Vom Naschen und Meditieren

von Nina Brnada

Karin Ertl unterrichtet als eine von zwei buddhistischen Religionslehrern.

Text: Nina Brnada

Wien. Eigentlich beschäftigen sich die Schüler dieses Religionsunterrichts mit Buddha, seinem Wirken und seiner Lehre. Doch heute stehen Schlecker im Mittelpunkt: In den nächsten Minuten werden sich die Schüler ausschließlich mit diesen süßen Leckereien befassen. Das Naschen ist aber weder ein Pausenfüller noch eine Belohnung der Lehrerin – sondern, wenn man so will, „Unterrichtsstoff“. Erst kürzlich aßen sie auf dieselbe Weise einen Apfel, als Teil buddhistischer Achtsamkeitsmeditation. Jetzt sprechen die Schüler feierlich religiöse Formeln und beginnen danach gemächlich zu schlecken.

Als erstes Land in Europa hat Österreich vor 30 Jahren den Buddhismus als Religionsgemeinschaft anerkannt. Dadurch bekam sie ebenso wie alle anderen 14 anerkannten Religionsgemeinschaften Anspruch auf Religionsunterricht. Derzeit jedoch gibt es lediglich 190 buddhistische Schüler in Österreich. 13 Buddhismus-Lehrer unterrichten sie, zwei davon in Wien. Karin Ertl ist eine.

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Über Karate zu Buddha

Seit zehn Jahren ist die 49-jährige Frau mit den blonden Haaren und hohen Wangenknochen Buddhistin. Eine schwere Krankheit brachte sie dazu, sich mit dem Leben und der Religion auseinanderzusetzen; der Kontakt zum Buddhismus ergab sich durch Ertls Interesse an Karate. Auch ihr Mann und ihr Sohn hätten „Zuflucht gesucht“, wie man den Beitritt zum Buddhismus nennt, erzählt sie.

Jeden Freitagnachmittag unterweist sie Oberstufenschüler aus Wien im Buddhismus. Der Unterricht wird in der Innenstadt abgehalten, im ersten Stock eines Gründerzeithauses. Zwei Gebetsräume und eine kleine Küche gibt es hier. Fischgrätenparkett und hohe Decken verstrahlen Altwiener Flair, eine Buddhastatue und Sitzpölster einen Hauch fernöstlicher Atmosphäre.

Die meisten ihrer Schüler seien Chinesen, sagt Ertl, es gibt aber auch Thais, Japaner, Tibeter und einige Österreicher. Die Schüler aus Fernost hätten die Lehrerin sofort akzeptiert, erzählt sie, auch wenn sie als Europäerin zum Buddhismus konvertiert sei, „das war nie ein Problem“. Eigentlich unterrichtet Ertl hier bis zu 18 Schüler, heute jedoch sind nur ein Junge aus Tibet und ein Mädchen aus China gekommen. Beide leben erst wenige Jahre in Österreich. Zaghaft erzählen sie, dass sie in diesem Land erstmals im Leben einen Religionsunterricht besuchen, in China gebe es den nicht.

Auch in Österreich wissen viele Eltern buddhistischer Kinder noch immer nicht, dass es buddhistischen Unterricht überhaupt gibt, sagt Ertl. „Selbst nach 30 Jahren hat sich das nicht in allen Schulen herumgesprochen.“

Erschienen am 22. Februar 2013 in der Wiener Zeitung 

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