Die Vorleserin

von Nina Brnada

Zehn Mal im Monat gibt es an verschiedenen Standorten mehrsprachige Vorlesestunden für Kinder. In bis zu 15 Sprachen werden Geschichten und Märchen vorgelesen.

Text: Nina Brnada

Mit mehrsprachigen Vorlesestunden für Kinder wecken die Büchereien Wiens das Interesse an Fremdsprachen und schaffen gleichzeitig ein Angebot in Einwanderersprachen. Und sie setzen ein Zeichen für die Bedeutung der Mehrsprachigkeit.

Natalie Weschitz weiß, welche Knöpfe sie drücken muss, um Kinder in ihren Bann zu ziehen. Wenn sie zur Märchenstunde lädt, drapieren sich die Kids am Bauch liegend im Kreis um sie herum und recken ihre Beinchen in die Höhe. Jedem von ihnen schaut Weschitz dann verschwörerisch in die Augen, während sie ihre Geschichte vom kleinen Wal erzählt. Die Kinder verfolgen mit großen Augen jede Regung in Weschitz’ Gesicht. Dabei erzählt sie die Geschichte eigentlich auf Spanisch, also in einer Sprache, die die meisten dieser Kinder nicht verstehen.

Zehn Mal im Monat gibt es an verschiedenen Standorten der Wiener Büchereien mehrsprachige Vorlesestunden für Kinder zwischen vier und acht Jahren. Neben Spanisch, das unter anderem Weschitz’ Gebiet ist, werden Geschichten und Märchen in bis zu 15 weiteren Sprachen vorgetragen, wie etwa Türkisch, Persisch, Tschechisch oder in den Sprachen des ehemaligen Jugoslawiens.

Dieses Programm versucht laut den Büchereien einerseits, bei „deutsch-muttersprachlichen Kindern das Bewusstsein dafür zu wecken, wie viele verschiedene Sprachen in Wien gesprochen werden“. Andererseits ist es auch für viele Migrantenkinder ein Angebot in ihren Muttersprachen.

Erstsprachen sind wichtig
Die mehrsprachigen Vorlesestunden sind, wenn man so will, ein kleines Zeichen gegen die gesamtgesellschaftliche Skepsis gegenüber Einwanderersprachen: Denn viele sehen in den Sprachen der Migranten ein Hindernis für sogenannte Integration. Dieses allgemeine Misstrauen hat vor allem auf das Bildungssystem große Auswirkungen: So spielen Einwanderersprachen im Schulsystem fast keine Rolle, Muttersprachenunterricht gibt es kaum. Manche Schule gehen sogar so weit, Schülern ihre Muttersprache auch im Pausenhof zu verbieten. Dabei weisen viele Sprachwissenschafter auf die Bedeutung gerade der Förderung der Erstsprachen hin: Literarisierung in der Muttersprache, meinen sie, führt dazu, dass man auch andere Sprachen leichter und besser erlernen kann. Stattdessen jedoch findet man in Österreich oft Geringschätzung gegenüber der Vielsprachigkeit der Migranten vor, bei Politikern wie im Bildungssystem.

Die außerschulische Aktion der Büchereien Wien hingegen will bewusst Mehrsprachigkeit fördern. Zwar ist Spanisch in Österreich keine klassische Einwanderersprache und lediglich ein argentinisches Mädchen mit Spanisch als Muttersprache ist in der Gruppe in der Bücherei Schwendergasse in Rudolfsheim-Fünfhaus vertreten. Doch auch die anderen Kinder, von denen viele aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei stammen, profitieren von der Märchenstunde auf Spanisch. „Hier können sich die Kinder einer weiteren Sprache spielend nähern und verlieren die Scheu davor“, sagt Nathalie Weschitz. Sie ist eine Frau mit klarer Stimme und sicherem Blick. Die 28-Jährige redet mit den Kindern, ohne sie zu überfordern und ohne sie zu verniedlichen, sie hat da die richtige Mischung. Und damit auch alle Kids der Geschichte folgen können, übersetzt Weschitz jeden spanischen Satz anschließend auch ins Deutsche.

Eltern warten draußen
Während die Kinder der Geschichte vom kleinen Wal lauschen, warten deren Eltern daneben, bis die Vorlesestunde zu Ende ist. Es sind Mütter mit Schatten unter den Augen und Väter in Blaumännern, sie wohnen hauptsächlich im Grätzel rund um den Schwendermarkt an der Äußeren Mariahilfer Straße. Manche blättern während des Wartens durch einige der Bücher, die in der Bücherei bereitliegen. Andere ziehen ihre Jacken erst gar nicht aus und gehen im Kopf wohl schon ihre Einkäufe für das Abendessen durch. Es sind Eltern, denen man ansieht, dass sie sich für ihre Kinder engagieren. Und die froh sind, dass ihnen jemand wie Weschitz frischen Input gibt, etwas Neues mit ihnen ausprobiert und damit ihre Fantasie anregt.

Weschitz liest nicht nur in Rudolfsheim-Fünfhaus, „ich bin jedes Mal in einer anderen Filiale der Bücherei“, sagt sie. „Und manchmal reisen mir Eltern mit ihren Kindern sogar hinterher, das freut mich natürlich sehr.“

Die Wienerin hat Spanisch zunächst in der Schule und später während eines Studienaufenthalts in Barcelona gelernt. Sie spricht nach wie vor viel Spanisch, „eigentlich täglich“, sagt sie, „manchmal denke ich auch auf Spanisch“. Weschitz hat nicht nur in der Bücherei Erfahrung in der Arbeit mit Kindern gesammelt, sondern auch als Mitarbeiterin eines Horts und als Lernhilfe in einer Volksschule. Heute studiert sie parallel die Magisterstudien Deutsch als Fremdsprache und Übersetzen. Neben diesem dichten Alltag findet sie dennoch einmal im Monat die Zeit, in die Rolle der Spanisch-Vorleserin zu schlüpfen – ehrenamtlich versteht sich, so wie die rund 30 weiteren Vorleser, die das schon seit zwei Jahren machen.

Erschienen am 23. März 2013 in Wiener Zeitung 

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