Der Mann, den der Krieg „auslöschte“

von Nina Brnada

Porträt: Irfan Besirevic wurde im Jugoslawienkonflikt seiner Bürgerrechte beraubt. Bis heute leidet der ehemals Staatenlose an den Folgen.

Text: Nina Brnada, Ljubljana

Es scheint, als könnte Irfan Besirevic seine Geschichte nur dann erzählen, wenn sich sein Blick in der verregneten Celovska Straße verliert. Konzentriert schaut er den Bussen, LKWs und Autos hinterher, die über diese sozialistischen Ausfallstraße ziehen. Es wirkt, als würden diese gleichmäßigen Bewegungen ihm helfen, an jene Gedanken wieder anzuknüpfen, die er schon so oft geordnet, ausgebreitet und ineinander verwoben hat. Trotzdem vermag er sich in ihnen zu verlieren, jedes Mal aufs Neue.

Besirevic sitzt im Schanigarten des „Tivoli Pubs“ in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana und greift nach den verdrückten Zigaretten in seiner Metallschatulle. Von der Markise perlen Regentropfen. Dieses Viertel hier kennt der Mann mit dem borstigen Schnurrbart wie seine Westentasche. Nie hat er woanders gelebt. Dennoch wurde er hier einst über Nacht zum Ausgestoßenen, zum Illegalen und zum Gejagten der Polizei.

Besirevic gehört zu jener Gruppe, die in Slowenien „izbrisani“ genannt wird, zu Deutsch „Ausgelöschte“. Dabei handelt es sich laut Behörden um rund 25.000 in Slowenien lebende Personen, die durch den Zerfall Jugoslawiens Anfang der Neunzigerjahre alle ihre Rechte verloren haben. Es waren meist Menschen, die ursprünglich aus anderen Gegenden des damaligen Jugoslawien stammten, etwa aus Serbien oder Bosnien-Herzegowina.

Motiv dieser „Auslöschung“ war das damals große Misstrauen der slowenischen Politik und Öffentlichkeit gegenüber den Zuwanderern aus den übrigen jugoslawischen Teilrepubliken. Denn viele Slowenen vermuteten unter ihnen Sympathisanten des Kriegsgegners in Belgrad und der serbischen Sache. Man verdächtigte sie, eine fünfte Kolonne des Feindes zu bilden.

Irfan Besirevic jedenfalls hatte mit Belgrad nichts am Hut. Er stammt aus einer bosnischen Familie. Unter Staatsgründer Tito erlebten alle sechs jugoslawischen Teilrepubliken einen wirtschaftlichen Aufschwung. Besirevics Vater, ein Maurer, war hoch willkommen. Solange es Jugoslawien gab, war sein Leben in Ordnung. Als der Krieg begann, ging Besirevic zu den Behörden. „Es hieß, jeder, der sich bis 26. Februar 1992 nicht um seine Aufenthaltserlaubnis kümmern würde, bekäme Probleme“, erzählt er. „Und obwohl ich innerhalb der Frist um die slowenische Staatsbürgerschaft angefragt habe, half es nichts.“ Eine Beamtin habe ihm bei der Antragstellung kurzerhand seinen Personalausweis durchlöchert und ihm gesagt, er sei von nun an gelöscht.

Der Fall ins Nichts

Besirevic war gerade einmal 33 Jahre alt, als er merkte, was es bedeutete, keinen Einfluss mehr auf das zu haben, was einem passierte. Er verlor seine Arbeit, bekam dadurch finanzielle Probleme, verlor auch seine Wohnung und lebte von nun an auf der Straße, schlief auf Parkbänken.

Lange sprach niemand über Sloweniens Ausgelöschte, „und ich habe mich sehr geschämt, denn ich dachte, ich wäre einer von ganz wenigen.“ Erst später sollte Besirevic verstehen, dass es Tausende waren, die sein Schicksal teilten. Dies wurde bekannt, als Ausgelöschte mit Hungerstreiks auf sich aufmerksam machten. Erst rund um den EU-Beitritt im Jahr 2004 fand ein Umdenken der Behörden statt. Schließlich, im Jahr 2005, bekommt Besirevic die slowenische Staatsbürgerschaft. „Zuvor jedoch musste ich meine Slowenisch-Kenntnisse in einem schriftlichen und mündlichen Test nachweisen“, sagt Besirevic, „obwohl ich doch immer nur in Slowenien gelebt und auch hier die Schule absolviert habe.“

Heute ist zwar sein Status geklärt – doch sein Leben befindet sich noch immer in der Schwebe. Während der Zeit, in der Besirevic ausgelöscht war, hatte er keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Besirevic hat Trombosen, die nicht richtig behandelt wurden, er ist am rechten Auge blind und gilt als Invalide dritten Grades. Dadurch findet er keine Arbeit und muss von 270 Euro Sozialhilfe leben, sagt er.

Erst im vergangenen Jahr hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg nach Klagen von einigen „Ausgelöschten“ festgestellt, dass deren Frage von der Republik Slowenien noch immer ungenügend gelöst ist.

Die Regierung soll daher bis Sommer dieses Jahres ein Entschädigungsschema für alle Betroffenen vorlegen. Slowenien will allerdings eine Fristverlängerung beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof erwirken. Die wirtschaftliche Lage des Landes, heißt es von Politikern, sei derzeit zu angespannt.

Erschienen in Die Furche 26/2013

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