„Den eigenen Sinnen mehr vertrauen“

von Nina Brnada

Gespräch mit Abfallforscherin Felicitas Schneider über Haltbarkeitsdaten, geplatztes Obst und zeitversetzten Mengenrabatt 

Text: Nina Brnada

Mehr als die Hälfte aller Lebensmittel landet im Müll, heißt es im Dokumentarfilm „Taste the waste“, der seit 11. November in den heimischen Kinos läuft. Von Bananenplantagen über Supermarktregale bis zu Müllräumen zeigt der Film in eindrucksvollen Bildern den globalen Kreislauf von Landwirtschaft, Handel und Konsum – und die enormen Massen an Lebensmittel, die niemals verzehrt werden, sondern direkt in der Tonne landen.

Felicitas Schneider forscht an der BOKU Wien und analysiert für ihren Job Abfälle. Dem Film diente sie als Auskunftsperson und Interviewpartnerin. Der Falter sprach mit ihr über Supermarktketten, Rabattaktionen und Einkaufszettel.

Frau Schneider, im Film heisst es, die Hälfte aller Lebensmittel landet im Müll. Wie kommt es dazu?

Ich würde diese Zahl nicht unterschreiben, das ist eine Maximalschätzung für die ganze Welt. In Österreich besteht Hausmüll jedenfalls zu sechs bis zwölf Prozent aus Lebensmitteln aller Art. Viele der Produkte sind noch genießbar und originalverpackt. Es handelt sich vor allem um Gemüse, Brot, Fleisch und Milchprodukte.

Wer schmeißt am meisten weg?

Laut unserer Studien wird am Land weniger weggeworfen als in der Stadt. Das kann man sich wohl damit erklären, dass Menschen am Land mehr Bezug zur Herstellung von Lebensmitteln haben. Auch schmeißen Ältere weniger weg als zum Beispiel junge Familien mit Kindern und Vollzeitbeschäftigte. Das Freizeitverhalten spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Die Leute sind im Allgemeinen viel unterwegs, gehen essen oder bestellen sich etwas, weil sie kein Lust auf Kochen haben – zuhause wird also nicht häufig gekocht, aber die Leute kaufen ein als ob. Und am Ende der Woche wird der Kühlschrank ausgeräumt und neu eingekauft.

Warum wird so viel weggeworfen?

Es gibt sicherlich viele Gründe, einer davon ist aber die Angst vor verdorbener Ware. Verschiedene Lebensmittelskandale haben die Konsumenten verunsichert. Der springende Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass der Kunde dabei nie die Gefahr mit eigenen Sinne erkennen konnte – Salmonellen etwa kann man nicht sehen. Aus dieser Verunsicherung resultiert ein starkes Sicherheitsbedürfnis. Die Menschen werfen deswegen lieber gleich alles weg. Viele trauen sich nicht einschätzen und halten sich streng an das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Soll man das denn nicht?

Ein Produkt ist nicht automatisch schlecht, nur weil es das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. „Mindestens haltbar bis“ bedeutet lediglich, dass der Hersteller die spezifischen Eigenschaften des Produkts garantiert. Also zum Beispiel, dass Schokolade keinen hellen Anflug hat oder sich beim Joghurt die Molke nicht absetzt – all das bedeutet jedoch nicht, dass man die Sachen nicht essen sollte. Wenn man das Joghurt umrührt, schaut es genau so aus wie zuvor. Leider wird das Mindesthaltbarkeitsdatum oft als Dogma aufgefasst – und als Ablaufdatum, das es im Übrigen gar nicht gibt.

Wie viele der weggeworfenen Lebensmittel kommen erst gar nicht zum Konsumenten, weil sie schon im Supermarkt entsorgt werden?

Wir haben untersucht, wie viel eine Filiale an Lebensmittelabfällen produziert. Darunter waren zum beschädigte Überverpackung oder Gemüse- und Obstnetze, wo nur einzelne Stücke verdorben oder geplatzt waren. Wir kamen auf 13,5 Tonnen jährlich pro Supermarktfiliale, das sind 45 Kilogramm täglich. Darin sind Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, gar nicht enthalten. Genauso wenig wie Getränke und Brot, das man meist wieder an die Bäckereien zurückschickt, wenn es nicht verkauft wird.

Was können Supermärkte tun, damit sie Lebensmittelabfälle verringern?

In gewisser Weise hat bereits ein Umdenken stattgefunden. So hatte vor ein paar Jahren kaum noch ein Supermarkt Regale mit reduzierten Waren, die beispielsweise leicht beschädigte sind oder das Mindesthaltbarkeitsdatum überschreiten. Heute fehlt das in keinem Geschäft. Das ist eine gute Entwicklung, aber es gäbe noch Bewusstseinsbildungsbedarf innerhalb der Unternehmen. Es fängt schon damit an, dass Filialmitarbeiter eingelernte Tätigkeiten hinterfragen sollten. Zum Beispiel wenn sie seit Jahren beim Bäcker täglich die gleiche Menge an Semmeln bestellen, obwohl allabendlich derselbe Anteil wieder zurückgeht.

Wie könnte man das Angebot im Supermarkt so gestalten, dass weniger Lebensmittel übrigbleiben?

Es müssen Anreize geschaffen werden, weniger zu kaufen. Geschäfte in Großbritannien bieten beispielsweise eine Art zeitversetzten Mengenrabatt an: Man kauft ein Produkt und bekommt für ein zweites einen Gutschein, der später eingelöst werden kann. Oder die 50 Prozent Aktion gilt auch schon, wenn man nur ein Stück erwirbt.. Solche Aktionen erhöhen auch die Kundenbindung.

Stattdessen werben Supermärkte mit frischem Gemüse und Gebäck noch kurz vor Ladenschluss.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Lebensmittel ständig verfügbar sind und alle unserer ästhetischen Kriterien erfüllen. Meiner Meinung nach wird zu viel Wert auf Makellosigkeit der Produkte gelegt. Nur weil eine Ware schön ausschaut, muss sie nicht besser schmecken und hochwertig sein. Große Kartoffeln sind nicht schlechter als kleine. Käse aus dem Supermarkt wird erst richtig gut, wenn er das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat – Brie beispielsweise ist direkt nach dem Kauf noch hart, er muss erst reifen und rinnen. Das Gespür für Lebensmittel ist vielen Menschen abhanden gekommen.

Wie können wir es zurückgewinnen?

Was den Einkauf angeht, sollte man realistisch abschätzen, welche Lebensmittel man überhaupt benötigt. Sehr oft wissen die Leute nicht, welchen Vorrat sie zuhause haben. Hier muss man besser planen, Einkaufszettel schreiben und sich auch daran halten – und nicht später erst recht alle Sonderangebote in den Einkaufswagen legen. Und was die Lebensmittelqualität angeht, sollten die Leute wieder ihren Sinnen mehr vertrauen.

Erschienen im Falter Ressort Stadtleben 46/11

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