Die Unangepassten

von Nina Brnada

Sie sind jung, konservativ und streben einen Job an, den keiner haben will: katholischer Priester

Sinnsuche: Nina Brnada

Die Erzählung von Jakob Chavanne klingt wie eine klassische Heldengeschichte. Ein prägendes Erlebnis krempelt das Leben eines unscheinbaren jungen Mannes von Grund auf um. Seine Verwandlung beginnt am Wühltisch beim Libro. Dort findet er eine CD um 3,90 Euro. Auf der Scheibe sind Reden von Papst Johannes Paul II.; darunter jene Worte, die ihm eine Vision für sein Leben gegeben haben, wie Chavanne sagt. Mit ihnen beginnt er die Geschichte seiner Bekehrung: „Sei niemals zufrieden mit Mittelmäßigkeit.“

Bis dahin sei er „ein gewöhnlicher Jugendlicher“ gewesen, sagt er im gymnasialen Wienerisch, „ein schlechter Schüler“. Er lächelt mit einer Milde, die zu erhaben scheint für einen, der erst 1983 geboren ist. „Früher sagte ich, was alle sagten. Ich tat, was alle tun. Ich führte ein Mainstreamleben.“

Heute nennt er sich nach seiner großen Inspiration Pater Johannes Paul. Was er für Mittelmäßigkeit hält, hat er hinter sich gelassen. Er lebt nun ein Leben, das kaum jemals so unzeitgemäß schien wie heute. Er ist seit kurzem katholischer Priester.

Nur sieben Neupriester zählte die Erzdiözese Wien im Jahr 2012. Sie wurden entweder in Orden wie den Dominikanern oder Augustinern ausgebildet oder aber im Priesterseminar der Diözese. Für die 660 Pfarren starke Diözese, die Wien und Niederösterreich umfasst, viel zu wenig Nachwuchs.

Das Rückzugsgefecht der Kirche äußert sich aber auch in immer höheren Austrittszahlen, nicht zuletzt aufgrund der Missbrauchsskandale der vergangenen Jahre. Auch deshalb stehen jene Männer, die sich für diesen Weg entscheiden, unter enormem Rechtfertigungsdruck. Durch Säkularisierung und Individualisierung hat das Religiöse zudem seine Bedeutung als lebensweisender Kompass verloren. Doch gerade das Randständige von Priesterberuf und Kirche wirkt auf viele Jungpriester besonders anziehend. So auch für Pater Johannes Paul.

„Ich rede gerne dagegen“, sagt er und hält kurz inne, als ob erst durch das Schweigen seine Worte zu ihrer Bedeutung heranreifen würden. „Und heute bedeutet katholisch sein alternativ zu sein.“

Tatsächlich hat Pater Johannes Paul Ansichten, die eigenwillig wirken, etwa zum Thema Kirchenaustritte: Skandale innerhalb der Kirche, die viele Gläubige zum Austritt veranlassten, erwähnt er mit keinem Wort. Stattdessen monologisiert er über Glaubensschwäche und vergleicht die Austretenden mit jenen, die sich zu biblischen Zeiten von Christus abwandten. Jesus habe diese Menschen nicht aufgehalten, im Gegenteil, erklärt Pater Johannes Paul. „Er hat die Verbliebenen gefragt, ob sie denn nicht auch gehen wollen.“ Jeder hätte die Freiheit, mit oder ohne Jesus zu gehen, so Pater Johannes Paul, inhaltlich jedoch mache der Messias keine Konzessionen.

Es ist wohl das Kompromisslose, das der junge Theologe in der Religion gefunden zu haben glaubt. Kein Wunder also, dass es Pater Johannes Paul vor über sechs Jahren ins Zisterzienserkloster Heiligenkreuz im Wienerwald gezogen hat – es gilt als konservativer als andere Einrichtungen, etwa das Wiener Priesterseminar.

Der großgewachsene Mann in der bodenlangen Soutane pflegt sein ehrwürdiges Auftreten. Hinter dem altertümlichen Gebaren ist Jakob, wie Pater Johannes Paul einmal hieß, nicht mehr auszumachen. Man kann sich nicht vorstellen, wie er als Teenager war, welchem Milieu er entstammt. Das sei nicht wichtig.

