Helden von morgen: Marianne Pratl

von Nina Brnada

aus einer Serie der ZEIT-Österreich

Peter Pawlowsky nominierte Marianne Pratl, weil: »Sie lässt sich auf brisante Themen ein. Wenn Religion in Zukunft relevant sein soll, werden solche Personen gebraucht«

Text: Nina Brnada

Manche Kirchen gehören Gott, diese hier gehört auch allen anderen. Frauen strömen durch die Hintertür herein, als wäre ein Gartenfest im Gange. Sie bringen Tabletts mit belegten Broten und frischem Kuchen. Kinder trampeln über die Holzbänke, Erwachsene huschen noch schnell in Richtung Sakristei auf die Toilette. Es ist Sonntagmorgen im südsteirischen Leibnitz: Zeit für den evangelischen Gottesdienst. Vor dem Kirchentor steht Marianne Pratl im Talar, schüttelt Hände von Männern in Steirerjacken und frisch frisierten Pensionistinnen. Vertraut wirken diese Begegnungen, obwohl die 31-Jährige die Gemeinde erst seit einem Monat leitet. »Bei ihren Predigten weiß sie, worauf sie hinauswill«, lobt eine Dame, »sie hat ein Gespür für das, was sie tut.«

Zum Beispiel wenn sie über »das Brot des Lebens und wirklichen Hunger« spricht, sodass einem der eigene Wohlstand wie eine Laune der Natur erscheint; oder wenn sie um Spenden für eine Frau in Schwierigkeiten bittet; oder den Chor und die Bibelstunde wiederbelebt. »Ich arbeite gerne in der Gemeinde«, sagt sie, »und ich glaube, dass mir die kleinen Strukturen liegen.« Die junge Geistliche will keine erhabene Respektsperson sein, sondern aufmerksame Moderatorin. Sie möchte etwas im Konkreten bewegen.

Während in fernen Machtzentren und hochkarätig besetzten Gremien die Zukunft von Religion und Kirche erörtert wird, wirkt Pratl dort, wo diese steht und fällt: im Dr. Martin Luther Park zum Beispiel, einer kleinen Grünfläche vor der Leibnitzer Kirche. »Vorsicht, pikant«, warnt eine Frau, die Zwiebelkuchen reicht. Nach dem Gottesdienst stehen alle draußen in der Sonne und essen Maroni. Den Talar hat Marianne Pratl gegen einen grünen Schal getauscht und redet nun mit den Kirchgängern. Sie ist eine, die offenbar mit jedem kann, ohne sich anzubiedern, die einbindet, ohne belehrend zu wirken.

Kein Erweckungserlebnis habe sie zu ihrem Weg inspiriert, erzählt Pratl. »Ich bin da einfach reingewachsen.« Als Tochter einer eher skeptischen Grazer Medizinerfamilie kommt sie zunächst nur sporadisch mit Religion in Kontakt, bei Schulgottesdiensten und im Konfirmandenunterricht. Schon früh fasziniert sie jedoch das Zusammenleben in der Gemeinde. »Dass der Transzendenzbezug dazukommt, gibt diesem einen besonderen Reiz«, erklärt sie.

Nach der Matura inskribiert sie evangelische Theologie an der Universität Wien. Neben der christlichen Lehre interessiert sie sich auch für interreligiösen Dialog, der ihre Arbeit bis heute prägt – etwa wenn sie mit dem katholischen Priester in Leibnitz Veranstaltungen zur Ökumene plant. Während ihrer Zeit als wissenschaftliche Assistentin an der Fakultät für evangelische Theologie kommt das Interesse am Islam hinzu. Das habe ihr zusätzliche Perspektiven eröffnet, sagt sie. Den Christen komme ihr Gott durch den Menschen Jesus oft vertrauter vor; bei Muslimen gebe es diese Nähe nicht. Da stehe die Ehrfurcht vor dem einzigen Gott und Schöpfer im Vordergrund. »Es ist gut, durch den Islam noch einmal daran erinnert zu werden, dass wir vom Höchsten sprechen.« Pratls theologische Versiertheit äußert sich in einer geschliffenen Sprache.

Als Studentin nutzt sie ihr rhetorisches Talent: Sie engagiert sich bei interreligiösen Plattformen, schreibt Fachartikel und beteiligt sich an Podiumsdiskussionen. Daneben wächst aber auch die Neugier auf die Arbeit an der Basis, in der Gemeinde. Also bewirbt sie sich nach der Promotion kurzerhand für das Pfarramt. Weil ihr Wien zu groß ist, wird sie Vikarin im burgenländischen Oberwart und wechselt anschließend in die Steiermark. Noch ist sie Pfarramtskandidatin in Leibnitz, zur offiziellen Pfarrerin müsste sie erst gewählt werden. Ob sie auch tatsächlich kandidieren wird, will sie erst in einem Jahr entscheiden. »Zunächst möchte ich sehen, wie ich mir mit dem Stück Öffentlichkeit als Pfarrerin in so einem kleinen Ort tue.« Nicht zuletzt, weil Pratl in Partnerschaft mit einer Frau lebt. »Das will ich niemandem verheimlichen.« Jetzt aber freut sie sich erst einmal auf ihre neue Aufgabe. Vor Kurzem ist sie ins Pfarrhaus gezogen: ein großzügiges Gebäude mit dunklen Holztreppen und so viel Platz, dass es ihr fast schon peinlich ist.

Von hier aus plant sie die Betreuung der südsteirischen Gemeinde mit ihren rund tausend evangelischen Gläubigen. Das Vernetzen von Arm und Reich, Jung und Alt, frommen und skeptischen Menschen müsse man nicht neu erfinden, meint sie – man könnte die dazu vorhandenen Strukturen leicht nutzen. »Es ist erstaunlich, wie viele man immer noch erreicht, trotz des ganzen Gejammers über leere Kirchen.« Denn auch in einer säkularen Zeit seien Taufe, Hochzeit und Beerdigung immer noch wichtige Wegmarken im Leben eines Menschen. Pratl will nicht über jene klagen, die nicht mehr da sind. Dass der Sozialzwang, in die Kirche zu gehen, nicht mehr vorherrscht, sei nur gut: »Die Anzahl der frommen Menschen ist wahrscheinlich zu allen Zeiten gleich hoch gewesen.« Stattdessen will Pratl mit jenen arbeiten, die geblieben sind – und zwar als Seelsorgerin in der Gemeinde: Höhere Ämter innerhalb der kirchlichen Hierarchie strebt sie nicht an. »Dafür mag ich die Arbeit hier an der Basis zu sehr.«

Erschienen in DIE ZEIT 45/2012

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