Ante Gotovina: Der Held, der keiner sein will

von Nina Brnada

Vielen Kroaten galt Gotovina als eine Art Nationalheiliger. Offensichtlich will er diese Erwartungen seiner Anhänger gar nicht erfüllen

Kommentar: Nina Brnada

Alle glaubten zu wissen, wer Ante Gotovina ist: ein tapferer Krieger und Serbenfeind. Seine Portraits aus Kriegstagen, in Uniform und mit strengem Blick, prangen von Wänden und Kabelmasten quer durch ganz Kroatien. Diese Bilder erstarrten in den Nachkriegsjahren zu Ikonen.

Gotovina ist einer, dem die Ewiggestrigen in Kroatien zu Füßen liegen, manchen gilt er sogar als Nationalheiliger. Dementsprechendes Triumphgeheul brach aus, nachdem der General aufgrund des durchaus umstrittenen Freispruchs des Internationalen Gerichtshof aus Den Haag nach Kroatien zurückkehrte. Am Zagreber Hauptplatz erklangen nationalistische Lieder, in denen es über den einstigen Kriegsgegner heißt: „Unsere Hand wird euch noch in Serbien erreichen“. Eine Welle zweifelhafter Begeisterung ging durch soziale Netzwerke im Internet: „Generäle, wir warten auf euren Befehl,“ schrieben die Jungen. Die Veteranen stülpten sich währenddessen ihre alten Kriegsuniformen über und jubelten, als wäre es das Kriegsjahr 1993.

Projektionsfläche für verklärenden Nationalismus

Doch Gotovina hat die Erwartungen der euphorisierten Massen nicht erfüllt – ausgerecht er, den sie als Helden verehren wie kaum einen zweiten.

Bei seiner Ansprache am Zagreber Hauptplatz gab der Militär keine martialischen Parolen von sich und nahm keine arrogante Siegerpose ein. Überraschend besonnen bedankte er sich stattdessen beim Präsidenten und Premier, zwei Sozialdemokraten und Feindbildern vieler seiner Zuhörer. Die Menge quittierte Gotovinas Worte mit einem gewaltigen Pfeifkonzert. Doch er ließ sich nicht beirren und rief in die Menge: „Der Krieg gehört der Vergangenheit an, wenden wir uns alle der Zukunft zu.“

Multikulturelles Kroatien

Zwei Tage später erschien er entgegen aller Erwartungen nicht zum offiziellen Gedenkmarsch anlässlich der Einnahme der Stadt Vukovar durch serbische Truppen. Gotovina wusste wohl, dass seine Anwesenheit dem kollektiven Leid über die Opfer des Krieges eine triumphierende Note gegeben hätte. Und schließlich sagte er zu einer serbischen Zeitung: Jene Serben, die während des Krieges aus dem Land geflohen waren, seien Bürger Kroatiens und sollten zurückkommen, denn „Kroatien ist genauso deren Heimat wie meine.“

Diese Handlungen machen deutlich, wie sehr Gotovina als Projektionsfläche für verklärenden Nationalismus diente – und wie wenig das von ihm selbst ausging. Während seine Anhänger das Motto zu haben scheinen, Kroatien den Kroaten, propagiert Gotovina ein multikulturelles Kroatien, das Heimat sein soll für alle Bürger, seien das Ungarn, Italiener, Russinen oder Serben. Und auch die Sprache der Bilder ist bestechend: Gotovina ist nicht mehr der General mit dem strengen Blick, im Gegenteil, wohlwollend und versöhnlich lächelt er heute in die Kameras. All das lässt den Mythos des martialischen Kriegers rasant bröckeln.

Die Rechten tun vorläufig so, als sei nichts gewesen. Als wäre Gotovina noch ganz ihr altes Idealbild, tragen sie seine Konterfei aus den Kriegsjahren weiter vor sich her. Dabei kommt ihnen ihre Ikone gerade abhanden.

Gastkommentar erschienen auf derStandard.at am 26. November 2012

Reaktionen kroatischer Medien auf den Kommentar: 

Internetportal index.hr

Internetportal tportal.hr

Tageszeitung Vecernji list 

Tageszeitung Jutarnji list

RTL Kroatien Online

nova TV Online

Internetportal danas.net.hr

Tageszeitung Slobodna Dalmacija

Internetportal vijesti.hr

Internetportal dnevno.hr

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