DER LETZTE VERFÜHRER

von Nina Brnada

„ES GIBT IHN, UND ER WIRKT“ 

Alexandra von Teuffenbach ist die erste Frau im Vatikan mit einem Abschluss in Exorzismus. Die katholische Theologin über Besessenheit, den Teufel und was er mit der Grippe gemeinsam hat.

Interview: Nina Brnada

Frau von Teuffenbach, was würden Sie jemandem raten, der zu Ihnen kommt und sagt, er sei vom Teufel besessen?

Alexandra von Teuffenbach: Ich würde diese Person zum Arzt schicken. Wirkliche Besessenheit ist selten. Die katholische Kirche hat rund 15 Besessene in 500 Jahren verzeichnet. Was relativ häufig vorkommt, ist die Umsessenheit.

Was ist der Unterscheid?

Bei der Besessenheit ist der Teufel in einem drinnen, hält einen gefangen. Von Umsessenheit spricht man, wenn der Teufel einen von außen ärgert und piesackt. Ein Beispiel dieser „äußeren Störung“ war Padre Pio, ein in Süditalien stark verehrter Heiliger des vergangenen Jahrhunderts. Er sah den Teufel, stritt mit ihm und konnte seinetwegen nicht schlafen. Er war nicht besessen oder umsessen, aber eben vom Teufel gestört. Zur Umsessenheit gehören bestimmte Merkmale.

Die da wären?

Zum Beispiel, wenn man eine Kirche betritt und sich spontan übergibt, obwohl man eigentlich keine Probleme mit dem Magen und auch keine Allergie auf Weihrauch hat. Oder aber wenn man als religiöser Mensch unerwartete Aversionen ge- gen das Beten verspürt, gegen heilige Dinge oder Handlungen. Das muss nicht unbedingt bedeu- ten, dass man es mit dem Teufel zu tun hat, aber irgendwann sollte man sich dann doch überle- gen, etwas Geistliches dagegen zu unternehmen.

Sie haben als erste Frau eine Exorzisten- Ausbildung gemacht. Wie kam es dazu?

Vor sieben Jahren hatte ich im Internet eine Ankündigung für die Exorzisten-Ausbildung gelesen, zu der nur Priester zugelassen waren. Ich bewarb mich trotzdem und bekam eine Sondererlaubnis. Trotz meiner Ausbildung darf ich aber keinen Exorzismus durchführen. Dazu sind nur Priester berechtigt – jene, die vom Bischof ernannt werden.

Wie funktioniert so ein Exorzismus?

Zunächst braucht es das Einverständnis des Betroffenen. Danach folgt der Exorzismus, ein Got- tesdienst, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Da ist meist die Familie des Betroffe- nen anwesend, die durch ihr Gebet den Exorzisten unterstützt. Seine stärkste Waffe ist der Befehl an das böse geistige Wesen, im Namen Jesu Christi den Menschen zu verlassen. Aus katholischer Sicht muss es sich beim Exorzisten um einen moralisch sehr gefestigten Menschen handeln. Der Exorzismus funktioniert allein aus dem Glauben heraus, und der muss sehr stark sein.

Viele halten das für Aberglauben.

Das kann ich durchaus verstehen. Ich weiß jedoch von Menschen, bei denen jahrzehntelange psychiatrische Behandlung ergebnislos war und die erst nach einem Exorzismus wieder ein normales Leben führen konnten. Wer heilt, hat recht. Und weniger Nebenwirkungen als Psychopharmaka hat der Exorzismus außerdem – also warum sollte man es nicht probieren? Grundsätzlich kann man aber ein guter Katholik sein, auch ohne an die Wirkung des Exorzismus zu glauben. Das ist aus katholischer Sicht kein Muss. Aber die Existenz und das Wirken des Bösen ist sehr wohl eine wichtige Glaubenswahrheit.

Woher kommt Ihr Interesse am Exorzismus?

Über die Beschäftigung mit dem Zweiten Vatikainischen Konzil. Dieses wurde in den Sechzigerjahren einberufen und zog bekanntlich sehr viele Reformen in der katholischen Kirche nach sich, auch im Bezug auf das Exorzismus-Ritual. Eine neue Form wurde eingeführt, die nun in der Landessprache ist und nicht wie früher in Latein – allerdings passierte das erst im Jahr 2004, also rund vierzig Jahre nach dem Beginn der Reformen. Grund für diesen langen Prozess war vor allem der große Widerstand aus Deutschland.

Inwiefern?

Es ging nicht darum, dass die deutschen Bischöfe gar so sehr am alten Ritual hingen – im Gegenteil: Sie wollten dieses mittelalterliche Ritual, wie es einige nennen, überhaupt nicht mehr praktizieren. Denn dort gelten Exorzismen als gefährlich. Das hat vor allem etwas mit dem Fall der Anneliese Michel zu tun, einer jungen Frau, die in den Siebzigerjahren während eines Exorzismus gestorben ist. Allerdings lag das nicht am Exorzismus, sondern an unterlassener Hilfeleistung.

Anneliese Michel war Epileptikerin. Wie erkennen Exorzisten, dass es Besessenheit ist?

Da gibt es unterschiedliche Methoden: Zum Beispiel wird der Exorzismus unhörbar für den Betroffenen gesprochen, um zu vermeiden, dass ihm durch das Gebet etwas suggeriert wird. Wenn es dann keine Reaktion gibt, ist der Teufel wahrscheinlich nicht anwesend.

Michel war tiefreligiös. Fühlen sich fromme Menschen öfter vom Teufel heimgesucht?

Das kann man so nicht sagen. Nichtreligiöse Menschen können auch vom Teufel geplagt werden. Es gibt keine Regel, aber mit dem Teufel ist es ein bisschen so wie mit der Grippe: Man kann täglich Vitamin C schlucken, einen Schal tragen, den Kontakt mit Kranken meiden, und trotzdem erwischt es einen. Oder aber man rennt den ganzen Tag ohne Schal herum, und nichts passiert. Was aber schon auffällt, ist, dass hauptsächlich Frauen und Kinder betroffen sind. Wir wissen nicht, warum es so ist, aber es gibt Vermutungen, dass sich das vor allem gegen die Mutter Gottes richtet.

Ist das Böse nicht eher etwas, was von innen her entsteht und weniger von außen?

Es gibt beides: das Böse, das aus uns heraus- kommt, die sogenannte Konkupiszenz (die Be­gierde nach Sünde; Anm.), und das Böse, das uns von außen verleitet, den Teufel.

Sind Sie ihm jemals begegnet?

Nein, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass ich etwas nicht aus mir selbst heraus tue, sondern von außen. Ich mache dann ein Kreuzzeichen, um den Teufel zu verjagen.

Wie stellen Sie sich den Weltuntergang vor?

Es gibt christliche Vorstellungen, dass Jesus am Ende der Zeiten wiederkommt. Wenn ich jetzt fantasieren müsste, würde ich in diese Richtung gehen.

Alexandra von Teuffenbach, 1971 in Padua geboren, arbeitet in Rom als Dozentin für Dogmatik und Kirchen­ geschichte an der Päpstlichen Hochschule Regina Aposto­ lorum. Als Exorzistin zu arbeiten ist ihr als Frau verboten.

Erschienen in 2012 – Das vielleicht letzte Magazin der Welt 11/2012

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