Dreifach schwierig

von Nina Brnada

Migrantinnen machen sich kaum jemals selbstständig. Die Gründe dafür liegen vielfach in den kulturellen Umständen und den schlechten Chancen am Arbeitsmarkt. Doch es gibt auch gute Beispiele dafür, wie Frauen die Probleme überwinden können.

Kadın göçmenler arasında kendi işini kuranlar pek az. Bu durum çoğu kez sosyo-kültürel sebepler ve işgücü piyasasındaki olumsuz şartlarla ilgili. Buna rağmen kadınların bu zorlukları aşabileceğini gösteren başarılı örnekler de var.

Doseljenici se ne odlučuju tako često na samostalne djelatnosti. Razlozi su brojni i leže kako u kulturnim okolnostima tako i u lošim šansama na radnom tržištu. Postoje, međutim, i primjeri za to kako posebno žene mogu prevladati takve probleme.

Text und Fotos: Nina Brnada

Wenn Armağan Zeller spricht, dann klingt sie zuweilen wie eine Prophetin­. „Wir leben in einer reichen Gesellschaft. Wer sich bemüht, wird mit Erfolg belohnt, “ sagt die 46-Jährige. Zeller sitzt an einem ovalen Tisch, in der Ecke ist ein Flipchart aufgestellt. Auf der Kommode daneben ziert eine giftgrüne Pflanze den kahlen Raum. Mit Bedacht wählt Zeller ihre Worte und ihre Gesten. Sie trägt dezentes Make-Up und eine beige Jacke. Zeller hält jede Menge Zettel in den Händen. Sie gehört zu jener Sorte von Menschen, die kontrolliert vorgehen, langfristig planen, sich gut vorbereiten – auf jeden Termin, jedes Projekt, jedes Gespräch. Armağan Zeller ist gebürtige Türkin, Geschäftsfrau und bereits seit 16 Jahren mit ihrer Werbe- und Multimediafirma mspp selbstständig.

Unternehmerinnen als statistische Ausnahmen

Zeller ist eine erfolgreiche Unternehmerin, Akademikerin, Ehefrau und Mutter – und doch auch eine statistische Ausnahmeerscheinung. Sie gehört zu einer oftmals vernachlässigten Minderheit und zwar in gleich dreifacher Hinsicht. Zum Ersten ist sie Frau und selbstständig – eine Seltenheit, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel aller Selbstständigen in Österreich Männer sind. Zum Zweiten ist sie Migrantin und selbstständig – eine noch größere Seltenheit, denn der Anteil der selbstständigen Frauen unter Migrantinnen ist sogar noch geringer als bei angestammten Österreicherinnen. Hier sind nicht einmal ein Viertel der Selbstständigen mit Migrationshintergrund Frauen. Und drittens stammt Armağan Zeller aus einer konservativeren Gesellschaft als der heimischen, in der sich Frauen traditionell noch mehr als hier aus dem Geschäftsleben heraushalten.

So sind lediglich 39 Prozent der Türkinnen und 61 Prozent der Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Österreich erwerbstätig – bei angestammten Österreicherinnen liegt die Rate bei 66 Prozent. Die vergleichsweise geringe Erwerbsquote der Migrantinnen überträgt sich auch auf die Zahl der Selbstständigen unter ihnen. So waren im Jahr 2009 nur sieben Prozent der Erwerbstätigen Migrantinnen auch Selbstständig. „Grund dafür sind oft die kulturellen Umstände, in denen die Frauen leben“, sagt der Soziologe Andreas Riesenfelder, der zum Thema geforscht hat. „Oftmals sind sie nur für die Reproduktionsarbeit zuständig“, sagt er – also für Heim und Herd.

„Es ist schon für Frauen auch ohne Migrationshintergrund am Arbeitsmarkt schwerer als für Männer. Und für Migranten am Arbeitsmarkt generell schwerer als für Angestammte“, sagt Riesenfelder. „Wenn diese beiden Faktoren zusammenkommen, dann potenziert sich das.“

Vorurteile schaffen Barrieren

Als Beispiel nennt Riesenfelder eine Firmengründung. „Wenn man zur Bank geht und für ein Start-Up einen Kredit aufnehmen möchte, wird man es als Migrantin schwerer haben“, sagt er. „Da spielt der Aspekt der Herkunft ebenso eine Rolle wie das Geschlecht und die damit verbundenen Vorurteile.“

