bojans Schulfreunde hingegen kennen Begriffe nicht, die Gleichaltrige schon im Kindergarten lernen. Als Božena einen Hut an die Tafel zeichnet, wissen die Schüler das dazugehörige Wort nicht. Der Begriff »Wald« sagt ihnen ebenso wenig wie das Wort »Fluss«. »Auch zu Hause spricht niemand mit diesen Kindern«, sagt Božena frustriert. »Es bräuchte viel mehr als meine Stunde, um all dies aufzuholen.«

Das alles sind weit mehr als nur Defizite, die lediglich über Schulnoten entscheiden. Die Kinder bleiben womöglich ein Leben lang dazu verdammt, sich nicht klar mitteilen zu können. Kaum jemand von ihnen wird den Aufstieg ins Gymnasium schaffen oder eine Lehre abschließen. Auch sich als mündige Bürger eine Meinung zu bilden wird ihnen schwerfallen. Selbst einfache Sachverhalte zu erfassen ist für sie nicht leicht.

Zum Beispiel in Mathematik. Vierte Klasse, zweiter Stock, dritte Stunde. Der Klassenlehrer Andreas Bauer ist ein Rockertyp, lässig und unkompliziert. Von seinen 25 Schülern besitzt nur einer die Muttersprache Deutsch. Die Schüler sollen aus dem Gesamtpreis für acht Tische den Preis pro Tisch ausrechnen. Božena sitzt in einer Reihe und versucht vergebens, einem Mädchen die Aufgabe zu erklären. Langsam greifen die Schüler nach ihren Stiften und beginnen zu überlegen. Einige schaffen die Division. Doch wenn sie gefragt werden, was sie ausgerechnet haben, zucken sie mit den Schultern. Wofür sie das richtige Ergebnis gebrauchen könnten, scheint ihnen völlig rätselhaft.

Nach der Mathematikstunde trinkt Božena Kaffee mit ihrem Kollegen Richard Klemenschitz. Vor einigen Jahren habe es in der Schule ein sehr sinnvolles Projekt gegeben, erzählen die beiden engagierten Lehrer. Es war eine Art trilingualer Schuleinstieg für eine komplette Klasse: Die Kinder wurden nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Türkisch und Serbokroatisch eingeschult. Die Aktion ging weiter als Boženas Muttersprachenunterricht. In den Stunden wurden beispielsweise Märchen parallel in mehreren Sprachen gelesen, bis sie auch der letzte Schüler verstanden hatte. Die Folge? »Die Schüler wurden nicht nur im Lernen besser. Sie waren auch selbstbewusster, trauten sich mehr zu, und das Leistungsniveau der ganzen Klasse stieg.«

Doch das Erfolgsprojekt wurde abgebrochen. Die Ressourcen hätten nicht gereicht. Božena verbrachte mehr und mehr Zeit in der Projektklasse, was auf Kosten anderer Schüler ging. Das Projekt schaffte Ungleichheiten, weil nur eine Klasse davon profitierte. Mehr muttersprachliche Lehrer für die Problemschule stellte der Stadtschulrat nicht zur Verfügung. »Es war eine Enttäuschung«, sagt Richard Klemenschitz: »Bei solchen Erfahrungen fühle ich mich von Politikern und Behörden im Stich gelassen.«

In der Politik spielt Unterricht in der Muttersprache keine Rolle

Obwohl derartige Arbeitskräfte hoch begehrt sein sollten, obwohl ihr Einsatz für fremdsprachige Kinder so viel Positives bewirken könnte, musste Božena Vulinović acht Jahre lang auf ihren Vertrag als Lehrerin für muttersprachlichen Unterricht warten – genauso lange wie ihr türkischsprachiger Kollege. Seit ihrem Antritt als Lehrerin vor neun Jahren stellt sie außerdem jedes Jahr erneut einen Antrag auf Verlängerung ihres Dienstverhältnisses. »Und jedes Mal muss ich zittern«, sagt sie und lacht. Dabei ist sie die einzige Lehrerin für Bosnisch, Serbisch und Kroatisch an ihrer Schule, und ein Viertel aller Schüler befindet sich in ihrer Obhut.

