Nina Brnada

Hilflos

Lange Wartezeiten, hohe Selbstbehalte: In Österreich gibt es zu wenig psychische Betreuung für Minderjährige. Eltern und Kinder werden mit ihren Krankheiten alleingelassen.

Text: Nina Brnada

Simon war sechs Jahre alt, als er sich zum ersten Mal das Leben nehmen wollte. Kaum einen Monat nach seiner Einschulung rannte der Bub in das oberste Stockwerk seiner Volksschule, fest entschlossen, sich über das Treppengeländer zu stürzen. Es brauchte einen Arzt und drei Sanitäter, um den Buben von der Tat abzubringen. Er brüllte und fluchte, die Stimme klang tief und drohend. Seine Mutter Gisela M. erzählt, bei diesen Szenen hätte sie an den Film Der Exorzist denken müssen. Der Junge war nicht mehr er selbst. Simon ist psychisch krank. Die Ärzte stellten bei ihm gleich mehrere Diagnosen: Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, stark ausgeprägte Verlustängste und Züge von Autismus.

Manchmal, sagt die Mutter, würde sie sich wünschen, ihr Kind sei an einen Rollstuhl gefesselt. Dann wäre für alle sichtbar, dass der Bub krank ist. Dann hätte sie sich das Geld für die Therapiestunden nicht jahrelang zusammenkratzen müssen, und vieles wäre einfacher. »Wenn dein Kind nicht gerade mongoloid ist oder ihm ein Arm fehlt, bekommt man keine Hilfe«, sagt Gisela.

Simons Mutter ist nicht die Einzige, die sich im Stich gelassen fühlt. Betroffene klagen über gravierende Mängel in der Betreuung psychisch kranker Minderjähriger – über hohe Selbstbehalte bei Psychotherapien, lange Wartezeiten in Krankenhäusern und fehlende Behandlungsmöglichkeiten. Der Bereich werde vom österreichischen Gesundheitssystem sträflich vernachlässigt, meinen viele Experten.

Dahinter stecken einerseits Vorurteile – psychische Krankheiten werden gerade bei Kindern und Jugendlichen oft nicht ernst genommen und als vorübergehende Launen interpretiert. Andererseits fallen Verbesserungen in Österreichs zersplittertem Gesundheitssystem schwer, weil wesentliche Informationen fehlen: So hat der Hauptverband der Sozialversicherungsträger kürzlich eine Studie veröffentlicht, laut der 900.000 Personen im Jahr 2009 das Gesundheitssystem wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch nahmen. Genauere Daten, etwa wie hoch der Anteil von Kindern und Jugendlichen in Psychotherapien ist, erhob die Studie aber nicht. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) schätzt, dass sich 0,3 Prozent aller Minderjährigen in Behandlung befinden. Notwendig wären aber zumindest dreimal so viele Therapieplätze.

Psychisch Kranke sind heute in der Gesellschaft präsenter denn je. Gerade Kinder und Jugendliche scheinen anfälliger zu sein als früher – die Palette reicht von Magersucht über Hyperaktivität bis zum Playstation-Koller. »Zwar ist die gesamte Zahl psychisch und körperlich kranker Kinder gleich hoch wie in den siebziger Jahren – aber innerhalb der Gruppe kranker Kinder gibt es eine Verschiebung von körperlichen Erkrankungen und Fehlbildungen zu seelischen Erkrankungen«, sagt Katharina Purtscher-Penz, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. »Störungen, die von Lebensumständen und dem Umfeld verursacht werden, nehmen zu.« Traumatische Erlebnisse, Probleme in der Schule und stetig steigender Leistungsdruck: Es scheint, als wäre die Kindheit psychisch noch nie so belastend gewesen wie heute.

Die Mutter musste den Job aufgeben, um sich um ihren Sohn zu kümmern

Simons Mutter fühlt sich mit Problemen allein gelassen, für die sie nichts kann. Für die Krankheit ihres Sohnes tragen nicht Fehler in der Erziehung oder gar Vernachlässigung die Schuld. »Er wurde damit geboren«, sagt die Mutter. Die Krankheit ist heute das bestimmende Element im Leben der Familie. Die 40-Jährige musste ihren Job als Bankkauffrau aufgeben, um für ihren kranken Sohn zu sorgen. Die Schule wollte während des Unterrichts nicht die Verantwortung für den Jungen übernehmen und verlangte von Gisela M., ständig in der Klasse anwesend zu sein.

