Im Wartezimmer der Mittellosen

von Nina Brnada

Überraschend viele Menschen haben keine Krankenversicherung. Dabei trifft es nicht nur die Ärmsten der Armen.

Text: Nina Brnada

Xia Xao muss gesund bleiben. Deshalb raucht und trinkt sie nicht. Deshalb zieht sie sich im Winter warm an und geht nie bei Rot über die Straße. Die Chinesin weiß, dass ihre Existenz bedroht wäre, wenn sie nicht ständig Vorsicht walten ließe. Denn sie ist illegal in Österreich und hat keine Krankenversicherung. Heute ist sie trotzdem beim Arzt. Bei AmberMed, einer Einrichtung der evangelischen Diakonie und des Roten Kreuzes, ist die Behandlung anonym und kostenlos. Zwei Mediziner verarzten jeden Tag in dem Sozialambulatorium im Süden Wiens bedürftige Patienten. Hier fragt niemand nach der E-Card oder dem Namen. »Ich habe Angst wegen meiner Krampfadern«, erklärt die 39-Jährige der Ärztin. Blau und verästelt drücken die Blutgefäße durch die blasse Haut, als Xia Xao ihre Leggings herunterrollt.

Draußen im Wartezimmer sitzen Diabetiker, Schwangere und Patienten mit Tropenkrankheiten. Neben Chinesen kommen auch Afrikaner, vereinzelt Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und so mancher Österreicher. Leute ohne Papiere, zum Teil ohne offizielle Existenz. Menschen, die durch alle sozialen Netze gefallen und nicht mehr krankenversichert sind. 100.000 von ihnen gibt es laut Armutskonferenz in Österreich.

Zu den Unversicherten zählen nicht nur illegale Einwanderer wie Xia Xao. Es sind auch Obdachlose oder psychisch Kranke darunter – und immer mehr Menschen auf dem Scheideweg zwischen Ausbildung und Arbeitswelt. »Sie alle sind aus verschiedenen Gründen nicht versichert«, sagt Martin Schenk, Sprecher der Armutskonferenz. »Gemeinsam ist ihnen nur ein geringes Einkommen.« Zwar bemüht sich der Staat, für möglichst viele Sorge zu tragen. Die Einführung der Mindestsicherung im September 2010 ermöglichte laut Schenk rund 30.000 Menschen wieder, in das System der Krankenversicherung zurückzukehren. Auch Asylwerber sind im Rahmen ihrer Grundversorgung versichert. In Europa gehört Österreich zu den Ländern mit den meisten Versicherten. Außen vor bleibt jedoch trotz allem eine Gruppe, deren Größe der Einwohnerzahl von Klagenfurt entspricht.

Die Chinesin Xia Xao hatte ihren Job in einer Fleischverarbeitungsfabrik in Peking verloren. Mit der Hilfe eines Schleppers war sie nach Österreich gekommen. Ihre junge Tochter ließ sie bei der Oma in China zurück. Sie ist ein klassischer Wirtschaftsflüchtling. Wollte sie sozialstaatliche Leistungen in Anspruch nehmen, müsste sie ein Asylverfahren anstreben – und weil sie in ihrer Heimat keiner Verfolgung ausgesetzt war, hätte das wohl eine Abschiebung zur Folge. Damit das nicht passiert, lebt sie wie ein Schatten. Unauffällig, ohne jegliche Sicherheit. Die Frau mit den langen Haaren und den getuschten Wimpern sagt, sie hätte gerne eine E-Card, endlich Ruhe. Aber sie muss weitermachen wie bisher und kann nur hoffen, dass ihr nichts passiert.

