Generation Superbaby

von Nina Brnada

Früher durfte man nicht rauchen und keine schweren Dinge schleppen. Heute ordern schwangere Frauen Wahlhebammen und meditieren für mehr Platz im Bauch. Alles für den perfekten Nachwuchs.

 

Text: Nina Brnada, Fotos: Regina Hügli

Beate Lenzhofers Büro in Wien-Döbling könnte ein Motiv in einem Landhausmöbelkatalog sein. Kleine Kommoden aus Holz, gedimmte Lampen, großzügige Couch. Lenzhofer sitzt hinter ihrem Schreibtisch und trinkt stilles Wasser. Sie passt gut hierher mit ihrem dezenten Make-up, der Brille und den schulterlangen dunkelblonden Haaren. Die groß gewachsene Frau hat eine klare Stimme und zarte Hände. Mit ihnen hat sie 960 Kindern das Leben geschenkt.

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Lenzhofer ist seit achtzehn Jahren Hebamme. Wenn sie über ihren Beruf spricht, sagt sie oft Dinge wie „emotionale Bindung“ und „Familiensetting“ und wie wichtig all das für das Baby sei, vor allem in den ersten Monaten. Sie hat nichts von den stummen Geburtshelferinnen aus Arztserien im Fernsehen und schon gar nichts von den weibischen Hebammen, wie sie in Märchen und Kindergeschichten vorkommen. Beate Lenzhofer, das ist eine Frau mit Visitenkarte und Homepage. Als sogenannte Wahlhebamme begleitet sie ihre Klientinnen durch Schwangerschaft und Geburt. Lenzhofer ist medizinische Fachkraft und emotionale Stütze zugleich. Sie kennt sich aus, beim Herzschlag des Babys genauso wie bei den Gefühlsschwankungen der Mutter. Ihre Klientinnen, sagt Lenzhofer, sind selbstbewusste Frauen, die wissen, was sie wollen: eine problemlose Schwangerschaft, eine natürliche Geburt und ein gesundes Baby.

Noch vor einigen Jahrzehnten war ziemlich klar, was während einer Schwangerschaft zu tun ist: von Zeit zu Zeit rasten, auf Zigaretten und Alkohol verzichten und das Schleppen schwerer Dinge anderen überlassen. Wer jedoch heute Kinder bekommen will, sieht sich einem riesigen Angebot an Kursen, Ratgebern und Waren gegenüber. Nicht selten kosten sie einiges an Zeit und Geld. Bei Beate Lenzhofer, der Hebamme de luxe, zahlt man für sechs Treffen, ständige telefonische Verfügbarkeit und Begleitung bei der Geburt satte 1.700 Euro, eigenen Nussdorfer Arzt für den Notfall inklusive.

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Die Schwangere von heute ist eine aktive Frau. Ihr reicht es nicht, mit Omi und Mutti über Verstopfung zu reden und ein Gitterbett fürs Schlafzimmer zu besorgen. Stattdessen hetzt sie vom Homöopathen zur Akupunktur, vom Wassershiatsu zur Wahlhebamme. Sie lässt einen Gipsabdruck ihres Babybauchs machen und berät mit anderen Schwangeren in Internetforen, was nun besser sei, der Kinderwagen oder das Tragetuch. „Dieses Verhalten ist kein Elitenprogramm“, sagt Cornelia Schadler, Soziologin an der Universität Wien, „es lässt sich in allen sozialen Schichten beobachten.“ Die Waren und Aktivitäten, die als erstrebenswert gelten, seien in der Bobo-Familie dieselben wie im Gemeindebau. Nur kaufen es die einen im schicken Geschäft in Wien-Neubau, die anderen besorgen es sich über die Internet-Tauschbörse.

Hinter all dem stehen Lebensentwürfe, die sich im Vergleich zu früher radikal geändert haben. Individualisierung und Selbstbestimmung lauten die Schlagwörter. Die Ansprüche an den eigenen Lebenslauf haben sich erhöht. Mehr Möglichkeiten, längere Ausbildungsphasen und Wohlstand haben auch dazu geführt, dass Kinderkriegen heute immer später passiert.

