Nina Brnada

Nichts gelernt

Phillip, Rengin und Hatice sind Schulabbrecher und versuchen, ohne Wissen in der Wissensgesellschaft zu bestehen.

Text: Nina Brnada

Als Phillip das Handtuch warf und er die Hauptschule abbrach, dachte er, irgendwie werde er trotz dieses Mankos das Leben schon meistern. Wie viele Schüler hatte auch er Probleme in Mathematik und Englisch. Dazu noch die Hausaufgaben, das alles sei ihm damals zu viel geworden, erzählt er. Philipp ist jetzt 17 Jahre alt. In seinem Gesicht hat er noch Schrammen, wie sie Buben haben, vom Spielen und Raufen. Es sind die Spuren einer unbeschwerten Zeit, in der Scheitern noch nicht alltäglich war. Phillip trägt Sneakers, der Bund seiner Khakihose sitzt tief, seine Hände hat der Burgenländer in den Hosentaschen vergraben.

»Der Papa hat immer gesagt: ›Lern was‹«, erzählt der Junge in breitem Dialekt. Aber Phillip pfiff auf die Ratschläge, er hatte keine Lust auf Schule. Die zweite und die dritte Klasse musste er wiederholen. Die neunjährige Unterrichtspflicht, die in Österreich Gesetz ist, hatte er danach absolviert, der Staat war nun nicht mehr für seine Ausbildung verantwortlich. Der Bursche wurde zu einer Größe in einer Statistik, über die niemand gern spricht und die von keinem Volksbegehren thematisiert wird. Sie erzählt von den verlorenen Kindern der Bildungsgesellschaft. Niemand fühlt sich für sie verantwortlich. Niemand hat für sie ein Sicherheitsnetz gespannt. Sich selbst aus der Misere zu befreien gelingt nur wenigen.

Jeder neunte Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jahren gehöre in Österreich dieser Gruppe an, schätzt Mario Steiner, Bildungsexperte am Institut für Höhere Studien. Das sind bis zu 90.000 Minderleister, etwa so viel, wie die Einwohnerzahl von Klagenfurt beträgt. So genannte early school leavers, also frühe Schulabgänger, können weder Matura noch eine abgeschlossene Lehre und nur im besten Fall einen Hauptschulabschluss vorweisen. Die Wirtschaftskammer schätzt, dass jährlich etwa 10.000 Jugendliche nach dem Schulabgang durch alle Raster des Bildungssystems fallen. Meist sind es Kinder aus bildungsfernen Schichten, oft Migranten, Menschen ohne Wissen in einer Wissensgesellschaft, ohne Perspektiven, ohne Zukunftschancen.

In Eisenstadt, unweit des Schlosses Esterhazy, steht Phillip im Hof der Volkshochschule und zündet sich eine Chesterfield an. In dem einstöckigen barocken Bürgerhaus möchte er die Hauptschule nachholen, denn es hat eben nicht schon irgendwie geklappt. Überhaupt hat bisher vieles nicht funktioniert. Das will er nun ändern.

Schulabbrecher wie Phillip pauken hier an fünf Tagen in der Woche den Stoff der Hauptschule nach. Im ersten Stock steht heute Biologie auf dem Stundenplan. In dem kleinen Raum sitzen die Schüler dicht gedrängt nebeneinander. Es sind hauptsächlich Männer, quer durch alle Altersschichten. Manche sind wie Phillip Schulabbrecher, andere Zuwanderer, die in ihrer alten Heimat keine richtige Schulbildung erhalten hatten. Manche wirken verzweifelt und entnervt. Leicht ist es für keinen hier, aber die einzige Chance, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Phillip wollte immer Automechaniker werden. Er sei zwar nicht gut in Mathematik oder Englisch – aber an Autos herumschrauben, das könne er. Davon war er überzeugt. Ein Hauptschulabschluss ist für einen Lehrplatz zwar keine Voraussetzung, doch ohne ihn stünden die Chancen »wahnsinnig schlecht«, in einer Ausbildungsstätte unterzukommen, sagt Gerda Challupner, Leiterin des Wiener Arbeitsmarktservice für Jugendliche. »Die Betriebe bauen auf dem Wissen auf, das in der Hauptschule vermittelt wurde.«

