Mit Schrott zum Bankrott

von Nina Brnada

„I wollt’s unbedingt haben“: Werkzeugkästen, Tupperware, stapelweise bunte Kerzen – vor allem junge Österreicherinnen ohne höhere Bildung packt vermehrt die Kaufsucht.

Text: Nina Brnada

Manchmal gelingt es Gabi, das Objekt ihrer Begierde wieder in das Regal zurückzulegen. Dann hat sie es geschafft, zumindest für dieses eine Mal. Meistens aber schafft sie es nicht. Deshalb stehen sechs Werkzeugkästen in ihrer Abstellkammer. Und im Keller türmen sich neuwertige Möbel. Sie besitzt Dutzende Tupperware-Schüsseln. Und bunte Kerzen im Wert von 600 Euro.

Gabi, die anonym bleiben möchte, lebt in der Steiermark, in einer Neubausiedlung am Rand von Leoben. In ihrer 80 Quadratmeter großen Wohnung hält die 23-Jährige zwei Katzen und zwei Hunde. Vitrinen mit Nippes reihen sich im Wohnzimmer aneinander. Ein gerahmtes Puzzle zeigt eine gedankenversunkene Elfe, vor einer Kristallkugel kniend. Dunkelrote Dekorstoffe winden sich an Vasen in die Höhe. Der riesige Flachbildschirm verdeckt die halbe Wand. Gabi wandert wie eine Museumsführerin durch die Räume und weiß zu jedem Gegenstand eine Geschichte zu erzählen. Mal rechtfertigt sie eine Anschaffung mit dem günstigen Zeitpunkt, mal mit dem unschlagbaren Preis. Aber am Ende sagt Gabi immer das Gleiche: »I wollt’s unbedingt haben.« Wenn die Steirerin das sagt, wirkt sie ein wenig stolz, so als habe sie bei jedem Kauf ihren Willen durchgesetzt. Aber sie ahnt, dass dieses befriedigende Gefühl nicht gesund sein kann, dass sie ein Problem hat. »Ich glaube, ich bin kaufsüchtig.«

In Gabis Fall spiegelt sich eine bedenkliche Entwicklung wider: Acht Prozent der Österreicher sind kaufsüchtig. Hinzu kommen 20 Prozent, die gefährdet sind, dem Konsumrausch zu verfallen. So steht es in einer Studie der Arbeiterkammer (AK). »Ihr Kaufverhalten ist kompensatorisch«, sagt Studienautor Karl Kollmann. »Das heißt, sie entschädigen sich mit Konsum für gefühltes Leid, etwa bei Beziehungsproblemen, bei Unzufriedenheit im Job oder bei Depressionen.« Zwar ist in Österreich der harte Kern der Kaufsüchtigen nicht größer als in anderen Ländern – aber der Anteil der Kaufsuchtgefährdeten liegt deutlich höher: So beträgt er in Deutschland nur die Hälfte und in Dänemark gar nur ein Viertel des österreichischen Werts. Die Ursache sei aber nicht, dass Österreicher mehr Lebenskrisen oder Beziehungsprobleme haben als andere, sondern verantwortlich sei die »stärkere materialistische Orientierung der Österreicher«, sagt Kollmann, stellvertretender Leiter der AK-Abteilung Konsumentenpolitik. Andere Nationen seien »stärker postmaterialistisch«: »Deutsche und Dänen definieren sich viel häufiger über ideelle Werte wie persönliche Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe.« Kollmann zufolge geht es den Österreichern eher ums Haben, den Dänen eher ums Sein.

Anfangs, erzählt Gabi, sei das Einkaufen eine willkommene Ablenkung gewesen. Nach einem Autounfall vor vier Jahren lag sie monatelang im Spital. Auf ihrem Laptop surfte sie aus Langeweile ein wenig herum, bummelte im Internet durch das Angebot von Klamottenläden. Irgendwann fing sie an zu bestellen, legte sich auf ihrem Computer einen Shopping-Ordner an. Die Webpräsenz der Girlie-Marken Pimkie oder Orsay nutzte Gabi wie andere die schnell verfügbare Berichterstattung auf Nachrichtenkanälen – nur ein Klick, und der begehrte Artikel gehörte ihr.

