„Die Muttersprache zu verbieten, ist unwürdig!“

von Nina Brnada

Früher dachte man, Mehrsprachigkeit sei schädlich. Heute ist man weiter. Ein Gespräch mit Rudolf de Cillia. 

Von Nina Brnada

In Österreich leben sehr viele bilinguale Menschen. Ihre Sprachkompetenzen werden oft als Gefahr gesehen, warum nicht als Potenzial?

Einerseits schlagen Teile der Politik immer wieder politisches Kleingeld aus der Angst vor Fremden. Andererseits gibt es den so genannten monolingualen Habitus. Diesem zufolge ist Einsprachigkeit der natürliche Zustand des Menschen. Die Wissenschaft hat dieses Konzept in den vergangenen Jahrzehnten zwar verworfen, in der Pädagogik hat es sich jedoch hartnäckig gehalten.

Was hatte diese Vorstellung für Folgen?

Alles, was von der Einsprachigkeit abweicht, wird als unna- türlich klassifiziert. Noch in den Sechzigerjahren war es unter führenden Sprachwissenschaftlern die vorherrschende Lehrmeinung, dass Mehrsprachigkeit moralische Verderbnis, geistige Mittelmäßigkeit und Trägheit verursache. In Europa hat man versucht, Nationalsprachen als Standardsprachen einzuführen, das ist vor allem auf die Idee der Nation aus dem 19. Jahrhundert zurückzuführen. Damals wurden Abweichungen von der Nationalsprache systematisch verdrängt.

Zum Beispiel?

In Frankreich etwa wurde das Französische sehr forciert, während andere Sprachen wie die bretonische unterdrückt wurden. In den Schulen hingen Schilder an den Wänden: „Auf den Boden spucken und bretonisch sprechen verboten“. Schülern, die bretonisch sprachen, wurden Eselsohren auf- gesetzt, und es wurde ihnen manchmal sogar in den Mund gespuckt.

Heute wird Kindern immer noch verboten, in ihrer Muttersprache zu sprechen. Im Elisabethinum, einer katholischen Privatschule im Salzburger St. Johann, dürfen Schüler ihrer Muttersprache nicht verwenden, nicht einmal in Privatgesprächen während der Pausen.

Jemandem zu verbieten, seine Muttersprache zu sprechen: Diese Unsensibilität und Respektlosigkeit muss man sich ein- mal vorstellen! Aber das Recht auf die Muttersprache ist auch in anderen Bereichen bedroht: zum Beispiel, wenn für den Familiennachzug das so genannte Sprachniveau A1 Vor- aussetzung ist, also Grundkenntnisse der deutschen Sprache nachgewiesen werden müssen. Es muss möglich sein, die Sprache des Gastlandes ohne Zwang zu lernen. So wie etwa in Kanada, wo es einerseits ein breites Angebot an Gratis- Sprachkursen gibt und andererseits lebendige „community languages“.

Wo noch sehen Sie in Österreich das Recht auf Sprache gefährdet?

Etwa wenn es um autochtonen Minderheiten in Österreich geht. Jahrzehntelang wurde ihnen das Recht auf die Amtsprache oder zweisprachige Ortstafeln nur halbherzig gewährt oder ganz verwehrt. Im Burgenland wurden die zweisprachigen Ortstafeln erst im Jahr 2000 aufgestellt – 45 Jahre nach dem Staatsvertrag, in dem das Recht darauf festgeschrieben wurde. Die Umsetzung der Amtssprachenregelung ist zudem äußerst restriktiv und minderheitenfeindlich. Zum Beispiel müssten in zweisprachigen Gebieten die Beam- ten in Schulen und Ämtern zweisprachig sein. Darauf wird aber nicht viel Rücksicht genommen, in Südtirol hingegen sehr wohl. Dort kriegt niemand einen Posten, der nicht nachweisen kann, dass er die zweite Sprache beherrscht; oder gar die dritte, wenn es um jenes Gebiet geht, wo die Ladiner, eine romanischsprachige Ethnie, lebt. Diese Missachtung von Sprachenrechten in Österreich führt dazu, dass die Sprachminderheiten immer weiter schrumpfen.

Ist es nicht eine natürliche Entwicklung, dass diese in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen?

Nein. Die Zahl der Kärntner Slowenen ist seit dem Ende der Monarchie auf rund ein Fünftel zurückgegangen, jene der Ladiner in Südtirol hat sich hingegen verdoppelt. Das ist nur darauf zurückzuführen, dass die Ladiner im Vergleich zu den Slowenen gefördert werden, mit Wertschätzung und finanzieller Zuwendung. Bleibt dies aus, gibt es einen enormen Assimilationsdruck, so wie in Kärnten.

In Österreich sprechen Migranten der zweiten und dritten Generation oft immer noch schlecht deutsch. Warum?

Viele Kinder aus Migrantenfamilien haben keine entwickelten Sprachfähigkeiten – und zwar weder in ihrer Muttersprache noch in der deutschen. Das liegt vor allem auch daran, wie das Schulsystem auf diese Kinder reagiert: Stellen Sie sich vor, ein Kind mit serbokroatischer Muttersprache kommt in die Schule. Zuhause hat es nur die Muttersprache gesprochen, in der Schule wird es aber auf Deutsch literarisiert, das Serbokroatische wird in weiterer Folge überhaupt nicht mehr berücksichtigt. Da baut man also auf etwas, was kein richtiges Fundament ist. Sinnvollerweise müsste man beide Sprachen weiter entwickeln, damit sich die Sprachfähigkeit voll entwickelt.

Wieso genügt es nicht, dass Migrantenkinder einfach auf Deutsch eingeschult werden?

Mit jemandem mit nicht-deutscher Muttersprache, der Schreiben und Lesen auf Deutsch lernt, muss man anders umgehen als mit jemandem, dessen Muttersprache es ist. Dafür braucht es ei- gene, innovative Lehrkonzepte, Kreativität und Ausbildung der Lehrenden. Mangelnde Sprachfertigkeiten sind übrigens nicht nur ein Problem von Migrantenkindern.

Inwiefern?

Rund 300 000 bis 400 000 Personen in Österreich gelten als Analphabeten. Sie sind meist deutscher Muttersprache und wurden zwar auf deutsch literarisiert, funktioniert hat es aber nicht richtig. Das heißt, diese Menschen können entweder gar nicht oder nur rudimentär lesen uns schreiben.

Was kann das Schulsystem tun?

Der Kindergarten sollte gratis sein. Wir brauchen eine bessere Ausbildung für die dortigen Pädagoginnen und mehr mehrsprachige Kindergärtnerinnen. Sie sollten den Kindern zeigen, dass ihre Sprachen etwas gelten und ihnen Wertschätzung entgegenbringen, ihnen aber natürlich auch Deutsch beibringen. Abgesehen davon wäre für Migranten eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen besser. In dieser hätten sie länger Zeit, ihre Beherrschung der Bildungssprache Deutsch weiterzuentwickeln und dadurch leichteren Zugang zu höheren Schulen.

Ist es überhaupt möglich, zwei Sprachen gleichzeitig zu beherrschen?

Was heißt das schon: eine Sprache beherrschen? Sprache ist kein Selbstzweck, sie hat eine Funktion. Menschen beherrschen eine Sprache je nachdem, wofür man sie braucht. Nur Dolmetscher müssen beide Sprache möglichst perfekt beherrschen. Und Spione natürlich, damit sie nicht auffallen.

Rudolf de Cillia, geboren in Kärnten, ist Sprachwissenschaftler an der Universität Wien.

Erschienen in liga 2/2011

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