Karriere eines Verstoßenen

von Nina Brnada

In Österreich wurde Mouhanad Khorchide von Muslimen angefeindet. Jetzt erneuert er in Deutschland den Islam.

Text: Nina Brnada

Es gab eine Zeit, da war Mouhanad Khorchide ein Feindbild für seine muslimischen Glaubensbrüder. Sie nannten ihn einen Verräter und Nestbeschmutzer. Sie beschimpften ihn als Wichtigtuer und Karrieristen und sagten, er sei vom Glauben abgefallen. Das geschah in Österreich, wo er 20 Jahre seines Lebens verbrachte, wo er predigte, studierte und lehrte. Weil er keine Zukunft mehr sah, wanderte Khorchide nach Deutschland aus. Heute, fast zwei Jahre später, hat er noch nicht einmal ausgepackt. Er sitzt inmitten von Bücherstapeln und trinkt Marillensaft aus der Flasche. Der schwere Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft seines Büros – eines Stücks Orient im dauerverregneten Münster, in der westfälischen Stadt mit den vielen Radwegen. An der renommierten Universität hat es der 40-Jährige rasch zum angesehenen Professor für islamische Religionspädagogik gebracht. Nur Zeit zum Aufräumen hatte er bisher keine. »Ich bekomme täglich rund 70 Anfragen und bin ständig unterwegs«, sagt er.

Politiker, Medien und Wissenschaftler – Khorchide ist ihr Ansprechpartner, wenn es um den Islam geht. Sogar Papst Benedikt XVI.hat ihn getroffen, als er im Herbst vergangenen Jahres Deutschland besuchte. Millionen Fernsehzuschauer sahen, wie der alte Bayer dem jungen Araber die Hände reichte. Khorchide schlug in einer viel beachteten Rede eine Brücke von der Barmherzigkeit Allahs hin zur christlichen Nächstenliebe. In diesem Moment avancierte er zum Gesicht des Islams in Deutschland.

In Österreich hatten sich viele Muslime von dem kritischen Geist abgewandt; Funktionäre der Islamischen Glaubensgemeinschaft munkelten gar, er sei abgehoben, psychisch labil und arrogant. Hier verlor er kleine Lehraufträge. In Deutschland baut er heute ganze Studiengänge auf und wird als Koryphäe gefeiert. »Ich tue jetzt, was ich auch in Österreich gerne getan hätte«, sagt er. »Aber hier lässt man mich.« Sein Schicksal zeigt, wie es um den Islam in Österreich und Deutschland bestellt ist, wie mit Potenzialen in den eigenen Reihen umgegangen wird und wie der Staat die Entwicklung religiöser Gemeinschaften fördert – oder bestehende Machtstrukturen einzementiert.

Vom unbekannten Prediger zur Hoffnung des Islams in Europa

Khorchide ist ein besonnener Mann mit ruhiger Stimme und reduzierten Gesten. Sein Dreitagebart ist penibel gestutzt. Die dichten, schwarzen Haare sind mit reichlich Gel in Form gebracht. Der gebürtige Palästinenser spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Islams in Westeuropa. Denn einerseits bildet er an der Wilhelms-Universität in Münster Islamlehrer für deutsche Schulen aus. Andererseits hat er den Auftrag, das erste Curriculum für Islamische Theologie im deutschsprachigen Raum aus dem Boden zu stampfen. Die islamische Theologie auf deutschem Boden ist ein zartes Pflänzchen – und Khorchide der Gärtner.