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Schwangerschaftsbäuche per Gipsabdruck zu verewigen – hier bei www.bauchkunst.at – ist nur ein neuer Trend

Die Mutter von heute ist bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 28 Jahre alt, Mitte der Achtzigerjahre war sie noch 24. Wer heute ein Kind in die Welt setzt, hat zuvor eine Reihe von Bedingungen zu erfüllen. „Das heutige Konzept sieht vor, dass man in den Zwanzigern zu sich selbst findet, seine Ausbildung absolviert und einen Job hat. Erst dann ist man wirklich bereit für ein Kind“, sagt Cornelia Schadler, die zum Thema forscht. „Heute gilt Schwangerschaft und Kinderkriegen als der wichtigste Übergang im Leben.“

Dementsprechend enorm ist der Aufwand in der Vorbereitung. Die Angst, dabei etwas falsch zu machen, ist immens. „Manche Paare“, sagt Schadler, „machen sogar noch eine Therapie, bevor sie überhaupt versuchen, schwanger zu werden. Weil sie optimal vorbereitet sein wollen.“ Grund dafür sei die Tatsache, dass „stärker als noch vor einigen Jahrzehnten der größte Teil der Verantwortung in so gut wie allen Lebensbereichen auf dem Individuum lastet“. Jeder ist heute seines Glückes Schmied, althergebrachte Bindungen lösen sich auf – und die Verantwortung für Erfolg oder Scheitern wandert zum Einzelnen. Diese Weltsicht, sagt Schadler, führe dazu, dass sich Menschen nicht mehr darauf verlassen, dass alles schon irgendwie gutgehen wird. Vielmehr streben sie eigenständig nach Optimierungen und stehen traditionellen Handlungsweisen skeptisch gegenüber.

Zum Beispiel der Schulmedizin. Viele Eltern haben eine regelrechte Abneigung gegenüber Krankenhäusern, Ärzten und Medikamenten. In ihren Augen hat die klassische Medizin die Aura des Entmenschlichten und Anonymen. Massenbetriebe wie große Krankenhäuser passen so gar nicht zum Zeitgeist, der überall Natürlichkeit und Ursprünglichkeit einfordert. Nicht nur bei der Frage, ob die Frühstückseier aus Legebatterien oder doch lieber aus der Freilandhaltung kommen sollen. Auch bei Geburt und Schwangerschaft sollen Natürlichkeit und Ursprünglichkeit im Vordergrund sein. Da stehen Kreuzstich gegen homöopathische Duftkerze und Kaiserschnitt gegen Unterwassergeburt.

Beate Lenzhofers Klientinnen zum Beispiel wollen Ganzheitlichkeit und Betreuung auf höchstem Niveau. Sie kommen zur Wahlhebamme, weil sie „Schwangerschaft und Geburt nicht als Risiko begreifen, sondern als etwas Natürliches und Gesundes“, sagt Lenzhofer. Mit vier weiteren Geburtshelferinnen und sechs Gynäkologen betreibt sie die Hebammenpraxis Nussdorf in Wien-Döbling. Über Nachfrage kann die Wahlhebamme nicht klagen. Jährlich betreut sie dutzende Schwangere, Tendenz steigend. Lenzhofers Klientinnen gehören nicht mehr zu der einst großen Gruppe derer, die sich darauf verlassen, dass alles schon irgendwie gelingen wird. Zu groß ist die Angst, bei der Geburt an einen unerfahrenen Arzt oder eine ruppige Hebamme zu geraten, zu gering das Vertrauen in die medizinischen Einrichtungen.

„Wir sollen unser Baby spüren“, sagt Ursula, die Yogalehrerin mit Augen wie die fabelhafte Amelie und einem Körper aus Gummi. Sie tapst bloßfüßig durch einen länglichen Raum. An der Wand hängt eine Elefantenbüste der Hindu-Gottheit Ganesh, am Boden darunter brennt eine rosa Stumpenkerze. Das Studio „Yogawerkstatt“ liegt nur unweit des angesagten Karmelitermarkts in der Wiener Leopoldstadt. Die Menschen, die hierherkommen, sind waschechte Bobos, die nach dem Kurs gemächlich Rotbusch- und Lemongrasstee schlürfen. Hier wird jeder geduzt, die Atmosphäre ist freundlich und entspannt. Ein Dutzend Frauen sitzen entlang den Wänden auf grünen Matten im Yogaraum. Alle tragen Bäuche vor sich her, groß wie Wassermelonen. „Spüre, wie dich der Boden trägt“, sagt Ursula zu den Frauen. Die meisten von ihnen sind in den Dreißigern. Lisa Pacher ist schon 38. Die groß gewachsene Frau mit den blauen Augen und der unkomplizierten Kurzhaarfrisur trägt seit sechs Monaten einen Babybauch, und das zum ersten Mal in ihrem Leben. „Wenn der Körper gut beieinander ist, warum nicht in diesem Alter?“, sagt sie.