Die österreichische Politik hat die Notwendigkeit des muttersprachlichen Unterrichts nicht erkannt. Als Lippenbekenntnis und Willenserklärung existiert er zwar, etwa in Lehrplänen oder in einem schwammigen Satz im Regierungsübereinkommen von SPÖ und ÖVP. Doch der Schulalltag ist von massiven Mängeln geprägt. Und im politischen Alltag wäre es viel zu unpopulär, mehr Förderung für die Sprachen der Migrantenkinder einzufordern. Da fällt es leichter, auf »verpflichtenden Deutschunterricht« zu pochen, den ohnehin niemand infrage stellt.

»Die großen Parteien treten dem rechten Diskurs, der eine Abschaffung des muttersprachlichen Unterrichts fordert, nicht entschieden entgegen«, sagt Rudolf de Cillia. Schulstunden auf Türkisch oder Serbokroatisch, das weckt allzu schnell Ängste vor einer Parallelgesellschaft, die von der Mehrheit unkontrolliert ihr Süppchen kocht.

Als muttersprachlicher Unterricht im Jahr 1972 erstmals in Vorarlberg angeboten wurde, hatte er noch einen ganz klar definierten Zweck: den damaligen Gastarbeiterkindern die Rückkehr ins Herkunftsland zu erleichtern. Heute soll ihnen genau dieser Unterricht dabei helfen, endlich in Österreich anzukommen.

Erschienen in DIE ZEIT 16/ 2011

Generation Superbaby

Früher durfte man nicht rauchen und keine schweren Dinge schleppen. Heute ordern schwangere Frauen Wahlhebammen und meditieren für mehr Platz im Bauch. Alles für den perfekten Nachwuchs.

 

Text: Nina Brnada, Fotos: Regina Hügli

Beate Lenzhofers Büro in Wien-Döbling könnte ein Motiv in einem Landhausmöbelkatalog sein. Kleine Kommoden aus Holz, gedimmte Lampen, großzügige Couch. Lenzhofer sitzt hinter ihrem Schreibtisch und trinkt stilles Wasser. Sie passt gut hierher mit ihrem dezenten Make-up, der Brille und den schulterlangen dunkelblonden Haaren. Die groß gewachsene Frau hat eine klare Stimme und zarte Hände. Mit ihnen hat sie 960 Kindern das Leben geschenkt.

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Lenzhofer ist seit achtzehn Jahren Hebamme. Wenn sie über ihren Beruf spricht, sagt sie oft Dinge wie „emotionale Bindung“ und „Familiensetting“ und wie wichtig all das für das Baby sei, vor allem in den ersten Monaten. Sie hat nichts von den stummen Geburtshelferinnen aus Arztserien im Fernsehen und schon gar nichts von den weibischen Hebammen, wie sie in Märchen und Kindergeschichten vorkommen. Beate Lenzhofer, das ist eine Frau mit Visitenkarte und Homepage. Als sogenannte Wahlhebamme begleitet sie ihre Klientinnen durch Schwangerschaft und Geburt. Lenzhofer ist medizinische Fachkraft und emotionale Stütze zugleich. Sie kennt sich aus, beim Herzschlag des Babys genauso wie bei den Gefühlsschwankungen der Mutter. Ihre Klientinnen, sagt Lenzhofer, sind selbstbewusste Frauen, die wissen, was sie wollen: eine problemlose Schwangerschaft, eine natürliche Geburt und ein gesundes Baby.

Noch vor einigen Jahrzehnten war ziemlich klar, was während einer Schwangerschaft zu tun ist: von Zeit zu Zeit rasten, auf Zigaretten und Alkohol verzichten und das Schleppen schwerer Dinge anderen überlassen. Wer jedoch heute Kinder bekommen will, sieht sich einem riesigen Angebot an Kursen, Ratgebern und Waren gegenüber. Nicht selten kosten sie einiges an Zeit und Geld. Bei Beate Lenzhofer, der Hebamme de luxe, zahlt man für sechs Treffen, ständige telefonische Verfügbarkeit und Begleitung bei der Geburt satte 1.700 Euro, eigenen Nussdorfer Arzt für den Notfall inklusive.

