DER LETZTE TAG

von Nina Brnada

„ERSTE REIHE“

Fromme Juden glauben, am Ende aller Tage wird der Messias durchs Goldene Tor von Jerusalem schreiten. Und lassen sich deshalb gerne in der Nähe begraben.

Text: Nina Brnada

Die Tore nach Jerusalem sind wie Arterien, durch die das pralle Leben pulsiert. Da sitzen alte Araberinnen in steinernen Nischen am Boden und verkaufen bündelweise Minze. Daneben bieten junge Männer mit gegelten Haaren selbstgebrannte CDs mit Arab-Pop feil. Mittendrin drängen sich jüdisch-orthodoxe Männer mit Kaftanen und pelzigen Schtreimel-Hüten an Touristen mit Kameras vorbei. So geht das tagein, tagaus an den acht Toren der geschichtsträchtigen Altstadt. Nur an einem ist es still.

Das Goldene Tor, wie es genannt wird, ist zugemauert. Seit nahezu 500 Jahren erfüllen seine beiden steinernen Durchgänge keinen Zweck mehr. Im 16. Jahrhundert ließ der damalige Herrscher des Heiligen Landes, der osmanische Sultan Süleyman der Prächtige, das gen Osten gerichtete Tor schließen. Einige Historiker meinen, es ge- schah aus militärstrategischen Gründen. Andere jedoch nehmen an, Süleyman hätte aus Angst vor einer alten jüdischen Prophezeiung gehandelt.

Dereinst, am Ende aller Tage, soll nämlich der Messias, auf den die Juden warten, durchs Goldene Tor nach Jerusalem schreiten – und damit das Jüngste Gericht über die gesamte Menschheit einläuten. Dieses würde anschließend im darunterliegenden Kidronbach-Tal abgehalten. Dort „versammle ich alle Völker“, heißt es im Buch Joel der Bibel, und „streite im Gericht“ mit ihnen. „Getöse und Getümmel herrscht im Tal der Entscheidung. Denn der Tag des Herren ist nahe.“

Daher liegt am Ölberg unmittelbar gegenüber vom Goldenen Tor der größte jüdische Friedhof der Welt. Gut 150.000 Gräber breiten sich dort über den Hang aus. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Die ältesten Gräber gehen bis ins erste Jahrtausend vor Christi zurück. Denn fromme Juden möchten möglichst nahe an dem Ort sein, an dem ihrem Glauben zufolge das Jüngste Gericht stattfinden wird. Alle anderen Toten, so der jüdische Volksglaube, müssen sich mühsam aus ihren Gräbern durch die Erde, quer durch den Planeten, graben, um die Stelle des Gerichts zu erreichen und dort aufzuerstehen. Es gibt aber auch Gräber direkt am Goldenen Tor – doch die gehören den Muslimen.

Erschienen in 2012 – Das vielleicht letzte Magazin der Welt 12/2012

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