Kein Kinderparadies

von Nina Brnada

Tuban Uslu hat gelernt, wie man es aus schwierigen Verhältnissen schafft und gibt ihre Erfahrung an Jugendliche weiter – Mitarbeit in der Jugendeinrichtung Back Bone 20 in der Brigittenau.

Text und Foto: Nina Brnada

Wien. Sprüche auf Postkarten sind oft kitschige Massenware. Manche jedoch passen wie der Schlüssel ins Schloss. So wie das Zitat, das sich Tugban Uslu auf ihren PC-Monitor geklebt hat. Es stammt vom Essayisten Anton Kuh: „Nur nicht gleich sachlich werden! Es geht ja auch persönlich.“ Es scheint zugleich Beschreibung und Motto von Uslus Leben zu sein.

Die 34-Jährige mit den blauen Augen und dem blonden Haar würde man rein äußerlich eher für eine Schwedin als eine Türkin halten. Und ebenso wenige würden hinter dieser zierlichen Person eine derart bewegte Lebensgeschichte vermuten.

Uslus Biographie und Arbeit bieten Einblicke in die Lebenswelten ganzer Bevölkerungsteile dieser Stadt. Außerdem ist sie ein Beispiel dafür, wie man sich trotz widriger Voraussetzungen ein selbstbestimmtes Leben aufbauen kann – und wie das auch anderen Menschen mit Problemen nützt.

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Uslu ist eine von acht Mitarbeitern der Jugendeinrichtung Back Bone 20 in der Brigittenau – eine verwinkelte Räumlichkeit, in der Jugendliche Partys feiern, wuzeln oder im Keller zwischen den unverputzten Ziegelwänden Musik machen können. Die meisten, die hierher kommen, haben türkische oder ex-jugoslawische Eltern.

Back Bone 20 ist einer der wenigen Orte, wo sie sich abseits ihrer Zimmer und Playstations, die Zeit vertreiben können. Denn die Gegend hier rund um die Brigittenauer Pöchlarnstraße ist nicht unbedingt das, was man ein Kinderparadies nennt.

„Der 20. Bezirk war ohnehin nie die feinste Gegend“
Der 20. Bezirk war ohnehin nie die feinste Gegend. Schon zu Monarchiezeiten strömten Arbeiter aus allen Teilen des Reiches hierher. Und auch heute noch sieht man bei so manchem Postkästchen gleich mal ein halbes Dutzend slawischer Männernamen angeführt – als seien die Zinswohnungen Arbeiterquartiere aus vergangenen Tagen.

Das Grätzl ist zwischen einem Frachtenbahnhof und dem Donauufer eingeklemmt. Hier gibt es gerade Häuserblöcke, eingezäunte Parkanlagen und einige Baumreihen am Straßenrand. Das Viertel erinnert an Berlin-Neukölln – wohl auch wegen der türkischen Geschäfte, in denen stapelweise Fladenbrot und überdimensionierte Joghurtbecher feilgeboten werden.

Wenn es kälter wird, geht man in die Millenniumcity
„Im Sommer sind die Jugendlichen noch in den Parks“, sagt Uslu. „Wenn es kälter wird, gehen sie unter anderem auch in die beheizte Millenniumcity.“ Auch dort suchen wir sie auf. Zu Uslu haben viele von ihnen ein herzliches Verhältnis. Sie erzählen ihr, welche Jungs sie gerade süß finden und nennen sie auch schon mal ihre „zweite Mutter.“

Die Jugendlichen hier sind dankbar für Zuwendung. Denn sie wachsen oftmals unter schwierigen Bedingungen auf, wo man nicht viel Zeit und Verständnis für sie hat. „Und so war es auch bei mir“, erinnert sich Uslu.

Sie wächst als eines von acht Kindern auf. Die Familie stammt aus der Stadt Düzce, nordöstlich von Istanbul. Als Uslu zwei Jahre alt ist, zieht die Gastarbeiterfamilie nach Wien. Das Leben der Uslus ist geprägt von Mangel – an Geld, Wohnraum und Zuwendung. Die türkischen Eltern sind von der neuen Umgebung heillos überfordert. „Durch die Anstrengungen, die sie auf sich nehmen mussten, um hier eine Existenz aufzubauen, kamen wir Kinder zu kurz“, sagt Uslu.

„Zudem weckten unsere neuen Freunde und Einflüsse von außerhalb bei den Eltern das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.“ Eine Schwester hat einen serbischen Freund, die andere lernt ihren jetzigen Mann in der Türkei kennen, weswegen die konservativen Eltern sogar zwei Töchter in die Türkei schicken, erzählt Uslu. „Und ich habe immer mehr gespürt, dass ich so nicht leben will.“

Mit 14 Jahren sagt sie sich von der Familie los
Deshalb beschließt sie mit 14 Jahren einen Schritt, der viel Mut erfordert – sie sagt sich von der Familie los. Die Verwandtschaft ist außer sich, Uslu bekommt sogar Morddrohungen aus dem Bekanntenkreis. Lange danach erst baute sie den Kontakt zu den Geschwistern auf, dann zu den Eltern. „Ich gebe niemandem mehr die Schuld an dieser Situation“, sagt sie, „es waren einfach schwere Zeiten für uns alle.“ Ausgerissen, lebt sie bis zu ihrer Volljährigkeit in diversen Einrichtungen in Wien. Danach ist sie ein halbes Jahr ohne feste Bleibe, schläft auf Sofas von Freunden. Uslu hat keine abgeschlossene Ausbildung, sie jobbt als Kellnerin. Erst eine Beziehung verändert viel, erzählt sie. Uslu fühlt sich zum ersten Mal geborgen und wohl, „ab da habe ich angefangen, mich zu entfalten und mein Leben in Ordnung zu bringen“.

Vor vier Jahren beginnt eine Ausbildung zur Jugendarbeiterin bei der Stadt Wien. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich sehr gut mit Jugendlichen kann und sie mit mir.“

Seit vier Jahren arbeitet sie nun hier. Sie gibt weiter, was sie selbst erfuhr und überwand. Neben Aufklärung zu Themen wie Ausbildung, Arbeit aber auch Rassismus und Sexualität wolle sie für die Jugendlichen vor allem das sein, was Uslu selbst gefehlt hat: nämlich eine Stütze. Und sie kann das deswegen so gut, weil sie weiß, wovon sie spricht.

Deswegen könnte sie sich neben Anton Kuh auch einen zweiten Spruch auf ihren Monitor picken. Er stammt vom Autor Eugen Ionesco: „Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber Erfahrungen machen uns.“

Erschienen am 21. Februar 2013 in der Wiener Zeitung 

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