Nichts gelernt

von Nina Brnada

Phillip, Rengin und Hatice sind Schulabbrecher und versuchen, ohne Wissen in der Wissensgesellschaft zu bestehen.

Text: Nina Brnada

Als Phillip das Handtuch warf und er die Hauptschule abbrach, dachte er, irgendwie werde er trotz dieses Mankos das Leben schon meistern. Wie viele Schüler hatte auch er Probleme in Mathematik und Englisch. Dazu noch die Hausaufgaben, das alles sei ihm damals zu viel geworden, erzählt er. Philipp ist jetzt 17 Jahre alt. In seinem Gesicht hat er noch Schrammen, wie sie Buben haben, vom Spielen und Raufen. Es sind die Spuren einer unbeschwerten Zeit, in der Scheitern noch nicht alltäglich war. Phillip trägt Sneakers, der Bund seiner Khakihose sitzt tief, seine Hände hat der Burgenländer in den Hosentaschen vergraben.

»Der Papa hat immer gesagt: ›Lern was‹«, erzählt der Junge in breitem Dialekt. Aber Phillip pfiff auf die Ratschläge, er hatte keine Lust auf Schule. Die zweite und die dritte Klasse musste er wiederholen. Die neunjährige Unterrichtspflicht, die in Österreich Gesetz ist, hatte er danach absolviert, der Staat war nun nicht mehr für seine Ausbildung verantwortlich. Der Bursche wurde zu einer Größe in einer Statistik, über die niemand gern spricht und die von keinem Volksbegehren thematisiert wird. Sie erzählt von den verlorenen Kindern der Bildungsgesellschaft. Niemand fühlt sich für sie verantwortlich. Niemand hat für sie ein Sicherheitsnetz gespannt. Sich selbst aus der Misere zu befreien gelingt nur wenigen.

Jeder neunte Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jahren gehöre in Österreich dieser Gruppe an, schätzt Mario Steiner, Bildungsexperte am Institut für Höhere Studien. Das sind bis zu 90.000 Minderleister, etwa so viel, wie die Einwohnerzahl von Klagenfurt beträgt. So genannte early school leavers, also frühe Schulabgänger, können weder Matura noch eine abgeschlossene Lehre und nur im besten Fall einen Hauptschulabschluss vorweisen. Die Wirtschaftskammer schätzt, dass jährlich etwa 10.000 Jugendliche nach dem Schulabgang durch alle Raster des Bildungssystems fallen. Meist sind es Kinder aus bildungsfernen Schichten, oft Migranten, Menschen ohne Wissen in einer Wissensgesellschaft, ohne Perspektiven, ohne Zukunftschancen.

In Eisenstadt, unweit des Schlosses Esterhazy, steht Phillip im Hof der Volkshochschule und zündet sich eine Chesterfield an. In dem einstöckigen barocken Bürgerhaus möchte er die Hauptschule nachholen, denn es hat eben nicht schon irgendwie geklappt. Überhaupt hat bisher vieles nicht funktioniert. Das will er nun ändern.

Schulabbrecher wie Phillip pauken hier an fünf Tagen in der Woche den Stoff der Hauptschule nach. Im ersten Stock steht heute Biologie auf dem Stundenplan. In dem kleinen Raum sitzen die Schüler dicht gedrängt nebeneinander. Es sind hauptsächlich Männer, quer durch alle Altersschichten. Manche sind wie Phillip Schulabbrecher, andere Zuwanderer, die in ihrer alten Heimat keine richtige Schulbildung erhalten hatten. Manche wirken verzweifelt und entnervt. Leicht ist es für keinen hier, aber die einzige Chance, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Phillip wollte immer Automechaniker werden. Er sei zwar nicht gut in Mathematik oder Englisch – aber an Autos herumschrauben, das könne er. Davon war er überzeugt. Ein Hauptschulabschluss ist für einen Lehrplatz zwar keine Voraussetzung, doch ohne ihn stünden die Chancen »wahnsinnig schlecht«, in einer Ausbildungsstätte unterzukommen, sagt Gerda Challupner, Leiterin des Wiener Arbeitsmarktservice für Jugendliche. »Die Betriebe bauen auf dem Wissen auf, das in der Hauptschule vermittelt wurde.«