Die Frau mit den stahlblauen Augen und den blonden Locken lebt mit ihrer Familie in einem zweistöckigen Haus im niederösterreichischen Korneuburg. In dieser Vorstadt, gut zehn Kilometer vor Wien, wimmelt es von Swimmingpools und Familien-Vans. Wie seine Freunde spielt Simon nach der Schule im Garten und schaut sich Zeichentrickserien an. Der groß gewachsene 12-Jährige ist höflich und unauffällig. Doch der Schein trügt, sagt Gisela M. Dem Selbstmordversuch in der Schule folgten weitere. Einen davon, im Kinderzimmer mit einem Strick, konnte Gisela M. gerade noch rechtzeitig verhindern. Es gab eine Reihe von Versuchen, Drohungen und Selbstverletzungen, die so weit gingen, dass die Mutter ihren blutverschmierten Sohn kaum noch erkannte.

Simon muss regelmäßig zur Psychotherapie. Die Behandlung bezahlt Gisela M. aus eigener Tasche: 70 Euro pro 45 Minuten Therapieeinheit, jede Woche, seit sechs Jahren. Die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse steuert nur einen kleinen Teil der Kosten bei – 21,80 Euro pro Sitzung. »Und selbst für diesen niedrigen Zuschuss muss man einen speziellen Antrag stellen«, sagt Frau M. Seit vier Jahren ist die zweifache Mutter alleinerziehend. Die Scheidung führte zu Geldproblemen: Das Haus im Grünen war auf Pump finanziert worden, Gisela M. blieb auf den Schulden sitzen. »Die Kosten für Simons Therapie sind für mich eine große finanzielle Belastung.«

Ihre Situation ist kein Einzelfall. Vielmehr sei das »in Österreich die Regel«, sagt Eva Mückstein, Präsidentin des ÖBVP. »Egal ob minderjährig oder erwachsen, rund die Hälfte aller Kassenpatienten in Psychotherapie werden mit 21,80 Euro pro Einheit abgespeist«, schätzt Mückstein. Dieser Beitrag ist seit mittlerweile zwanzig Jahren unverändert, er wurde weder angehoben noch an die Inflation angepasst.

Bis zu einem Jahr muss auf einen Therapieplatz gewartet werden

Eigentlich sollte das alles seit 1991 anders sein. Damals beschloss die Große Koalition unter Bundeskanzler Franz Vranitzky, dass psychische Erkrankungen genauso ernst zu nehmen seien wie ein Schlaganfall oder Schuppenflechte. Die Psychotherapie wurde zur Pflichtleistung erklärt, Krankenkassen sollten für sie ebenso aufkommen wie für andere Behandlungen. Doch bis heute streitet sich der Berufsverband der Psychotherapeuten mit den Kassen, wie viel diese für welche Therapien zahlen sollen.

Deswegen finanzieren die Kassen Psychotherapien auf zweierlei Art. Einerseits mit dem Kostenzuschuss von 21,80 Euro pro Therapieeinheit. Andererseits greift man auf ein Dauerprovisorium zurück: Die Krankenkassen vergeben Gelder an soziale Organisationen wie Caritas oder Hilfswerk, die dafür kostenlose Therapien organisieren. »Doch dort betragen die Wartezeiten auf einen Therapieplatz im Schnitt acht bis zu 32 Wochen, manchmal auch bis zu einem Jahr«, klagt Joachim Hagleitner vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen. Und vor allem: Die Summe, welche die Kassen den Vereinen für Therapien zahlen, betrug im Jahr 2009 nur 63 Millionen Euro – das decke gerade zehn Prozent des Bedarfs, kritisiert der ÖBVP.

Simons Mutter wandte sich an das Hilfswerk, eine der ÖVP nahestehende Sozialeinrichtung. Man bot ihr dort fünf kostenlose Sitzungen an. Weil dem Verein zu wenig Geld für Therapien zur Verfügung steht, war er gezwungen, ihr anschließend für alle weiteren Sitzungen den vollen Preis zu verrechnen.

