Kriegserbschaft

von Nina Brnada

Kroatien wird Anfang Juli zum ersten EU-Land, das jüngst einen brutalen Krieg erlebt hat. Mit dessen psychischen Folgen kämpfen nicht nur die Veteranen.

Text: Nina Brnada

Zurückgeblieben ist nur noch ein alter Mann. Zdenko Perišiæs Muskeln wirken geschrumpft, seine wenigen Bewegungen brauchen Zeit, die Augen des Pensionisten sind trüb wie eine Regenlacke. Wenn er spricht, klingt es, als würde die Stimme gegen Staubwolken ankämpfen. Was vor mehr als 20 Jahren geschah, hat aus Zdenko Perišiæ ein Wrack gemacht. Als 1991 in seiner Heimat der Krieg ausbrach, meldete sich der heute 61-Jährige freiwillig zu den kroatischen Streitkräften, „um mein Land zu verteidigen“. Kroatien strebte damals seine Unabhängigkeit von Jugoslawien an, die serbisch dominierte Zentralregierung versuchte das zu verhindern. Es folgte ein brutaler Krieg, der die gesamte Region für nahezu ein halbes Jahrzehnt ins Chaos stürzte.

Zdenko Perišiæ verbrachte zwei Jahre in der Armee, hauptsächlich in Lika, einer Region in Zentralkroatien. Er hat den Krieg im ehemaligen Jugoslawien körperlich unbeschadet überstanden, anders als Hunderttausende, die starben oder mit schweren Verwundungen zurückkehrten. Aber es gibt auch die wenig beachteten psychischen Folgen, unter denen ehemalige Soldaten, ihre Angehörigen und gewöhnliche Zivilisten bis heute leiden. Zdenko Perišiæ hatte lange Zeit Angst, seine Augen zu schließen. Jedes Mal, wenn er es tat, war es so, als sei er wieder mitten in der Kriegssituation, „ich sah all die schrecklichen Bilder wieder“. Wenn er spricht, tasten seine Augen den Boden ab, als würden sie nach etwas suchen, das blasse Gesicht läuft ihm rot an.

Er sei nie ein Typ für Uniformen gewesen, sagt Perišiæ und grinst träge. „Weder Armee noch Polizei und nicht einmal die Post haben mich je interessiert.“ Und doch ist er in den Krieg gezogen. „Ich wollte als Patriot einen Beitrag zur Freiheit meines Landes leisten“, sagt er. „Und heute würde ich es wieder tun.“ Er sei ein schmächtiger Mann gewesen zu Beginn des Krieges und als unerfahrener Soldat an die Front gekommen. Beim Anblick von Tod und Leid habe er sich erst einmal übergeben müssen. „Irgendwann aber gewöhnt man sich an alles, man verdrängt es.“ Danach hat Perišiæ das Erlebte tief in sein Inneres gestoßen. Doch die Zeit schwemmt es wieder hoch.

Gerade wenn sich vordergründig alles wieder beruhigt hat, kommen sie wieder: Erinnerungen, gefolgt von Taubheitsgefühl, Teilnahmslosigkeit, Albträumen und Flashbacks. Es sind typische Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung, PTBS. Der Tribut, den lang andauernde existenzielle Bedrohungen fordern. Zdenko Perišiæ ist einer von vielen in Kroatien, die daran leiden. Eine genaue Zahl kennt kein Amt und kein Politiker. Nicht einmal Schätzungen gibt es, wie viele der 4,3 Millionen Kroaten kriegsbedingt psychisch erkrankt sind. Klar ist nur, dass 16.838 ehemalige Soldaten offiziell als PTBS-Patienten registriert sind. An Formen Posttraumatischer Belastungsstörungen litten auch US-Veteranen nach dem Vietnam-Krieg, Heimkehrer aus Afghanistan und dem Irak, aber auch Überlebende von Konzentrationslagern. Man muss nicht besonders sensibel oder gar labil sein, um an PTBS zu erkranken. Es gibt Dinge, die einen nahezu unausweichlich brechen oder zumindest für immer tiefe Spuren hinterlassen.