Viel lieber referiert er über den Glauben und Heiligenkreuz. Das Kloster hätte trotz Kirchenkrise den höchsten Personalstand seit über 200 Jahren. Die Gesänge der Mönche schafften es sogar in die Charts, auf Facebook habe das Stift inzwischen über 7600 Likes, sagt Pater Johannes Paul.

Doch das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hinter den dicken Mauern des Stifts die Uhren noch anders ticken – hier herrschen Frömmigkeit und die alte Ordnung.

In genau dieser Zurückgezogenheit scheint sich ein Großteil des Kirchennachwuchses derzeit zu entwickeln. Gerade junge Geistliche sehnen sich heute nach festen, althergebrachten Werten. Das war nicht immer so, noch vor 50 Jahren waren viele Kleriker an Modernisierung interessiert und hatten eine zeitgemäßere, offenere Kirche im Sinn. Verwirklicht wurde sie zum Teil durch das Zweite Vatikanische Konzil, das etwa die Landessprachen im Gottesdienst zuließ und das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu anderen Religionen moderner definierte. Heute jedoch scheinen viele junge Geistliche an Progress nicht mehr interessiert. Im Gegenteil: Gerade der kirchliche Nachwuchs bildet, wenn man so will, eine Speerspitze des Konservativismus.

Das zeigt sich zum Beispiel in der Bereitschaft der Jungen, die rebellische Pfarrerinitiative von Helmut Schüller zu unterstützen, die etwa Frauenordination und die Verheiratung von Priestern fordert. 51 Prozent der Priester unter 40 Jahren lehnen diese Forderungen ab, wie eine Studie der ORF-Sendung „Kreuz und quer“ aus dem Jahr 2011 zeigt – bei den Pfarrern zwischen 61 und 70 Jahren hingegen sind es nur 17 Prozent.

Auch Richard Hansl ist gegen die Pfarrerinitiative, auch er bezeichnet sich als „wertkonservativ“. Hansl ist Priesteranwärter im Wiener Seminar. Im frisch renovierten Gebäude im neunten Bezirk riecht es nach neuen Möbeln und Farbe. In Hansls Zimmer ist die Decke auf dem Einzelbett straff gezogen, an der Tür hängt eine lange Soutane am Kleiderbügel, der 28-Jährige trägt heute Jeans und ein kariertes Hemd.

„Es gibt keinen Grund, am Zölibat zu rütteln“, sagt er. Zwar sei es für ihn schwierig gewesen, sich mit dem Gedanken abzufinden, selbst keine Kinder haben zu können, „aber durch das Gebet wird es möglich“. Und auch die Diskussion über die Frauenordination sei „vergeudete Energie,“ denn „Papst und Kirche haben mehrmals erklärt, dass sie nicht die theologische Vollmacht besitzen, dieses einzuführen“. Schüllers Pfarrerinitiative riskiere mit ihren harten Forderungen eine Kirchenspaltung, sagt er. „Die Art, wie hier diskutiert wird, ist eigentlich ein Wahnsinn, das weiß ich auch aufgrund meiner politischen Erfahrung.“

Jahrelang war der blonde Hansl ein schwarzer Jungapparatschik. Als Wolfgang Schüssel Regierungschef war, arbeitete der damalige WU-Student für den Pressedienst des Bundeskanzleramts. Seine joviale Funktionärsaura ist ihm bis heute nicht abhandengekommen. „Wenn ich Dialekt rede, fühle ich mich wohl“, sagt der gebürtige Oberösterreicher.