Wie viele junge Patienten von den Einrichtungen mit vollfinanzierten Kassenplätzen versorgt werden können und wie viele Therapien nur mit dem kargen Zuschuss unterstützt werden, weiß niemand. Nicht einmal Andrea Fleischmann. Die Juristin mit der bunten Brille und der Kurzhaarfrisur arbeitet seit 20 Jahren für die Wiener Gebietskrankenkasse, die größte der 22 österreichischen Kassen. Sie weiß, dass ihr Arbeitgeber knapp 14 Millionen Euro jährlich für Psychotherapien ausgibt. Was sie jedoch nicht weiß, ist, wie viele Patienten welchen Alters damit versorgt werden – diese Informationen versickern in der undurchsichtigen Gesundheitsbürokratie. Das System sei schlicht zu kompliziert, »kein Versicherungsträger schafft es, das herauszufinden«, sagt Fleischmann.

In Wien soll nun ein kleiner Schritt gesetzt werden, um junge Menschen besser zu betreuen, sagt Andrea Fleischmann. Noch in diesem Herbst will die Wiener Gebietskrankenkasse ein Ambulatorium für Psychotherapie im siebten Bezirk eröffnen. Doch nur zur Hälfte würden dort Therapeuten am Werk sein, gab die Kasse bekannt. Die andere Hälfte der Arbeit sollen junge, unerfahrene Psychotherapeuten in Ausbildung leisten.

Auch in der Psychiatrie ist die Situation schwierig: Im hintersten Eck des Neurologischen Zentrums Rosenhügel in Wien-Hietzing liegt die Station für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit 28 Betten. Mit leeren Blicken sitzen die Kinder im bunten Aufenthaltsraum, manchmal trotten sie im Hof herum. Jede Nacht werden ein oder zwei Kinder eingeliefert, erklärt Stationsleiter Ralf Gössler, manche von der Rettung, einige von der Polizei. In ganz Österreich gibt es 350 Behandlungsplätze für psychisch kranke Minderjährige. Um den Bedarf decken zu können, bräuchte man doppelt so viele, meint die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. »Wenn wir mal kein Bett frei haben, müssen wir Kinder zu den Erwachsenen verlegen«, sagt Gössler. Dort sind die Kleinen mit Ärzten konfrontiert, die kaum http://www.zeit.de/index/index von Kindern haben und hauptsächlich Erwachsene mit Burn-out-Syndrom oder in einer Midlife-Crisis kurieren. »Außerdem bräuchten wir dringend niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater zur Unterstützung«, sagt Ralf Gössler – also Ärzte, die außerhalb von Spitälern in ihren eigenen Praxen behandeln.

Einen solchen sucht derzeit Andrea Fleischmann von der Wiener Gebietskrankenkasse, um ihn unter Vertrag zu nehmen – bislang vergeblich. Es wäre der erste Kinderpsychiater in der Metropole, der von der Krankenkasse bezahlt wird.

Erschienen in DIE ZEIT  27/2011

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Die Spezialisten

Noch vor einem Jahrhundert waren Rauchfangkehrer meist Italiener, und Gärtner stammten aus Bulgarien. Heute besitzen Türken Schneidereien, und Polen sind Bauunternehmer. Warum bestimmte Volksgruppen bestimmte Branchen dominieren.

Text und Fotos: Nina Brnada

Erol Karaaslan macht seine Kunden fröhlich. Bevor sie seinen Laden betreten, grüßt er durch die offene Tür schon von weitem. „Hallo, junger Mann“, ruft er grauhaarigen Alten zu. Und Frauen nennt er scherzhaft „mein Schatz“. Neben der Eingangstür seines Ladens ist stets eine durchsichtige Plastikdose mit Zuckerln aufgefüllt. Die Kinder aus der Umgebung würden regelmäßig kommen und zugreifen, erzählt der gebürtige Türke.

Im Reich des Schneiders

Karaaslan trägt ein blaues Hemd und frisch geputzte Schuhe. Auf seinem linken Handgelenk hat er ein gelbes Nadelpölsterchen angebracht, auf dem kleinen Finger steckt ein metallener Fingerhut. Entlang der Wände seines Ladens reihen sich dutzende Spulen mit bunten Fäden aneinander. In der Mitte des Raumes stehen vier Nähmaschinen, sie sind der ganze Stolz des Schneiders. „Die Geräte arbeiten sehr leise“, sagt der 46-Jährige. Das sei gut wegen der Nachbarn, sagt er und rollt mit den Augen zur Decke. Schließlich ist das hier eine der exklusivsten Adressen Wiens.

