Nina Brnada

Kroatiens europäische Grenzfälle

Die EU soll Menschen einander näher bringen, doch der EU-Beitritt Kroatiens schafft eine zusätzliche Barriere gegenüber Bosnien-Herzegowina.

Text: Nina Brnada

Manchmal wird man auch aufgeregt, wenn gar nichts passiert. Marija schaut unruhig aus dem Busfenster, ihre Blicke tasten die Straße vor ihr ab. Nervös knetet sie dabei die starren Henkel ihrer braunen Ledertasche. Immer wieder reckt sie ihren Kopf über den Vordersitz, gerade so als wäre draußen ein Unfall passiert oder eine filmreife Verfolgungsjagd im Gange. Doch der Bus, in dem Marija sitzt und bangt, steht still – und das schon seit Stunden.

Er hängt fest an der Grenze in Gradiska, einem kleinen Kontrollposten im Norden Bosnien-Herzegowinas, keine zwei Autostunden südöstlich von der kroatischen Hauptstadt entfernt. Dorthin, nach Zagreb, fährt dieser Bus -, wenn er nicht gerade hier an der neuen EU-Außengrenze darauf wartet, durchgelassen zu werden.

Tradition oder Bestechung

Einer der beiden Fahrer vertreibt sich die Zeit, indem er draußen eine Zigarette raucht und wissend die Busreifen inspiziert. Sein Kollege schlichtet währenddessen schon einmal vorsorglich das halbe Dutzend gelber Bierdosen in den Kühlkasten schräg neben seinem Sitz.

Denn wenn der Bus dann irgendwann bei den Grenzbeamten vorfährt, kann es nicht schaden, den Wachen etwas zum Trinken anbieten zu können. Ob es sich hierbei nun um ziemlich einfältige Bestechung oder um alte Busfahrertradition handelt – so oder so, diese Sitte gibt es auch in den Varianten Fruchtsaft und Energy-Drink. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, scheint die Devise der Busfahrer zu sein. Und die Freundschaft, die ist noch wichtiger, jetzt, wo Kroatien in der EU ist und die unerträgliche Warterei an den Grenzen noch länger wird.

Wer mit dem Bus fährt, der musste zwar immer schon Geduld mitbringen, das weiß Marija. „Aber so lange wie jetzt,“ sagt sie, „hat es noch nie gedauert.“ Kroatien, offizell seit Montag das 28. Mitgliedsland der Europäischen Union, muss nun die Grenzen zu den Nicht-EU-Nachbarstaaten stärker bewachen als bisher.

Einst war hier alles Jugoslawien, ein einziger großer Staat. In den großen Kriegen der Neunzigerjahre zerfiel der Vielvölkerstaat in seine Teilrepubliken. Inzwischen ist zwar wieder Friede eingekehrt, doch die Grenzen, die man damals zog, scheinen sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr verfestigt zu haben.

Dieser Trend wird durch den EU-Beitritt Kroatiens noch weiter verstärkt. Die EU-Außengrenze verläuft nun mitten durch ein Gebiet, dass sehr stark miteinander verwoben war und dies immer noch ist. Die Grenzsituation hier ist um einiges komplexer als anderswo in Europa -, auch weil diesseits und jenseits der neuen EU-Grenze Kroaten leben.

In Bosnien-Herzegowina etwa sind die – meist katholischen – Kroaten eines der drei so genannten konstitutiven Völker, neben muslimischen Bosniaken und christlich-orthodoxen Serben. Zudem haben bosnisch-herzegowinische Kroaten hier nicht nur die bosnisch-herzegowinische Staatsbürgerschaft, sondern auch die kroatische und sind somit seit kurzem ebenfalls EU-Bürger.

In der Isolation

Der Rest Bosnien-Herzegowinas ist isoliert. Und diese Isolation beginnt schon auf einer ganz banalen Ebene – etwa, wenn es um den Inhalt Marijas Reisetaschen geht, die sie behutsam im Gepäckraum des Busses verstaut hat. Die 55-jährige Frau aus der zentralbosnischen Stadt Travnik verwandelt alle paar Wochen ihre Kleinküche in eine Großküche. Tagelang bäckt sie dann Kuchen, rollt Strudel aus und zupft aus ihrem Garten Lauch und Erdbeeren. Das alles packt sie dann in die großen Reisetaschen und steigt in den Bus Richtung Zagreb. Alles für ihre drei Kinder. Die studieren alle in der kroatischen Hauptstadt. Nach Bosnien kommen sie nur noch für ein paar Tage pro Jahr. Die Mehlspeisen Marijas helfen ihnen, sich zwischendurch wie daheim zu fühlen – kulinarisch. Doch nun hat Marija Sorgen: „Durch die Bestimmungen der EU werde ich nicht mehr so viel mitnehmen dürfen“.

Der Grenzfall Neum

Rund 350 Kilometer weiter südlich sitzt Marica Obad und schaut auf das Meer hinaus, das sich glitzernd vor der Stadt Neum ausbreitet. Neum ist der einzige Meereszugang Herzegowinas. Maricas vierstöckiges Haus liegt direkt am Strand von Neum und ist in der Bucht zwischen Festland und der Halbinsel Peljeˇsac eingeklemmt. Im Sommer vermietet sie ihre vielen Zimmer, dann putzt sie hier und richtet alles her. Die Pension betreibt Marica zusammen mit ihrem Mann, aber „ich bin fürs Arbeiten zuständig, er fürs Reden“, sagt sie und lacht.

Maricas Heimatstadt ist wie ein kleiner Keil, mit dem Bosnien das kroatische Territorium in zwei Hälften teilt. Wer aus dem Norden Kroatiens nach Dubrovnik will, muss durch Neum durch: also aus Kroatien ausreisen und nach 20 Kilometern wieder einreisen.

Wie Marija im bosnischen Gradiska hat auch Marica im herzegowinischen Neum Sorgen wegen der neuen Grenze. Marica ist eine Frau von breiter Statur, streng zusammengebundenen blonden Haaren und blasser Haut. Sie ist kerngesund. Und doch fragt sie sich, was sein wird, wenn sie einmal ins Krankenhaus muss, sollte sie einen Herzinfarkt haben oder einen Schlaganfall – oder eine Krankheit, die nicht in der örtlichen Ambulanz in Neum behandelt werden kann – dann müsste der Krankenwagen Marica nach Mostar in Bosnien-Herzegowina bringen, in die größte Stadt der Gegend.