Lange Zeit hatte Phillip weder Geld noch eine Aufgabe in seinem Leben. Er hing zu Hause herum und schrieb Bewerbungen – immer erfolglos. Er opferte die kleinen Schätze, die sich im Laufe seiner Kindheit angehäuft hatten, um das Taschengeld aufzubessern. Die goldene Philharmoniker-Münze, die ihm einmal die Oma geschenkt hatte, verscherbelte er ebenso wie die heißgeliebte Playstation. Die Tristesse und die schwierigen Lebensumstände »ziehen einen schon runter«, sagt Phillip: »Man ist nur down.«

Schulabbruch passiere nicht über Nacht, sagt Erna Nairz-Wirth, Leiterin der Abteilung Bildungswissenschaft an der Wiener Wirtschaftsuniversität. Es sei eine Entwicklung in kleinen Schritten, die häufig mit Schulschwänzen einhergehe. Doch anstatt die Schüler bei zu vielen Fehlstunden einfach abzuschreiben, schlägt Nairz-Wirth die Einführung eines Frühwarnsystems vor. Das solle etwa zeigen, in welchen Fächern und bei welchen Lehrern Schüler am häufigsten fern bleiben. Dann könnte man gezielt gegensteuern.

Die Expertin erstaunt es nicht, dass sich ausgerechnet jemand wie Phillip im Bildungssystem nicht behaupten kann. Denn Bildung wird in Österreich vererbt. Phillips Mutter ist Fabrikarbeiterin, sein Vater sitzt in einer Garage an der Kasse. »Jugendliche, deren Eltern es zu keinem höheren Bildungsabschluss gebracht haben, sind bei Schulabbrechern deutlich überrepräsentiert«, sagt Nairz-Wirth. Nahezu jedes zweite Kind aus einem Akademikerhaushalt absolviert ein Studium, aus einer Arbeiterfamilie nur jedes zehnte. Noch schwerer haben es nur Migranten.

So wie Phillips Freund Rengin. Der 19-Jährige mit den schwarzen Haaren und dem violetten Hemd ist türkischstämmig. Auch er hat keinen Hauptschulabschluss und möchte ihn nun an der Volkshochschule nachholen. Seine Eltern kamen vor über zwanzig Jahren als Gastarbeiter aus Zentralanatolien nach Österreich. Er war das erste von acht Kindern, die außerhalb der Türkei geboren wurden. Drei davon starben früh. Entbehrung und Arbeit prägen den Alltag der Familie. Der Vater ist Maurer, die Mutter geht putzen. Der Ausbildung der Kinder wird nur wenig Beachtung geschenkt.

Mit 15 brach Rengin die Schule ab und schuftete zwei Jahre lang auf dem Bau. Als ungelernter Hilfsarbeiter verrichtete er harte Arbeit für monatlich 1.100 Euro. »Du machst dort Sachen, die keiner sonst machen will«, erzählt er. »Du hast keine Chance. Du bist niedriger als der Lehrling und wirst es immer bleiben.« Diesmal wolle er es nicht wieder vermasseln, sagt Rengin. Er erzählt, wie schwer es früher im Unterricht gewesen sei. Die Familie sei oft umgezogen, der Sohn habe ständig die Schule wechseln müssen. Immer wieder blieb er sitzen, bis er eines Tages alles hinwarf.

Hatice hingegen ist niemals sitzen geblieben. Die 17-Jährige ist immer brav zur Schule gegangen, hat nie geschwänzt und auch den Hauptschulabschluss in der Tasche. Doch einen Lehrabschluss oder eine Ausbildung hat sie nicht.

