Nina Brnada

„Immer mehr suchen Antworten“

Buddhistische Glaubensgemeinschaft feiert ihr 30-jähriges Bestehen. Präsident der Glaubensgemeinschaft der Buddhisten über Zen-Benediktinermönche und mystische Erlebnisse.

Interview: Nina Brnada

Die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft mit Sitz am Fleischmarkt 16 im 1. Bezirk in Wien feiert heuer ihr 30-jähriges Bestehen. Der Präsident der Glaubensgemeinschaft, Gerhard Weißgrab, sprach mit der „Wiener Zeitung“ über den Stellenwert der fernöstlichen Glaubensrichtung in unserer Gesellschaft.

„Wiener Zeitung“: Herr Weißgrab, wie lange sind Sie bereits Buddhist?

Gerhard Weißgrab: Im Jahr 1979 hatte ich meinen ersten Kontakt während einer Sri-Lanka-Reise. Seitdem hat es mich nicht losgelassen, und zu Beginn der Neunzigerjahre habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Buddhismus zu beschäftigen. Mein Übergang hat etwa 15 Jahre gedauert.

Im Buddhismus steht kein Gott im Zentrum. Haben Sie auch einmal daran gedacht, Buddhist und Christ gleichzeitig zu sein?

Für mich selbst ist das kein Weg, aber es gibt Strömungen in diese Richtung. Bruder David Steindl-Rast zum Beispiel ist Benediktiner und Zenmeister zugleich und einer von mehreren bekannten Vertretern dieser Form. Da gibt es aber große Herausforderungen bei der begrifflichen Auseinandersetzung, worüber wir sprechen, wenn wir über Gott reden.

Wann ist es vereinbar?

Wenn es gelingt, aus beiden Perspektiven in die Mystik einzudringen. Und das können nicht viele. Aber natürlich gibt es Menschen, die offen für so etwas sind. Wenn man beispielsweise einen christlichen Mystiker, einen islamischen Sufi und einen buddhistischen Zenmeister ohne Erkennungsmerkmale über Religion sprechen ließe – man könnte sie wohl nicht voneinander unterscheiden. Da geht es um eine mystische Ebene, die wohl auch den Bereich der Sprache verlässt.

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Seit 30 Jahren ist der Buddhismus als Religionsgemeinschaft in Österreich anerkannt. Wann gab es den größten Zulauf?

Bei uns gab es kontinuierlichen Zulauf, aber nie ausgeprägte Spitzen. Auf unsere Mitgliedszahlen haben sich Krisen in anderen Gemeinschaften, wie etwa der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, nicht ausgewirkt.

Wie gut funktioniert der Dialog der 14 Religionsgemeinschaften, die in Österreich anerkannt sind, untereinander?

Wenn es manchmal nicht funktioniert, ist es meist auf persönliche Probleme und weniger auf strukturelle zurückzuführen. Aber ich habe das Gefühl, dass der Dialog meistens sehr gut, sogar vorbildlich funktioniert.

Wie viele Buddhisten leben derzeit in Österreich?

Das ist schwer zu sagen, ich habe dazu drei Zahlen: Da gibt es einerseits über 3000 Personen, die bei uns in der Religionsgemeinschaft verzeichnet sind. Bei der Volkszählung aus dem Jahr 2001 haben sich allerdings rund 10.800 Menschen als Buddhisten deklariert. Wir schätzen aber, dass es derzeit tatsächlich zwischen 20.000 und 25.000 Buddhisten hauptsächlich österreichischer Abstammung gibt. Wie viele asiatische Buddhisten zusätzlich noch in Österreich leben, wissen wir nicht.

Welche Rolle spielen die Einwanderer in Ihrer Religionsgemeinschaft?

Sie haben oft eigene Strukturen, Tempel und teilweise eigene Mönche. Die Österreichische Buddhistische Religionsgemeinschaft ist zwar deren Vertreter, aber da sind hauptsächlich angestammte Österreicher aktiv. Schon jetzt arbeiten wir bei diversen Festivitäten zusammen oder auch bei humanitären Projekten.

Immer mehr Menschen betrachten sich als atheistisch und stehen jeglicher Religion ablehnend gegenüber. Merken Sie diese Tendenz auch beim Buddhismus?

Wir haben in dieser Frage eine Ausnahmeposition inne. Ich kann mir einen befruchtenden Dialog mit atheistischen Gruppen gut vorstellen. Aber hier muss man natürlich differenzieren: Erkennen diese Menschen einen Gott als außenstehende Autorität nicht an? Oder geht es ihnen nur um ein mechanistisch-materialistisches Weltbild?

Worauf führen Sie es zurück, dass viele Religionskritiker am Buddhismus so wenig auszusetzen haben?

Anders als bei den monotheistischen Religionen stehen bei uns nicht Dogmen im Mittelpunkt, sondern Erkenntnis – wir fordern also nicht a priori Glauben, sondern das Bemühen um Erkenntnis. Dieses Denken kommt dem kritischen westlichen, fortschrittlichen Geist sehr entgegen. So gibt es beispielsweise auch keinen Widerspruch zwischen Buddhismus und Wissenschaft, hier geht es mehr um Kooperation.