Nun gibt es aber keine direkte Straße von Neum nach Mostar über bosnisch-herzegowinisches Staatsgebiet. Deshalb nimmt der Krankenwagen seit jeher den Weg über den kroatischen Nebenort – und dafür muss er neuerdings die EU-Grenze passieren. „Wie soll das alles gut gehen, wenn es schnell gehen muss, wo doch jetzt so streng kontrolliert wird?“, fragt sich Marica, „Wie kann es sein, dass ein Krankenwagen mit Notfällen überhaupt an einer Grenze stehen muss?“

Die kroatische Regierung plant, das Loch zu schließen, welches das Land in zwei Teile trennt. Die Politiker möchten eine Brücke auf die nahegelegene Halbinsel Peljeˇsac errichten lassen; damit wäre Kroatien ungeteilt und nicht mehr auf den Transit durch Neum angewiesen. An Maricas Problemen ändert dieses Großprojekt freilich gar nichts – im Gegenteil: Wenn das Nadelöhr Neum überflüssig wird, weil Hunderttausende Kroaten und ausländische Touristen auf dem Weg in den Süden einfach die neue Brücke überqueren, dann kann die Grenze bei Neum nach gängigen EU-Standards kontrolliert werden, egal, wie eng und lebensnotwendig die Verbindung zwischen Neum und dem umliegenden Kroatien auch ist.

Ab dem Jahr 2015 hat die kroatische Regierung angekündigt, will das Land schon reif für den Schengen-Beitritt sein. Dann sollen auch die Grenzen den anderen Staaten der Europäischen Union geöffnet werden – und jene zu den Nicht-EU-Staaten umso lückenloser und strenger kontrolliert werden. Auch in Gradiska und Neum, wo Marija und Marica oft die Grenze überqueren. Für die beiden Frauen wird es dann heißen: Draußen bleiben!

Erschienen in Die Furche 27/2013

Grenzgänger im Dreiländereck

Josko Joras beharrt darauf, dass sich sein Haus in Slowenien befindet. Die Behörden in Kroatien sehen das anders. Für die einen ist Joras ein Rebell, für die anderen ein Spinner.

Text: Nina Brnada, Slowenien/Kroatien

Josko Joras gebärdet sich zuweilen wie ein Dirigent. Wenn er etwas hört, das ihm nicht gefällt, kneift er das rechte Auge zu und beugt den

Kopf zur Seite – als ob er einen schiefen Ton vernommen hätte. So zuckt er auch beim Wort „Grenze“ zusammen. Joras steht zwischen zwei überdachten blauen Metallgerüsten mit zwei polizeilichen Absperrungen und zwei Zollstuben. Links ist die slowenische Seite, mit Flagge und uniformierten Beamten. Rechts stehen die Kroaten in voller Montur. Für die meisten Menschen sind die Schranken die Grenzübergänge zwischen Slowenien und Kroatien. Für Josko Joras jedoch sind es nicht mehr als „Kontrollpunkte“. „Der Grenzverlauf zwischen Kroatien und Slowenien ist hier nicht geklärt.“

Die Suche nach der Antwort, wo genau diese idyllischen Felder und Hügel in zwei verschiedene Länder auseinanderfallen, ist für Joras zu einer Art Berufung geworden. Denn er lebt hier: Sein Heim, ein zweistöckiges Einfamilienhaus, steht genau zwischen den „Kontrollpunkten“. Kroatische Behörden sind der Meinung, dies hier sei kroatisches Territorium. Joras jedoch, ein „slowenischer Patriot“, pocht darauf, dass es Slowenien sei. Als Zeichen seines Trotzes gegen die Kroaten weht eine slowenische Flagge an der Fassade. Unter dem Dachstuhl steht in Großbuchstaben: „Auch hier ist Slowenien.“

Josko Joras ist 62 Jahre alt, unter den Brillengläsern weiten sich die blauen Augen. Er wirkt zäh und knorrig. Manche halten den Mann für einen Rebellen, andere für einen Spinner. Als der ehemalige kroatische Staatspräsident Stipe Mesic Joras jedoch einmal als „lächerlich“ bezeichnete, wurde er kurzerhand von einem slowenischen Gericht zu einer Geldstrafe von 2000 Euro verurteilt.

Triest ist nicht weit. Joras‘ Geschichte spielt im Dreiländereck zwischen Kroatien, Slowenien und Italien. Hier ist das prachtvolle Triest nicht weit, ebenso wenig die kleinen slowenischen Küstenorte und der kroatische Teil Istriens. In dieser dicht gedrängten Gegend greifen slawisches und italienisches Siedlungsgebiet wie Nervenstränge ineinander, hier wimmelt es von mehrsprachigen Ortstafeln. Joras‘ Besitz ist nur wenige Kilometer vom Meer entfernt, wo der kleine Fluss Dragonja verläuft, unweit des slowenischen Küstenortes Portoroz.

Es gab eine Zeit, wo es keinen Disput darüber gab, zu welchem Staat dieser Flecken Erde gehört. Denn damals war dies hier einfach nur Jugoslawien. Anfang der 1990er-Jahre sollte dann aber der gemeinsame Staat auseinanderbröckeln und quasi über Nacht eine Grenze zwischen Kroatien und Slowenien gezogen werden. Das Haus des Slowenen Josko Joras landete damals auf der kroatischen Seite. Und somit auf der falschen, wie er behauptet.

Nicht überall ist klar, wo genau die rechtmäßige Grenze zwischen Slowenien und Kroatien verläuft. Besonders prominent etwa ist der Konflikt um die Seegrenze entlang der Bucht von Piran. Lange Zeit war der Grenzstreit ein Hindernis für Kroatiens Weg in die EU. Im September 2009 wurde er dann aber einem internationalen Schiedsgericht übergeben, eine Entscheidung gibt es bis heute nicht.

Joras slowenische Bastion ist ein halber Rohbau, hie und da lugen Kabel ins Leere, mancherorts klafft der blanke Beton. Zwischen diesen unfertigen Ecken breiten sich Wohnräume aus, etwa im Erdgeschoß. Über dem rustikalen Fliesenboden und der einfachen Couch hängt unvermittelt das Gemälde eines muskulösen Männerkörpers, der ein Pferd zähmt. Der quirlige Joras stürmt in das Zimmer mit drei dicken Aktenordnern und Karten auf Papierbögen, die so groß sind, dass er seinen gesamten Körper damit einwickeln könnte. Darauf sind Parzellen, Grundstücke, Ziffern und Kürzel verzeichnet.

Mit diesen Dokumenten will Joras belegen, dass sein Grundstück in Slowenien liegt. Die meisten Bewohner dieser Gegend seien Slowenen gewesen, wo sie in die Kirche und zur Schule gegangen sind. „Seit 1275 lag das administrative Zentrum dieser Gegend im slowenischen Piran“, erzählt er. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Gegend zwar kurzzeitig unter die Verwaltung des kroatischen Ortes Buje, was aber bald wieder revidiert wurde.

Seit Jahren schon ist Joras wegen der Causa im Streit mit den Behörden und ficht einen administrativen wie nervlichen Krieg aus. Immer wieder war er im Hungerstreik, immer wieder kam es zu Handgreiflichkeiten und Verhaftungen. Der höchst umstrittene Einzelkämpfer konnte erwirken, dass ihm die slowenischen Behörden eine slowenische Adresse gaben. „Dennoch würde die slowenische Polizei nicht kommen, wenn ich sie rufen würde“, beschreibt Joras ein kurioses Detail seiner Lage.