Zwei Lehren begann sie, Zahnarztassistentin und Hotelfachfrau, beide brach sie ab. Danach besuchte sie AMS-Kurse und hängt hauptsächlich zu Hause herum. Die beiden Lehren waren »urschwer«, und mit den Kollegen habe sie sich nicht verstanden, sagt sie. Hatice sitzt im Erdgeschoss eines Zinshauses in Wien-Brigittenau und raucht Phillip Morris. Hier im Innenhof ist der städtische Jugendtreff backbone untergebracht. Vor der Eingangstür steht eine ausrangierte Couch, und wenn die Sonne scheint, sitzen die Sozialarbeiter mit den Kids draußen. Es ist ein Treffpunkt für Jugendliche aus der Nachbarschaft, viele befinden sich in einer ähnlichen Lage wie Hatice – ohne Job, Ausbildung oder Perspektiven.

Auch Hatice stammt aus einer türkischen Familie. In den Jugendtreff zu kommen gehört zu ihren wenigen Freiheiten. Sie erzählt von ihrem Leben und davon, dass ihr Vater nicht wisse, dass sie einen Freund hat. Sie erzählt, was einem türkisches Mädchen erlaubt ist, und das ist nicht viel.

Für jemanden wie Hatice, die mehr als andere ihre persönlichen Freiheiten ausloten muss, bleibt wenig Zeit herauszufinden, wo die eigenen Interessen und Stärken liegen. Danach gefragt, zählt sie scheinbar wahllos auf – es scheint kaum etwas zu geben, das sie sich nicht als Beruf vorstellen kann: Floristin, Gärtnerin, Verkäuferin. Wenn sie nervös wird, streicht sie über ihre langen, braunen Haare. Sie trägt ein royalblaues T-Shirt, der Kajalstrich um die braunen Augen passt zu ihrem Outfit. »Am liebsten style ich«, sagt sie. Schminken, Augenbrauen zupfen und Pickel wegzaubern habe sie im kleinen Finger. Aber als Stylistin oder Frisörin zu arbeiten kann sie sich nicht vorstellen. »Das ist nur ein Hobby«, meint sie. Vielleicht scheint ihr das, was sie kann, nicht wertvoll genug, um auch als berufliche Grundlage zu dienen. Vielleicht hat sie Angst, bei der einzigen Sache, von der sie sicher ist, sie zu beherrschen, zu versagen.

Auch Hatice läuft Gefahr, durch alle Raster zu fallen – trotz Hauptschulabschluss. Wie Phillip und Rengin wirkt sie resigniert. Ihr Lebensgefühl oszilliert zwischen Verzweiflung und Abstumpfung.

Tugba Uslu, die Sozialarbeiterin in Hatices Jugendtreff backbone, arbeitet seit drei Jahren hier. Auch sie ist türkischstämmig und kennt die Jugendlichen und ihre Probleme gut. Hatice nennt die 33-Jährige liebevoll ihre »zweite Mutter«.

»Diese jungen Menschen«, sagt Uslu, »erleben so viele Frustrationen, selbst für einen Erwachsene wäre das schwer zu ertragen.« Die meisten seien keine »Draufgängertypen«, weder faul noch untätig, jedoch gebrochen und verängstigt. »Es fängt ja schon bei Stellenausschreibungen an«, sagt Uslu. »Gerade, dass für einen Job als Putzfrau keine Matura verlangt wird.« Eine tiefe Bildungskluft trenne ihre Schützlinge von den Erfordernissen der modernen Welt. »Die Jugendlichen wissen ganz genau, wo sie stehen«, sagt Uslu. »Wenn sie merken, was heutzutage alles verlangt wird, kriegen sie es mit der Angst zu tun.«

Man müsse alles unternehmen, damit gefährdete Schüler erst gar nicht aus dem System fallen, ist Erna Nairz-Wirth überzeugt. Dafür müsse Geld gezielt zur Verfügung gestellt werden. »Es wäre eine lohnende Investition«, sagt die Expertin. »Denn jeder Euro, der in die Prävention gesteckt wird, spart bis zu 14 Euro bei der Intervention.« Es bräuchte mehr Personal, intensivere Betreuung und koordinierte Fördermaßnahmen in kleineren Gruppen und mit mehr Lehrpersonal, damit keiner auf der Strecke bleibe. »Das erforderliche Geld wäre da«, sagt Michael Landertshammer von der Wirtschaftskammer. »Aber derzeit steckt es in der Schulverwaltung. Man müsste es stattdessen in den Schulbetrieb investieren.«