Im Vergleich dazu führt Robert vordergründig ein normales Leben. Der 29-Jährige jobbt neben seinem Studium. Der groß gewachsene Niederösterreicher mit schwarz umrandeter Brille sitzt im Café Tachles am hippen Karmeliterplatz in Wien-Leopoldstadt und trinkt ein Krügel Bier. Er gehört zur urbanen und hoch qualifizierten Generation Erasmus, die allen Anforderungen der Globalisierung gerecht wird, spricht fünf Sprachen, arbeitet viel und ist flexibel. Eigentlich müsste man meinen, dass ein Typ wie Robert ein angstfreies Leben führen sollte. Stattdessen ist er permanent darauf bedacht, möglichen Gefahren für die Gesundheit aus dem Weg zu gehen.

Seit Langem schon lässt Robert sein Rad stehen, denn Radfahren sei zu gefährlich für jemanden, der nicht krankenversichert ist, findet er. Die Unfall- und Haftpflichtversicherung, die er durch das Zahlen seines Pflichtbeitrags an die Hochschülerschaft hat, deckt nur Schäden ab, die im Rahmen des Studiums entstehen. »Bei einem schweren Unfall mit hohen Folgekosten hätte ich sofort 150.000 Euro Schulden«, fürchtet er. Er will anonym bleiben. Auch seine Eltern haben keine Ahnung, dass ihr Sohn nicht versichert ist. Zu unangenehm ist ihm die Sache und zu schwierig zu erklären in einer Gesellschaft, für die Sicherheit das höchste Gut bedeutet.

Roberts Problem beruht nicht auf Arbeitslosigkeit, denn neben dem Verfassen seiner Magisterarbeit an der Wiener Wirtschaftsuniversität ist der angehende Betriebswirt als Ungarisch-Übersetzer auf Honorarbasis tätig. »Ich arbeite im Schnitt 30 Stunden in der Woche«, schätzt er. Doch sein Problem ist, dass das heimische Sozialsystem auf unregelmäßig Beschäftigte seiner Art keine Rücksicht nimmt. Einzelkämpfer haben es schwer. Per Definition ist Robert ein Neuer Selbstständiger. Als solcher müsste er sich bei der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) selbst versichern – doch die ist ihm zu teuer. Vielfach wurde die SVA schon dafür kritisiert, dass sie auf große und umsatzstarke Unternehmen ausgerichtet sei. Zunächst gab es für Robert noch die Möglichkeit einer Mitversicherung bei den Eltern oder einer günstigen Selbstversicherung zum Studententarif – wie für andere Jungakademiker auch. Vor zwei Jahren jedoch habe ihn die Krankenkassa nach seinem Einkommen gefragt: »Seitdem bin ich für die Kassen praktisch untergetaucht.«

Heinrich (auch er will anonym bleiben) hingegen ist seine Versicherung gleichgültig. An seine ehemalige Sozialversicherungsnummer kann er sich nicht einmal mehr erinnern. Alle seine Dokumente hat er verloren: die Geburtsurkunde, den Pass, die E-Card. Heinrich hat sich bewusst für ein Leben ohne Versicherung entschieden. Er sitzt in einem Kaffeehaus in der Wiener Neubaugasse, trinkt Melange und dreht sich eine Zigarette. »Für Behörden existiere ich seit sechs Jahren nicht mehr«, sagt er. Der 51-Jährige gibt nichts auf Ordnungen und Sicherheiten. Ein wenig stolz wirkt er, wenn er über sein Aussteigerdasein spricht. Früher war er Installateur bei der ÖBB, doch dann kamen Scheidung und Spielprobleme. Heinrich wurde arbeitslos und verlor seinen Elan. Eines Tags ließ er den Schlüssel an der Wohnungstür stecken und verschwand. Seitdem lebt er auf der Straße.

Trotzdem wirkt er gepflegt: Er trägt ein rotes Poloshirt mit schnurgeraden Bügelfalten auf den Ärmeln, eine Khakihose und robuste Sportschuhe. Die hat er sich in der Gruft, dem Obdachlosentreff der Wiener Caritas besorgt. Heinrich schläft gemeinhin in einem Park im 15. Wiener Gemeindebezirk. »Da ist viel Platz«, scherzt er. Mittlerweile hat er fast alle seine Zähne verloren. Er hat sie sich selbst gezogen, das Leben auf der Straße hat Spuren hinterlassen.