Die Kirche hätte im Vergleich zur ÖVP flachere Hierarchien, so Hansl. „Hier gibt es nur zwei Ebenen, den Priester und den Bischof. In der ÖVP ist alles ein bisschen komplizierter.“ Die Betreuung im Seminar sei mehr als zufriedenstellend, die jungen Priesteranwärter würden intensiv umsorgt, erzählt er. So wird etwa jeder, der sich für das Wiener Priesterseminar entscheidet, einzeln zum Frühstückstermin bei Kardinal Christoph Schönborn geladen. Dieser kümmert sich eingehend um die wenigen Priesteranwärter. Hansl erzählt zum Beispiel, wie ihm Kardinal Schönborn persönlich bei der Suche nach einer Herberge in Madrid geholfen habe, wo er kommenden Sommer wieder einen Sprachkurs absolvieren wolle. Bei seinem ersten Sprachaufenthalt, in Spanien vor fünf Jahren, hatte er seine Bekehrung erlebt. In Barcelona hatte er damals aus Neugier angefangen, den Rosenkranz zu beten. Die Worte zogen ihn immer mehr in religiöse Versenkung. Seitdem will er die Gnade Gottes auch anderen Menschen näherbringen, sagt Hansl.

Auch Albert Reiner erlebte seine Bekehrung im Ausland. Reiner sitzt im Erdgeschoß des Wiener Priesterseminars in einem kahlen Besprechungsraum und beginnt zu erzählen: „Vor einigen Jahren war ich längere Zeit beruflich in Norwegen und hatte beschlossen, das Neue Testament zu lesen.“ Nicht aus religiösem Eifer, sondern „um die Kenntnisse aufzufrischen und dadurch eine kulturelle Bildungslücke zu schließen“, wie er sagt. Irgendwann, erzählt Reiner, habe er aber gemerkt, wie der Inhalt der Heiligen Schrift in ihn hineinsickerte. Seine Hinwendung zu Gott wurde ihm erst klar, als sie schon geschehen war.

Eigentlich hatte er schon ein fertiges Leben. Der 42-Jährige hat Technische Physik studiert und war erfolgreicher Wissenschaftler mit dem Fachgebiet Flüssigkeitstheorien. Reiner reiste viel und liebte klassische Musik. Kirche, sagt er, habe ihn gar nicht interessiert. „Lange habe ich geglaubt, alle, die an Gott glauben, sind dumm.“ Heute spricht er von seiner existenziellen Ergriffenheit. Von Wahrheit, die er tief empfindet. Von Gott.

„Irgendwann konnte ich mir nicht mehr erklären, wie ich annehmen konnte, die Wissenschaft liefere eine restlose Erklärung der Welt.“ Seinen analytisch-wissenschaftlichen Blick hat sich Reiner bewahrt, auch in Glaubensfragen. Er spricht nüchtern und in gestanzten Sätzen wie ein Meinungsforscher im Fernsehen – selbst vom Allerhöchsten. Fast ein wenig pingelig wirkt der großgewachsene Mann mit der hohen Stirn und der großen Brille, wenn er den Zeigefinger zur Decke richtet und sagt: „Der da oben, figurativ gesprochen“. Nach der Priesterweihe, sagt er, wünsche er sich nicht unbedingt eine typische Pfarrgemeinde. Vielmehr würde es ihn reizen, sich als Seelsorger mit einzelnen Menschen zu beschäftigen, in Spitälern oder Gefängnissen etwa, „denn das entspricht am ehesten meiner Persönlichkeit“.

Reiners Verhältnis zur Kirche ist nicht friktionsfrei. Zwar ist auch er ganz auf Linie, was die Ablehnung von Schüllers Pfarrerinitiative betrifft, aber ein Frömmler will Reiner deshalb auch nicht sein. „Von mir aus können die alle sofort aufhören mit ihrem Beten vor dem Essen“, meint er. Zwischenzeitlich trat Reiner sogar einmal aus dem Priesterseminar aus, das ganze Getue, sagt er, war ihm einfach zu viel geworden. Zudem hätte er sich gefragt, ob er nicht auch als Laie, frei und unbehindert von jeglicher institutionellen Einbindung, sein Christsein leben könne. Zurückgegangen ins Seminar ist er dann aber trotzdem, nach nicht einmal zwei Monaten, weil „ich in dieser wichtigen Pause gemerkt habe, dass ich wirklich Priester werden will“, sagt Reiner. „Gott zeigt uns immer wieder Wege auf“, erklärt er, „und mir hat er eben den Weg hierher eröffnet.“

Erschienen in Falter 20/2013 

 

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