Karaaslans Laden liegt am Rudolfsplatz, direkt hinter der Wiener Börse. Autos hört man hier kaum, obwohl dieser Ort im Herzen der Wiener Innenstadt liegt. Hier gibt es etliche schicke Boutiquen, teure Büros und Luxuswohnungen – und die türkische Schneiderei von Erol Karaaslan. „Die Leute dort drüben“, sagt er und deutet auf die Fenster der noblen Gründerzeithäuser ringsherum, „das alles sind meine Kunden.“

Ob im teuren ersten Wiener Gemeindebezirk oder genauso in den großen Wiener Migrantenbezirken am Gürtel, ob Österreicher oder Ausländer – wer sich heute einen Knopf annähen lassen oder die Hose kürzen will, kommt an Türken nicht vorbei. Mehr als die Hälfte der Inhaber aller Wiener Änderungsschneidereien stammen bereits aus der Türkei. Sie machen das Schneidergewerbe zu einer jener Branchen, die von einer ganz bestimmten Volksgruppe dominiert werden.

In der Hand von Migranten

Doch nicht nur das Schneidergewerbe ist fest in der Hand einer ethnischen Gruppe. Auch andere Bereiche der Wirtschaft werden mittlerweile von Migranten dominiert – und zwar von ganz bestimmten Gruppen in ganz bestimmten Berufsfeldern. So sind etwa im Pflegebereich hauptsächlich Slowakinnen als selbstständige Helferinnen tätig. Juden aus Zentralasien reparieren in Wien Schuhe und fertigen Schlüssel an. Und auf das Baugewerbe haben sich vor allem Polen spezialisiert. Bei all diesen Bereichen würde es sich um wirtschaftliche Nischen handeln, „deren Einstiegshürden nicht allzu hoch sind“, sagt die Soziologin und Unternehmensberaterin Regina Haberfellner.

Seit zehn Jahren schon besitzt Erol Karaaslan die Änderungsschneiderei am Rudolfsplatz. Zum Schneidern begonnen hat er aber bereits im zarten Alter von 12 Jahren. Er stammt aus der Provinz Ordu südlich der türkischen Schwarzmeerküste. „Mein Vater hatte kein Geld, um mich auf die Uni zu schicken“, sagt er. Also macht Karaaslan eine Lehre zum Herrenschneider. „Konfektion“, sagt der Mann mit den klobigen Händen, „ist in der Türkei ein gängiger Männerberuf.“ Damals, in der entlegenen türkischen Provinz der Siebzigerjahre, gab es kaum elektrischen Nähmaschinen, erinnert er sich. „Und für die Bügeleisen haben wir Kohle verwendet.“ In Wien hat er es heute zum beliebten und vielbesuchten Schneidermeister gebracht. Selbst Prominente würden seine Dienste in Anspruch nehmen, sagt er und erzählt stolz von Fernsehmoderatoren und Schauspielern, die auf sein geschultes Auge Wert legen. Heute, sagt Karaaslan, würde er mit niemandem tauschen wollen.

Wie Änderungsschneidereien werden viele kleine Nischen im Wirtschaftsleben von Migranten erobert. Schlechte Arbeitsverhältnisse und wenige Chancen in den vorherigen unselbstständigen Jobs sind bei solchem Unternehmertum eines der wichtigsten Motive, so Soziologin Regina Haberfellner. „Es handelt sich dabei um Betätigungsfelder, die für angestammte Österreicher längst unattraktiv geworden sind und von ihnen verlassen wurden“, sagt die Soziologin. „Diese Nischen erscheinen den Einheimischen als nicht profitabel.“ Oftmals sind dann die Migranten unter sich. Dieser Trend gilt mittlerweile für immer mehr Branchen.