Der gelernte Kellner Joras hatte in Deutschland gelebt und dort gutes Geld verdient. Heute macht ihm der Kampf um sein Anliegen auch finanziell schwer zu schaffen: Joras hat viele Jahre Zimmer in seinem Haus an Bauarbeiter aus anderen Teilen des Landes vermietet. Weil die Untermieter immer wieder Probleme mit den Grenzbeamten bekamen, blieben sie schließlich aus.

Nicht nur deshalb will Joras Klarheit. „Auch wenn Kroatien am 1. Juli in die EU kommt und eines Tages Mitglied im Schengen-Raum ist: Man muss trotzdem wissen, wem was gehört“, sagt er. „Dieses Märchen, dass es egal ist, was wem gehört – das haben sie uns damals in Jugoslawien auch immer erzählt.“

Er ist nicht allein, auch seine Nachbarn sind „Grenzfälle“. Wohin wollen er und seine Nachbarn lieber hin, zu Slowenien oder zu Kroatien? Mit einem Augenzwinkern sagt Joras: „Am liebsten zu Italien.“

Erschienen in Die Presse am Sonntag 30.06.2013

Der Mann, den der Krieg „auslöschte“

Porträt: Irfan Besirevic wurde im Jugoslawienkonflikt seiner Bürgerrechte beraubt. Bis heute leidet der ehemals Staatenlose an den Folgen.

Text: Nina Brnada, Ljubljana

Es scheint, als könnte Irfan Besirevic seine Geschichte nur dann erzählen, wenn sich sein Blick in der verregneten Celovska Straße verliert. Konzentriert schaut er den Bussen, LKWs und Autos hinterher, die über diese sozialistischen Ausfallstraße ziehen. Es wirkt, als würden diese gleichmäßigen Bewegungen ihm helfen, an jene Gedanken wieder anzuknüpfen, die er schon so oft geordnet, ausgebreitet und ineinander verwoben hat. Trotzdem vermag er sich in ihnen zu verlieren, jedes Mal aufs Neue.

Besirevic sitzt im Schanigarten des „Tivoli Pubs“ in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana und greift nach den verdrückten Zigaretten in seiner Metallschatulle. Von der Markise perlen Regentropfen. Dieses Viertel hier kennt der Mann mit dem borstigen Schnurrbart wie seine Westentasche. Nie hat er woanders gelebt. Dennoch wurde er hier einst über Nacht zum Ausgestoßenen, zum Illegalen und zum Gejagten der Polizei.

Besirevic gehört zu jener Gruppe, die in Slowenien „izbrisani“ genannt wird, zu Deutsch „Ausgelöschte“. Dabei handelt es sich laut Behörden um rund 25.000 in Slowenien lebende Personen, die durch den Zerfall Jugoslawiens Anfang der Neunzigerjahre alle ihre Rechte verloren haben. Es waren meist Menschen, die ursprünglich aus anderen Gegenden des damaligen Jugoslawien stammten, etwa aus Serbien oder Bosnien-Herzegowina.

Motiv dieser „Auslöschung“ war das damals große Misstrauen der slowenischen Politik und Öffentlichkeit gegenüber den Zuwanderern aus den übrigen jugoslawischen Teilrepubliken. Denn viele Slowenen vermuteten unter ihnen Sympathisanten des Kriegsgegners in Belgrad und der serbischen Sache. Man verdächtigte sie, eine fünfte Kolonne des Feindes zu bilden.

Irfan Besirevic jedenfalls hatte mit Belgrad nichts am Hut. Er stammt aus einer bosnischen Familie. Unter Staatsgründer Tito erlebten alle sechs jugoslawischen Teilrepubliken einen wirtschaftlichen Aufschwung. Besirevics Vater, ein Maurer, war hoch willkommen. Solange es Jugoslawien gab, war sein Leben in Ordnung. Als der Krieg begann, ging Besirevic zu den Behörden. „Es hieß, jeder, der sich bis 26. Februar 1992 nicht um seine Aufenthaltserlaubnis kümmern würde, bekäme Probleme“, erzählt er. „Und obwohl ich innerhalb der Frist um die slowenische Staatsbürgerschaft angefragt habe, half es nichts.“ Eine Beamtin habe ihm bei der Antragstellung kurzerhand seinen Personalausweis durchlöchert und ihm gesagt, er sei von nun an gelöscht.

Der Fall ins Nichts

Besirevic war gerade einmal 33 Jahre alt, als er merkte, was es bedeutete, keinen Einfluss mehr auf das zu haben, was einem passierte. Er verlor seine Arbeit, bekam dadurch finanzielle Probleme, verlor auch seine Wohnung und lebte von nun an auf der Straße, schlief auf Parkbänken.

Lange sprach niemand über Sloweniens Ausgelöschte, „und ich habe mich sehr geschämt, denn ich dachte, ich wäre einer von ganz wenigen.“ Erst später sollte Besirevic verstehen, dass es Tausende waren, die sein Schicksal teilten. Dies wurde bekannt, als Ausgelöschte mit Hungerstreiks auf sich aufmerksam machten. Erst rund um den EU-Beitritt im Jahr 2004 fand ein Umdenken der Behörden statt. Schließlich, im Jahr 2005, bekommt Besirevic die slowenische Staatsbürgerschaft. „Zuvor jedoch musste ich meine Slowenisch-Kenntnisse in einem schriftlichen und mündlichen Test nachweisen“, sagt Besirevic, „obwohl ich doch immer nur in Slowenien gelebt und auch hier die Schule absolviert habe.“

Heute ist zwar sein Status geklärt – doch sein Leben befindet sich noch immer in der Schwebe. Während der Zeit, in der Besirevic ausgelöscht war, hatte er keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Besirevic hat Trombosen, die nicht richtig behandelt wurden, er ist am rechten Auge blind und gilt als Invalide dritten Grades. Dadurch findet er keine Arbeit und muss von 270 Euro Sozialhilfe leben, sagt er.

Erst im vergangenen Jahr hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg nach Klagen von einigen „Ausgelöschten“ festgestellt, dass deren Frage von der Republik Slowenien noch immer ungenügend gelöst ist.

Die Regierung soll daher bis Sommer dieses Jahres ein Entschädigungsschema für alle Betroffenen vorlegen. Slowenien will allerdings eine Fristverlängerung beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof erwirken. Die wirtschaftliche Lage des Landes, heißt es von Politikern, sei derzeit zu angespannt.

Erschienen in Die Furche 26/2013

Mit Faust und Schnuller

Ein krankes Baby, das nicht ausreisen kann, weil der ethnisch motivierte Streit alles blockiert – erstmals protestieren die Bürger von Bosnien-Herzegowina gemeinsam gegen die verbohrte Politik.

