Reduziert auf Behinderung

von Nina Brnada

Menschen mit Behinderung haben of einen schweren Einstieg ins Berufsleben – Das Projekt ABAk hilft Betroffenen bei der Suche

Maria Steiner* ist eine Frau, die weiß, was sie will. Nach der Matura hat sie ein freiwilliges Sozialjahr gemacht, später studierte sie Sozialarbeit und nach an ihre Sponsion arbeitete sie in Nordirland bei einem Obdachlosenprojekt.

Das einzige, was nicht so will wie Frau Steiner, sind ihre Beine. Manchmal würden sie anfangen zu zucken, erzählt die Frau mit den blauen Augen. Oft stolpert sie auch, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen mit dem Vorderfuß auftritt. Die 28-Jährige kann nicht anders. Ihr Gleichgewichtssinn ist gestört, die motorischen Fähigkeiten eingeschränkt. Von Geburt an leidet die

Oberösterreicherin an einer Nervenkrankheit, sie heißt spastische Diplegie.

„Bei Vorstellungsgesprächen ist meine Behinderung immer Thema“, erzählt sie. „Viele Menschen können sich nicht vorstellen, wie mein Leben funktioniert und sind neugierig.“ Seit einem Jahr ist sie nun auf der Suche nach einer Stelle als Sozialarbeiterin, die sie richtig auslastet und mit der sie zufrieden ist, wie sie sagt.

Arbeitsvermittlung bietet Hilfe

Dafür hat sie sich in der Meidlinger Hauptstraße 51 im 12. Wiener Gemeindebezirk Hilfe geholt. Ein Projekt mit dem sperrigen Namen „Arbeitsvermittlung für AkademikerInnen mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung“ (ABAk) hat hier seinen Sitz. Akademikern mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen hilft es bei der Jobsuche. Seit 1999 werden jährlich rund 45 Personen kostenlos von vier Beratern betreut.

Einer von ihnen ist Mark Wilson, ein Mann mit kurzen, braunen Locken, Anfang Vierzig. Er selbst leidet an der gleichen Nervenkrankheit wie seine Klientin Steiner. Bei ihm ist die Krankheit sogar noch ausgeprägter, zum holprigen Gang kommt Stottern hinzu, zeitweise ringt er um Silben und Atem. Der Verein ABAk baut auf dem Konzept des so genannten „peer counseling“ auf. Personen mit Beeinträchtigungen beraten ebensolche. „Mir muss Frau Steiner nichts erzählen, ich habe auch täglich meinen Kampf mit der Schwerkraft“, sagt Wilson und lacht.

Der studierte Völkerkundler sitzt zusammen mit seiner Klientin in einen kahlen Raum an einem L-förmigen Schreibtisch. Er hat nun sechs Monate Zeit ihr dabei zu helfen eine Arbeit zu finden. Eine Zeitspanne, die von der Wiener Stelle des Bundessozialamtes vorgegeben wird und in den meisten Fällen auch ausreicht, sagt Wilson. In den vier Wochen, in denen Frau Steiner hier betreut wird, haben die beiden bereits ihren Lebenslauf aufgepeppt, einige Bewerbungsschreiben verfasst und ein Vorstellungsgespräch simuliert. „Die Betreuung hier ist viel umfassender als beim AMS,“ sagt die Klientin. „Zu sehen, wie Herr Wilson arbeitet und wie er alles meistert, macht sehr großen Eindruck auf mich. Das gibt mir Mut.“

Reduziert auf die Einschränkung

Genau um dieses Selbstverständnis kämpfen Betroffene oft. Denn die Klienten der ABAk sind Menschen, die meist sehr viel dafür getan haben, ihren Platz in der Welt zu finden und nicht als Opfer gesehen zu werden. Sie haben studiert und im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch Erfahrungen gesammelt, um am Arbeitsmarkt mithalten zu können. Aber letzten Endes kommen sie trotz guter Qualifikation oft nicht zum Zug und werden bei der Jobsuche häufig auf ihre Einschränkung reduziert. „Natürlich können wir Zurückweisungen nicht nur darauf zurückführen,“ sagt Wilson, „aber oft werden unsere Klienten nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, wenn sie etwa in Bewerbungen schreiben, dass sie eingeschränkt sind.“ Auch die Aussetzung des besonders Kündigungsschutzes für Behinderte zu Beginn des Jahres, die Arbeitgebern die Beschäftigung von Personen mit Behinderungen hätte erleichtern sollen, hat bisher keinen    merklichen positiven Effekt gezeigt, sagt Mark Wilson.