Doch Armağan Zeller sagt über solche Hindernisse nur, man solle sie „nicht ernst nehmen“. Sie ist keine, die sich behindern lässt. „Es ist nicht wichtig, wie man definiert wird, sondern wie man sich selbst definiert“, sagt sie. Ihre Firma gründete sie 1995 gemeinsam mit ihrem österreichischen Mann Walter, einem Multimedia-Designer. Er ist für die kreative Ausführung der Werbeaufträge zuständig, sie für den kaufmännischen Teil – eine unübliche Konstellation. Zu ihren Kunden zählt Zeller die türkische Botschaft, die deutsche Botschaft und etwa das Unterrichtsministerium – „Dort wo ich jetzt bin, war davor eine Marktlücke“, sagt sie. „Interkulturelles Know-how wird in dieser Branche immer wichtiger“. Und: „In meinem Umfeld hat es niemanden gestört, dass ich mich selbstständig gemacht habe.“

Das liegt wohl auch daran, dass Armağan Zeller einer anderen Gesellschaftsschicht angehört als die meisten Türken, die nach Österreich emigrierten. Ihr Vater war Anwalt in Istanbul, ihre Schwester ist ebenfalls selbstständig. In der westürkischen Küstenstadt Izmir übernahm Armağan schon in den Neunzigerjahren zusammen mit ihrem Mann Werbeaufträge von der Stadtverwaltung. Als Mitglied einer liberalen, urbanen Elite unterscheidet sie sich von den meisten anderen Türkinnen – vor allem von den Auswanderern.

„In Österreich ist die Erwerbstätigkeit unter den Migrantinnen insgesamt sehr niedrig“, sagt Soziologe Andreas Riesenfelder. Dementsprechend noch geringer sei die Zahl jener Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. „Man muss als Gesellschaft daran arbeiten, indem man die Migrantinnen stärker fördert. Oder Beratungseinrichtungen mit Mitarbeitern bestückt, die Sprachen verstehen und die Lebenswelten von Migranten kennen.“

Chinesinnen überholen Männer beim Einkommen

Eine Bevölkerungsgruppe, bei der derartigen Probleme überwunden scheinen, sind die Chinesen. Über die Hälfte der chinesischstämmigen Selbstständigen in Österreich sind Frauen. Höher ist diese Raten nur noch bei Japanerinnen und Russinnen. „In Sachen Einkommen haben die Chinesinnen inzwischen ihre Männer überholt“, sagt Riesenfelder. Tätig seien sie vornehmlich in der Gastronomie.

So wie Chuan Urban-Chao. Das Verabschieden von Gästen ist in ihrem Lokal Chefsache. Kein Besucher verlässt das Restaurant, ohne dass die Geschäftsführerin ihm nicht persönlich die Hand geschüttelt hätte. Die Besitzerin dankt für den Besuch, lächelt routiniert und verbeugt sich, ganz so, wie es das asiatische Höflichkeitsgebot verlangt. Danach nimmt Urban-Chao wieder Platz und nippt an der Tasse Wiener Melange.

„Bei uns sind die Männer traditionell Repräsentanten“, sagt sie. „Aber wir Frauen machen die tägliche Arbeit. Und besser mit Geld umgehen können wir außerdem.“ Eine Folge dieser Arbeitsteilung, so Urban-Chao, sei, dass chinesische Frauen eher das Zeug zur Selbstständigkeit hätten. „Theoretisch sind Frauen in der chinesischen Gesellschaft schlechter gestellt, aber praktisch haben sie viel Verantwortung. Das ist nicht nur in den Familien so, sondern auch in den Betrieben.“

 Die Chefin muss ran

Im Jahr 1973 kommt Chuan Urban-Chao aus Hong Kong nach Österreich, wo sie Klavier studiert – und später durch einen Zufall das Lokal übernimmt. Seit 13 Jahren nennt die 57-Jährige das Restaurant Sichaun in Wien-Kaisermühlen nun ihr Eigen. Mit ihren 15 Mitarbeitern verköstigt sie täglich Dutzende Gäste, 365 Tage im Jahr. Es sei immer etwas zu tun, sagt die Frau mit den streng nach hinten frisierten Haaren. „Mal gibt’s einen Kurzschluss, die Heizung funktioniert nicht oder ein Baum fällt um“, sagt sie und lacht. „Immer muss die Chefin ran.“

Noch dazu, wo ihr Restaurant stolze 6000 Quadratmeter umfasst. Man erkennt es schon von weitem mit seinem geschwungenen Dach und der typisch chinesischen Architektur. Rings herum erstreckt sich eine großzügige Gartenanlage mit Goldfischteich, Pagoden und chinesischen Skulpturen. Das Lokal hat, so erzählt Urban-Chao, eine außergewöhnliche Geschichte: Im Jahr 1982 wurde es von der Regierung der südwestchinesischen Provinz Sichuan erbaut, damals als Zeichen der Öffnung Chinas gegenüber dem Westen. Das waren noch andere Zeiten, sagt sie und lächelt.

Erschienen in ecoMIGRA 01/2011

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