Text: Nina Brnada, Sarajevo

Das kleine Mädchen mit der großen Bedeutung für ihre Heimat Bosnien-Herzegowina ist noch keine vier Monate alt und wiegt keine drei Kilo. Ab dem 20. Tag nach ihrer Geburt hörte Belmina Ibriševiæ einfach auf zu wachsen. Die Ärzte stellten eine schwere Immunerkrankung fest, Belmina benötigte dringend eine komplizierte Knochenmarktransplantation, sagten die Ärzte, und für diese Operation müsste sie schleunigst nach Deutschland gebracht werden. Also beantragten Belminas Eltern, muslimische Bosniaken, einen Reisepass für ihr Neugeborenes. Doch am Passamt angekommen, war plötzlich Endstation. Den Ibriševiæs wurde gesagt, ihr Kind existiere offiziell gar nicht, es verfüge nämlich über keine Personenregisternummer.

Der Grund für diesen absurden Zustand liegt in der unsäglich komplizierten Struktur Bosnien-Herzegowinas, in dem auch 18 Jahre nach Kriegsende noch das gesamte Leben strikt entlang nationaler Trennlinien organisiert ist. Das Vier-Millionen-Einwohner-Land besteht aus dem Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina, der wiederum in zwei sogenannte Entitäten zerfällt: in die serbische Republika Srpska und die bosniakisch-kroatische Föderation. Drei sogenannte konstitutive Völker werden anerkannt: Bosniaken, Kroaten und Serben. Weil sich jedoch die Politiker der drei Volksgruppen nicht auf die Neuordnung der Vergabe der Personenregisternummern einigen konnten, gibt es für Babys, die seit dem Spätwinter dieses Jahres in Bosnien-Herzegowina geboren wurden, schlichtweg keine Reisepässe mehr.

Belmina musste warten, und das hätte ihr zum Verhängnis werden können.

Der Fall wurde zum Politikum, und die Empörung trieb die Leute auf die Straße. Mittlerweile demonstrieren nun schon seit drei Wochen in der Hauptstadt Sarajevo Pensionisten, Arbeiter und junge Leute unter dem Banner einer erhobenen Faust, die aus einem Schnuller ragt. Das Besondere daran: Erstmals spielt die ethnische Zugehörigkeit keine Rolle, es solidarisieren sich tausende muslimische Bosniaken, katholische Kroaten und christlich-orthodoxe Serben; alle fordern eine Lösung des Problems. Was sie eint, nennen sie stolz eine „Bebolucija“ – eine „Baby-lution“.

Das Versagen der Politiker bei der Erstellung selbst banalster Gesetze ist ein Symptom der seit Langem verfahrenen Situation. Im konkreten Fall hatten serbische Vertreter für ihre Gebiete andere Registernummern gefordert als für den Rest des Landes. Es sind solche „Teilungen, politische Rivalitäten und Interessen“, die von Catherine Ashton, der Außenpolitikbeauftragten der EU, bei ihrem jüngsten Besuch in Sarajevo gerügt wurden. Diese lähmen das Land, das noch nicht einmal das Assoziierungs- und Stabilisierungsabkommen mit der EU umgesetzt hat.

Der größte Stolperstein auf dem Weg in die Europäische Union ist dabei die Diskriminierung von Angehörigen anderer Gruppen abseits der drei anerkannten Völker. Diesen bleibt es beispielsweise verwehrt, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Dervo Sejdiæ, Vertreter der Roma-Organisation in Bosnien-Herzegowina, und Jakob Finci, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, hatten deswegen eine Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht und bereits im Jahr 2009 Recht bekommen. Bis heute allerdings wurde das Urteil nicht implementiert.

Kroatien wird am 1. Juli der EU beitreten und selbst Serbien hat seinen tiefgreifenden Konflikt mit dem Kosovo in den Griff bekommen. Nur hier, im einst tolerantesten Fleck des ehemaligen Jugosla-wien, verhindert die Kluft zwischen den Ethnien jeglichen Fortschritt und wirkt schier unüberwindbar. Bis zu dem Zeitpunkt, als die kleine Belmina Ibriševiæ aufhörte zu wachsen.

Zoran Ivanèiæ, ein stämmiger Kroate, war unter den Ersten, die sich auf dem Platz vor dem Parlament in Sarajevo, einem rechteckigen Glaskasten mit einem flach betonierten Vorplatz am Rand der Altstadt, versammelten. Über Facebook hatte der Menschenrechtsaktivist zu einer spontanen Kundgebung aufgerufen. „Ich dachte zunächst, es würden ohnehin nur die üblichen Verdächtigen kommen“, sagt Ivanèiæ. „Doch da waren auf einmal Leute, die ich nicht kannte.“

Die Politiker drinnen im Parlament sollten sich schleunigst über die Vergabe der Personenregisternummern einigen, forderten die Leute auf der Straße. Daraufhin verkündete die Regierung eine 180-tägige Übergangslösung, doch die Demonstranten wollten mehr. Die Abgeordneten sollten so lange verhandeln, bis eine endgültige, praktikable Lösung für die Vergabe der Personenregisternummer stünde – egal wie diese aussehen möge. Also belagerten die Protestierer das Parlament und ließen ihre Politiker bis in die frühen Morgenstunden nicht nach Hause.

Das unerwartete Auflehnen der Bürger und der ungewohnte Schulterschluss der Volksgruppen brachten die Abgeordneten derart aus dem Konzept, dass diese – mit dem Hinweis auf die gefährdete Sicherheit durch die Proteste – erst gar nicht mehr zur Arbeit erschienen. Die bosnisch-herzegowinische Öffentlichkeit konnte dar-über nur lachen: Schließlich versammelten sich vor den Toren des Parlaments keine aggressiven Fußballrowdys, sondern hauptsächlich Eltern mit Kinderwägen und Babys auf dem Arm. Auf den Transparenten fragten sie spöttisch: „Habt ihr Angst vor Schnullern?“ „Jeder kann mit einem Baby mitfühlen“, sagt Menschenrechtsaktivist Zoran Ivanèiæ: „Es ist unser kleinster gemeinsamer Nenner.“

Keine 400 Meter vom Parlament entfernt, in einem gut bewachten Glasgebäude, sitzt Valentin Inzko. „Ich wundere mich, warum es nicht schon viel früher zu solchen Protesten gekommen ist“, sagt der Österreicher und Kärntner Slowene. In Österreich kennt man ihn vor allem als Slowenenvertreter in der Kärntner Ortstafelfrage, hier in Bosnien-Herzegowina ist er Hoher Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft und damit der mächtigste Mann im Land. Gemäß der sogenannten Bonner Befugnisse kann Inzko sogar demokratisch gewählte Politiker aus dem Amt jagen und eigenhändig Gesetze erlassen. Theoretisch könnte er auch das Problem der Personenregisternummer im Alleingang lösen. „Ich will aber die heimischen Politiker nicht aus der Pflicht entlassen“, sagt der 64-Jährige. In den Protesten sieht er eine echte Chance, „sie geben den Menschen ihre Würde zurück und etwas, worauf sie stolz sein können.“