Am 1. Juli wird Kroatien nach Slowenien das zweite Land des ehemaligen Jugoslawien sein, das der EU angehört. Gleichzeitig ist es dann der erste EU-Staat, dessen Bevölkerung in der jüngsten Geschichte einen blutigen langjährigen Krieg erlebt hat, dessen Folgen bis heute unübersehbar sind. Die Kriegserfahrung hat sich in das Bewusstsein der Gesellschaft gefressen, in Familien und Beziehungen. Zugleich haben sich die Kroaten seit der Unabhängigkeit niemals Zeit genommen, ernsthaft diese Vergangenheit aufzuarbeiten. Immer überlagerten neue Sorgen die alten Wunden und verdrängten sie aus dem öffentlichen Bewusstsein. Zuletzt hat die Wirtschaftskrise das Land hart getroffen. Viele Kroaten sind hoch verschuldet, mehr als 20 Prozent der Bevölkerung arbeitslos – die Rate ist doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt.

Krieg und die Posttraumatische Belastungsstörung erscheinen im Angesicht dessen wie Dinge aus grauer Vorzeit. Die kroatische Öffentlichkeit pflegt nicht gerade einen sensiblen Umgang mit den Traumatisierten. Seit dem Jahr 2005 ist es Veteranen per Gesetz nicht mehr möglich, ihre PTBS-Diagnose bei Ämtern und Behörden geltend zu machen, um finanzielle Unterstützung vom Staat zu erhalten. Gleichwohl ist wissenschaftlich hinreichend bewiesen, dass die Krankheit auch viele Jahre danach noch ausbrechen kann. So haben mehr als 36.000 kroatische Veteranen erst nach 2005 versucht, staatliche Hilfe zu bekommen – ohne Erfolg.

Als der Krieg schon lange zu Ende war, fiel Zdenko Perišiæ immer öfter auf, dass er seltsam viel schwitzte. Er rauchte Kette mitten in der Nacht und lag hellwach im Bett, während sein Sohn und seine Frau fest schliefen. Perišiæ quälten Ängste und Erinnerungen, doch er redete mit niemandem darüber. Zu alledem verlor er noch seinen Job beim traditionsreichen Süßwarenhersteller Kraš, wo er die Produktionsmaschinen gewartet hatte. Später fand er Arbeit als Fernfahrer. „Das war gar nicht so übel und tat mir eine Zeit lang ganz gut“, sagt er. „Ich habe während der Fahrt Radio gehört, hatte meine drei Packungen Zigaretten und die Einsamkeit. Aber normal war das auch nicht.“ Und auch keine Lösung. Perišiæ fühlte sich immer unwohler und immer weniger von der Familie verstanden. Er versuchte, sich selbst zu helfen, besorgte sich Bücher über Meditation, die ihn aber auch nicht weiterbrachten. Vor vier Jahren hat er dann den Weg hierher gefunden, in eine Vereinigung von Veteranen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen in der Hauptstadt Zagreb. Seither verbringt er fast täglich einige Stunden hier.