Phillip hat sein Leben inzwischen selbst in die Hand genommen. Er wirkt abgeklärt und fokussiert. »Er erledigt alles pünktlich, und wir sind sehr zufrieden mit ihm«, sagt seine Betreuerin in der Volkshochschule. Auch die Prüfungen bestehe er. Phillips Freund Rengin sieht seine Zukunft ebenfalls optimistisch: »Du fällst runter und runter«, sagt der Jugendliche. »Aber irgendwann musst du aufstehen, damit du weitermachen kannst.«

Erschienen in DIE ZEIT 47/2011

„Den eigenen Sinnen mehr vertrauen“

Gespräch mit Abfallforscherin Felicitas Schneider über Haltbarkeitsdaten, geplatztes Obst und zeitversetzten Mengenrabatt 

Text: Nina Brnada

Mehr als die Hälfte aller Lebensmittel landet im Müll, heißt es im Dokumentarfilm „Taste the waste“, der seit 11. November in den heimischen Kinos läuft. Von Bananenplantagen über Supermarktregale bis zu Müllräumen zeigt der Film in eindrucksvollen Bildern den globalen Kreislauf von Landwirtschaft, Handel und Konsum – und die enormen Massen an Lebensmittel, die niemals verzehrt werden, sondern direkt in der Tonne landen.

Felicitas Schneider forscht an der BOKU Wien und analysiert für ihren Job Abfälle. Dem Film diente sie als Auskunftsperson und Interviewpartnerin. Der Falter sprach mit ihr über Supermarktketten, Rabattaktionen und Einkaufszettel.

Frau Schneider, im Film heisst es, die Hälfte aller Lebensmittel landet im Müll. Wie kommt es dazu?

Ich würde diese Zahl nicht unterschreiben, das ist eine Maximalschätzung für die ganze Welt. In Österreich besteht Hausmüll jedenfalls zu sechs bis zwölf Prozent aus Lebensmitteln aller Art. Viele der Produkte sind noch genießbar und originalverpackt. Es handelt sich vor allem um Gemüse, Brot, Fleisch und Milchprodukte.

Wer schmeißt am meisten weg?

Laut unserer Studien wird am Land weniger weggeworfen als in der Stadt. Das kann man sich wohl damit erklären, dass Menschen am Land mehr Bezug zur Herstellung von Lebensmitteln haben. Auch schmeißen Ältere weniger weg als zum Beispiel junge Familien mit Kindern und Vollzeitbeschäftigte. Das Freizeitverhalten spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Die Leute sind im Allgemeinen viel unterwegs, gehen essen oder bestellen sich etwas, weil sie kein Lust auf Kochen haben – zuhause wird also nicht häufig gekocht, aber die Leute kaufen ein als ob. Und am Ende der Woche wird der Kühlschrank ausgeräumt und neu eingekauft.

Warum wird so viel weggeworfen?

Es gibt sicherlich viele Gründe, einer davon ist aber die Angst vor verdorbener Ware. Verschiedene Lebensmittelskandale haben die Konsumenten verunsichert. Der springende Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass der Kunde dabei nie die Gefahr mit eigenen Sinne erkennen konnte – Salmonellen etwa kann man nicht sehen. Aus dieser Verunsicherung resultiert ein starkes Sicherheitsbedürfnis. Die Menschen werfen deswegen lieber gleich alles weg. Viele trauen sich nicht einschätzen und halten sich streng an das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Soll man das denn nicht?

Ein Produkt ist nicht automatisch schlecht, nur weil es das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. „Mindestens haltbar bis“ bedeutet lediglich, dass der Hersteller die spezifischen Eigenschaften des Produkts garantiert. Also zum Beispiel, dass Schokolade keinen hellen Anflug hat oder sich beim Joghurt die Molke nicht absetzt – all das bedeutet jedoch nicht, dass man die Sachen nicht essen sollte. Wenn man das Joghurt umrührt, schaut es genau so aus wie zuvor. Leider wird das Mindesthaltbarkeitsdatum oft als Dogma aufgefasst – und als Ablaufdatum, das es im Übrigen gar nicht gibt.