Erste Falten haben sich bereits in Lisas Stirn gegraben. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die viel Zeit darauf verwendet, sich zu spüren, richtig zu atmen, gesund zu essen. Beim Yoga werden Muskeln angespannt und wieder entspannt. Damit würden Chakren geöffnet, also Energiezentren aktiviert, erklärt Lisa. „Yoga soll Raum im Bauch machen, Raum für das Baby.“

Nach dem Kurs sitzt Lisa im Wiener MuseumsQuartier und isst Dinkelreis und Wokgemüse. Sie versucht, sich makrobiotisch und glutenfrei zu ernähren. Das tue ihr gut. „Und wenn’s mir gut geht, geht’s dem Baby gut“, sagt Lisa. „Ich selbst war ein dickes Flascherlkind.“ Das will sie ihrem eigenen Baby nicht antun. Ihre Mutter, erzählt Lisa, ziehe sie nicht oft zu Rat. „Ich weiß einfach viel besser Bescheid als sie.“
Großeltern und jene, die bald zu solchen werden, haben als Ratgeber für werdende Eltern ausgedient. Zwar werden sie noch fürs Babysitten und ähnliche Aufgaben eingespannt. Doch ihr Wissen zu den Themen Geburt und Elternschaft, wie es jahrhundertelang von Generation zu Generation weitergegeben wurde, ist heute schlichtweg unbrauchbar geworden. Wie man das Baby wickelt, was man gegen Blähungen und Ausschlag macht – das alles scheinen moderne Mütter ohne fremde Hilfe am besten zu wissen. Großmütter, die immer als Quell von Weisheit und Erfahrung galten, haben nichts mehr zu melden.

Stattdessen werden Ratgeberbücher aller Art herangezogen. Sie tragen Titel wie „Babybreie selbst gemacht“, „Nicht impfen – was dann?“ und „Geburt ohne Gewalt“. Eltern von heute haben die Qual der Wahl. Es gebe eine Fülle von „unterschiedlichen, miteinander konkurrierenden Theorien, wie Elternschaft zu funktionieren hat“, sagt Soziologin Cornelia Schadler. Die Eltern tragen die Verantwortung, das richtige Konzept zu wählen. Wenn sie richtig wählen, wird das Baby gesund, glücklich und begabt – eine enorme Verantwortung für die Eltern. Jeder will schließlich bestmögliche Voraussetzungen für sein Kind schaffen.

Wobei die Förderung des Nachwuchses nicht etwa erst nach der Geburt einsetzt, durch Babymassage oder erlesene Erziehung. Sie beginnt nicht einmal während der Schwangerschaft, wenn man dem Kind Musik vorspielt in der Hoffnung, eines Tages ein Mathematikgenie hervorzubringen. „Der Run auf das beste Baby“, sagt Cornelia Schadler, „beginnt bereits bei der Zeugung.“ Etwa bei bestimmten Sport- und Ernährungsprogrammen, um Fruchtbarkeit und Qualität der Spermien zu steigern. Oder bei der Einnahme des Vitamins Folsäure, das für die neuronale Entwicklung des Embryos besonders günstig sein soll.