Vor Schaufenstern dreht sie ihren Kopf weg, um nicht in Versuchung zu geraten

Für viele Kaufsuchtgefährdete stelle das Internet eine ständige Verlockung dar, sagt Karl Kollmann. Gabi ist auch in anderer Hinsicht ein typischer Fall: Nahezu jeder Zweite in ihrer Altersgruppe, also junge Männer und Frauen zwischen 18 und 24 Jahren, ist gefährdet. Zudem lebt sie allein, hat keine höhere Ausbildung und stammt aus dem stärker urbanisierten Osten Österreichs – alles Faktoren, die laut der Studie Kaufsüchtige wie Gabi oft kennzeichnen.

Die gelernte Kellnerin hat seit ihrem Unfall nicht mehr gearbeitet, bis heute benötigt sie eine Krücke zum Gehen. Sie bezieht eine Invalidenpension von etwas mehr als 700 Euro und wurde von der Versicherung mit 80.000 Euro für die Unfallfolgen abgegolten. Von diesem Betrag sind nur noch 3.000 Euro übrig. Sie steckte alles in Klamotten, Schmuck, Möbel, Haustierkrempel und ständige Lokaltouren. »Das Geld ist mir durch die Finger geronnen.« Vor zwei Wochen meldete sich Gabi bei der steirischen Schuldnerberatung. Sie fürchtete, ihr Konto werde bald ins Minus rutschen, würde sie so weitermachen. Die Berater schlugen ein Ausgabenlimit vor und arrangierten einen Termin bei der Suchtberatungsstelle. »Jetzt kann ich noch nichts anderes machen, als mich wegzudrehen, wenn ich an einem Schaufenster vorbeikomme.«

Problematisches Konsumverhalten, meint der Ökonom Karl Kollmann, sei nicht bloß auf verfehlte Lebensführung und individuelle Kurzsichtigkeit zurückzuführen, vielmehr seien materialistische Überzeugungen tief in der Mentalität der österreichischen Bevölkerung verankert. »In der breiten Masse herrscht das Motto vor: Das ist halt so, das muss man eben auch haben.« Diese kritiklose Einstellung spiegle sich nicht nur in der Kaufbegierde wider, sondern beispielsweise auch im allgemeinen Desinteresse an Politik. In Deutschland erklären 27 Prozent der Bürger, das politische Geschehen sei ihnen gleichgültig, in Österreich sind es hingegen 42 Prozent. »Grundsätzlich werden bei uns eingespielte Muster weniger infrage gestellt«, sagt Kollmann.

Klaus, der ebenfalls anonym bleiben möchte, hat angefangen, Fragen zu stellen. Er fragt sich mittlerweile bei jedem Einkauf: »Habe ich das schon? Und brauche ich das wirklich?« Er hat keine Lust mehr, auf Marketingtricks hereinzufallen. Er sitzt in einem der Cafés im Stadioncenter, einem Einkaufszentrum in seinem Heimatbezirk Leopoldstadt. Der 42-jährige Arbeiter ist ein gemütlicher Wiener mit kleinem Bauch und bequemer Trainingshose. »Früher konnte ich kein Geschäft verlassen, ohne etwas zu kaufen«, sagt er. »Ich hätte den Blick der Kassiererin nicht ertragen.« Heute kann ihn so etwas nicht mehr irritieren. Ein Minus von 10.000 Euro hatte der Familienvater wegen seiner Shoppingtouren auf seinem Konto angehäuft.

Im Gegensatz zu der Steirerin Gabi zog er aber erst die Notbremse, als er in die Schuldenfalle geraten war. Das sei ein gängiges Phänomen bei Männern, sagt Michael Musalek, Psychiater am Anton-Proksch-Institut in Wien, das auf Suchtverhalten spezialisiert ist: »Frauen haben bei Kaufsucht gemeinhin ein höheres Problembewusstsein und bekennen sich dadurch schneller zu ihr.« Klaus hingegen tat lange nichts. Erst vor zwei Jahren beichtete er seiner Frau seinen obsessiven Konsum, seitdem befindet er sich in Therapie.