Bis Ende des Monats geben die Demonstranten ihren Parlamentariern noch Zeit, um eine endgültige Lösung zu finden. Die kleine Belmina wird mittlerweile in Tübingen behandelt. In der Zwischenzeit ist jedoch ein anderes Baby verstorben, mutmaßlich, weil es wegen der fehlenden Personenregisternummer zu spät zu seiner Behandlung ins Ausland gebracht wurde. „Ihr habt ein Kind getötet“, steht seither auf den Transparenten zu lesen, und: „Schämt ihr euch?“

Erschienen in Profil 26/2013

Bosnien-Herzegowina droht vergessen zu werden

Abgeschlagen. Einst galt Bosnien-Herzegowina als tolerantestes unter den Ländern der Südslawen. Heute ist es intern völlig gespalten und scheint jede EU-Perspektive verloren zu haben

Text: Nina Brnada

(Sarajewo) Eigentlich heißt es ja, die Europäische Union würde Menschen einander näherbringen. Auf dem Balkan jedoch entzweit sie vorerst mehr als sie zusammenführt. Zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina, wo es früher keine Schranken gab, wo einst Jugoslawien war, verläuft nun eine Grenze, die mit kommendem Monat eine der am strengsten bewachte Europas sein wird. Unter anderem wird hier nämlich die neue EU-Außengrenze verlaufen.

Denn am 1. Juli wird Kroatien als zweites ex-jugoslawisches Land nach Slowenien der EU beitreten. Damit wird die EU-Außengrenze mitten durch ein Gebiet verlaufen, das einst miteinander verbunden war. Nicht nur, aber auch, weil diesseits und jenseits der Grenze Kroaten leben. In Bosnien-Herzegowina wohnen über eine halbe Million Menschen, die neben der bosnisch-herzegowinischen auch die kroatische Staatsbürgerschaft haben. Mit dem EU-Beitritt Kroatiens werden auch sie automatisch zu EU-Bürgern. Ihre Heimat Bosnien-Herzegowina jedoch hat kaum Aussicht auf eine Mitgliedschaft. Der Grund dafür liegt in der Bevölkerungsstruktur dieses Landes, einer der kompliziertesten Europas. Einst galt Bosnien-Herzegowina mit seiner multikulturellen Bevölkerung als das toleranteste Land unter den sechs ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken. Durch den brutalen Krieg der frühen 1990er-Jahre wurde jedoch die vielschichtige Gesellschaft nahezu vollständig zerstört. Der Friedensvertrag von Dayton aus dem Jahr 1995 brachte zwar Frieden, aber auch ein sehr undurchsichtiges Staatssystem, das wohl mit ein Grund für die heutige Lage des Landes ist.

Ein Land, drei Völker

Im Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina leben rund 3,9 Millionen Menschen. Er ist in zwei sogenannte Entitäten geteilt: in die serbische Republika Srpska und die bosniakisch-kroatische Föderation. Das Land erkennt drei konstitutive Völker an, nämlich die meist muslimischen Bosniaken, die katholischen Kroaten und die christlich-orthodoxen Serben. Menschen, die nicht einer dieser drei Gruppen angehören, werden systematisch diskriminiert und haben beispielsweise kein Recht darauf, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Dervo Sejdic, Vertreter der Roma-Organisation in Bosnien-Herzegowina, und der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Jakob Finci, hatten deswegen beim Europäischen Gerichtshof eine Klage eingereicht. Bereits im Jahr 2009 bekamen sie recht. Das Urteil jedoch wurde bis heute nicht implementiert, was der Grund dafür ist, dass es mit der EU nicht einmal ein Assoziierungsabkommen gibt.

Das Land scheint jegliche EU-Perspektive verloren zu haben, im Gegensatz zu anderen Ländern der Region, die allesamt kleinere oder größere Erfolgsgeschichten sind. Selbst Albanien wird zumindest eine Chance auf einen Beitritt nicht abgesprochen – einem Land, das während des Kalten Krieges so isoliert war wie kaum ein anderes.

Nur Bosnien-Herzegowina, das Land, das im Jugoslawien-Krieg am meisten gelitten hat und dadurch viele Jahre im Fokus der Weltöffentlichkeit stand, scheint vergessen und sich selbst zu vergessen. So gibt es nicht nur Probleme bei der EU-Annäherung, sondern auch innenpolitische Instabilität. Die aktuelle Regierung brauchte 16 Monate, um sich zu formieren.

Im Protest plötzlich vereint

In jüngster Zeit aber gibt es landesweite Proteste, weil sich die Politiker des Landes nicht auf eine Neuregelung der Vergabe von sogenannten Personenregisternummern einigen konnten. Welche dramatischen Auswirkungen das haben kann, zeigt der Fall eines kranken Mädchens, das wegen der fehlenden Nummer nicht rechtzeitig ins Ausland zu einer überlebensnotwendigen Operation ausreisen konnte und starb. Angestoßen durch diese Entwicklung protestieren die Bürger Bosnien-Herzegowinas nun gemeinsam, über alle ethnischen Grenzen hinweg – in einem Land, wo alles durch das Prisma der nationalen Zugehörigkeit betrachtet wird, ist das ein neues Moment und vielleicht sogar die einzige Chance.

Erschienen in Die Presse am 22.06.2013

Die faule EU-Karotte

Als Kroatien im Jahr 2003 die EU-Mitgliedschaft beantragte, war man noch euphorisch. Doch nun hat die Union ihre Strahlkraft eingebüßt. Ein Lokalaugenschein, wenige Tage vor dem Beitritt.

Text: Nina Brnada

Es wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, dieser EU-Beitritt Kroatiens. Das blaue EU-Zelt, das man im Zagreber Zentrum wochenlang aufgespannt hatte, die EU-Flaggen, die von den Gebäuden wehen, dieser ganze EU-Kram auf den Straßen der kroatischen Hauptstadt hat etwas höchst Anachronistisches. Vor zehn Jahren noch hätte das alles einen anderen Eindruck hinterlassen, da hätten die gelben Sternchen bei vielen hier noch die Ahnung vom guten Leben geweckt. Doch so sehr sich kroatische Regierungspolitiker auch um Stimmung bemühen, längst künden die Insignien des vereinten Europas nicht mehr vom künftigen Wohlstand. Längst wissen die Kroaten aus den Nachrichten, wie es sich heute in Spanien, Griechenland und Portugal lebt. Ein bisschen hat man hier den Eindruck, die EU werde als Party wahrgenommen, zu der die Kroaten erst eingelassen werden, wenn die Musik schon leiser gedreht wurde und die ersten Gäste nach ihren Jacken suchen.