Wie viele der weggeworfenen Lebensmittel kommen erst gar nicht zum Konsumenten, weil sie schon im Supermarkt entsorgt werden?

Wir haben untersucht, wie viel eine Filiale an Lebensmittelabfällen produziert. Darunter waren zum beschädigte Überverpackung oder Gemüse- und Obstnetze, wo nur einzelne Stücke verdorben oder geplatzt waren. Wir kamen auf 13,5 Tonnen jährlich pro Supermarktfiliale, das sind 45 Kilogramm täglich. Darin sind Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, gar nicht enthalten. Genauso wenig wie Getränke und Brot, das man meist wieder an die Bäckereien zurückschickt, wenn es nicht verkauft wird.

Was können Supermärkte tun, damit sie Lebensmittelabfälle verringern?

In gewisser Weise hat bereits ein Umdenken stattgefunden. So hatte vor ein paar Jahren kaum noch ein Supermarkt Regale mit reduzierten Waren, die beispielsweise leicht beschädigte sind oder das Mindesthaltbarkeitsdatum überschreiten. Heute fehlt das in keinem Geschäft. Das ist eine gute Entwicklung, aber es gäbe noch Bewusstseinsbildungsbedarf innerhalb der Unternehmen. Es fängt schon damit an, dass Filialmitarbeiter eingelernte Tätigkeiten hinterfragen sollten. Zum Beispiel wenn sie seit Jahren beim Bäcker täglich die gleiche Menge an Semmeln bestellen, obwohl allabendlich derselbe Anteil wieder zurückgeht.

Wie könnte man das Angebot im Supermarkt so gestalten, dass weniger Lebensmittel übrigbleiben?

Es müssen Anreize geschaffen werden, weniger zu kaufen. Geschäfte in Großbritannien bieten beispielsweise eine Art zeitversetzten Mengenrabatt an: Man kauft ein Produkt und bekommt für ein zweites einen Gutschein, der später eingelöst werden kann. Oder die 50 Prozent Aktion gilt auch schon, wenn man nur ein Stück erwirbt.. Solche Aktionen erhöhen auch die Kundenbindung.

Stattdessen werben Supermärkte mit frischem Gemüse und Gebäck noch kurz vor Ladenschluss.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Lebensmittel ständig verfügbar sind und alle unserer ästhetischen Kriterien erfüllen. Meiner Meinung nach wird zu viel Wert auf Makellosigkeit der Produkte gelegt. Nur weil eine Ware schön ausschaut, muss sie nicht besser schmecken und hochwertig sein. Große Kartoffeln sind nicht schlechter als kleine. Käse aus dem Supermarkt wird erst richtig gut, wenn er das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat – Brie beispielsweise ist direkt nach dem Kauf noch hart, er muss erst reifen und rinnen. Das Gespür für Lebensmittel ist vielen Menschen abhanden gekommen.

Wie können wir es zurückgewinnen?

Was den Einkauf angeht, sollte man realistisch abschätzen, welche Lebensmittel man überhaupt benötigt. Sehr oft wissen die Leute nicht, welchen Vorrat sie zuhause haben. Hier muss man besser planen, Einkaufszettel schreiben und sich auch daran halten – und nicht später erst recht alle Sonderangebote in den Einkaufswagen legen. Und was die Lebensmittelqualität angeht, sollten die Leute wieder ihren Sinnen mehr vertrauen.

Erschienen im Falter Ressort Stadtleben 46/11

Was kostet meine Leistung?

Einkommenserwartungen sind von vielen Faktoren abhängig – Geschlecht und Art des Abschlusses sind die wichtigsten Kriterien

Text: Nina Brnada

Wie viel darf ich verlangen, was ist meine Arbeit wert? Wenn sie in den Job einsteigen, erwarten österreichische Hochschüler im Schnitt nicht mehr als 30.000 Euro Bruttojahreseinkommen, das sind rund 2100 Euro pro Monat.