Ebenso wie bei Gabi wurde auch bei Klaus die Kaufsucht durch einen Verkehrsunfall ausgelöst. Solch eine »Diskontinuität der Lebenslinie«, sagt Musalek, befördere den Kontrollverlust bei einer ohnehin latenten Verhaltensdisposition. Nach seinem Unfall vor 20 Jahren war der Transportarbeiter monatelang im Krankenstand, konnte wegen seiner Augenverletzung weder lesen noch fernsehen. Aber basteln konnte er, also fing er an, sich für Modelleisenbahnen zu interessieren, und kaufte mehr und mehr teures Zubehör. Nach seiner Genesung übertrug sich die Kauflust auf andere Dinge, hauptsächlich technische Utensilien. Wenn seine Frau schlafen ging, blieb Klaus auf der Couch sitzen und tigerte nächtelang durch Internetforen. Er studierte Preisvergleiche und Kundenberichte von Werkzeug, Computern und Software.

Im Freundeskreis galt Klaus bald als Technikkenner, ihm bedeutete das viel. Später erfuhr er, dass seine Bekannten wegen der vielen Anschaffungen stutzig wurden, aber niemand stellte ihn zur Rede. Wenn seine Frau wissen wollte, wieso er schon wieder eingekauft habe, reagierte er aufbrausend. Klaus verdrehte die Tatsachen, so gut er konnte. »Einmal habe ich die Verpackung eines Telefons zerstört, damit meine Frau glaubt, es sei gebraucht«, erzählt er, »dabei hatte ich es am selben Tag neu gekauft.«

Klaus fühlte sich nur sicher, wenn er jederzeit bei einem verlockenden Angebot zuschlagen konnte. »Ohne einen Hunderter fühlte ich mich nackt.« Heute zeigt die Therapie Erfolge: Manchmal, sagt er, sei er zwei Wochen lang ohne Geld in der Tasche unterwegs und merke es nicht einmal.

Sein Eingeständnis habe ihn damals viel Kraft gekostet, aber danach habe er sich befreit gefühlt: »so als hätte ich 120 Kilo abgenommen«. Die Schulden sind mittlerweile abbezahlt. »Ich weiß jetzt, wie gut man mit wenig Geld leben kann.«

Trotz alledem wacht über die Familienfinanzen bis heute seine Frau. Als sie von der Sucht erfuhr, schickte sie Klaus mit abgezähltem Geld in den Supermarkt. Sie verlangte von ihm, zu notieren, wie viel jede einzelne Ware gekostet hatte, damit ihr Mann einen Bezug zu ihrem Wert erhielt. Zu derartigen Maßnahmen rät Experte Karl Kollmann allen Konsumenten: Vielen fehle ein grundlegendes Wirtschaftsverständnis. »Bei uns führt kaum jemand ein Haushaltsbuch oder macht einen Haushaltsplan«, sagt Kollmann. »Dabei wäre das wichtig, um ein bewusster Verbraucher zu sein und der Kaufsucht vorzubeugen.« Er fordert auch, dass in den Schulen Verbraucherkunde gelehrt wird, um Bewusstsein zu schaffen – doch dieser Vorschlag stieß bislang bei Unterrichtsministerin Claudia Schmied auf wenig Gegenliebe.

In Bau- und Elektromärkte geht Klaus heute nach wie vor. Er schaut sich dort nach Neuigkeiten um, allerdings ohne zuzugreifen. »Ich lasse mich nicht mehr verführen«, sagt Klaus. »Ich selbst konnte mich zwar von meiner Kaufsucht befreien. Aber in den anderen Kunden dort erkenne ich mein früheres Selbst dutzendfach.«

Erschienen in DIE ZEIT 40/2012

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