Türkisch, Kroatisch, Deutsch

von Nina Brnada

Während über die Einführung von Türkisch als Lehramtsstudium heftig diskutiert wird, ist muttersprachlicher Unterricht an vielen Schulen bereits Alltag.

Text: Nina Brnada

Manche Menschen können in andere hineinsehen. Zum Beispiel Božena Vulinović, eine Volksschullehrerin mit großen Augen und beherzter Stimme. Mit prüfendem und fürsorglichem Blick mustert die 49-Jährige ihre Schülerin Amina. »Du hast wieder schlecht geschlafen«, sagt sie und streicht dem blonden Mädchen über den Kopf. Die Siebenjährige nickt und trottet zurück an ihren Platz. Das Sorgenkind komme in letzter Zeit blass und müde zur Schule, erzählt die Lehrerin. Vor Kurzem habe Aminas Familie Zuwachs bekommen. Das Baby schreie die Nächte durch und raube der Kleinen den Schlaf.

Božena weiß solche Sachen. Sie weiß, wie ihre Schüler wohnen. Sie weiß, wie lange am Abend ihr Fernseher läuft und wem wieder einmal zehn Euro für den Schulausflug fehlen. Die gebürtige Kroatin arbeitet als Lehrerin für muttersprachlichen Unterricht. Für ihre Schüler ist sie Eingeweihte, Schnittstelle und Mittlerin.

Vor zwanzig Jahren kam die großgewachsene Frau mit den braunen Stirnfransen aus der dalmatinischen Kleinstadt Vrgorac nach Wien. Seit neun Jahren unterrichtet die Pädagogin Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien in ihrer Muttersprache. 405 Lehrer wie sie gibt es in Österreich. Sie lehren 22 Sprachen, von Türkisch bis zu Pashto, der Sprache der Paschtunen. Doch weil der Unterricht in der Sprache ein Freifach ist, nehmen nur 15 Prozent der Migrantenschüler daran teil.

Volksschullehrerin Božena lehrt bloß eine Stunde Muttersprache pro Klasse und Woche, das ist weniger als Turnen oder Werken. Dabei ist Muttersprachenunterricht ein wesentlicher Schlüssel zu höherer Bildung, Karriere und damit Integration. Denn nur wer sich in seiner Erstsprache sicher fühlt, kann eine zweite erlernen. Wenn nicht, enden die Schüler oft in dem, was im Jargon der Pädagogik Halbsprachigkeit heißt: Die Muttersprache sprechen sie schlecht, Deutsch ebenso.

Unter Linguisten ist die Rolle der Muttersprache längst unbestritten. Im österreichischen Bildungssystem spielt sie kaum eine Rolle. Über jede Maßnahme wird hitzig debattiert. So etwa auch bei der aktuellen Diskussion um die Einführung eines Türkisch-Lehramtsstudiums an den Universitäten. Dieses wäre Voraussetzung dafür, dass Türkisch als zweite lebende Fremdsprache unterrichtet werden kann und auch als Maturafach in einem Reifezeugnis aufscheinen darf. Was aber die Sprachkompetenz von Migrantenkindern wesentlich verbessern könnte, nennen ÖVP und FPÖ ein »völlig falsches Signal« und fordern Zuwanderer zum Deutschlernen auf.

Der Begriff »Wald« sagt den Kindern ebenso wenig wie das Wort »Fluss«

Boženas Schule liegt im 15. Wiener Gemeindebezirk, dem ärmsten der Stadt. Nahezu jede fünfte Wohnung hat kein eigenes WC und fließendes Wasser. Božena nennt das Viertel die »Wiener Bronx«. Jeder, der irgendwie könne, ziehe von hier weg, sagt sie.

Jene, die bleiben, kommen morgens um acht Uhr zur Schule und liefern ihre Kinder ab. Voll verschleierte Frauen bringen verschlafene Schüler. Väter in Blaumännern hetzen vorbei an den Wänden mit gebastelten Fotocollagen in Richtung Baustelle. 85 Prozent der Schüler der Volksschule Ortnergasse Nummer 4 haben Migrationshintergrund. Zu den Verständigungsproblemen, die Božena Vulinović hier lösen soll, kommt oft noch ein schwieriges soziales Umfeld hinzu.

Gruppenraum, dritter Stock, zweite Schulstunde. »Dobar dan!« – Guten Tag – rufen die Kinder im Chor, als Božena vor die Klasse tritt. Sie ist beliebt bei ihren Schülern. Božena wirkt wie jemand, dem man sich gerne anvertraut. Ständig kommen Kinder zu ihr, umarmen sie, scherzen. Božena ist hier die gute Seele, die sich nicht schont, die Pausen regelmäßig sausen lässt und die ihr rot-weißes Kaffeehäferl immer bei sich trägt.

Zu Beginn der Stunde zeichnet sie eine Birne an die Tafel und fragt, was die Silhouette an der Tafel darstelle. Ratlosigkeit macht sich breit. Weder auf Serbokroatisch noch auf Deutsch kennen die Kinder den Namen der Frucht. Das dicke Mädchen in der ersten Reihe schneidet Grimassen; ihr Sitznachbar stöhnt, als wäre die Birne eine mathematische Gleichung. Schließlich schießt eine Hand in die Höhe. Kruška, Birne, weiß der kleine Bojan und zählt gleich weitere Obstsorten auf, Zwetschke, Kirsche, Weintraube. »Erfrischend« sei die Anwesenheit des Buben, sagt Božena. Nicht weil er älter oder intelligenter als die anderen sei, sondern weil er seine Muttersprache beherrsche. »Seine Eltern sind erst kürzlich aus Serbien nach Wien gezogen«, erzählt Božena. »Es ist sein erster Schultag in Österreich.«