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Die Schwangere von heute ist eine aktive Frau. Ihr reicht es nicht, mit Omi und Mutti über Verstopfung zu reden und ein Gitterbett fürs Schlafzimmer zu besorgen. Stattdessen hetzt sie vom Homöopathen zur Akupunktur, vom Wassershiatsu zur Wahlhebamme. Sie lässt einen Gipsabdruck ihres Babybauchs machen und berät mit anderen Schwangeren in Internetforen, was nun besser sei, der Kinderwagen oder das Tragetuch. „Dieses Verhalten ist kein Elitenprogramm“, sagt Cornelia Schadler, Soziologin an der Universität Wien, „es lässt sich in allen sozialen Schichten beobachten.“ Die Waren und Aktivitäten, die als erstrebenswert gelten, seien in der Bobo-Familie dieselben wie im Gemeindebau. Nur kaufen es die einen im schicken Geschäft in Wien-Neubau, die anderen besorgen es sich über die Internet-Tauschbörse.

Hinter all dem stehen Lebensentwürfe, die sich im Vergleich zu früher radikal geändert haben. Individualisierung und Selbstbestimmung lauten die Schlagwörter. Die Ansprüche an den eigenen Lebenslauf haben sich erhöht. Mehr Möglichkeiten, längere Ausbildungsphasen und Wohlstand haben auch dazu geführt, dass Kinderkriegen heute immer später passiert.

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Schwangerschaftsbäuche per Gipsabdruck zu verewigen – hier bei www.bauchkunst.at – ist nur ein neuer Trend

Die Mutter von heute ist bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 28 Jahre alt, Mitte der Achtzigerjahre war sie noch 24. Wer heute ein Kind in die Welt setzt, hat zuvor eine Reihe von Bedingungen zu erfüllen. „Das heutige Konzept sieht vor, dass man in den Zwanzigern zu sich selbst findet, seine Ausbildung absolviert und einen Job hat. Erst dann ist man wirklich bereit für ein Kind“, sagt Cornelia Schadler, die zum Thema forscht. „Heute gilt Schwangerschaft und Kinderkriegen als der wichtigste Übergang im Leben.“

Dementsprechend enorm ist der Aufwand in der Vorbereitung. Die Angst, dabei etwas falsch zu machen, ist immens. „Manche Paare“, sagt Schadler, „machen sogar noch eine Therapie, bevor sie überhaupt versuchen, schwanger zu werden. Weil sie optimal vorbereitet sein wollen.“ Grund dafür sei die Tatsache, dass „stärker als noch vor einigen Jahrzehnten der größte Teil der Verantwortung in so gut wie allen Lebensbereichen auf dem Individuum lastet“. Jeder ist heute seines Glückes Schmied, althergebrachte Bindungen lösen sich auf – und die Verantwortung für Erfolg oder Scheitern wandert zum Einzelnen. Diese Weltsicht, sagt Schadler, führe dazu, dass sich Menschen nicht mehr darauf verlassen, dass alles schon irgendwie gutgehen wird. Vielmehr streben sie eigenständig nach Optimierungen und stehen traditionellen Handlungsweisen skeptisch gegenüber.

Zum Beispiel der Schulmedizin. Viele Eltern haben eine regelrechte Abneigung gegenüber Krankenhäusern, Ärzten und Medikamenten. In ihren Augen hat die klassische Medizin die Aura des Entmenschlichten und Anonymen. Massenbetriebe wie große Krankenhäuser passen so gar nicht zum Zeitgeist, der überall Natürlichkeit und Ursprünglichkeit einfordert. Nicht nur bei der Frage, ob die Frühstückseier aus Legebatterien oder doch lieber aus der Freilandhaltung kommen sollen. Auch bei Geburt und Schwangerschaft sollen Natürlichkeit und Ursprünglichkeit im Vordergrund sein. Da stehen Kreuzstich gegen homöopathische Duftkerze und Kaiserschnitt gegen Unterwassergeburt.

