Von probieren und studieren

von Nina Brnada

Nicht nur Wissen, auch seine Anwendung ist wichtig – Ein Lehrprogramm der Universität Klagenfurt zeigt Studenten, wie das geht.

Text: Nina Brnada

Alle machen Druck, sagt Raoul Jochum. Die Gesellschaft, die Medien, die Uni. „Man muss der Beste der Besten sein, ständig unbezahlte Praktika machen und fünf Sprachen beherrschen“, skizziert der 25-jährige Student die gängigen Anforderungen.

Der Frankfurter kam nach Wien, um Internationale Entwicklung zu studieren. Von Anfang an beschäftigte ihn die Frage, was nach dem Studium kommen soll und wie seine beruflichen Chancen stehen würden. Heute jedoch hat er keine Angst mehr, sagt er. Raoul sieht seiner Zukunft nun entspannt entgegen. Nicht jede

Entscheidung müsse absolut sein, meint er, nicht jeder Karriereweg linear, um erfolgreich zu sein. „Das habe ich jetzt erkannt.“

Sein neues Selbstvertrauen hat er, wie er sagt, einem Uni-Lehrgang zu verdanken. Jochum hat am zweisemestrigen Programm „Interdisziplinäre Kommunikation, Wissensnetzwerke und soziales Lernen“ teilgenommen. Es ist eine Art Wahlfachbündel, angeboten von der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung in Wien, einem Standort der Universität Klagenfurt. Damit sollen vor allem Studierende der geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Richtungen erreicht werden, sowohl an der Klagenfurter als auch der Wiener Universität.

Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Uni

Vergangenes Jahr nahmen 225 Personen an diesem Nischenprogramm teil. Das Angebot klingt anfänglich etwas kompliziert: Es versucht, auf interdisziplinärer Basis theoretische Sachkenntnis anhand von Projekten zu realisieren und diesen Prozess zu reflektieren. In diesem Lehrprogramm soll nicht nur Wissen erworben werden, sondern danach auch angewendet werden können, heißt es. Dies hier sei eine „Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Uni“ sagt Silvia Hellmer, die Gründerin des Lehrgangs.

Das Programm reagiert damit auf einen Arbeitsmarkt, der sich rasant verändert. Prozessorientiertes Know- How gewinnt immer mehr an Bedeutung, so Hellmer. Heute ist vernetztes Denken und Handeln gefragt, das Fach- und Sozialkompetenzen und lösungsorientierte Herangehensweisen erfordert. Dazu gehört vor allem Selbsteinschätzung, Kommunikation und soft skills.

Wenn der Student der Internationalen Entwicklung Raoul Jochum etwa ein Entwicklungshilfeprojekt durchziehen will, dann muss er seine Ziele präsentieren können, einen Sponsor finden, Sitzungen organisieren und die Dynamik einer Arbeitsgruppe verstehen. „Im Mosambik habe ich ein Praktikum gemacht“, erzählt er. „Dort habe ich anwenden können, was mir im Lehrgang beigebracht wurde. Zum Beispiel, mir Dinge so auszumachen, dass mich die Leute verstehen und dass die Zusammenarbeit funktioniert.“

Das Programm sei keine Jobvermittlung, sagt Lehrgangsgründerin Silvia Hellmer, „wir schreiben hier keine Bewerbungen und Lebensläufe.“ Stattdessen werde in Gesprächen erarbeitet, was die Studierenden beruflich wollen, wo sie stehen und was ihre Möglichkeiten sind – eine Selbsteinschätzung, die für den Berufsweg unabdinglich ist.

Die 56-Jährige hat für Ministerien und Forschungsinstitute gearbeitet und meint, dass Wissenschaft wirksam werden müsse. Das Programm, das Raoul Jochum absolviert hat, ist Nachfolger des EU-Projekts

„Universität und Arbeitsmarkt“, eines dreisemestrigen Lehrgangs, der vor sechs Jahren auslief.

Projektmanagement statt Theorie

Dieses absolvierte Gudrun Ratzinger. Schon vor Jahren hat sie ihr Studium beendet. „Auf der Uni haben wir damals zwar sehr vieles gelernt“, sagt sie. „Aber uns fehlte der praktische Zugang zu den Dingen.“ Ihr Projekt im Rahmen des Lehrgangs war damals, gemeinsam mit zwei Kolleginnen eine Ausstellung zum Thema Urlaubsfotografie zu organisieren. Diese praktische Arbeit unterschied sich stark vom sonstigen Kunstgeschichtestudium der heute 35-Jährigen. Zur Ausstellungsorganisation kam die ständige Reflexion sämtlicher zwischenmenschlicher Prozesse, die bei der Arbeit bestimmend waren. Abgesehen davon ging es auch darum handfeste Aufgaben, wie etwa Sponsorengelder zu organisieren. „Das war eine neue Erfahrung.“

Heute hat sie einen der wenigen und heiß begehrten Jobs im Kulturbereich. Ratzinger arbeitet als Assistentin des Geschäftsführers im Wien Museum am Karlsplatz. „In meinem Bereich ist Projektmanagement sehr wichtig. Ich habe im Lehrgang gelernt zu präsentieren und zu moderieren, das hat mir sehr geholfen.“ Gudrun Ratzinger hat ihren derzeitigen Job über Umwege ebenfalls über den Lehrgang bekommen.

Raoul Jochum ist noch nicht ganz so weit wie Ratzinger. Gerade erst hat er in Wien seinen Bachelor in Internationaler Entwicklung absolviert, einen fixen Job hat er vorläufig noch nicht. Stattdessen macht er seinen Master in International Administration and Global Governance an der Universität Göteborg in Schweden. „Ich habe ja noch Zeit“, sagt der Auslandsstudent entspannt. „Über die Zeit danach, mach ich mir noch keine Sorgen.“

Erschienen in derStandard.at  am 27. Oktober

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