Am 1. Juli wird Kroatien als 28. Staat der Europäischen Union beitreten. Es ist das erste Land in der Gemeinschaft, das in seiner jüngsten Geschichte einen brutalen Krieg erlebt hat. Besser als andere Gesellschaften in der Union weiß die kroatische um die Bedeutung des Friedens, denn hier trifft der Kern des europäischen Gedankens auf eine lebendige Erinnerung vom Gegenteil. Doch viel dominanter als jede Friedensidee ist in dem jüngsten Beitrittsland derzeit die wirtschaftliche Krise, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Die Sammler von Zagreb

Wenn die Sonne hinter den Hügeln rund um die kroatische Hauptstadt Zagreb untergeht, dann schwärmen sie aus, die Pensionisten und Hausfrauen. Auf Rädern brettern sie durch die Alleen, zwischen den Bäumen, in Parks und zwischen den Häuserschluchten. Auf den Lenkerbügeln baumeln zerknitterte Sackerl der großen Supermarktketten. Wenn sie Glück haben, bringen sie sie ausgebeult wieder nach Hause, voll mit Plastikflaschen, die jemand anders weggeworfen hat. Für die gibt es nämlich ein Pfand von 6 Cent pro Gefäß. Einst wurde das Pfand eingeführt, um ein Müllproblem zu lösen. Heute jedoch ist es für viele das einzige Mittel, um über die Runden zu kommen.

Im April diesen Jahres betrug die Arbeitslosenrate in Kroatien rund zwanzig Prozent, also doppelt so viel wie der Schnitt der übrigen 27 Mitgliedsstaaten. Im EU-Vergleich ist die Jugendarbeitslosigkeit nur noch in Griechenland und Spanien höher als in Kroatien.

Damals aber, im Jahr 2003, als Kroatien den Beitrittsantrag stellte, waren die Zeiten in Europa noch anders. Es herrschte Euphorie, keiner ahnte, dass zehn Jahre später die Situation so trist sein würde wie heute. Zudem stand damals der EU-Beitritt von zehn Staaten bevor, wie etwa Tschechien, Slowakei und Polen.

Kroatiens Ausgangslage für den EU-Beitritt war jedoch anders als jene dieser Länder. Im Gegensatz zum übrigen Osteuropa gab es am Balkan keine friedliche Wende. Anfang der Neunzigerjahre versank Kroatien für nahezu ein halbes Jahrzehnt im Krieg. Serbische Truppen stellten sich der Unabhängigkeit Kroatiens mit Waffengewalt entgegen. Hinter dem scheinbaren Ziel, den Gesamtstaat Jugoslawien zu erhalten, verbarg sich die großserbische, nationalistische Ambition von Slobodan Miloˇsevi´c.

Dieser Krieg forderte nicht nur Tausende Menschenleben. Er raffte auch die Wirtschaft dahin und verzögerte zudem eine Ansiedelung ausländischer Industriebetriebe, wie es sie etwa in der friedlichen Slowakei schon viel früher gab. Erst um die Nullerjahren herum kamen ausländische Investoren und engagierten sich, aber vornehmlich in Bereichen, die nicht so viele Arbeitsplätze bedeuten, wie etwa bei Versicherungen und Banken. Allen voran investierten Österreicher.

Mit den Lasten des Krieges hängt auch die Geschichte von Kroatiens umständlichem Weg zur EU zusammen. Lange Zeit warf die internationale Gemeinschaft den kroatischen Behörden vor, nicht genügend für die Festnahme vermeintlicher Kriegsverbrecher getan zu haben, was den EU-Beitrittsprozess verlangsamte. Schließlich aber kamen alle Angeklagten doch noch nach Den Haag – und zwar ausgerechnet, als Ivo Sanader Premier war. Der Konservative entstammt der Partei HDZ, die vom autokratischen Staatsgründer Franjo Tujman gegründet wurde – und deren Anhänger lange Zeit eine Zusammenarbeit mit Den Haag als Hochverrat ansahen. Ironie des Schicksals ist allerdings, dass ausgerechnet dieser ehemalige Premier Ivo Sanader, ein ehemals allseits geschätzter Zeitgenosse, heute selbst im Gefängnis sitzt. Heute ist Sanader Symbol für all das geworden, was in Kroatien in den Jahren des Umbruchs schief gelaufen ist. Ausgerechnet Sanader, Freund seiner konservativen Parteikollegen in Europa, wie etwa Wolfgang Schüssel und Angela Merkel, gilt inzwischen als der erste Kriegsprofiteur des Landes.

Der Fall Sanader

Der ehemalige Regierungschef ist mehrfach wegen Korruption angeklagt und nicht rechtskräftig verurteilt. Aufgrund des Justizfalls Sanader rühmt man sich in Kroatien zwar der unabhängigen Justiz, die so gut funktioniere, dass sie selbst einen ehemaligen Regierungschef nicht schone, heißt es. Gleichzeitig aber sprechen viele politische Beobachter auch vom „Sündenbock Sanader“ und davon, dass er längst nicht der einzige korrupte Politiker war.

Viele hoffen, dass der EU-Beitritt etwas Ordnung in diese Verhältnisse bringen wird. Gleichzeitig aber gibt es auch die Befürchtung, dass das internationale Interesse am Land abnehmen und es bei bedenklichen Entwicklungen keinen wirklichen Aufschrei geben wird ähnlich wie in Ungarn, wo es eine höchst fragwürdige politische Radikalisierung gibt, die aber in der EU kaum zu interessieren scheint.

Ungewiss ist auch, welche Effekte der EU-Beitritt Kroatiens vor allem auf Bosnien-Herzegowina haben wird, den komplizierten Vielvölkerstaat, an den sich Kroatien wie ein Bumerang schmiegt. Über eine halbe Million kroatischer Bürger leben jenseits dieser Grenze. Ivo Josipovi´c, der kroatische Präsident, meinte kürzlich, man wolle nach dem EU-Beitritt Kroatiens keine chinesische Mauer zu Bosnien-Herzegowina bauen. Doch wie es an der neuen EU-Außengrenze tatsächlich sein wird, wird man erst am 1. Juli sehen. Dann werden die Grenzbalken des neuen Europa mitten im ehemaligen Jugoslawien fallen.

Erschienen in Die Furche 25/2013

Kriegserbschaft

Kroatien wird Anfang Juli zum ersten EU-Land, das jüngst einen brutalen Krieg erlebt hat. Mit dessen psychischen Folgen kämpfen nicht nur die Veteranen.

Text: Nina Brnada

Zurückgeblieben ist nur noch ein alter Mann. Zdenko Perišiæs Muskeln wirken geschrumpft, seine wenigen Bewegungen brauchen Zeit, die Augen des Pensionisten sind trüb wie eine Regenlacke. Wenn er spricht, klingt es, als würde die Stimme gegen Staubwolken ankämpfen. Was vor mehr als 20 Jahren geschah, hat aus Zdenko Perišiæ ein Wrack gemacht. Als 1991 in seiner Heimat der Krieg ausbrach, meldete sich der heute 61-Jährige freiwillig zu den kroatischen Streitkräften, „um mein Land zu verteidigen“. Kroatien strebte damals seine Unabhängigkeit von Jugoslawien an, die serbisch dominierte Zentralregierung versuchte das zu verhindern. Es folgte ein brutaler Krieg, der die gesamte Region für nahezu ein halbes Jahrzehnt ins Chaos stürzte.