Noch vor vier Jahren war er ein unbekannter Prediger in einer kleinen Moschee in Wien-Ottakring. Bis sich der Soziologiestudent in den Integrationsdebatten mit liberalen Positionen zu profilieren begann. Seine Dissertation mit dem Titel Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft sollte einen Wendepunkt bedeuten. Khorchide hatte für seine Arbeit 250 Islamlehrer Fragebögen zu den Themen Islam, Integration und Bildung ausfüllen lassen. Zwar wurde sein Werk im Jahr 2008 mit »sehr gut« beurteilt. Dennoch ließ Khorchide die Arbeit für die Öffentlichkeit sperren, weil die Ergebnisse politischen Zündstoff bargen: Fast ein Drittel der Befragten lehnte »rechtsstaatliche Prinzipien« ab, ein Fünftel die Demokratie. Nahezu 14 Prozent hielten die Teilnahme an Wahlen für unvereinbar mit dem Islam, 37 Prozent mangelte es an der theologischen, 41 Prozent an der pädagogischen Qualifikation für das Lehramt. Doch Khorchide hatte übersehen, dass ein Exemplar automatisch an die Nationalbibliothek gegangen war. Ein Redakteur der Stadtzeitung Falter entdeckte es und versetzte Politiker und Islamvertreter in helle Aufregung. Hurtig wurden Arbeitskreise gebildet: Nun mussten die Lehrer schriftlich bekunden, dass sie Demokratie und Rechtsstaat nicht ablehnen würden.

Für offizielle Muslimvertreter wurde Khorchide zur Persona non grata. Er habe eine schlimme Zeit durchgemacht, erzählt er. »Ich wollte Veränderungen, aber nie einen Skandal.« Heute will die Islamische Glaubensgemeinschaft keine Worte über den Verstoßenen verlieren. Man würde sich nicht über Ereignisse äußern, die vor der Amtszeit des neuen Präsidenten Fuat Sanac liegen, heißt es auf Anfrage. Unter dessen Vorgänger Anas Schakfeh war Khorchide nach der Dissertationsaffäre die Lehrerlaubnis entzogen worden. Die Studenten hätten ihm nicht mehr vertraut, so die Begründung damals.

Dabei gibt es viele, die der Glaubensgemeinschaft nicht trauen. Kritiker werfen ihr vor, nur einen Bruchteil der Muslime zu repräsentieren. An der Präsidentenwahl im vergangenen Jahr nahmen nur knapp vier Prozent der heimischen Muslime teil. Zudem teilen auch andere Querdenker das Schicksal Khorchides. Zum Beispiel wurde ein Religionslehrer aus Vorarlberg entlassen, nachdem er 2009 in einem kritischen Zeitungskommentar eine Reform des islamischen Religionsunterrichts gefordert hatte. Trotzdem schmückt sich das offizielle Österreich mit seinem angeblich außerordentlich guten Verhältnis zum Islam.

Es ist ein westeuropäisches Unikum, dass die österreichischen Behörden lediglich einen einzigen Ansprechpartner für alle islamischen Belange kennen: die Glaubensgemeinschaft. »Rein pragmatisch gesehen, ist das praktisch für den Staat«, sagt Khorchide. Allerdings würden sich die meisten Muslime nicht mit der Glaubensgemeinschaft identifizieren. Denn diese Institution ist nicht das Ergebnis von Verhandlungen der unterschiedlichen islamischen Gruppierungen, sondern geht auf eine administrative Maßnahme des Staates aus dem Jahr 1912 zurück, als zahlreiche Muslime durch die Annexion Bosnien-Herzegowinas zu Untertanen der Habsburgermonarchie wurden.

In Deutschland hingegen sieht sich der Staat mit mehreren islamischen Initiativen konfrontiert. Der Dialog mit ihnen nimmt den Gesetzgeber mehr in die Pflicht als in Österreich, wodurch sich ein größerer Einfluss auf die Entwicklung der Strukturen ergibt. Bei zahlreichen runden Tischen tauschen sich Vertreter des Islams intensiv mit den Behörden aus. Zum Beispiel, wenn es um die Lehrer für den Religionsunterricht geht. »Da werden fixe Kriterien festgelegt, wer unterrichten darf und auf welche Weise«, sagt Khorchide. Anders als in Österreich, wo der Befähigungsnachweis den Kirchen und Glaubensgemeinschaften überlassen wird. Der Staat bezahlt zwar für den Religionsunterricht, ansonsten werde dieser aber als innere Angelegenheit der Konfessionen betrachtet: »Die Behörden denken daher, das ginge sie nichts an«, bemängelt Khorchide. Daher würden in Österreich Leute als Islamlehrer eingesetzt, die weder Pädagogen noch Theologen seien – sondern lediglich Muslime. Das sei in Deutschland nicht möglich.

Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Ländern liege darin, dass sich in der deutschen Mittelschicht mehr Muslime fänden als in der österreichischen: »Als die ersten Gastarbeiter kamen, ist viel mehr Fachpersonal mit guter Bildung nach Deutschland gegangen, die Hilfsarbeiter jedoch kamen vornehmlich nach Österreich.« Khorchide selbst kam Anfang der neunziger Jahre als 18-Jähriger nach Wien, wo sein älterer Bruder bereits Medizin studierte. Visum für Deutschland hatte er keines bekommen. Aufgewachsen war er in Saudi-Arabien als Kind von Palästinensern, die im Libanon groß geworden und dann in den Golfstaat übersiedelten waren, weil der Vater dort Arbeit gefunden hatte.

Der europäische Sozialstaat führte bei dem Muslim zu einem Umdenken

In dem streng wahhabitischen Gottesstaat wurde zwar die Gleichheit aller Muslime gepredigt – doch tatsächlich waren Khorchide und seine Familie Menschen zweiter Klasse. »Als Ausländer durften wir zum Beispiel nicht zu den gleichen Ärzten wie die Saudis und hatten natürlich auch keine Krankenversicherung«, erzählt er. In Österreich hingegen »wurden wir genauso behandelt wie alle anderen, ich bekam sogar nach vier Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft, nachdem ich mein bisheriges Leben lang staatenlos gewesen war«.

Die Segnungen des europäischen Sozialstaats führten bei Khorchide zu einer Art religiösem Erwachen. Er begann sich zu fragen, ob es denn ausreiche, sich Muslim zu nennen – oder ob es dazu nicht auch gewisser Taten bedürfe, wie etwa der tätigen Hilfe für den Nächsten. »Ich habe mich gefragt, was Gott von uns will«, sagt er. Aus Interesse begann er neben der Soziologie von Wien aus noch ein Fernstudium der Theologie an einer libanesischen Universität. »Dass ich von der Theologie einmal leben würde, habe ich mir damals nicht gedacht.« Nun soll er die islamische Theologie in Deutschland aufbauen, damit Imame im Land herangebildet werden können und nicht weiter aus islamischen Ländern geholt werden müssen. Eine vergleichbare Ausbildung im Rahmen eines Studiums ist auch für Österreich angedacht. Doch islamische Theologen wie Khorchide, die Deutsch sprechen und ihr Gastland bestens kennen, sind äußerst rar. Und das hoffnungsvollste Talent haben die österreichischen Islamfunktionäre erfolgreich fortgeekelt.

Khorchide will nun den Islam theologisch aufrüsten. »Wir Muslime wollen uns nicht immer nur rechtfertigen müssen. Wir haben auch Positionen zu allen wichtigen Themen der Zeit.« Beispielsweise zu Bioethik oder Euthanasie: »Der Islam hat theologisch vieles anzubieten.«

Zwei Stockwerke unter seinem Büro hält er an diesem Tag eine Vorlesung. Sie handelt, wie die Rede vor dem Papst bei dessen Deutschlandbesuch, von der Barmherzigkeit Allahs. Nur lauscht diesmal kein alter Bayer seinen Worten, sondern eine Handvoll Studenten in einem kargen Seminarraum. Türken, Araber, auch eine Deutsche ist darunter. Sie diskutieren, übersetzen Koranstellen und balancieren arabische Silben. »Lassen sie mir Münster grüßen!«, hatte der Papst im vergangenen Herbst zu ihm gesagt. Theologischer Disput hat Tradition in dieser Stadt. Auch der Dogmatik-Gelehrte Joseph Ratzinger lehrte hier in den sechziger Jahren als junger Professor.

 Erschienen in DIE ZEIT 11/2012

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