Marienvision im Stephansdom

von Nina Brnada

Ein Seher aus dem herzegowinischen Medjugorje spricht mit der Jungfrau Maria – 5000 Leute schauen dabei zu

Auf einmal wird es ganz still im Stephansdom. Gerade beteten die Messbesucher noch gemeinsam, jetzt blicken alle gebannt auf den Mann, der vor dem Altar kniet und die Arme weit ausgebreitet hat. Ivan Dragicevic, 46, starrt schräg zur Decke und bewegt seine Lippen, doch seinem Mund entweicht kein Ton. Glaubt man ihm, so findet genau in diesem Moment, mitten in der Wiener Innenstadt, eine Begegnung der ungewöhnlichen Art statt: Die Jungfrau Maria höchstpersönlich soll Dragicevic gerade erscheinen.

Der Mann mit den ausnehmenden Geheimratsecken trägt Anzug und Krawatte, ähnelt ein wenig Don Corleone, ein wenig Michail Gorbatschow. Würde man ihn auf der Straße treffen, er fiele nicht weiter auf, aber „die Mutter Gottes wählt nicht immer die Besten aus“, scherzt er über sich selbst. Ivan Dragicevic gibt vor, seit nahezu 30 Jahren täglich mit Maria, Jesu Mutter, zu sprechen.

Es war im Jahr 1981 in Medjugorje, einer kroatischen Ortschaft in Bosnien-Herzegowina, unweit der Stadt Mostar. Dort soll die Madonna sechs Jugendlichen erschienen sein, auch Dragicevic. Obwohl das dem Regime des sozialistischen Jugoslawien so gar nicht passte, wurde aus dem 1400-Seelen-Ort in der herzegowinischen Provinz bald einer der größten Pilgerorte Europas.

Im Wiener Stephansdom hat sich hinter Dragicevic eine Menschenmasse versammelt – rund 5000 Besucher sind gekommen. In seiner Rede spart der Herzegowiner heikle Themen wie Frauenpriesterschaft oder Missbrauchsvorwürfe aus, stattdessen spricht er über Gebet und Eucharistie. Die Jungfrau habe blaue Augen und einen grauen Schleier, sagt er, und wenn sie ihm erscheine, rufe sie zu Friede und Verständigung auf.

Der Dom ist gesteckt voll, obwohl die Veranstaltung volle vier Stunden dauert. Dicht gedrängt stehen die Menschen beieinander, Stehplätze sind rar, Sitzgelegenheiten ausnahmslos besetzt. Kroaten und Österreicher, Alte und sehr viele Junge haben sich versammelt, Geistliche, selbst verschleierte Musliminnen. Manche sitzen, eingepackt gegen die Kälte in der Kirche in Campingsesseln, die sie sich von zu Hause mitgenommen haben. Austrittsrekorde und Aufrufe zum Ungehorsam, so etwas scheint weit weg, wenn Ivan Dragicevic auf Besuch kommt.

Medjugorje ist heute eine Marke. Radio, Fernsehstationen und Internetportale verbreiten die Botschaft der selbsternannten Seher. Dennoch hat der Vatikan das Dorf nicht als Ort von Marienerscheinungen anerkannt. Selbst Bischof Ratko Peric, der für Medjugorje zuständig ist, ist ein scharfer Kritiker der angeblichen Erscheinungen. Peric kritisierte vergangenes Jahr auch den Wiener Erzbischof Christoph Schönborn, weil er in Medjugorje öffentlich aufgetreten war. Zwar war es als privater Besuch deklariert, doch Schönborn hatte eine Seherin getroffen und Reden gehalten.

Heute ist der Erzbischof wieder vor Ort. Er zieht mit 79 Männern in weißen Soutanen in den Stephansdom ein, nachdem die Vision von Ivan Dragicevic zu Ende ist. Jeder will ein bisschen vom Medjugorje-Hype profitieren. Auch ein sechsköpfiges TV-Team aus Italien ist da, das für den Berlusconi-Sender Canal 5 die Geschehnisse aus nächster Nähe filmt und kommentiert.

Morgen wird das TV-Team Ivan Dragicevic erneut treffen. Dann wird er wieder seine Vision empfangen. Diesmal in einem Sportzentrum in Vicenza, Italien.

Erschienen im Falter Ressort Stadtleben 47/11

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