Zdenko Perišiæ verbrachte zwei Jahre in der Armee, hauptsächlich in Lika, einer Region in Zentralkroatien. Er hat den Krieg im ehemaligen Jugoslawien körperlich unbeschadet überstanden, anders als Hunderttausende, die starben oder mit schweren Verwundungen zurückkehrten. Aber es gibt auch die wenig beachteten psychischen Folgen, unter denen ehemalige Soldaten, ihre Angehörigen und gewöhnliche Zivilisten bis heute leiden. Zdenko Perišiæ hatte lange Zeit Angst, seine Augen zu schließen. Jedes Mal, wenn er es tat, war es so, als sei er wieder mitten in der Kriegssituation, „ich sah all die schrecklichen Bilder wieder“. Wenn er spricht, tasten seine Augen den Boden ab, als würden sie nach etwas suchen, das blasse Gesicht läuft ihm rot an.

Er sei nie ein Typ für Uniformen gewesen, sagt Perišiæ und grinst träge. „Weder Armee noch Polizei und nicht einmal die Post haben mich je interessiert.“ Und doch ist er in den Krieg gezogen. „Ich wollte als Patriot einen Beitrag zur Freiheit meines Landes leisten“, sagt er. „Und heute würde ich es wieder tun.“ Er sei ein schmächtiger Mann gewesen zu Beginn des Krieges und als unerfahrener Soldat an die Front gekommen. Beim Anblick von Tod und Leid habe er sich erst einmal übergeben müssen. „Irgendwann aber gewöhnt man sich an alles, man verdrängt es.“ Danach hat Perišiæ das Erlebte tief in sein Inneres gestoßen. Doch die Zeit schwemmt es wieder hoch.

Gerade wenn sich vordergründig alles wieder beruhigt hat, kommen sie wieder: Erinnerungen, gefolgt von Taubheitsgefühl, Teilnahmslosigkeit, Albträumen und Flashbacks. Es sind typische Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung, PTBS. Der Tribut, den lang andauernde existenzielle Bedrohungen fordern. Zdenko Perišiæ ist einer von vielen in Kroatien, die daran leiden. Eine genaue Zahl kennt kein Amt und kein Politiker. Nicht einmal Schätzungen gibt es, wie viele der 4,3 Millionen Kroaten kriegsbedingt psychisch erkrankt sind. Klar ist nur, dass 16.838 ehemalige Soldaten offiziell als PTBS-Patienten registriert sind. An Formen Posttraumatischer Belastungsstörungen litten auch US-Veteranen nach dem Vietnam-Krieg, Heimkehrer aus Afghanistan und dem Irak, aber auch Überlebende von Konzentrationslagern. Man muss nicht besonders sensibel oder gar labil sein, um an PTBS zu erkranken. Es gibt Dinge, die einen nahezu unausweichlich brechen oder zumindest für immer tiefe Spuren hinterlassen.

Am 1. Juli wird Kroatien nach Slowenien das zweite Land des ehemaligen Jugoslawien sein, das der EU angehört. Gleichzeitig ist es dann der erste EU-Staat, dessen Bevölkerung in der jüngsten Geschichte einen blutigen langjährigen Krieg erlebt hat, dessen Folgen bis heute unübersehbar sind. Die Kriegserfahrung hat sich in das Bewusstsein der Gesellschaft gefressen, in Familien und Beziehungen. Zugleich haben sich die Kroaten seit der Unabhängigkeit niemals Zeit genommen, ernsthaft diese Vergangenheit aufzuarbeiten. Immer überlagerten neue Sorgen die alten Wunden und verdrängten sie aus dem öffentlichen Bewusstsein. Zuletzt hat die Wirtschaftskrise das Land hart getroffen. Viele Kroaten sind hoch verschuldet, mehr als 20 Prozent der Bevölkerung arbeitslos – die Rate ist doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt.

Krieg und die Posttraumatische Belastungsstörung erscheinen im Angesicht dessen wie Dinge aus grauer Vorzeit. Die kroatische Öffentlichkeit pflegt nicht gerade einen sensiblen Umgang mit den Traumatisierten. Seit dem Jahr 2005 ist es Veteranen per Gesetz nicht mehr möglich, ihre PTBS-Diagnose bei Ämtern und Behörden geltend zu machen, um finanzielle Unterstützung vom Staat zu erhalten. Gleichwohl ist wissenschaftlich hinreichend bewiesen, dass die Krankheit auch viele Jahre danach noch ausbrechen kann. So haben mehr als 36.000 kroatische Veteranen erst nach 2005 versucht, staatliche Hilfe zu bekommen – ohne Erfolg.

Als der Krieg schon lange zu Ende war, fiel Zdenko Perišiæ immer öfter auf, dass er seltsam viel schwitzte. Er rauchte Kette mitten in der Nacht und lag hellwach im Bett, während sein Sohn und seine Frau fest schliefen. Perišiæ quälten Ängste und Erinnerungen, doch er redete mit niemandem darüber. Zu alledem verlor er noch seinen Job beim traditionsreichen Süßwarenhersteller Kraš, wo er die Produktionsmaschinen gewartet hatte. Später fand er Arbeit als Fernfahrer. „Das war gar nicht so übel und tat mir eine Zeit lang ganz gut“, sagt er. „Ich habe während der Fahrt Radio gehört, hatte meine drei Packungen Zigaretten und die Einsamkeit. Aber normal war das auch nicht.“ Und auch keine Lösung. Perišiæ fühlte sich immer unwohler und immer weniger von der Familie verstanden. Er versuchte, sich selbst zu helfen, besorgte sich Bücher über Meditation, die ihn aber auch nicht weiterbrachten. Vor vier Jahren hat er dann den Weg hierher gefunden, in eine Vereinigung von Veteranen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen in der Hauptstadt Zagreb. Seither verbringt er fast täglich einige Stunden hier.

Die Räume des „Vereins der an PTBS erkrankten Verteidiger“ liegen im Viertel Preèko im Westen von Zagreb. Zwischen Neubausiedlungen stehen weiße Kioskhäuschen, in den Stiegenhäusern mischt sich der Geruch von feuchtem Kalk mit dem von gedünsteten Zwiebeln. An der Tür des Vereins fragt ein Plakat mit dem rot-weißen Schachbrettmuster der kroatischen Flagge: „Papa, was ist PTBS?“ Zdenko Perišiæ fährt hierher, um sich mit Leidensgenossen die Zeit zu vertreiben. Manche kämen auch einfach, um zu sterben, sagt Vereinsobmann Ivan Toliæ. Immer wieder hätten sich Männer im Haus erschossen oder draußen am Parkplatz. Einmal habe sich einer mit Benzin übergossen, angezündet und sei mit seinem Auto gegen den Baum auf der anderen Straßenseite gefahren. Heute hängt dort ein vergilbter Blumenkranz. „Es hat fast schon etwas Rituelles, wenn die Veteranen hierherkommen, um sich das Leben zu nehmen“, sagt Toliæ, der selbst an PTBS leidet. „Damit wollen sie zeigen, dass sie hierhergehören.“ In letzter Zeit würden sich viele der Veteranen erhängen, es auf ihre Weise lösen, wie es die ehemaligen Kämpfer nennen. Darin liege der Auftrag seines Vereins: „Es gilt, genau diese Verzweiflungstaten zu verhindern.“