Diese Einkommensvorstellungen wirken bescheiden und zurückhaltend im Vergleich mit denen ihrer internationalen Kommilitonen, die meist weit höhere

Gehaltserwartungen haben. Hochschüler aus der Schweiz etwa rechnen im Schnitt mit 55.000 Euro jährlich, Dänen mit rund 50.000 Euro und Norweger 45.000 Euro. Polnische Jungakademiker hoffen auf zirka 10.000 Euro, Italiener immerhin auf rund doppelt so viel.

Diese Zahlen stammen aus der Gehaltsstudie von Universum, einem schwedischen Unternehmen, das sich mit Employer Branding, also Arbeitgebermarkenbildung beschäftigt und jährlich eine Liste der weltweit attraktivsten Arbeitgeber publiziert. Im Zuge der Untersuchung wurden Einkommenserwartungen von Studierenden aus insgesamt 16 verschiedenen Länder erhoben.Die geringsten Erwartungen unter allen erhobenen Ländern in der Untersuchung haben chinesische Studierende mit umgerechnet lediglich 5.000 Euro Einstiegsgehalt jährlich.

Ingenieure haben höchste Gehaltsvorstellungen

Die Studie hat nicht nur internationale Vergleiche gezogen, sondern speziell auch österreichische Verhältnisse untersucht. Dafür wurden die Gehaltsvorstellungen von insgesamt 5454 Studenten aus ganz Österreich per Online-Befragung erhoben. Mehr als die Hälfte der Befragten waren Studierende an Fachhochschulen, vor allem aus technischen Richtungen, Wirtschafts- und Naturwissenschaften.

Aus diesen drei Disziplinen haben Naturwissenschafter das geringste Wunschgehalt mit durchschnittlich 28.000 Euro brutto, gefolgt von den Ökonomen die sich im Vergleich dazu rund viertausend Euro mehr erhoffen. Überdurchschnittlich hohe Gehaltsvorstellungen haben Ingenieure und IT-Absolventen mit rund 34.000 Euro im Jahr.

Realistische Einschätzungen der Möglichkeiten

Die Jungakademiker dürften mit ihren Einschätzungen einigermaßen richtig liegen, geht aus dem Employer Branding Report von Career Services Austria hervor, einem Zusammenschluss der universitären Karriereservice-Einrichtungen. Darin heißt es, österreichische Studierende hätten durchaus realistische Gehaltserwartungen, die sich an tatsächlichen Arbeitsmarktchancen orientieren. So haben etwa graduierte Diplom-Ingenieure mit den höchsten Gehaltserwartungen auch tatsächlich die höchsten Einstiegsgehälter. Das erhob eine Studie namens „Update“: Vergleich der Einstellgehälter von AbsolventInnen 2011″ des „Forum Personal“ des Österreichischen Produktivitäts- und Wirtschaftlichkeits-Zentrums (ÖPWZ).

Universitätsabgänger technischer Studienrichtungen könnten ihr zufolge zu Beginn ihrer Karriere mit bis zu 2.700 Euro monatlich rechnen – mehr als Jungökonomen oder Juristen. Allerdings: Das von der Universum- Studie erhobene Wunschgehalt würden die Alumni technischer Studienrichtungen trotzdem nicht erreichen, denn das tatsächliche Gehalt ist um 300 Euro geringer.

Geschlecht spielt wichtige Rolle

Doch unterschiedliche Gehaltsvorstellungen sind nicht nur durch Studienrichtungen festgelegt, sondern auch durch Geschlechter. Laut der Universum-Studie erwarten männliche Befragte ein jährliches Einstiegsgehalt von durchschnittlich rund 35.000 Euro, ihre Kolleginnen hingegen begnügen sich mit siebentausend Euro weniger – das entspricht einer Differenz von 26 Prozent.

Dieser Unterschied hat mit dem Studienfach nichts zu tun. Selbst wenn männliche und weibliche Studierende aus der gleichen Disziplin bezüglich ihrer Wunschgehälter befragt werden, geben Frauen geringere Beträge an. Nur in einigen wenigen Fächern, wie beispielsweise Softwareentwicklung, gibt es keinerlei Unterschiede.