Es gibt aber auch Bereiche, in denen Buddhisten zu Extremismus neigen, etwa im Vorjahr, als buddhistische Mönche eine christliche Kirche auf Sri Lanka besetzten. Wie lässt sich das mit dem friedfertigen Image in Einklang bringen?

Das sehe ich unabhängig von der Religion und erkläre es mir als zutiefst menschliches Verhalten im negativen Sinn. Eine Philosophie wird instrumentalisiert und missbraucht. Der Buddhismus hat zwar keine Religionskriege zur Missionierung geführt, aber alle anderen menschlichen Verirrungen, Schwächen und Dummheiten kennt er sehr wohl.

Der Dalai Lama rät den Menschen anderer Glaubensrichtungen, an ihrer eigenen Religion festzuhalten. Wann sollte man sie dennoch hinter sich lassen?

Der Dalai Lama sagt es selbst: wenn man bemerkt, dass sie einem keine authentischen Antworten mehr geben kann. Und ich habe das Gefühl, dass diejenigen in unserer Gesellschaft, die nach Antworten suchen, immer mehr werden. Doch es gibt niemanden, der von heute auf morgen beispielsweise vom Katholiken zum Buddhisten wird. So etwas braucht Zeit. Enttäuschten Katholiken zum Beispiel würde ich raten, sich vielleicht zunächst einmal mit dem Protestantismus zu beschäftigen. Ein richtiger Religionswechsel ist jedenfalls ein langer Weg.

Erschienen am 22. Februar 2013 in der Wiener Zeitung 

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Vom Naschen und Meditieren

Karin Ertl unterrichtet als eine von zwei buddhistischen Religionslehrern.

Text: Nina Brnada

Wien. Eigentlich beschäftigen sich die Schüler dieses Religionsunterrichts mit Buddha, seinem Wirken und seiner Lehre. Doch heute stehen Schlecker im Mittelpunkt: In den nächsten Minuten werden sich die Schüler ausschließlich mit diesen süßen Leckereien befassen. Das Naschen ist aber weder ein Pausenfüller noch eine Belohnung der Lehrerin – sondern, wenn man so will, „Unterrichtsstoff“. Erst kürzlich aßen sie auf dieselbe Weise einen Apfel, als Teil buddhistischer Achtsamkeitsmeditation. Jetzt sprechen die Schüler feierlich religiöse Formeln und beginnen danach gemächlich zu schlecken.

Als erstes Land in Europa hat Österreich vor 30 Jahren den Buddhismus als Religionsgemeinschaft anerkannt. Dadurch bekam sie ebenso wie alle anderen 14 anerkannten Religionsgemeinschaften Anspruch auf Religionsunterricht. Derzeit jedoch gibt es lediglich 190 buddhistische Schüler in Österreich. 13 Buddhismus-Lehrer unterrichten sie, zwei davon in Wien. Karin Ertl ist eine.

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Über Karate zu Buddha

Seit zehn Jahren ist die 49-jährige Frau mit den blonden Haaren und hohen Wangenknochen Buddhistin. Eine schwere Krankheit brachte sie dazu, sich mit dem Leben und der Religion auseinanderzusetzen; der Kontakt zum Buddhismus ergab sich durch Ertls Interesse an Karate. Auch ihr Mann und ihr Sohn hätten „Zuflucht gesucht“, wie man den Beitritt zum Buddhismus nennt, erzählt sie.

Jeden Freitagnachmittag unterweist sie Oberstufenschüler aus Wien im Buddhismus. Der Unterricht wird in der Innenstadt abgehalten, im ersten Stock eines Gründerzeithauses. Zwei Gebetsräume und eine kleine Küche gibt es hier. Fischgrätenparkett und hohe Decken verstrahlen Altwiener Flair, eine Buddhastatue und Sitzpölster einen Hauch fernöstlicher Atmosphäre.

Die meisten ihrer Schüler seien Chinesen, sagt Ertl, es gibt aber auch Thais, Japaner, Tibeter und einige Österreicher. Die Schüler aus Fernost hätten die Lehrerin sofort akzeptiert, erzählt sie, auch wenn sie als Europäerin zum Buddhismus konvertiert sei, „das war nie ein Problem“. Eigentlich unterrichtet Ertl hier bis zu 18 Schüler, heute jedoch sind nur ein Junge aus Tibet und ein Mädchen aus China gekommen. Beide leben erst wenige Jahre in Österreich. Zaghaft erzählen sie, dass sie in diesem Land erstmals im Leben einen Religionsunterricht besuchen, in China gebe es den nicht.

Auch in Österreich wissen viele Eltern buddhistischer Kinder noch immer nicht, dass es buddhistischen Unterricht überhaupt gibt, sagt Ertl. „Selbst nach 30 Jahren hat sich das nicht in allen Schulen herumgesprochen.“

Erschienen am 22. Februar 2013 in der Wiener Zeitung