An den Wänden der Klubräume hängen Orden und Kreuze, Marienbilder, kroatische Flaggen und ein Porträt des Staatsgründers Franjo Tuðman. In dieser Atmosphäre aus klerikalem Kitsch und militärischer Erinnerung lecken die Männer ihre Wunden. Manche wie der schmächtige Zdenko Perišiæ surfen auf den alten Computern oder gehen zur Gruppentherapie, andere reagieren sich im Keller an den Fitnessgeräten und beim Tischtennis ab. „Damit wir nicht alles kurz und klein schlagen da draußen“, sagt einer von ihnen. Viele der Männer wirken unruhig und stehen ständig unter Spannung, ohne dass es einen ersichtlichen Grund dafür gibt. Den Weg aus dem emotionalen Ausnahmezustand, der ihnen während des Krieges zur Normalität wurde, haben sie nie gefunden. „Diese Leute haben keine Krankheit“, sagt Ivan Toliæ. „Sie leben die Krankheit.“

Dennoch stoßen Kroatiens PTBS-Patienten auf wenig Mitgefühl der Gesellschaft. Viele Kroaten verweisen auf die vergleichsweise hohen Pensionen, die den Veteranen zustehen. Es handle sich ohnehin um eine privilegierte Bevölkerungsgruppe, heißt es dann – als würde das die psychischen Probleme ausgleichen. Zudem gelten die Traumatisierten vielen als radikale Ewiggestrige. Auch Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit würden sie nicht aufhören, immerzu vom Kampf ums Vaterland zu schwafeln. Viele der PTBS-Patienten wirken tatsächlich, als sei die Zeit für sie stehen geblieben. Zagrebs Veteranen hätten Kontakt zu traumatisierten Ex-Kämpfern in Serbien, sagt Vereinsobmann Ivan Toliæ. Bei den Treffen mit den einstigen Gegnern gehe es dann „für beide Seiten immer auch um die Frage, wer am Krieg schuld war“. Die Frage erscheint den PTBS-Patienten bis heute brandaktuell, ebenso wie die Tatsache, dass das vermeintliche Wohl der einen oder anderen Nation immer noch wichtiger ist als das individuelle Leid.

Es geht aber nicht nur um die Veteranen des Krieges. Gleichermaßen traumatisiert sind viele Frauen, Kinder und ältere Menschen, die ihn erlebt haben, ebenso die Angehörigen ehemaliger Soldaten. Eine von ihnen ist Vlatka Roèiæ-Petak. Sie sitzt unweit von Ivan Toliæs Vereinshaus im Zagreber Stadtviertel Knežija und zieht an einer Zigarette. „Für mich begann der Krieg erst dann, als er für alle anderen schon längst zu Ende war“, sagt sie.

Vlatka Roèiæ-Petaks Mann war Soldat. Manchmal wurde er an den Wochenenden nach Zagreb zu seiner Familie geschickt. In der Hauptstadt gab es kaum Kriegshandlungen, das Leben nahm mehr oder weniger seinen Lauf. Schon bei diesen kurzen Besuchen, die den Mann aus dem Krieg rissen, sei er ihr verändert vorgekommen. Richtig schlimm aber wurde es, als der Krieg zu Ende war. Der Mann fing an zu trinken, wurde gewalttätig, „zum Glück niemals zu mir oder zur Tochter“. Einige Male zertrümmerte er in der gemeinsamen Wohnung die gesamte Einrichtung. „Er sagte immer, dass er sich unverstanden fühlt“, zudem sei er extrem launisch gewesen. „Mal war er der beste Vater und Gatte, im nächsten Moment genau das Gegenteil.“ Bis heute kann Roèiæ-Petak im Holz ihrer Möbel die Abdrücke der Fäuste ihres Mannes sehen. Irgendwann ging Vlatka Roèiæ-Petaks Mann in Behandlung. Zunächst wegen Alkoholismus, später auch wegen PTBS. Als es ihm endlich besser ging, rutschte sie selbst ab. Sie hatte begonnen, ihre Angst zu bekämpfen, indem sie heimlich die Medikamente ihres Mannes schluckte. Eines Tages wachte sie in der Psychiatrie auf.

Heute ist Vlatka Roèiæ-Petak Mitglied einer Organisation, die sich um die Familien von psychisch erkrankten Veteranen kümmert. Es ist die erste ihrer Art in Kroatien, alle anderen beschäftigen sich nur mit den Veteranen. Vor allem in der Provinz sei die psychologische Versorgung traumatisierter Familien katastrophal, sagt Roèiæ-Petak. Dort leben noch mehr PTBS-Kranke als in der Hauptstadt, gleichzeitig fehlen jegliche Strukturen, oft gibt es Probleme mit häuslicher Gewalt. „Einmal bin ich im Fernsehen aufgetreten und habe über unsere Organisation erzählt“, sagt Hajrija Mešterbašiæ, die Obfrau der Organisation. „Danach hat mein Handy wochenlang geklingelt. Leute aus dem ganzen Land haben angerufen und wollten Hilfe.“

Traumatisierte Angehörige bekommen in Kroatien praktisch keine finanzielle Unterstützung – im Gegensatz zu den Veteranen, die wenigstens ihre Pension beziehen. Dementsprechend fehlt Mešterbašiæs Verein das Geld. „Wir haben für dieses Jahr von der Stadt Zagreb umgerechnet nur knapp 4.000 Euro bekommen“, sagt sie. Der Andrang der Traumatisierten sei aber so groß, dass das hinten und vorne nicht reiche. Seit Monaten gibt es in den Vereinsräumen keinen Strom. Der Briefträger bringt Rechnungen, die in einer Ecke gestapelt werden.

Während die männlichen PTBS-Patienten in ihrer politisierten und militarisierten Atmosphäre schwelgen können, wirken die Frauen nur ernüchtert und erschöpft. Sie fühlten sich von den Politikern im Stich gelassen, sagen Roèiæ-Petak und Mešterbašiæ. Nun versuchen die Betroffenen, durch Selbsthilfe das Beste aus ihrer Situation zu machen. Viele Kinder aus den traumatisierten Familien hätten enorme Schulprobleme, sagt Roèiæ-Petak. Seit kurzem organisiert der Verein deshalb mit freiwilligen Lehrern Nachhilfestunden. Roèiæ-Petaks Tochter litt unter demselben Problem, mittlerweile hat sie es an die Zagreber Uni geschafft und studiert Sprachwissenschaft. Der Vater verbringt inzwischen die meiste Zeit in einem Garten außerhalb Zagrebs und erholt sich langsam. Der Krieg habe viele Kroaten traumatisiert zurückgelassen, sagt die Mutter. „Jetzt geht es darum, dass nicht auch noch zerrüttete Kinder übrig bleiben.“

Erschienen in DATUM 06/13