Beate Lenzhofers Klientinnen zum Beispiel wollen Ganzheitlichkeit und Betreuung auf höchstem Niveau. Sie kommen zur Wahlhebamme, weil sie „Schwangerschaft und Geburt nicht als Risiko begreifen, sondern als etwas Natürliches und Gesundes“, sagt Lenzhofer. Mit vier weiteren Geburtshelferinnen und sechs Gynäkologen betreibt sie die Hebammenpraxis Nussdorf in Wien-Döbling. Über Nachfrage kann die Wahlhebamme nicht klagen. Jährlich betreut sie dutzende Schwangere, Tendenz steigend. Lenzhofers Klientinnen gehören nicht mehr zu der einst großen Gruppe derer, die sich darauf verlassen, dass alles schon irgendwie gelingen wird. Zu groß ist die Angst, bei der Geburt an einen unerfahrenen Arzt oder eine ruppige Hebamme zu geraten, zu gering das Vertrauen in die medizinischen Einrichtungen.

„Wir sollen unser Baby spüren“, sagt Ursula, die Yogalehrerin mit Augen wie die fabelhafte Amelie und einem Körper aus Gummi. Sie tapst bloßfüßig durch einen länglichen Raum. An der Wand hängt eine Elefantenbüste der Hindu-Gottheit Ganesh, am Boden darunter brennt eine rosa Stumpenkerze. Das Studio „Yogawerkstatt“ liegt nur unweit des angesagten Karmelitermarkts in der Wiener Leopoldstadt. Die Menschen, die hierherkommen, sind waschechte Bobos, die nach dem Kurs gemächlich Rotbusch- und Lemongrasstee schlürfen. Hier wird jeder geduzt, die Atmosphäre ist freundlich und entspannt. Ein Dutzend Frauen sitzen entlang den Wänden auf grünen Matten im Yogaraum. Alle tragen Bäuche vor sich her, groß wie Wassermelonen. „Spüre, wie dich der Boden trägt“, sagt Ursula zu den Frauen. Die meisten von ihnen sind in den Dreißigern. Lisa Pacher ist schon 38. Die groß gewachsene Frau mit den blauen Augen und der unkomplizierten Kurzhaarfrisur trägt seit sechs Monaten einen Babybauch, und das zum ersten Mal in ihrem Leben. „Wenn der Körper gut beieinander ist, warum nicht in diesem Alter?“, sagt sie.

Erste Falten haben sich bereits in Lisas Stirn gegraben. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die viel Zeit darauf verwendet, sich zu spüren, richtig zu atmen, gesund zu essen. Beim Yoga werden Muskeln angespannt und wieder entspannt. Damit würden Chakren geöffnet, also Energiezentren aktiviert, erklärt Lisa. „Yoga soll Raum im Bauch machen, Raum für das Baby.“

Nach dem Kurs sitzt Lisa im Wiener MuseumsQuartier und isst Dinkelreis und Wokgemüse. Sie versucht, sich makrobiotisch und glutenfrei zu ernähren. Das tue ihr gut. „Und wenn’s mir gut geht, geht’s dem Baby gut“, sagt Lisa. „Ich selbst war ein dickes Flascherlkind.“ Das will sie ihrem eigenen Baby nicht antun. Ihre Mutter, erzählt Lisa, ziehe sie nicht oft zu Rat. „Ich weiß einfach viel besser Bescheid als sie.“
Großeltern und jene, die bald zu solchen werden, haben als Ratgeber für werdende Eltern ausgedient. Zwar werden sie noch fürs Babysitten und ähnliche Aufgaben eingespannt. Doch ihr Wissen zu den Themen Geburt und Elternschaft, wie es jahrhundertelang von Generation zu Generation weitergegeben wurde, ist heute schlichtweg unbrauchbar geworden. Wie man das Baby wickelt, was man gegen Blähungen und Ausschlag macht – das alles scheinen moderne Mütter ohne fremde Hilfe am besten zu wissen. Großmütter, die immer als Quell von Weisheit und Erfahrung galten, haben nichts mehr zu melden.