Die ständige Angst vor der falschen Entscheidung kann auch ganz schön anstrengend sein. Viele Mütter klagen über den Druck, alles richtig machen zu müssen. Manchmal werde man sogar durch das Umfeld leicht gemaßregelt, sagt Maria Kogler, eine 28-jährige Mutter mit sechs Monate altem Sohn aus Wien-Margareten. „Ich war kürzlich bei der Mutter-Kind-Gymnastik. Wenn dort das Kind mal weint, weil es müde ist oder einfach nicht gut drauf, dann wirst du angeschaut mit einer Mischung aus Mitleid und Hochmut“, erzählt Kogler. „Weil das Weinen ein Zeichen für die anderen ist, dass du als Mutter etwas falsch machst und sie es besser wissen.“ Das Kind, so lautet der unausgesprochene Vorwurf, würde schon nicht heulen, wenn man es richtig behandeln würde.

Zehn Uhr vormittags, das Hallenbad in Wien-Döbling. Um diese Uhrzeit paddeln hier nur Pensionisten mit altmodischen Badehauben – und Mütter mit Babys. Ein Dutzend Frauen mit gerade vier Monate alten Kindern stehen im hüfttiefen Wasser im Kreis und halten ihre strampelnden Babys ins Nass. Dazwischen patrouilliert Alexandra und schüttet mit einer Gießkanne Wasser über die Köpfe der Kinder. „Es regnet, es regnet seinen Lauf“, singt sie dabei. Es wirkt ein wenig, als würde sie damit eher die Mütter unterhalten als ihre Kinder. Babyschwimmen, erzählt die Kursleiterin später, verbessert die motorischen Fähigkeiten der Kleinen. „Außerdem lernen die Kinder, was zu tun ist, wenn sie einmal versehentlich im Wasser landen.“ Die Babys wirken unterschiedlich aktiv angesichts der Planscherei. Manche kichern, andere schauen eher betroffen drein. Wenn sich eines verschluckt und laut zu weinen beginnt, dann entfernt sich seine Mutter ein wenig aus dem Kreis und versucht, es etwas abseits zu beruhigen. Die Mutter wirkt dann ein bisschen so, als sei es ihr peinlich.

Babyschwimmen ist eine sehr populäre Einrichtung. Weil es nicht besonders kostenintensiv ist, nehmen es – etwa im Vergleich zur Wahlhebamme Beate Lenzhofer – Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in Anspruch. Business-Frauen kommen ebenso hierher wie die philippinische Krankenschwester und die Mutter aus der Vorstadt.

Nur Männer sieht man kaum. Und nicht nur hier: Die meisten Einrichtungen dieser Art richten sich fast ausschließlich an Frauen. Zwar gibt es Kurse zur Geburtsvorbereitung für Pärchen und Ratgeberbücher für werdende Väter, aber im Gegensatz zum riesigen Angebot für Frauen ist ihr Anteil winzig. „Männer neigen während der Schwangerschaft ihrer Frauen dazu, nach außen zu gehen, Freunde zu treffen und berufliche Netzwerke zu knüpfen“, sagt die Soziologin Cornelia Schadler. „Frauen fügen sich vollständig in eine Rolle als allein verantwortliche Schwangere.“ So sehr sich also die Bereiche Schwangerschaft und Geburt auch verändert und individualisiert haben – ein Aspekt ist gleich geblieben: das Geschlechterverhältnis.

Im gemütlichen Büro von Wahlhebamme Beate Lenzhofer hat inzwischen Margarethe Moser (Name geändert) Platz genommen. Sie ist Mutter zweier Kinder im Alter von zwei und vier Jahren. Derzeit ist Moser in Karenz und erwartet das dritte. Heute ist sie zu einem Beratungstermin zu Beate Lenzhofer nach Nussdorf gekommen. Erneut soll ihr die Hebamme bei der Geburt helfen. Bereits zum zweiten Mal wird sie in der eigenen Wohnung stattfinden. „Ich fühle mich sicher bei Beate“, sagt Moser. „Ansonsten hätte ich Angst. Einer meiner Lehrer aus der Schule hatte einen Sohn, der durch die Geburt im Krankenhaus behindert wurde“, erzählt sie. „Das hat sich bei mir irgendwie eingeprägt.“ Margarethe Moser wird auch bei eventuellen weiteren Geburten die Hilfe von Beate Lenzhofer in Anspruch nehmen. „Denn was bei der Geburt schiefläuft, das kann man nachher nie wieder korrigieren.“

Erschienen in Datum 04/11

Kommentar von Astrid Kuffner: Zum Thema Schwangerschaft. Eine Hingabe

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