Aber Heinrich jammert nicht. »Ich bin nicht jemand, der besonders viel Pech hatte«, meint er. Früher sei er oft jähzornig und aufbrausend gewesen. Heute sei er ruhiger und zufriedener. Seine Stimme ist leise, sein Blick klar. Heinrich ist weder faul noch lebensmüde. Er liest gern und würde auch arbeiten, wolle aber keinen Besitz anhäufen und sein Dasein auf einer Illusion von Sicherheit begründen. Ein Wanderarbeiter wäre er gerne, das könne er sich vorstellen. Dabei hat Heinrich Anspruch auf eine Krankenversicherung, die ihm als ehemaligem Beschäftigten gemeinsam mit der Mindestsicherung zustünde. Aber er möchte niemandem Rechenschaft schuldig sein, wie er sagt.

Laut dem Sozialexperten Schenk sind Systemverweigerer wie Heinrich allerdings Ausnahmen. Eine hohe Anzahl an Menschen würde durchaus Sozialleistungen in Anspruch nehmen wollen: »Aber diese Menschen schämen sich ihrer Bedürftigkeit oder haben schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht.« Qualifizierte Sozialarbeiter müssten ihnen die Angst vor dem Amtsweg nehmen, fordert Schenk. Anders sei die Lage bei den illegalen Einwanderern. Die erreiche man lediglich über Einrichtungen wie AmberMed. »Man muss die Finanzierung solcher Institutionen auf bessere Beine stellen«, sagt Schenk. »Nur so kann man die Hilfesuchenden ausreichend versorgen.« Eine noch größere finanzielle Last haben die gemeinnützigen Ordensspitäler, wie das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien, zu tragen. In privaten Häusern wie diesem werden auch Menschen behandelt, die nicht sozialversichert sind. Das hat sich natürlich herumgesprochen, und die Betten sind regelmäßig voll.

Bei AmberMed hat inzwischen der Dienst von Marcin Pietraskiewicz begonnen. Wie alle anderen arbeitet der gebürtige Pole ehrenamtlich. Zweimal im Monat kommt der 41-jährige Unfallmediziner in seiner Freizeit zu AmberMed. Die unterste Stufe sozialer Fürsorge basiert allein auf der Freiwilligkeit von Dolmetschern, Spendern und Ärzten wie ihm. Ein Pool aus rund 70 Fachmedizinern arbeitet außerdem mit AmberMed zusammen und hilft Patienten in Not. Augenärzte, Hautärzte und Zahnärzte behandeln auf eigene Kosten, aus Solidarität. Immerhin sei die Situation in Österreich nicht so schwierig wie in anderen Ländern, sagt Pietraskiewicz. In Italien beispielsweise führen Behörden in Einrichtungen wie AmberMed Razzien durch, treiben Illegale zusammen und bringen sie weg. »Uns hingegen dulden die Behörden«, sagt der Doktor. »Trotzdem ist unsere Arbeit nicht leicht, weil wegen der Ehrenamtlichkeit fixe Strukturen fehlen.«

In diesem Moment betritt eine vietnamesische Mutter die Ordination. Ihrem 18 Monate alten Sohn ist ein Hoden in den Bauch eingewachsen, ein dramatischer Fall. Der Bub benötigt eine Operation, die bis zu 3.600 Euro kostet. Doch die Frau hat kein Geld, und bei AmberMed können chirurgische Eingriffe nicht durchführt werden. Gleich wird Pietraskiewicz zum Hörer greifen, Kliniken durchtelefonieren und sein ganzes Gewicht in die Waagschale werfen. Ob er Erfolg haben wird, weiß er noch nicht. Denn: »Irgendjemand muss das ja bezahlen«, sagt er. Auch die Solidarität hat ihren Preis.

Erschienen in DIE ZEIT 14/2012

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