Stattdessen werden Ratgeberbücher aller Art herangezogen. Sie tragen Titel wie „Babybreie selbst gemacht“, „Nicht impfen – was dann?“ und „Geburt ohne Gewalt“. Eltern von heute haben die Qual der Wahl. Es gebe eine Fülle von „unterschiedlichen, miteinander konkurrierenden Theorien, wie Elternschaft zu funktionieren hat“, sagt Soziologin Cornelia Schadler. Die Eltern tragen die Verantwortung, das richtige Konzept zu wählen. Wenn sie richtig wählen, wird das Baby gesund, glücklich und begabt – eine enorme Verantwortung für die Eltern. Jeder will schließlich bestmögliche Voraussetzungen für sein Kind schaffen.

Wobei die Förderung des Nachwuchses nicht etwa erst nach der Geburt einsetzt, durch Babymassage oder erlesene Erziehung. Sie beginnt nicht einmal während der Schwangerschaft, wenn man dem Kind Musik vorspielt in der Hoffnung, eines Tages ein Mathematikgenie hervorzubringen. „Der Run auf das beste Baby“, sagt Cornelia Schadler, „beginnt bereits bei der Zeugung.“ Etwa bei bestimmten Sport- und Ernährungsprogrammen, um Fruchtbarkeit und Qualität der Spermien zu steigern. Oder bei der Einnahme des Vitamins Folsäure, das für die neuronale Entwicklung des Embryos besonders günstig sein soll.

Die ständige Angst vor der falschen Entscheidung kann auch ganz schön anstrengend sein. Viele Mütter klagen über den Druck, alles richtig machen zu müssen. Manchmal werde man sogar durch das Umfeld leicht gemaßregelt, sagt Maria Kogler, eine 28-jährige Mutter mit sechs Monate altem Sohn aus Wien-Margareten. „Ich war kürzlich bei der Mutter-Kind-Gymnastik. Wenn dort das Kind mal weint, weil es müde ist oder einfach nicht gut drauf, dann wirst du angeschaut mit einer Mischung aus Mitleid und Hochmut“, erzählt Kogler. „Weil das Weinen ein Zeichen für die anderen ist, dass du als Mutter etwas falsch machst und sie es besser wissen.“ Das Kind, so lautet der unausgesprochene Vorwurf, würde schon nicht heulen, wenn man es richtig behandeln würde.

Zehn Uhr vormittags, das Hallenbad in Wien-Döbling. Um diese Uhrzeit paddeln hier nur Pensionisten mit altmodischen Badehauben – und Mütter mit Babys. Ein Dutzend Frauen mit gerade vier Monate alten Kindern stehen im hüfttiefen Wasser im Kreis und halten ihre strampelnden Babys ins Nass. Dazwischen patrouilliert Alexandra und schüttet mit einer Gießkanne Wasser über die Köpfe der Kinder. „Es regnet, es regnet seinen Lauf“, singt sie dabei. Es wirkt ein wenig, als würde sie damit eher die Mütter unterhalten als ihre Kinder. Babyschwimmen, erzählt die Kursleiterin später, verbessert die motorischen Fähigkeiten der Kleinen. „Außerdem lernen die Kinder, was zu tun ist, wenn sie einmal versehentlich im Wasser landen.“ Die Babys wirken unterschiedlich aktiv angesichts der Planscherei. Manche kichern, andere schauen eher betroffen drein. Wenn sich eines verschluckt und laut zu weinen beginnt, dann entfernt sich seine Mutter ein wenig aus dem Kreis und versucht, es etwas abseits zu beruhigen. Die Mutter wirkt dann ein bisschen so, als sei es ihr peinlich.