Die Frage, wie offen man bei Job-Gesprächen mit der eigenen Einschränkung umgehen soll, bleibt den Klienten selbst überlassen und ist immer wieder ein wichtiges Thema bei den Beratungen, erzählt Wilson. Gerade bei Personen, bei denen die Einschränkung nicht so sichtbar ist.

Wie etwa bei Jürgen Unfried. Dem braunhaarigen Mann mit Brille ist seine Beeinträchtigung nicht anzusehen, dennoch ist sein Leben stark eingeschränkt. Unfried hat eine schwere Sehbehinderung, er hat ein eingeschränktes Geschichtsfeld, einen Tunnelblick und sieht Punkte und Streifen. Die Erkrankung wird diagnostiziert, als Unfried 18 Jahre alt ist. Sie würde in zwei, drei Jahren ohnehin in einer totalen Erblindung münden, der Junge soll lieber gleich die Blindenschrift erlernen, riet der Arzt damals. Das passierte zu einer Zeit, in der Unfried so wie die meisten Gleichaltrigen gerade den Führerschein machte und sich auf das Bundesherr vorbereitete – ein schwerer Schock für den Burschen. Heute ist er Ende Dreißig. Sehen kann er trotz düsterer Diagnose von vor 20 Jahren immer noch, wenn auch sehr eingeschränkt.

Jahrelang hat der Niederösterreicher mit seiner Erkrankung gehadert und war sehr darauf bedacht, dass sie so wenig wie möglich auffällt. Bei seinem Wirtschaftsstudium, genauso wie später im Job. So hat er etwa die Schrift am Computer sehr stark vergrößert und den Monitor immer so gedreht, dass die Kollegen ihn nicht sehen konnten.

Irgendwann, als eine Kollegin ihm etwas am Bildschirm erklären wollte und er ihrem Zeigefinger einfach nicht folgen konnte, flog alles auf. „Das war der Moment, wo eine Welt für mich zusammenbrach“, erzählt er.

Unfried kündigt seinen alten Job und sucht Hilfe bei ABAk. Diesmal ist er ehrlich was seine Erkrankung angeht, denn er ist es leid sich ewig zu verstecken, sagt er. Mit Hilfe von ABAk findet er innerhalb weniger Monate eine neue Arbeitsstelle.

In der Zwischenzeit arbeitet er wieder in einem neuen Job. Bei seinem derzeitigen Arbeitgeber, ÖSB- Consulting, wo er als Projektleiter tätig ist, weiß man um seine Behinderung. Unfrieds Arbeitsplatz ist auf seine Bedürfnisse abgestimmt. Vor seinem Schreibtisch baumelt ein schwerer Vorhang von der Decke, der Unfrieds empfindliche Augen vor zu viel Sonneneinstrahlung schützen soll. Auch der Computerbildschirm blendet, deshalb ist Unfrieds Desktop schwarz, ebenso wie all seine Dokumente, nur die Schrift auf ihnen ist weiß.

Nicht alle Firmen zeigen sich offen genug, einen behinderten Menschen einzustellen. Es gäbe genug Stellen, die qualifizierte Menschen mit Behinderung ohne weiteres ausführen können, meint Berater Mark Wilson. Doch oft kommen sie nicht zum Zug, denn gegen sie steht das Vorurteil, dass behinderte Menschen keine vollwertigen Mitarbeiter sein könnten. „Personen, die etwa in ihrem privaten Umfeld mit Menschen mit Behinderung zu tun haben“, sagt Wilson, „wissen, wie engagiert und einsatzwillig sie sind.“

*Name von der Redaktion geändert

Erschienen in derStandard.at am 23. Oktober 2011

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