Hilflos

von Nina Brnada

Lange Wartezeiten, hohe Selbstbehalte: In Österreich gibt es zu wenig psychische Betreuung für Minderjährige. Eltern und Kinder werden mit ihren Krankheiten alleingelassen.

Text: Nina Brnada

Simon war sechs Jahre alt, als er sich zum ersten Mal das Leben nehmen wollte. Kaum einen Monat nach seiner Einschulung rannte der Bub in das oberste Stockwerk seiner Volksschule, fest entschlossen, sich über das Treppengeländer zu stürzen. Es brauchte einen Arzt und drei Sanitäter, um den Buben von der Tat abzubringen. Er brüllte und fluchte, die Stimme klang tief und drohend. Seine Mutter Gisela M. erzählt, bei diesen Szenen hätte sie an den Film Der Exorzist denken müssen. Der Junge war nicht mehr er selbst. Simon ist psychisch krank. Die Ärzte stellten bei ihm gleich mehrere Diagnosen: Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, stark ausgeprägte Verlustängste und Züge von Autismus.

Manchmal, sagt die Mutter, würde sie sich wünschen, ihr Kind sei an einen Rollstuhl gefesselt. Dann wäre für alle sichtbar, dass der Bub krank ist. Dann hätte sie sich das Geld für die Therapiestunden nicht jahrelang zusammenkratzen müssen, und vieles wäre einfacher. »Wenn dein Kind nicht gerade mongoloid ist oder ihm ein Arm fehlt, bekommt man keine Hilfe«, sagt Gisela.

Simons Mutter ist nicht die Einzige, die sich im Stich gelassen fühlt. Betroffene klagen über gravierende Mängel in der Betreuung psychisch kranker Minderjähriger – über hohe Selbstbehalte bei Psychotherapien, lange Wartezeiten in Krankenhäusern und fehlende Behandlungsmöglichkeiten. Der Bereich werde vom österreichischen Gesundheitssystem sträflich vernachlässigt, meinen viele Experten.

Dahinter stecken einerseits Vorurteile – psychische Krankheiten werden gerade bei Kindern und Jugendlichen oft nicht ernst genommen und als vorübergehende Launen interpretiert. Andererseits fallen Verbesserungen in Österreichs zersplittertem Gesundheitssystem schwer, weil wesentliche Informationen fehlen: So hat der Hauptverband der Sozialversicherungsträger kürzlich eine Studie veröffentlicht, laut der 900.000 Personen im Jahr 2009 das Gesundheitssystem wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch nahmen. Genauere Daten, etwa wie hoch der Anteil von Kindern und Jugendlichen in Psychotherapien ist, erhob die Studie aber nicht. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) schätzt, dass sich 0,3 Prozent aller Minderjährigen in Behandlung befinden. Notwendig wären aber zumindest dreimal so viele Therapieplätze.

Psychisch Kranke sind heute in der Gesellschaft präsenter denn je. Gerade Kinder und Jugendliche scheinen anfälliger zu sein als früher – die Palette reicht von Magersucht über Hyperaktivität bis zum Playstation-Koller. »Zwar ist die gesamte Zahl psychisch und körperlich kranker Kinder gleich hoch wie in den siebziger Jahren – aber innerhalb der Gruppe kranker Kinder gibt es eine Verschiebung von körperlichen Erkrankungen und Fehlbildungen zu seelischen Erkrankungen«, sagt Katharina Purtscher-Penz, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. »Störungen, die von Lebensumständen und dem Umfeld verursacht werden, nehmen zu.« Traumatische Erlebnisse, Probleme in der Schule und stetig steigender Leistungsdruck: Es scheint, als wäre die Kindheit psychisch noch nie so belastend gewesen wie heute.

Die Mutter musste den Job aufgeben, um sich um ihren Sohn zu kümmern

Simons Mutter fühlt sich mit Problemen allein gelassen, für die sie nichts kann. Für die Krankheit ihres Sohnes tragen nicht Fehler in der Erziehung oder gar Vernachlässigung die Schuld. »Er wurde damit geboren«, sagt die Mutter. Die Krankheit ist heute das bestimmende Element im Leben der Familie. Die 40-Jährige musste ihren Job als Bankkauffrau aufgeben, um für ihren kranken Sohn zu sorgen. Die Schule wollte während des Unterrichts nicht die Verantwortung für den Jungen übernehmen und verlangte von Gisela M., ständig in der Klasse anwesend zu sein.

Die Frau mit den stahlblauen Augen und den blonden Locken lebt mit ihrer Familie in einem zweistöckigen Haus im niederösterreichischen Korneuburg. In dieser Vorstadt, gut zehn Kilometer vor Wien, wimmelt es von Swimmingpools und Familien-Vans. Wie seine Freunde spielt Simon nach der Schule im Garten und schaut sich Zeichentrickserien an. Der groß gewachsene 12-Jährige ist höflich und unauffällig. Doch der Schein trügt, sagt Gisela M. Dem Selbstmordversuch in der Schule folgten weitere. Einen davon, im Kinderzimmer mit einem Strick, konnte Gisela M. gerade noch rechtzeitig verhindern. Es gab eine Reihe von Versuchen, Drohungen und Selbstverletzungen, die so weit gingen, dass die Mutter ihren blutverschmierten Sohn kaum noch erkannte.