Die Räume des „Vereins der an PTBS erkrankten Verteidiger“ liegen im Viertel Preèko im Westen von Zagreb. Zwischen Neubausiedlungen stehen weiße Kioskhäuschen, in den Stiegenhäusern mischt sich der Geruch von feuchtem Kalk mit dem von gedünsteten Zwiebeln. An der Tür des Vereins fragt ein Plakat mit dem rot-weißen Schachbrettmuster der kroatischen Flagge: „Papa, was ist PTBS?“ Zdenko Perišiæ fährt hierher, um sich mit Leidensgenossen die Zeit zu vertreiben. Manche kämen auch einfach, um zu sterben, sagt Vereinsobmann Ivan Toliæ. Immer wieder hätten sich Männer im Haus erschossen oder draußen am Parkplatz. Einmal habe sich einer mit Benzin übergossen, angezündet und sei mit seinem Auto gegen den Baum auf der anderen Straßenseite gefahren. Heute hängt dort ein vergilbter Blumenkranz. „Es hat fast schon etwas Rituelles, wenn die Veteranen hierherkommen, um sich das Leben zu nehmen“, sagt Toliæ, der selbst an PTBS leidet. „Damit wollen sie zeigen, dass sie hierhergehören.“ In letzter Zeit würden sich viele der Veteranen erhängen, es auf ihre Weise lösen, wie es die ehemaligen Kämpfer nennen. Darin liege der Auftrag seines Vereins: „Es gilt, genau diese Verzweiflungstaten zu verhindern.“

An den Wänden der Klubräume hängen Orden und Kreuze, Marienbilder, kroatische Flaggen und ein Porträt des Staatsgründers Franjo Tuðman. In dieser Atmosphäre aus klerikalem Kitsch und militärischer Erinnerung lecken die Männer ihre Wunden. Manche wie der schmächtige Zdenko Perišiæ surfen auf den alten Computern oder gehen zur Gruppentherapie, andere reagieren sich im Keller an den Fitnessgeräten und beim Tischtennis ab. „Damit wir nicht alles kurz und klein schlagen da draußen“, sagt einer von ihnen. Viele der Männer wirken unruhig und stehen ständig unter Spannung, ohne dass es einen ersichtlichen Grund dafür gibt. Den Weg aus dem emotionalen Ausnahmezustand, der ihnen während des Krieges zur Normalität wurde, haben sie nie gefunden. „Diese Leute haben keine Krankheit“, sagt Ivan Toliæ. „Sie leben die Krankheit.“

Dennoch stoßen Kroatiens PTBS-Patienten auf wenig Mitgefühl der Gesellschaft. Viele Kroaten verweisen auf die vergleichsweise hohen Pensionen, die den Veteranen zustehen. Es handle sich ohnehin um eine privilegierte Bevölkerungsgruppe, heißt es dann – als würde das die psychischen Probleme ausgleichen. Zudem gelten die Traumatisierten vielen als radikale Ewiggestrige. Auch Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit würden sie nicht aufhören, immerzu vom Kampf ums Vaterland zu schwafeln. Viele der PTBS-Patienten wirken tatsächlich, als sei die Zeit für sie stehen geblieben. Zagrebs Veteranen hätten Kontakt zu traumatisierten Ex-Kämpfern in Serbien, sagt Vereinsobmann Ivan Toliæ. Bei den Treffen mit den einstigen Gegnern gehe es dann „für beide Seiten immer auch um die Frage, wer am Krieg schuld war“. Die Frage erscheint den PTBS-Patienten bis heute brandaktuell, ebenso wie die Tatsache, dass das vermeintliche Wohl der einen oder anderen Nation immer noch wichtiger ist als das individuelle Leid.

Es geht aber nicht nur um die Veteranen des Krieges. Gleichermaßen traumatisiert sind viele Frauen, Kinder und ältere Menschen, die ihn erlebt haben, ebenso die Angehörigen ehemaliger Soldaten. Eine von ihnen ist Vlatka Roèiæ-Petak. Sie sitzt unweit von Ivan Toliæs Vereinshaus im Zagreber Stadtviertel Knežija und zieht an einer Zigarette. „Für mich begann der Krieg erst dann, als er für alle anderen schon längst zu Ende war“, sagt sie.

