Zurück in die Zukunft

von Nina Brnada

Heute will man wieder wohnen wie vor hundert Jahren – ein neues Konzept macht es möglich. „Neues Stadthaus“ orientiert sich am Gründerzeitbau.

Text: Nina Brnada

Wohnen, Arbeiten, Einkaufen – diese Bereiche sollten voneinander getrennt sein, meinten jahrzehntelang einflussreiche Stadtplaner: Man wohnt in einer Siedlung, arbeitet in einem Büroviertel und shoppt in der Mall. Dazwischen fährt man mit dem Auto. Auf diese Weise sollte das städtische Leben effizienter und reibungsloser funktionieren.

Die Kehrseite dieses Konzepts sieht man aber nur allzu häufig: gewaltiges Verkehrsaufkommen, einseitige Nutzung der einzelnen Gebäude und kaum Urbanität in diesen monofunktionalen Vierteln. Deshalb besinnt man sich heute wieder auf Konzepte, welche die jeweiligen Lebensbereiche durchmischen und kommt dabei auf etwas, das es bereits vor 150 Jahren gab – den Gründerzeitbau.

Heute scheinen diese klassischen Altbauhäuser für modernes Stadtleben wie gemacht. Etwa in Wien, wo die alten Quartiere mal als Wohnraum, Büro oder Kindergarten genutzt werden – sie lassen sich für viele Funktionen adaptieren. Wenn es nach der Projektgemeinschaft „raith nonconform architektur vor ort“ geht, soll ein neuer Typus Haus eben diese Merkmale und Möglichkeiten der alten Gründerzeithäuser genauso haben.

Nicht nur für eine bestimmte Funktion
In Anlehnung an die Gründerzeithäuser hat die Projektgemeinschaft deshalb das sogenannte „Neue Stadthaus“ konzipiert: Es soll dem Altbau vor allem in puncto „struktureller Offenheit“ ähneln. Das bedeutet, es sollen Räume entstehen, die nicht nur für eine bestimmte Funktion gedacht sind, „sondern immer wieder von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen angeeignet werden können“, sagt Stadtplaner Erich Raith. Er ist Professor an der TU Wien und war ebenfalls an der Konzeption dieses „Neuen Stadthauses“ beteiligt. Gefördert wurde das Projekt mit rund 250 000 Euro durch die ZIT, die Technologieagentur der Stadt Wien.

Das Konzept für das „Neue Stadthaus“ sieht einen großzügigen Eingangsbereich und ein gut belichtetes Stiegenhaus vor. Die Grundstruktur des Gebäudes wird in Fertigteilbauweise errichtet, die die Grundlage für ein flexibles Raumkonzept sein soll. Die Raumhöhe ist zudem mit drei Metern höher als bei herkömmlichen Neubauten; und der Sockelbereich im Erdgeschoß 4,8 Meter hoch. Dieser soll beispielsweise als Geschäftsraum genutzt werden und damit eine „Verbindung zum öffentlichen Raum darstellen“, sagt Caren Ohrhallinger, Architektin bei „nonconform architektur vor ort“.

Solche Häuser sollen nicht bestehende, intakte Bauten ersetzen, sondern in bereits bebauten Vierteln zur Sanierung und Verdichtung eingesetzt werden, heißt es. Im Jahr 2014 beginnt der Bau des ersten Stadthauses in der Jägergasse in Favoriten, errichtet wird es vom Institut für Anlageberatung.

Das Projekt soll auch eine Antwort auf moderne Entwicklungen sein, „in denen sich Familien- und Arbeitsverhältnisse grundlegend verändern und sich die Grenzen zwischen Arbeits- und Familienleben immer weiter auflösen“, sagt Erich Raith. „Es ist aber auch eine Antwort auf die Krise der Industriegesellschaft.“

Erschienen am 1. März 2013 in Wiener Zeitung 

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