Lange Zeit hatte Phillip weder Geld noch eine Aufgabe in seinem Leben. Er hing zu Hause herum und schrieb Bewerbungen – immer erfolglos. Er opferte die kleinen Schätze, die sich im Laufe seiner Kindheit angehäuft hatten, um das Taschengeld aufzubessern. Die goldene Philharmoniker-Münze, die ihm einmal die Oma geschenkt hatte, verscherbelte er ebenso wie die heißgeliebte Playstation. Die Tristesse und die schwierigen Lebensumstände »ziehen einen schon runter«, sagt Phillip: »Man ist nur down.«

Schulabbruch passiere nicht über Nacht, sagt Erna Nairz-Wirth, Leiterin der Abteilung Bildungswissenschaft an der Wiener Wirtschaftsuniversität. Es sei eine Entwicklung in kleinen Schritten, die häufig mit Schulschwänzen einhergehe. Doch anstatt die Schüler bei zu vielen Fehlstunden einfach abzuschreiben, schlägt Nairz-Wirth die Einführung eines Frühwarnsystems vor. Das solle etwa zeigen, in welchen Fächern und bei welchen Lehrern Schüler am häufigsten fern bleiben. Dann könnte man gezielt gegensteuern.

Die Expertin erstaunt es nicht, dass sich ausgerechnet jemand wie Phillip im Bildungssystem nicht behaupten kann. Denn Bildung wird in Österreich vererbt. Phillips Mutter ist Fabrikarbeiterin, sein Vater sitzt in einer Garage an der Kasse. »Jugendliche, deren Eltern es zu keinem höheren Bildungsabschluss gebracht haben, sind bei Schulabbrechern deutlich überrepräsentiert«, sagt Nairz-Wirth. Nahezu jedes zweite Kind aus einem Akademikerhaushalt absolviert ein Studium, aus einer Arbeiterfamilie nur jedes zehnte. Noch schwerer haben es nur Migranten.

So wie Phillips Freund Rengin. Der 19-Jährige mit den schwarzen Haaren und dem violetten Hemd ist türkischstämmig. Auch er hat keinen Hauptschulabschluss und möchte ihn nun an der Volkshochschule nachholen. Seine Eltern kamen vor über zwanzig Jahren als Gastarbeiter aus Zentralanatolien nach Österreich. Er war das erste von acht Kindern, die außerhalb der Türkei geboren wurden. Drei davon starben früh. Entbehrung und Arbeit prägen den Alltag der Familie. Der Vater ist Maurer, die Mutter geht putzen. Der Ausbildung der Kinder wird nur wenig Beachtung geschenkt.

Mit 15 brach Rengin die Schule ab und schuftete zwei Jahre lang auf dem Bau. Als ungelernter Hilfsarbeiter verrichtete er harte Arbeit für monatlich 1.100 Euro. »Du machst dort Sachen, die keiner sonst machen will«, erzählt er. »Du hast keine Chance. Du bist niedriger als der Lehrling und wirst es immer bleiben.« Diesmal wolle er es nicht wieder vermasseln, sagt Rengin. Er erzählt, wie schwer es früher im Unterricht gewesen sei. Die Familie sei oft umgezogen, der Sohn habe ständig die Schule wechseln müssen. Immer wieder blieb er sitzen, bis er eines Tages alles hinwarf.

Hatice hingegen ist niemals sitzen geblieben. Die 17-Jährige ist immer brav zur Schule gegangen, hat nie geschwänzt und auch den Hauptschulabschluss in der Tasche. Doch einen Lehrabschluss oder eine Ausbildung hat sie nicht.

Zwei Lehren begann sie, Zahnarztassistentin und Hotelfachfrau, beide brach sie ab. Danach besuchte sie AMS-Kurse und hängt hauptsächlich zu Hause herum. Die beiden Lehren waren »urschwer«, und mit den Kollegen habe sie sich nicht verstanden, sagt sie. Hatice sitzt im Erdgeschoss eines Zinshauses in Wien-Brigittenau und raucht Phillip Morris. Hier im Innenhof ist der städtische Jugendtreff backbone untergebracht. Vor der Eingangstür steht eine ausrangierte Couch, und wenn die Sonne scheint, sitzen die Sozialarbeiter mit den Kids draußen. Es ist ein Treffpunkt für Jugendliche aus der Nachbarschaft, viele befinden sich in einer ähnlichen Lage wie Hatice – ohne Job, Ausbildung oder Perspektiven.

