Grenzgänger im Dreiländereck

von Nina Brnada

Josko Joras beharrt darauf, dass sich sein Haus in Slowenien befindet. Die Behörden in Kroatien sehen das anders. Für die einen ist Joras ein Rebell, für die anderen ein Spinner.

Text: Nina Brnada, Slowenien/Kroatien

Josko Joras gebärdet sich zuweilen wie ein Dirigent. Wenn er etwas hört, das ihm nicht gefällt, kneift er das rechte Auge zu und beugt den

Kopf zur Seite – als ob er einen schiefen Ton vernommen hätte. So zuckt er auch beim Wort „Grenze“ zusammen. Joras steht zwischen zwei überdachten blauen Metallgerüsten mit zwei polizeilichen Absperrungen und zwei Zollstuben. Links ist die slowenische Seite, mit Flagge und uniformierten Beamten. Rechts stehen die Kroaten in voller Montur. Für die meisten Menschen sind die Schranken die Grenzübergänge zwischen Slowenien und Kroatien. Für Josko Joras jedoch sind es nicht mehr als „Kontrollpunkte“. „Der Grenzverlauf zwischen Kroatien und Slowenien ist hier nicht geklärt.“

Die Suche nach der Antwort, wo genau diese idyllischen Felder und Hügel in zwei verschiedene Länder auseinanderfallen, ist für Joras zu einer Art Berufung geworden. Denn er lebt hier: Sein Heim, ein zweistöckiges Einfamilienhaus, steht genau zwischen den „Kontrollpunkten“. Kroatische Behörden sind der Meinung, dies hier sei kroatisches Territorium. Joras jedoch, ein „slowenischer Patriot“, pocht darauf, dass es Slowenien sei. Als Zeichen seines Trotzes gegen die Kroaten weht eine slowenische Flagge an der Fassade. Unter dem Dachstuhl steht in Großbuchstaben: „Auch hier ist Slowenien.“

Josko Joras ist 62 Jahre alt, unter den Brillengläsern weiten sich die blauen Augen. Er wirkt zäh und knorrig. Manche halten den Mann für einen Rebellen, andere für einen Spinner. Als der ehemalige kroatische Staatspräsident Stipe Mesic Joras jedoch einmal als „lächerlich“ bezeichnete, wurde er kurzerhand von einem slowenischen Gericht zu einer Geldstrafe von 2000 Euro verurteilt.

Triest ist nicht weit. Joras‘ Geschichte spielt im Dreiländereck zwischen Kroatien, Slowenien und Italien. Hier ist das prachtvolle Triest nicht weit, ebenso wenig die kleinen slowenischen Küstenorte und der kroatische Teil Istriens. In dieser dicht gedrängten Gegend greifen slawisches und italienisches Siedlungsgebiet wie Nervenstränge ineinander, hier wimmelt es von mehrsprachigen Ortstafeln. Joras‘ Besitz ist nur wenige Kilometer vom Meer entfernt, wo der kleine Fluss Dragonja verläuft, unweit des slowenischen Küstenortes Portoroz.

Es gab eine Zeit, wo es keinen Disput darüber gab, zu welchem Staat dieser Flecken Erde gehört. Denn damals war dies hier einfach nur Jugoslawien. Anfang der 1990er-Jahre sollte dann aber der gemeinsame Staat auseinanderbröckeln und quasi über Nacht eine Grenze zwischen Kroatien und Slowenien gezogen werden. Das Haus des Slowenen Josko Joras landete damals auf der kroatischen Seite. Und somit auf der falschen, wie er behauptet.

Nicht überall ist klar, wo genau die rechtmäßige Grenze zwischen Slowenien und Kroatien verläuft. Besonders prominent etwa ist der Konflikt um die Seegrenze entlang der Bucht von Piran. Lange Zeit war der Grenzstreit ein Hindernis für Kroatiens Weg in die EU. Im September 2009 wurde er dann aber einem internationalen Schiedsgericht übergeben, eine Entscheidung gibt es bis heute nicht.

Joras slowenische Bastion ist ein halber Rohbau, hie und da lugen Kabel ins Leere, mancherorts klafft der blanke Beton. Zwischen diesen unfertigen Ecken breiten sich Wohnräume aus, etwa im Erdgeschoß. Über dem rustikalen Fliesenboden und der einfachen Couch hängt unvermittelt das Gemälde eines muskulösen Männerkörpers, der ein Pferd zähmt. Der quirlige Joras stürmt in das Zimmer mit drei dicken Aktenordnern und Karten auf Papierbögen, die so groß sind, dass er seinen gesamten Körper damit einwickeln könnte. Darauf sind Parzellen, Grundstücke, Ziffern und Kürzel verzeichnet.

Mit diesen Dokumenten will Joras belegen, dass sein Grundstück in Slowenien liegt. Die meisten Bewohner dieser Gegend seien Slowenen gewesen, wo sie in die Kirche und zur Schule gegangen sind. „Seit 1275 lag das administrative Zentrum dieser Gegend im slowenischen Piran“, erzählt er. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Gegend zwar kurzzeitig unter die Verwaltung des kroatischen Ortes Buje, was aber bald wieder revidiert wurde.

Seit Jahren schon ist Joras wegen der Causa im Streit mit den Behörden und ficht einen administrativen wie nervlichen Krieg aus. Immer wieder war er im Hungerstreik, immer wieder kam es zu Handgreiflichkeiten und Verhaftungen. Der höchst umstrittene Einzelkämpfer konnte erwirken, dass ihm die slowenischen Behörden eine slowenische Adresse gaben. „Dennoch würde die slowenische Polizei nicht kommen, wenn ich sie rufen würde“, beschreibt Joras ein kurioses Detail seiner Lage.

Der gelernte Kellner Joras hatte in Deutschland gelebt und dort gutes Geld verdient. Heute macht ihm der Kampf um sein Anliegen auch finanziell schwer zu schaffen: Joras hat viele Jahre Zimmer in seinem Haus an Bauarbeiter aus anderen Teilen des Landes vermietet. Weil die Untermieter immer wieder Probleme mit den Grenzbeamten bekamen, blieben sie schließlich aus.

Nicht nur deshalb will Joras Klarheit. „Auch wenn Kroatien am 1. Juli in die EU kommt und eines Tages Mitglied im Schengen-Raum ist: Man muss trotzdem wissen, wem was gehört“, sagt er. „Dieses Märchen, dass es egal ist, was wem gehört – das haben sie uns damals in Jugoslawien auch immer erzählt.“

Er ist nicht allein, auch seine Nachbarn sind „Grenzfälle“. Wohin wollen er und seine Nachbarn lieber hin, zu Slowenien oder zu Kroatien? Mit einem Augenzwinkern sagt Joras: „Am liebsten zu Italien.“

Erschienen in Die Presse am Sonntag 30.06.2013

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