Lange Tradition

Derartige Entwicklungen sind allerdings kein neues Phänomen. Auch früher schon dienten bestimmte Berufsfelder, die der Mehrheit zu minder schienen, für Zugewanderte als Einstieg ins Wirtschaftsleben und Brücke in die Mitte der Gesellschaft. So waren im Wien des 19. Jahrhunderts die meisten Schneider und Schuster aus Böhmen. Oder Rauchfangkehrer, die damals meist aus den italienischen Provinzen Mailand und Piemont stammten. Sie kamen nach der zweiten Türkenbelagerung im Jahr 1683, nachdem die Aufstockung der Häuser Wiens es notwendig machte, fachgerecht zu kehren. Ein weiteres Beispiel sind Gärtner, von denen zu dieser Zeit einige aus Bulgarien kamen. Zwar waren sie zahlenmäßig nur schwach vertreten, aber durch ihre besondere Kenntnis der osmanischen Art der Feld bewässerung schafften sie ertragreichere Ernten als andere und waren somit für die Gemüseversorgung Wiens der Jahrhundertwende von großer Bedeutung. Sie waren es, die hierzulande Paprika oder beispielsweise Frühjahrszwiebel einführten.

Die meisten dieser Gruppen verschwanden spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg, als Österreich geopolitisch ins Abseits gerückt war. Aus der heterogenen Stadt Wien mit Bewohnern aus allen Teilen der Habsburger monarchie war ein Ort am Rande des Eisernen Vorhangs geworden – ein ethnisch homogener Ort, dessen ehemalige Zuwanderer sich längst assimiliert hatten. Dies veränderten erst die Einwanderungs­wellen der Gastarbeiter in den Sechzigerjahren. Mittlerweile hat Österreich verschiedene Migrationsströme erlebt, und dementsprechend viele Kulturen sind heute wieder im Land vertreten. Heute sind nach Angaben der Statistik Austria in etwa 40 Prozent der migrantischen Unternehmer im Handel- und Reparaturgewerbe, im Bereich des Verkehrs und der Nachrichtenübermittlung und der persönlichen Dienstleistungen tätig. Ein Blick ins Branchen- und Firmenbuch lässt erahnen, welche Community sich worauf spezialisiert hat. So tauchen etwa bei Schlüssel- und Schuhreparaturdiensten hauptsächlich russische Namen auf. Es handelt sich dabei um Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjet-union, genauer russischsprachige Juden aus Zentralasien, so genannte Bucharen.

Fest in russischer Hand

Einer von ihnen ist Eduard Abramov. Er war sechs Jahre alt, als seine Eltern aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent nach Österreich kamen. Wie die meisten Bucharen verließen sie ihre sowjetische Heimat in den Siebzigerjahren. Heute leben nur in Israel und New York mehr bucharische Juden als in Wien. Viele blieben nach der Auswanderung im Transitland Österreich hängen.

Das Leben im Kommunismus sei hart gewesen, erzählt Abramov. „Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meiner Mutter manchmal zwei Stunden für ein halbes Kilo Brot angestanden bin“, erzählt er. Das Leben in Österreich hingegen sei ruhig, sauber und schön. Der 39-Jährige besitzt einen Schuhreparatur- und Schlüsseldienst in der Kaiser-Ebersdorferstraße in Wien-Simmering.

Die Stadtgrenze ist nicht weit von hier. In dieser verschlafenen Gegend hopsen Hasen durch die Felder zwischen den letzten Gemeinde- und Genossenschaftsbauten. Hier gehen die frisch frisierten Pensionistinnen in die italienische Espressobar, um sich ein wenig die Zeit zu vertreiben. Abramovs Laden ist in einem typischen vorstädtischen Einkaufszentrum untergebracht – eine offene Einkaufspassage ohne Dach mit Supermarkt, Bankfiliale und Trafik.

Tradition liegt in der Familie

Der Migrantenanteil ist hier im Vergleich zu anderen Wiener Stadtteilen gering. „Genau dieser Aspekt“, sagt Abramov, „war mir bei der Suche nach einem Standort wichtig.“ Denn „Österreicher feilschen nicht, Ausländer schon.“ Manchmal könne die Basar-Mentalität ganz schön anstrengend werden, sagt der Schuster. „Zum Beispiel: Wenn ich sage, die Reparatur des Schuhs kostet 10 Euro. Dann fragen die meisten Ausländer, ob’s nicht auch billiger geht. Der Österreicher dagegen zahlt gleich zehn Euro“, erzähltAbramov und lacht. Entlang der Wände seines Ladens warten etliche Schuhe darauf, abgeholt zu werden. Frauen-, Männerschuhe, mit Absatz, lackiert, die meisten abgetragen. In der Mitte ist ein Verkaufstisch, in der Ecke ein großes Gerät zum Schleifen und Kleben von Schuhen.