Auch Hatice stammt aus einer türkischen Familie. In den Jugendtreff zu kommen gehört zu ihren wenigen Freiheiten. Sie erzählt von ihrem Leben und davon, dass ihr Vater nicht wisse, dass sie einen Freund hat. Sie erzählt, was einem türkisches Mädchen erlaubt ist, und das ist nicht viel.

Für jemanden wie Hatice, die mehr als andere ihre persönlichen Freiheiten ausloten muss, bleibt wenig Zeit herauszufinden, wo die eigenen Interessen und Stärken liegen. Danach gefragt, zählt sie scheinbar wahllos auf – es scheint kaum etwas zu geben, das sie sich nicht als Beruf vorstellen kann: Floristin, Gärtnerin, Verkäuferin. Wenn sie nervös wird, streicht sie über ihre langen, braunen Haare. Sie trägt ein royalblaues T-Shirt, der Kajalstrich um die braunen Augen passt zu ihrem Outfit. »Am liebsten style ich«, sagt sie. Schminken, Augenbrauen zupfen und Pickel wegzaubern habe sie im kleinen Finger. Aber als Stylistin oder Frisörin zu arbeiten kann sie sich nicht vorstellen. »Das ist nur ein Hobby«, meint sie. Vielleicht scheint ihr das, was sie kann, nicht wertvoll genug, um auch als berufliche Grundlage zu dienen. Vielleicht hat sie Angst, bei der einzigen Sache, von der sie sicher ist, sie zu beherrschen, zu versagen.

Auch Hatice läuft Gefahr, durch alle Raster zu fallen – trotz Hauptschulabschluss. Wie Phillip und Rengin wirkt sie resigniert. Ihr Lebensgefühl oszilliert zwischen Verzweiflung und Abstumpfung.

Tugba Uslu, die Sozialarbeiterin in Hatices Jugendtreff backbone, arbeitet seit drei Jahren hier. Auch sie ist türkischstämmig und kennt die Jugendlichen und ihre Probleme gut. Hatice nennt die 33-Jährige liebevoll ihre »zweite Mutter«.

»Diese jungen Menschen«, sagt Uslu, »erleben so viele Frustrationen, selbst für einen Erwachsene wäre das schwer zu ertragen.« Die meisten seien keine »Draufgängertypen«, weder faul noch untätig, jedoch gebrochen und verängstigt. »Es fängt ja schon bei Stellenausschreibungen an«, sagt Uslu. »Gerade, dass für einen Job als Putzfrau keine Matura verlangt wird.« Eine tiefe Bildungskluft trenne ihre Schützlinge von den Erfordernissen der modernen Welt. »Die Jugendlichen wissen ganz genau, wo sie stehen«, sagt Uslu. »Wenn sie merken, was heutzutage alles verlangt wird, kriegen sie es mit der Angst zu tun.«

Man müsse alles unternehmen, damit gefährdete Schüler erst gar nicht aus dem System fallen, ist Erna Nairz-Wirth überzeugt. Dafür müsse Geld gezielt zur Verfügung gestellt werden. »Es wäre eine lohnende Investition«, sagt die Expertin. »Denn jeder Euro, der in die Prävention gesteckt wird, spart bis zu 14 Euro bei der Intervention.« Es bräuchte mehr Personal, intensivere Betreuung und koordinierte Fördermaßnahmen in kleineren Gruppen und mit mehr Lehrpersonal, damit keiner auf der Strecke bleibe. »Das erforderliche Geld wäre da«, sagt Michael Landertshammer von der Wirtschaftskammer. »Aber derzeit steckt es in der Schulverwaltung. Man müsste es stattdessen in den Schulbetrieb investieren.«

Phillip hat sein Leben inzwischen selbst in die Hand genommen. Er wirkt abgeklärt und fokussiert. »Er erledigt alles pünktlich, und wir sind sehr zufrieden mit ihm«, sagt seine Betreuerin in der Volkshochschule. Auch die Prüfungen bestehe er. Phillips Freund Rengin sieht seine Zukunft ebenfalls optimistisch: »Du fällst runter und runter«, sagt der Jugendliche. »Aber irgendwann musst du aufstehen, damit du weitermachen kannst.«

Erschienen in DIE ZEIT 47/2011

Advertisements