Babyschwimmen ist eine sehr populäre Einrichtung. Weil es nicht besonders kostenintensiv ist, nehmen es – etwa im Vergleich zur Wahlhebamme Beate Lenzhofer – Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in Anspruch. Business-Frauen kommen ebenso hierher wie die philippinische Krankenschwester und die Mutter aus der Vorstadt.

Nur Männer sieht man kaum. Und nicht nur hier: Die meisten Einrichtungen dieser Art richten sich fast ausschließlich an Frauen. Zwar gibt es Kurse zur Geburtsvorbereitung für Pärchen und Ratgeberbücher für werdende Väter, aber im Gegensatz zum riesigen Angebot für Frauen ist ihr Anteil winzig. „Männer neigen während der Schwangerschaft ihrer Frauen dazu, nach außen zu gehen, Freunde zu treffen und berufliche Netzwerke zu knüpfen“, sagt die Soziologin Cornelia Schadler. „Frauen fügen sich vollständig in eine Rolle als allein verantwortliche Schwangere.“ So sehr sich also die Bereiche Schwangerschaft und Geburt auch verändert und individualisiert haben – ein Aspekt ist gleich geblieben: das Geschlechterverhältnis.

Im gemütlichen Büro von Wahlhebamme Beate Lenzhofer hat inzwischen Margarethe Moser (Name geändert) Platz genommen. Sie ist Mutter zweier Kinder im Alter von zwei und vier Jahren. Derzeit ist Moser in Karenz und erwartet das dritte. Heute ist sie zu einem Beratungstermin zu Beate Lenzhofer nach Nussdorf gekommen. Erneut soll ihr die Hebamme bei der Geburt helfen. Bereits zum zweiten Mal wird sie in der eigenen Wohnung stattfinden. „Ich fühle mich sicher bei Beate“, sagt Moser. „Ansonsten hätte ich Angst. Einer meiner Lehrer aus der Schule hatte einen Sohn, der durch die Geburt im Krankenhaus behindert wurde“, erzählt sie. „Das hat sich bei mir irgendwie eingeprägt.“ Margarethe Moser wird auch bei eventuellen weiteren Geburten die Hilfe von Beate Lenzhofer in Anspruch nehmen. „Denn was bei der Geburt schiefläuft, das kann man nachher nie wieder korrigieren.“

Erschienen in Datum 04/11

Kommentar von Astrid Kuffner: Zum Thema Schwangerschaft. Eine Hingabe

Dreifach schwierig

Migrantinnen machen sich kaum jemals selbstständig. Die Gründe dafür liegen vielfach in den kulturellen Umständen und den schlechten Chancen am Arbeitsmarkt. Doch es gibt auch gute Beispiele dafür, wie Frauen die Probleme überwinden können.

Kadın göçmenler arasında kendi işini kuranlar pek az. Bu durum çoğu kez sosyo-kültürel sebepler ve işgücü piyasasındaki olumsuz şartlarla ilgili. Buna rağmen kadınların bu zorlukları aşabileceğini gösteren başarılı örnekler de var.

Doseljenici se ne odlučuju tako često na samostalne djelatnosti. Razlozi su brojni i leže kako u kulturnim okolnostima tako i u lošim šansama na radnom tržištu. Postoje, međutim, i primjeri za to kako posebno žene mogu prevladati takve probleme.

Text und Fotos: Nina Brnada

Wenn Armağan Zeller spricht, dann klingt sie zuweilen wie eine Prophetin­. „Wir leben in einer reichen Gesellschaft. Wer sich bemüht, wird mit Erfolg belohnt, “ sagt die 46-Jährige. Zeller sitzt an einem ovalen Tisch, in der Ecke ist ein Flipchart aufgestellt. Auf der Kommode daneben ziert eine giftgrüne Pflanze den kahlen Raum. Mit Bedacht wählt Zeller ihre Worte und ihre Gesten. Sie trägt dezentes Make-Up und eine beige Jacke. Zeller hält jede Menge Zettel in den Händen. Sie gehört zu jener Sorte von Menschen, die kontrolliert vorgehen, langfristig planen, sich gut vorbereiten – auf jeden Termin, jedes Projekt, jedes Gespräch. Armağan Zeller ist gebürtige Türkin, Geschäftsfrau und bereits seit 16 Jahren mit ihrer Werbe- und Multimediafirma mspp selbstständig.