Doch nicht nur die Vorstellung vom Gehalt sind zwischen Männern und Frauen unterschiedlich – auch und vor allem klaffen die tatsächlichen Einkommen auseinander: Hochschulabgängerinnen würden trotz gleicher Abschlüsse und Qualifikationen rund 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen, sagt Bernhard Wundersam, Geschäftsführer von Uniport, des Karriereservices der Universität Wien. Und auch der Frauenbericht vom Vorjahr zeigt, dass Akademikerinnen zwar grundsätzlich im Vergleich zu anderen Frauengruppen mehr verdienen, gemessen an ihren männlichen Kollegen aber immer noch um ein Viertel weniger.

Frauen müssen mehr verhandeln

Die Gründe dafür liegen vor allem darin, dass Frauen schon zu Beginn ihrer Karriere die Höhe des Gehalts weniger verhandeln als Männer, sagt Bernhard Wundsam. Dadurch entstehen Nachteile, die sich im Job nur schwer wieder ausgleichen lassen.

Den Grund für die Bescheidenheit der Frauen sehen Sibylle Hamann und Eva Linsinger, Autorinnen des Buch „Schwarzbuch Männer/Weißbuch Frauen“ in der Unfähigkeit der Frauen, ihre eigenen Qualitäten richtig einzuschätzen und diese entsprechend zu verkaufen. „Nur emsig vor sich hin zu arbeiten und darauf zu warten, dass es schon irgendwann einmal auffallen wird – das ist eine der typischen Fallen, in die Frauen tappen“, heißt es im Buch.

Männer streben häufiger leitende Positionen an

Oft würden sich Frauen dazu bemüßigt fühlen, explizit zu betonen, wie wenig ihnen Gehalt, Titel und Statussymbole bedeuten. Die beiden Autorinnen sehen darin einen Teufelskreis: Frauen würden weniger leicht nach oben kommen. Und weil sie das wüssten und ungern enttäuscht werden, stellen sie weniger nachhaltige Forderungen – und werden davon erst recht beim Aufstieg gebremst. Die Ergebnisse der Universum-Studie sagen Ähnliches: Frauen gaben häufiger an, Wert auf Aspekte wie Jobsicherheit und Work-Life-Balance zu legen. Männer hingegen gaben an, eher leitende Positionen anzustreben. Männer beginnen ihre Karrieren offenbar mit viel mehr Vertrauen und dem Gefühl, zum Führen geboren zu sein.

Erschienen in derStandard.at am 3. November 2011

Von probieren und studieren

Nicht nur Wissen, auch seine Anwendung ist wichtig – Ein Lehrprogramm der Universität Klagenfurt zeigt Studenten, wie das geht.

Text: Nina Brnada

Alle machen Druck, sagt Raoul Jochum. Die Gesellschaft, die Medien, die Uni. „Man muss der Beste der Besten sein, ständig unbezahlte Praktika machen und fünf Sprachen beherrschen“, skizziert der 25-jährige Student die gängigen Anforderungen.

Der Frankfurter kam nach Wien, um Internationale Entwicklung zu studieren. Von Anfang an beschäftigte ihn die Frage, was nach dem Studium kommen soll und wie seine beruflichen Chancen stehen würden. Heute jedoch hat er keine Angst mehr, sagt er. Raoul sieht seiner Zukunft nun entspannt entgegen. Nicht jede

Entscheidung müsse absolut sein, meint er, nicht jeder Karriereweg linear, um erfolgreich zu sein. „Das habe ich jetzt erkannt.“

Sein neues Selbstvertrauen hat er, wie er sagt, einem Uni-Lehrgang zu verdanken. Jochum hat am zweisemestrigen Programm „Interdisziplinäre Kommunikation, Wissensnetzwerke und soziales Lernen“ teilgenommen. Es ist eine Art Wahlfachbündel, angeboten von der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung in Wien, einem Standort der Universität Klagenfurt. Damit sollen vor allem Studierende der geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Richtungen erreicht werden, sowohl an der Klagenfurter als auch der Wiener Universität.

Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Uni

Vergangenes Jahr nahmen 225 Personen an diesem Nischenprogramm teil. Das Angebot klingt anfänglich etwas kompliziert: Es versucht, auf interdisziplinärer Basis theoretische Sachkenntnis anhand von Projekten zu realisieren und diesen Prozess zu reflektieren. In diesem Lehrprogramm soll nicht nur Wissen erworben werden, sondern danach auch angewendet werden können, heißt es. Dies hier sei eine „Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Uni“ sagt Silvia Hellmer, die Gründerin des Lehrgangs.

Das Programm reagiert damit auf einen Arbeitsmarkt, der sich rasant verändert. Prozessorientiertes Know- How gewinnt immer mehr an Bedeutung, so Hellmer. Heute ist vernetztes Denken und Handeln gefragt, das Fach- und Sozialkompetenzen und lösungsorientierte Herangehensweisen erfordert. Dazu gehört vor allem Selbsteinschätzung, Kommunikation und soft skills.

Wenn der Student der Internationalen Entwicklung Raoul Jochum etwa ein Entwicklungshilfeprojekt durchziehen will, dann muss er seine Ziele präsentieren können, einen Sponsor finden, Sitzungen organisieren und die Dynamik einer Arbeitsgruppe verstehen. „Im Mosambik habe ich ein Praktikum gemacht“, erzählt er. „Dort habe ich anwenden können, was mir im Lehrgang beigebracht wurde. Zum Beispiel, mir Dinge so auszumachen, dass mich die Leute verstehen und dass die Zusammenarbeit funktioniert.“

Das Programm sei keine Jobvermittlung, sagt Lehrgangsgründerin Silvia Hellmer, „wir schreiben hier keine Bewerbungen und Lebensläufe.“ Stattdessen werde in Gesprächen erarbeitet, was die Studierenden beruflich wollen, wo sie stehen und was ihre Möglichkeiten sind – eine Selbsteinschätzung, die für den Berufsweg unabdinglich ist.

Die 56-Jährige hat für Ministerien und Forschungsinstitute gearbeitet und meint, dass Wissenschaft wirksam werden müsse. Das Programm, das Raoul Jochum absolviert hat, ist Nachfolger des EU-Projekts

„Universität und Arbeitsmarkt“, eines dreisemestrigen Lehrgangs, der vor sechs Jahren auslief.

Projektmanagement statt Theorie

Dieses absolvierte Gudrun Ratzinger. Schon vor Jahren hat sie ihr Studium beendet. „Auf der Uni haben wir damals zwar sehr vieles gelernt“, sagt sie. „Aber uns fehlte der praktische Zugang zu den Dingen.“ Ihr Projekt im Rahmen des Lehrgangs war damals, gemeinsam mit zwei Kolleginnen eine Ausstellung zum Thema Urlaubsfotografie zu organisieren. Diese praktische Arbeit unterschied sich stark vom sonstigen Kunstgeschichtestudium der heute 35-Jährigen. Zur Ausstellungsorganisation kam die ständige Reflexion sämtlicher zwischenmenschlicher Prozesse, die bei der Arbeit bestimmend waren. Abgesehen davon ging es auch darum handfeste Aufgaben, wie etwa Sponsorengelder zu organisieren. „Das war eine neue Erfahrung.“

Heute hat sie einen der wenigen und heiß begehrten Jobs im Kulturbereich. Ratzinger arbeitet als Assistentin des Geschäftsführers im Wien Museum am Karlsplatz. „In meinem Bereich ist Projektmanagement sehr wichtig. Ich habe im Lehrgang gelernt zu präsentieren und zu moderieren, das hat mir sehr geholfen.“ Gudrun Ratzinger hat ihren derzeitigen Job über Umwege ebenfalls über den Lehrgang bekommen.

Raoul Jochum ist noch nicht ganz so weit wie Ratzinger. Gerade erst hat er in Wien seinen Bachelor in Internationaler Entwicklung absolviert, einen fixen Job hat er vorläufig noch nicht. Stattdessen macht er seinen Master in International Administration and Global Governance an der Universität Göteborg in Schweden. „Ich habe ja noch Zeit“, sagt der Auslandsstudent entspannt. „Über die Zeit danach, mach ich mir noch keine Sorgen.“

Erschienen in derStandard.at  am 27. Oktober