Kinder wie Bojan »haben meist eine solide Grundlage, um schnell und gut Deutsch zu lernen«, sagt Rudolf de Cillia, Sprachwissenschaftler an der Universität Wien. Bojans Schulfreunde hingegen kennen Begriffe nicht, die Gleichaltrige schon im Kindergarten lernen. Als Božena einen Hut an die Tafel zeichnet, wissen die Schüler das dazugehörige Wort nicht. Der Begriff »Wald« sagt ihnen ebenso wenig wie das Wort »Fluss«. »Auch zu Hause spricht niemand mit diesen Kindern«, sagt Božena frustriert. »Es bräuchte viel mehr als meine Stunde, um all dies aufzuholen.«

Das alles sind weit mehr als nur Defizite, die lediglich über Schulnoten entscheiden. Die Kinder bleiben womöglich ein Leben lang dazu verdammt, sich nicht klar mitteilen zu können. Kaum jemand von ihnen wird den Aufstieg ins Gymnasium schaffen oder eine Lehre abschließen. Auch sich als mündige Bürger eine Meinung zu bilden wird ihnen schwerfallen. Selbst einfache Sachverhalte zu erfassen ist für sie nicht leicht.

Zum Beispiel in Mathematik. Vierte Klasse, zweiter Stock, dritte Stunde. Der Klassenlehrer Andreas Bauer ist ein Rockertyp, lässig und unkompliziert. Von seinen 25 Schülern besitzt nur einer die Muttersprache Deutsch. Die Schüler sollen aus dem Gesamtpreis für acht Tische den Preis pro Tisch ausrechnen. Božena sitzt in einer Reihe und versucht vergebens, einem Mädchen die Aufgabe zu erklären. Langsam greifen die Schüler nach ihren Stiften und beginnen zu überlegen. Einige schaffen die Division. Doch wenn sie gefragt werden, was sie ausgerechnet haben, zucken sie mit den Schultern. Wofür sie das richtige Ergebnis gebrauchen könnten, scheint ihnen völlig rätselhaft.

Nach der Mathematikstunde trinkt Božena Kaffee mit ihrem Kollegen Richard Klemenschitz. Vor einigen Jahren habe es in der Schule ein sehr sinnvolles Projekt gegeben, erzählen die beiden engagierten Lehrer. Es war eine Art trilingualer Schuleinstieg für eine komplette Klasse: Die Kinder wurden nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Türkisch und Serbokroatisch eingeschult. Die Aktion ging weiter als Boženas Muttersprachenunterricht. In den Stunden wurden beispielsweise Märchen parallel in mehreren Sprachen gelesen, bis sie auch der letzte Schüler verstanden hatte. Die Folge? »Die Schüler wurden nicht nur im Lernen besser. Sie waren auch selbstbewusster, trauten sich mehr zu, und das Leistungsniveau der ganzen Klasse stieg.«

Doch das Erfolgsprojekt wurde abgebrochen. Die Ressourcen hätten nicht gereicht. Božena verbrachte mehr und mehr Zeit in der Projektklasse, was auf Kosten anderer Schüler ging. Das Projekt schaffte Ungleichheiten, weil nur eine Klasse davon profitierte. Mehr muttersprachliche Lehrer für die Problemschule stellte der Stadtschulrat nicht zur Verfügung. »Es war eine Enttäuschung«, sagt Richard Klemenschitz: »Bei solchen Erfahrungen fühle ich mich von Politikern und Behörden im Stich gelassen.«

In der Politik spielt Unterricht in der Muttersprache keine Rolle

Obwohl derartige Arbeitskräfte hoch begehrt sein sollten, obwohl ihr Einsatz für fremdsprachige Kinder so viel Positives bewirken könnte, musste Božena Vulinović acht Jahre lang auf ihren Vertrag als Lehrerin für muttersprachlichen Unterricht warten – genauso lange wie ihr türkischsprachiger Kollege. Seit ihrem Antritt als Lehrerin vor neun Jahren stellt sie außerdem jedes Jahr erneut einen Antrag auf Verlängerung ihres Dienstverhältnisses. »Und jedes Mal muss ich zittern«, sagt sie und lacht. Dabei ist sie die einzige Lehrerin für Bosnisch, Serbisch und Kroatisch an ihrer Schule, und ein Viertel aller Schüler befindet sich in ihrer Obhut.

Die österreichische Politik hat die Notwendigkeit des muttersprachlichen Unterrichts nicht erkannt. Als Lippenbekenntnis und Willenserklärung existiert er zwar, etwa in Lehrplänen oder in einem schwammigen Satz im Regierungsübereinkommen von SPÖ und ÖVP. Doch der Schulalltag ist von massiven Mängeln geprägt. Und im politischen Alltag wäre es viel zu unpopulär, mehr Förderung für die Sprachen der Migrantenkinder einzufordern. Da fällt es leichter, auf »verpflichtenden Deutschunterricht« zu pochen, den ohnehin niemand infrage stellt.

»Die großen Parteien treten dem rechten Diskurs, der eine Abschaffung des muttersprachlichen Unterrichts fordert, nicht entschieden entgegen«, sagt Rudolf de Cillia. Schulstunden auf Türkisch oder Serbokroatisch, das weckt allzu schnell Ängste vor einer Parallelgesellschaft, die von der Mehrheit unkontrolliert ihr Süppchen kocht.

Als muttersprachlicher Unterricht im Jahr 1972 erstmals in Vorarlberg angeboten wurde, hatte er noch einen ganz klar definierten Zweck: den damaligen Gastarbeiterkindern die Rückkehr ins Herkunftsland zu erleichtern. Heute soll ihnen genau dieser Unterricht dabei helfen, endlich in Österreich anzukommen.

Erschienen in DIE ZEIT 16/ 2011

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