Unternehmerinnen als statistische Ausnahmen

Zeller ist eine erfolgreiche Unternehmerin, Akademikerin, Ehefrau und Mutter – und doch auch eine statistische Ausnahmeerscheinung. Sie gehört zu einer oftmals vernachlässigten Minderheit und zwar in gleich dreifacher Hinsicht. Zum Ersten ist sie Frau und selbstständig – eine Seltenheit, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel aller Selbstständigen in Österreich Männer sind. Zum Zweiten ist sie Migrantin und selbstständig – eine noch größere Seltenheit, denn der Anteil der selbstständigen Frauen unter Migrantinnen ist sogar noch geringer als bei angestammten Österreicherinnen. Hier sind nicht einmal ein Viertel der Selbstständigen mit Migrationshintergrund Frauen. Und drittens stammt Armağan Zeller aus einer konservativeren Gesellschaft als der heimischen, in der sich Frauen traditionell noch mehr als hier aus dem Geschäftsleben heraushalten.

So sind lediglich 39 Prozent der Türkinnen und 61 Prozent der Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Österreich erwerbstätig – bei angestammten Österreicherinnen liegt die Rate bei 66 Prozent. Die vergleichsweise geringe Erwerbsquote der Migrantinnen überträgt sich auch auf die Zahl der Selbstständigen unter ihnen. So waren im Jahr 2009 nur sieben Prozent der Erwerbstätigen Migrantinnen auch Selbstständig. „Grund dafür sind oft die kulturellen Umstände, in denen die Frauen leben“, sagt der Soziologe Andreas Riesenfelder, der zum Thema geforscht hat. „Oftmals sind sie nur für die Reproduktionsarbeit zuständig“, sagt er – also für Heim und Herd.

„Es ist schon für Frauen auch ohne Migrationshintergrund am Arbeitsmarkt schwerer als für Männer. Und für Migranten am Arbeitsmarkt generell schwerer als für Angestammte“, sagt Riesenfelder. „Wenn diese beiden Faktoren zusammenkommen, dann potenziert sich das.“

Vorurteile schaffen Barrieren

Als Beispiel nennt Riesenfelder eine Firmengründung. „Wenn man zur Bank geht und für ein Start-Up einen Kredit aufnehmen möchte, wird man es als Migrantin schwerer haben“, sagt er. „Da spielt der Aspekt der Herkunft ebenso eine Rolle wie das Geschlecht und die damit verbundenen Vorurteile.“

Doch Armağan Zeller sagt über solche Hindernisse nur, man solle sie „nicht ernst nehmen“. Sie ist keine, die sich behindern lässt. „Es ist nicht wichtig, wie man definiert wird, sondern wie man sich selbst definiert“, sagt sie. Ihre Firma gründete sie 1995 gemeinsam mit ihrem österreichischen Mann Walter, einem Multimedia-Designer. Er ist für die kreative Ausführung der Werbeaufträge zuständig, sie für den kaufmännischen Teil – eine unübliche Konstellation. Zu ihren Kunden zählt Zeller die türkische Botschaft, die deutsche Botschaft und etwa das Unterrichtsministerium – „Dort wo ich jetzt bin, war davor eine Marktlücke“, sagt sie. „Interkulturelles Know-how wird in dieser Branche immer wichtiger“. Und: „In meinem Umfeld hat es niemanden gestört, dass ich mich selbstständig gemacht habe.“

Das liegt wohl auch daran, dass Armağan Zeller einer anderen Gesellschaftsschicht angehört als die meisten Türken, die nach Österreich emigrierten. Ihr Vater war Anwalt in Istanbul, ihre Schwester ist ebenfalls selbstständig. In der westürkischen Küstenstadt Izmir übernahm Armağan schon in den Neunzigerjahren zusammen mit ihrem Mann Werbeaufträge von der Stadtverwaltung. Als Mitglied einer liberalen, urbanen Elite unterscheidet sie sich von den meisten anderen Türkinnen – vor allem von den Auswanderern.