Simon muss regelmäßig zur Psychotherapie. Die Behandlung bezahlt Gisela M. aus eigener Tasche: 70 Euro pro 45 Minuten Therapieeinheit, jede Woche, seit sechs Jahren. Die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse steuert nur einen kleinen Teil der Kosten bei – 21,80 Euro pro Sitzung. »Und selbst für diesen niedrigen Zuschuss muss man einen speziellen Antrag stellen«, sagt Frau M. Seit vier Jahren ist die zweifache Mutter alleinerziehend. Die Scheidung führte zu Geldproblemen: Das Haus im Grünen war auf Pump finanziert worden, Gisela M. blieb auf den Schulden sitzen. »Die Kosten für Simons Therapie sind für mich eine große finanzielle Belastung.«

Ihre Situation ist kein Einzelfall. Vielmehr sei das »in Österreich die Regel«, sagt Eva Mückstein, Präsidentin des ÖBVP. »Egal ob minderjährig oder erwachsen, rund die Hälfte aller Kassenpatienten in Psychotherapie werden mit 21,80 Euro pro Einheit abgespeist«, schätzt Mückstein. Dieser Beitrag ist seit mittlerweile zwanzig Jahren unverändert, er wurde weder angehoben noch an die Inflation angepasst.

Bis zu einem Jahr muss auf einen Therapieplatz gewartet werden

Eigentlich sollte das alles seit 1991 anders sein. Damals beschloss die Große Koalition unter Bundeskanzler Franz Vranitzky, dass psychische Erkrankungen genauso ernst zu nehmen seien wie ein Schlaganfall oder Schuppenflechte. Die Psychotherapie wurde zur Pflichtleistung erklärt, Krankenkassen sollten für sie ebenso aufkommen wie für andere Behandlungen. Doch bis heute streitet sich der Berufsverband der Psychotherapeuten mit den Kassen, wie viel diese für welche Therapien zahlen sollen.

Deswegen finanzieren die Kassen Psychotherapien auf zweierlei Art. Einerseits mit dem Kostenzuschuss von 21,80 Euro pro Therapieeinheit. Andererseits greift man auf ein Dauerprovisorium zurück: Die Krankenkassen vergeben Gelder an soziale Organisationen wie Caritas oder Hilfswerk, die dafür kostenlose Therapien organisieren. »Doch dort betragen die Wartezeiten auf einen Therapieplatz im Schnitt acht bis zu 32 Wochen, manchmal auch bis zu einem Jahr«, klagt Joachim Hagleitner vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen. Und vor allem: Die Summe, welche die Kassen den Vereinen für Therapien zahlen, betrug im Jahr 2009 nur 63 Millionen Euro – das decke gerade zehn Prozent des Bedarfs, kritisiert der ÖBVP.

Simons Mutter wandte sich an das Hilfswerk, eine der ÖVP nahestehende Sozialeinrichtung. Man bot ihr dort fünf kostenlose Sitzungen an. Weil dem Verein zu wenig Geld für Therapien zur Verfügung steht, war er gezwungen, ihr anschließend für alle weiteren Sitzungen den vollen Preis zu verrechnen.

Wie viele junge Patienten von den Einrichtungen mit vollfinanzierten Kassenplätzen versorgt werden können und wie viele Therapien nur mit dem kargen Zuschuss unterstützt werden, weiß niemand. Nicht einmal Andrea Fleischmann. Die Juristin mit der bunten Brille und der Kurzhaarfrisur arbeitet seit 20 Jahren für die Wiener Gebietskrankenkasse, die größte der 22 österreichischen Kassen. Sie weiß, dass ihr Arbeitgeber knapp 14 Millionen Euro jährlich für Psychotherapien ausgibt. Was sie jedoch nicht weiß, ist, wie viele Patienten welchen Alters damit versorgt werden – diese Informationen versickern in der undurchsichtigen Gesundheitsbürokratie. Das System sei schlicht zu kompliziert, »kein Versicherungsträger schafft es, das herauszufinden«, sagt Fleischmann.

In Wien soll nun ein kleiner Schritt gesetzt werden, um junge Menschen besser zu betreuen, sagt Andrea Fleischmann. Noch in diesem Herbst will die Wiener Gebietskrankenkasse ein Ambulatorium für Psychotherapie im siebten Bezirk eröffnen. Doch nur zur Hälfte würden dort Therapeuten am Werk sein, gab die Kasse bekannt. Die andere Hälfte der Arbeit sollen junge, unerfahrene Psychotherapeuten in Ausbildung leisten.

Auch in der Psychiatrie ist die Situation schwierig: Im hintersten Eck des Neurologischen Zentrums Rosenhügel in Wien-Hietzing liegt die Station für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit 28 Betten. Mit leeren Blicken sitzen die Kinder im bunten Aufenthaltsraum, manchmal trotten sie im Hof herum. Jede Nacht werden ein oder zwei Kinder eingeliefert, erklärt Stationsleiter Ralf Gössler, manche von der Rettung, einige von der Polizei. In ganz Österreich gibt es 350 Behandlungsplätze für psychisch kranke Minderjährige. Um den Bedarf decken zu können, bräuchte man doppelt so viele, meint die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. »Wenn wir mal kein Bett frei haben, müssen wir Kinder zu den Erwachsenen verlegen«, sagt Gössler. Dort sind die Kleinen mit Ärzten konfrontiert, die kaum http://www.zeit.de/index/index von Kindern haben und hauptsächlich Erwachsene mit Burn-out-Syndrom oder in einer Midlife-Crisis kurieren. »Außerdem bräuchten wir dringend niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater zur Unterstützung«, sagt Ralf Gössler – also Ärzte, die außerhalb von Spitälern in ihren eigenen Praxen behandeln.

Einen solchen sucht derzeit Andrea Fleischmann von der Wiener Gebietskrankenkasse, um ihn unter Vertrag zu nehmen – bislang vergeblich. Es wäre der erste Kinderpsychiater in der Metropole, der von der Krankenkasse bezahlt wird.

Erschienen in DIE ZEIT  27/2011

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