Vlatka Roèiæ-Petaks Mann war Soldat. Manchmal wurde er an den Wochenenden nach Zagreb zu seiner Familie geschickt. In der Hauptstadt gab es kaum Kriegshandlungen, das Leben nahm mehr oder weniger seinen Lauf. Schon bei diesen kurzen Besuchen, die den Mann aus dem Krieg rissen, sei er ihr verändert vorgekommen. Richtig schlimm aber wurde es, als der Krieg zu Ende war. Der Mann fing an zu trinken, wurde gewalttätig, „zum Glück niemals zu mir oder zur Tochter“. Einige Male zertrümmerte er in der gemeinsamen Wohnung die gesamte Einrichtung. „Er sagte immer, dass er sich unverstanden fühlt“, zudem sei er extrem launisch gewesen. „Mal war er der beste Vater und Gatte, im nächsten Moment genau das Gegenteil.“ Bis heute kann Roèiæ-Petak im Holz ihrer Möbel die Abdrücke der Fäuste ihres Mannes sehen. Irgendwann ging Vlatka Roèiæ-Petaks Mann in Behandlung. Zunächst wegen Alkoholismus, später auch wegen PTBS. Als es ihm endlich besser ging, rutschte sie selbst ab. Sie hatte begonnen, ihre Angst zu bekämpfen, indem sie heimlich die Medikamente ihres Mannes schluckte. Eines Tages wachte sie in der Psychiatrie auf.

Heute ist Vlatka Roèiæ-Petak Mitglied einer Organisation, die sich um die Familien von psychisch erkrankten Veteranen kümmert. Es ist die erste ihrer Art in Kroatien, alle anderen beschäftigen sich nur mit den Veteranen. Vor allem in der Provinz sei die psychologische Versorgung traumatisierter Familien katastrophal, sagt Roèiæ-Petak. Dort leben noch mehr PTBS-Kranke als in der Hauptstadt, gleichzeitig fehlen jegliche Strukturen, oft gibt es Probleme mit häuslicher Gewalt. „Einmal bin ich im Fernsehen aufgetreten und habe über unsere Organisation erzählt“, sagt Hajrija Mešterbašiæ, die Obfrau der Organisation. „Danach hat mein Handy wochenlang geklingelt. Leute aus dem ganzen Land haben angerufen und wollten Hilfe.“

Traumatisierte Angehörige bekommen in Kroatien praktisch keine finanzielle Unterstützung – im Gegensatz zu den Veteranen, die wenigstens ihre Pension beziehen. Dementsprechend fehlt Mešterbašiæs Verein das Geld. „Wir haben für dieses Jahr von der Stadt Zagreb umgerechnet nur knapp 4.000 Euro bekommen“, sagt sie. Der Andrang der Traumatisierten sei aber so groß, dass das hinten und vorne nicht reiche. Seit Monaten gibt es in den Vereinsräumen keinen Strom. Der Briefträger bringt Rechnungen, die in einer Ecke gestapelt werden.

Während die männlichen PTBS-Patienten in ihrer politisierten und militarisierten Atmosphäre schwelgen können, wirken die Frauen nur ernüchtert und erschöpft. Sie fühlten sich von den Politikern im Stich gelassen, sagen Roèiæ-Petak und Mešterbašiæ. Nun versuchen die Betroffenen, durch Selbsthilfe das Beste aus ihrer Situation zu machen. Viele Kinder aus den traumatisierten Familien hätten enorme Schulprobleme, sagt Roèiæ-Petak. Seit kurzem organisiert der Verein deshalb mit freiwilligen Lehrern Nachhilfestunden. Roèiæ-Petaks Tochter litt unter demselben Problem, mittlerweile hat sie es an die Zagreber Uni geschafft und studiert Sprachwissenschaft. Der Vater verbringt inzwischen die meiste Zeit in einem Garten außerhalb Zagrebs und erholt sich langsam. Der Krieg habe viele Kroaten traumatisiert zurückgelassen, sagt die Mutter. „Jetzt geht es darum, dass nicht auch noch zerrüttete Kinder übrig bleiben.“

Erschienen in DATUM 06/13

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