Leichte Arbeit sei das Schustergewerbe nicht, aber man könne mit der Zeit etwas Geld zur Seite legen, sagt Abramov. Der Mann mit blauer Schürze und dichten Augenbrauen ist von den giftigen Dämpfen des Klebstoffs vor Jahren sehr krank geworden, erzählt er. Seit nunmehr 20 Jahren besitzt er diesen Laden. Auch sein Vater war Schuster, damals in der Sowjetunion. Er hätte für Soldaten der Roten Armee Schuhe genäht, der Bruder sei ebenfalls Schuster.

Mehrere Faktoren würden zu Spezialisierungen bestimmter Gruppen auf bestimmte Branchen führen, erklärt Michael Parzer vom Institut für Soziologie der Universität Wien. Einer von ihnen sei schlicht, dass in der eigenen Community bereits Strukturen vorhanden sind. So hätten Chinesen, die seit den Achtzigerjahren nach Österreich kommen, vor allem in der Gastronomie wirtschaftlich Fuß gefasst – der Grund, warum auch heute noch viele Chinesen in diesem Bereich tätig sind. „Man kellnert oder kocht zum Beispiel mal bei der Tante im Restaurant, und beschließt dann, selbst auch eins zu eröffnen“, erklärt Parzer. „Es ist wie eine Kettenreaktion.“

Eine weitere Ursache ist die sogenannte „selektive Migration“, meint der Experte. Meist kommen Einwanderer aus ein- und derselben geografischen Gegend, wie etwa die bucharischen Juden aus bestimmten Teilen Zentralasiens. Oft nehmen sie kulturelles Know-how und regionale Berufstraditionen schon aus ihren Heimatländern mit.

Typisch polnisch

So war es auch bei Krysztof Drag. Eigentlich ist er gelernter Sportlehrer. Aber handwerkliche Begabung habe er in den Schoß gelegt bekommen, erzählt er. Sein Vater besaß schon im kommunistischen Polen ein privates Sägewerk, und der Onkel baute mit eigenen Händen große Maschinen – „dabei war er ein einfacher Mann, hatte nie studiert und war auch kein Ingenieur“. Krysztof Drag, ein großgewachsener Mann mit blauen Augen, stammt aus der Gegend rund um Krakau. Nach der Wende kam er nach Österreich und arbeitete am Bau.

Drag hat sein halbes Leben in Österreich verbracht. Im Gegensatz zum türkischen Änderungsschneider Karaaslan und dem bucharischen Schuster Abramov ist er aber erst seit einem Jahr selbstständig – er erfüllte sich damit einen jahrelangen Wunsch. „Ich wollte das schon immer einmal ausprobieren, und ich wusste, je länger ich warte, desto unwahrscheinlicher würde es werden.“ Heute montiert er Fenster und machte andere kleine Renovierungsarbeiten. Büro hat er keins, auch Mitarbeiter fehlen noch. Für seine Arbeit braucht der 45-Jährige nur Handy, Auto und seinen Werkzeugkoffer. Dort, wo er gebraucht wird, fährt er hin. Drag wirkt wie ein unkomplizierter Mann, verlässlich und verbindlich. Demnächst wolle er sich nach einem Lagerraum umsehen, aber das hätte noch ein wenig Zeit, erzählt er.

Die Alleskönner

Krysztof Drag ist in gewisserweise typisch – sowohl für seine Branche als auch für seine Community. Denn das Bauneben- und Bauhilfsgewerbe, wie die offizielle Branchenbezeichnung lautet, ist die polnische Domäne schlechthin. Laut einer von der Wiener Wirtschaftskammer und der Stadt Wien in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 2007 ist kaum eine Gruppe so deutlich in einem Wirtschaftszweig repräsentiert wie die Polen in diesem Bereich. Weder die Türken im Handel noch etwa die Serben im Versicherungswesen oder die Chinesen in der Gastronomie.

Drag glaubt, dass die meisten Polen handwerklich begabt sind. „Bei uns in Polen sind fast alle Heimwerker“, sagt er und lacht. „Ein polnischer Arbeiter kann alles: Fliesen legen, Elektrik, Böden verlegen, Malen – da kriegst du alles aus einer Hand.“

Erschienen in ecoMIGRA 03/2011