„In Österreich ist die Erwerbstätigkeit unter den Migrantinnen insgesamt sehr niedrig“, sagt Soziologe Andreas Riesenfelder. Dementsprechend noch geringer sei die Zahl jener Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. „Man muss als Gesellschaft daran arbeiten, indem man die Migrantinnen stärker fördert. Oder Beratungseinrichtungen mit Mitarbeitern bestückt, die Sprachen verstehen und die Lebenswelten von Migranten kennen.“

Chinesinnen überholen Männer beim Einkommen

Eine Bevölkerungsgruppe, bei der derartigen Probleme überwunden scheinen, sind die Chinesen. Über die Hälfte der chinesischstämmigen Selbstständigen in Österreich sind Frauen. Höher ist diese Raten nur noch bei Japanerinnen und Russinnen. „In Sachen Einkommen haben die Chinesinnen inzwischen ihre Männer überholt“, sagt Riesenfelder. Tätig seien sie vornehmlich in der Gastronomie.

So wie Chuan Urban-Chao. Das Verabschieden von Gästen ist in ihrem Lokal Chefsache. Kein Besucher verlässt das Restaurant, ohne dass die Geschäftsführerin ihm nicht persönlich die Hand geschüttelt hätte. Die Besitzerin dankt für den Besuch, lächelt routiniert und verbeugt sich, ganz so, wie es das asiatische Höflichkeitsgebot verlangt. Danach nimmt Urban-Chao wieder Platz und nippt an der Tasse Wiener Melange.

„Bei uns sind die Männer traditionell Repräsentanten“, sagt sie. „Aber wir Frauen machen die tägliche Arbeit. Und besser mit Geld umgehen können wir außerdem.“ Eine Folge dieser Arbeitsteilung, so Urban-Chao, sei, dass chinesische Frauen eher das Zeug zur Selbstständigkeit hätten. „Theoretisch sind Frauen in der chinesischen Gesellschaft schlechter gestellt, aber praktisch haben sie viel Verantwortung. Das ist nicht nur in den Familien so, sondern auch in den Betrieben.“

 Die Chefin muss ran

Im Jahr 1973 kommt Chuan Urban-Chao aus Hong Kong nach Österreich, wo sie Klavier studiert – und später durch einen Zufall das Lokal übernimmt. Seit 13 Jahren nennt die 57-Jährige das Restaurant Sichaun in Wien-Kaisermühlen nun ihr Eigen. Mit ihren 15 Mitarbeitern verköstigt sie täglich Dutzende Gäste, 365 Tage im Jahr. Es sei immer etwas zu tun, sagt die Frau mit den streng nach hinten frisierten Haaren. „Mal gibt’s einen Kurzschluss, die Heizung funktioniert nicht oder ein Baum fällt um“, sagt sie und lacht. „Immer muss die Chefin ran.“

Noch dazu, wo ihr Restaurant stolze 6000 Quadratmeter umfasst. Man erkennt es schon von weitem mit seinem geschwungenen Dach und der typisch chinesischen Architektur. Rings herum erstreckt sich eine großzügige Gartenanlage mit Goldfischteich, Pagoden und chinesischen Skulpturen. Das Lokal hat, so erzählt Urban-Chao, eine außergewöhnliche Geschichte: Im Jahr 1982 wurde es von der Regierung der südwestchinesischen Provinz Sichuan erbaut, damals als Zeichen der Öffnung Chinas gegenüber dem Westen. Das waren noch andere Zeiten, sagt sie und lächelt.

Erschienen in ecoMIGRA 01/2011